Behind Science

Anna Coleman Ladd: Masken der Hoffnung

Samstag, 2. Mai 2026 · 29 min

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Shownotes

Anna Coleman Ladd ist eigentlich Künstlerin, keine Ärztin, trotzdem findet sie im Ersten Weltkrieg einen ungewöhnlichen Weg, versehrten Menschen zu helfen. Zwischen zerstörten Gesichtern und verlorener Identität entwickelt sie eine Idee, die alles verändert. Doch kann Kunst wirklich heilen, wo Medizin an ihre Grenzen stößt?

Jaques Joseph hatte ähnliche Ansätze Körpermerkmale zu ersetzen, hört ihr hier (open.spotify.com/episode/3jSeWMa9XJi0HbaDz6Nch…).

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Schönen Science-Samstag, hello alle zusammen. Marie, ich muss sagen, ich fürchte mich so ein bisschen vor dieser Folge, weil sie echt ein dunkles Kapitel der Geschichte in einem schrecklichen Krieg beinhaltet, aber auch sehr viel Hoffnung enthält. Ich verstehe dein Gefühl, also das Recherchieren von dieser Folge, das hinterlässt auf jeden Fall erstmal ein nicht so angenehmes Gefühl und hinterlässt auch ein paar Bilder im Kopf.

Also vielleicht, wir haben auch schon überlegt, eigentlich wäre das so eine Folge, da hätte sich vielleicht auch mal ein Videopodcast angeboten, einfach damit wir hier so ein paar Bilder mit euch teilen können. Aber wir werden alles geben, damit ihr heute viele Bilder im Kopf habt und vielleicht reicht das auch schon.

Ja, und wir verlinken euch auf jeden Fall auch ein paar Bilder, weil das ist einfach so wichtig, Man muss sich das angucken, man kann sich das sonst gar nicht vorstellen, worüber wir hier sprechen. Die Geschichte lässt sich irgendwie auch schwer in so eine Kategorie einordnen. Also es geht um Krieg, es geht aber auch um Kunst, um Identität und um eine Frau, die all diese Themen auf eine sehr ungewöhnliche Weise miteinander verbunden hat.

Wir sprechen heute über Anna Coleman-Latt und eine erste Form der Prothetik, die Soldaten ein neues Gesicht gegeben hat. Behind Science – Geschichten aus der Wissenschaft mit Marie Eickhoff und Luisa Pfeifenschneider Anna ist, glaube ich, eine Frau gewesen, die man gerne um sich hatte. Anna, muss ich sagen, weil sie nicht aus Deutschland kam.

Aber so stelle ich mir sie zumindest vor. Also die hatte irgendwie, glaube ich, ein Gespür für die Sorgen der Menschen und hat nicht nur zugehört, sondern ist auch aktiv geworden, hat aktiv versucht, Lösungen für Probleme zu finden und dadurch hat sie vielen Soldaten ja ein neues Leben geschenkt, die ihr dann auch vor Dankbarkeit Jahre später noch Dankesschreiben geschickt haben, obwohl die Zeit, in der sie gelebt hat, wie gesagt, sehr, sehr dunkel war.

Ja, die Zeit war dunkel, aber ich glaube, wenn du in der Nähe von Anna gelebt hast, dann war sie für dich ein Stückchen heller. Ja, ich glaube auch. Sie ist wirklich so ein Mensch, die hat Sonne mitgebracht, so in meiner Vorstellung. Stelle ich mir auf jeden Fall auch so vor. Und irgendwie, wenn man sich auch Fotos von ihr anguckt, sie strahlt auch so was Warmes und Gutherziges irgendwie aus. Ja, total.

Und gleichzeitig hat das, glaube ich, sie aber nicht... So belastet, weil man, also wenn ihr gleich ihre Geschichte kennt, man hätte jetzt auch sagen können, Mensch Anna, warum hast du dir kein unbeschwertes Leben gemacht, denn das hat sie sich nicht gemacht, aber ich glaube, das war für sie genau richtig so, das hat ihr mehr gegeben.

In ihrem Leben, das können wir auch schon mal vorab sagen, gibt es sehr viele Parallelen zu dem Leben von Jacques-Joseph. Das ist ein Arzt, den wir hier schon mal in einer anderen Folge vorgestellt haben. Der hat als einer der ersten Nasen und Ohren gerichtet und gilt deshalb als einer der ersten plastischen Chirurgen der Welt.

Er war aber Arzt und hatte eine ganz andere Wissensgrundlage als Anna. Also sie haben ein bisschen was Ähnliches gemacht. Aber wirklich mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Und deswegen möchten wir euch unbedingt die Story von Anna heute erzählen. Und wir steigen mal damit ein, dass sie 1878, also vor 148 Jahren, in den USA geboren wird.

Wenn wir über Anna sprechen, müssen wir erstmal über die Zeit sprechen, in der sie gelebt hat. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Welt im Umbruch und es bahnt sich ein Krieg an. Der Erste Weltkrieg beginnt 1914 und verändert alles, nicht nur politisch, sondern auch technologisch und natürlich gesellschaftlich.

Ja, also es wandelt sich wirklich alles und das quer über die Kontinente hinweg. Und Anna erlebt das vor allem ja durch die Nachrichten, weil sie eben nicht in Europa, sondern in den USA, in Nordamerika lebt. Aber die Nachrichten hinterlassen auch bei ihr Spuren. Ich finde das immer so eine unglaubliche Vorstellung, wenn man dann da so in Frieden lebt, aber halt...

Und nebenan sozusagen eben dieser Krieg tobt. Ich meine, das kennen wir auch, wenn wir heute Bilder von Kriegen sehen, das fühlt sich einfach so verrückt und so falsch an. Ja, und sie sieht jetzt da die Bilder von verletzten Soldaten, von entstellten Soldaten, natürlich auch toten Soldaten. Und in ihr beginnt es zu arbeiten.

Sie fragt sich, was kann ich denn tun, um den Überlebenden, aber schwer entstellten Soldaten zu helfen? Ja, und dazu muss man auch wissen, im Ersten Weltkrieg, da hat sich zum ersten Mal die Art der Kriegsführung verändert. Also es gibt nicht mal diese Kämpfe Mann gegen Mann, sondern es ist ein industrialisierter Krieg.

Das heißt, es gibt jetzt Maschinengewehre, Artillerie, Granaten und das alles in einem Ausmaß, das man vorher so noch gar nicht kannte. Und das führt dann eben auch dazu, dass es so geschieht. Eine ganz neue Art von Verletzungen gibt. Also diese fürchterlichen Entstellungen, die es so vorher auch noch nicht gab.

Ja, es ist wirklich, da läuft einem wirklich kalt den Rücken runter. Und besonders auffällig sind dabei eben diese Gesichtsverletzungen. Soldaten, die aus den Schützengräben heraus kämpfen, heben natürlich als erstes so den Kopf über den Schützengräben hinweg und sind damit extrem exponiert. Werden von Kugeln, von Splittern, von Explosionen getroffen, eben häufig im Gesicht.

Und das führt zu so schrecklichen Verletzungen, die halt total entstellend sind. Also teilweise haben Soldaten ihren Unterkiefer verloren, ihre komplette Augenpartie oder die Nase. Und einige waren dann so schwer entstellt, dass man sie wirklich gar nicht wiedererkannt hat, weil das gesamte Gesicht so weggerissen wurde, aber sie halt trotzdem überlebt haben, nur eben mit diesem.

Ja, dieser unglaublichen Entstellung im Gesicht. Ja, und das ist ja auch das, wo du, wenn du einem Menschen begegnest, als erstes hinguckst, ne? Also das Gesicht macht dich ja total aus, das ist irgendwie erstmal so deine persönliche Marke als Mensch, dein Wiedererkennungswert, so, man möchte Menschen ins Gesicht gucken, weil das eigentlich schön ist. Genau, ja.

Und sich dann vorzustellen, dass da diese ganzen entstellenden Verletzungen zu sehen sind. Und das macht dann nicht nur körperlich was mit den Menschen, die da entstellt werden, sondern auch seelisch. Ja, ja, total. Und da haben wir auch schon in der Folge über Jacques-Joseph drüber gesprochen. Das waren ja auch super junge Menschen.

Teilweise waren die eher noch Kinder als Erwachsene. Und wenn man so früh dann sein Gesicht, seine Identität eigentlich verliert, ist das wirklich für den Rest des Lebens wichtig. Einfach, ja, Schicksal entscheidend. Ob man da dann nochmal jemanden kennenlernt, ob man da heiraten wird, wenn man eben so schwer entstellt ist, ist dann halt die Frage.

Ich muss da irgendwie immer wieder an ein Gespräch mit einer Freundin denken. Vielleicht habe ich das hier auch schon mal erzählt, kann man aber auch irgendwie nochmal erzählen. Wir haben den Film 1917 geguckt. Das ist ja auch so ein ganz bekannter Film über den Ersten Weltkrieg. Es gab da jetzt nochmal so eine neue Auflage, die wurde in einem Schnitt oder fast einem Schnitt gedreht, also ohne Schnitte quasi.

Du wirst da richtig reingezogen. Und da gibt es eine Szene, wo der Protagonist mit einem französischen Soldaten so richtig im Schlamm kämpfen, die noch so wirklich bis zur letzten Sekunde. Also wirklich, da ist es dann so Mann gegen Mann und mit den bloßen Händen gegeneinander und dann ist halt die Frage, wer wird da am Ende gewinnen und dann meinte die Freundin, mit der ich den Film gesehen habe, so, ich fand diese Szene so krass, weil heute würden diese zwei jungen Leute, also die waren irgendwie vielleicht 17, 18, 19, irgendwie sowas, würden irgendwie Erasmus machen, würden sich beim Erasmus in der Kneipe kennenlernen und da lagen die halt einfach in so einem Schlammgraben und haben sich gegenseitig umgerüstet.

Und das ist mir so im Gedächtnis geblieben, was sie da gesagt hat. Also da muss ich ganz oft dran denken. Heute ist einfach Frieden zwischen zum Beispiel Deutschland und Frankreich. Man macht Erasmus, man lernt sich irgendwie bei einer Party kennen, aber um Gottes Willen sind zwei junge Menschen zum Glück hier nicht in solche Szenen verstrickt.

Also das ist mir irgendwie voll im Kopf geblieben und da hat mich dann diese Geschichte um Anna nochmal ein bisschen mehr mitgenommen. Ja, und eben selbst wenn diese jungen Menschen damals aus dem Krieg zurückkamen. Dann aber so entstellt waren, also dann, selbst wenn du danach dann nochmal auf eine Party gegangen bist, es war ja nicht so wie vorher.

Ja, nee. Wenn du dann Menschen auch kennengelernt hättest, das wäre ja ein ganz anderes Kennenlernen gewesen direkt. Ja, ja. Weil du dein Gesicht nicht mehr hast. So, jetzt brauchen wir ein bisschen Hoffnung. Genau, genau an diesem Punkt wird nämlich Annas Geschichte jetzt relevant, aber bevor wir da einsteigen, schauen wir nochmal, wer sie ist, bevor der Krieg alles verändert hat und da müssen wir auch in die Welt der Kunst und Kunstschaffenden schauen, denn sie ist vom Beruf Bildhauerin.

Sie studiert Bildhauerei in Paris und Rom, zieht aber später zurück nach Boston, wo sie einen Arzt heiratet. Und sie wächst in einer Zeit auf, in der Frauen in der Kunst zwar präsent sind, aber oft nicht die gleiche Anerkennung bekommen wie Männer. Das hatten wir hier zum Thema Kunst auch schon mal bei Sibylla Merian jetzt zuletzt.

Eine Malerin, die das auch sehr zu spüren bekommen hat. Und trotzdem schafft Anna es aber, dass sie wirklich die Bildhauerei zu ihrem Beruf macht. Sie kann sich da richtig als Künstlerin etablieren. Wirklich nicht nur als Hobbykünstlerin, sie macht das ganz professionell, hauptberuflich, sie ist ja auch ausgebildet, macht Ausstellungen, bekommt Aufträge und erarbeitet sich da wirklich einen Namen als Künstlerin.

Und ihre Arbeiten sind wirklich klassisch, also sie macht Skulpturen aus Bronze und Marmor, auch oft Porträts oder so ganz klassische Figuren, kann man auch einige noch von tatsächlich heute bewundern. Also eigentlich eine eher traditionelle Künstlerinnen-Laufbahn und wenn man sich ihr Leben bis zu diesem Punkt anschaut, gibt es keinen offensichtlichen Hinweis darauf, dass sie irgendwann einmal, das können wir hier schon verraten, an dieser Stelle mit schwer verletzten Soldaten arbeiten würde.

Bei Jacques Joseph, über den wir ja ganz am Anfang auch schon mal gesprochen haben und über den wir ja schon mal eine Folge gemacht haben, ist das ein bisschen anders. Der ist halt gelernter Arzt gewesen und da war das so ein bisschen offensichtlicher, dass er sich mit der Gesundheit von Menschen beschäftigt hat oder mit den Körpern von Menschen.

Und Annas Leben hätte vermutlich auch ganz anders verlaufen können. Weiter dann in der Kunstszene, vielleicht mit wachsender Bekanntheit. Aber dann kommt eben dieser Krieg und der lässt sie nicht mehr los. Ja, Krieg reißt ja immer wieder auch in die Lebensläufe der Menschen, die wir hier schon vorgestellt haben.

Echt so richtige Löcher oder führt da nochmal in ganz andere Richtungen. Und so wird sich auch bei Anna jetzt alles verändern. 1917 stößt sie auf einen Artikel von Francis Durvenwood. Er ist von Beruf Künstler und hat sich aber dem Royal Army Medical Corps angeschlossen. Denn nachdem er die brutal entstellten Männer gesehen hat, die aus den Schützengräben zurückgebracht wurden, eröffnet er eine Abteilung für Masken.

Und zwar im Third London General Hospital, das bald informell als der Tin-Nose-Shop gilt, also der Zinn-Nasen-Laden. Und ja, diese Zinn-Nasen sind so alt. Eine Art Masken geben und da steigt er ein. Und dieser Artikel, der geht einer jetzt nicht mehr aus dem Kopf. Also von diesem Künstler, der dann auf einmal so was Medizinisches macht und Menschen, entstellten Menschen mit Masken hilft.

Weil Enners Ehemann ja auch Arzt ist und dann einen Job beim Roten Kreuz in Frankreich annimmt, gehen die beiden 1917 nach Frankreich. Und da sieht sie die Schäden des Krieges plötzlich jetzt auch sehr nah und wirklich vor ihren eigenen Augen. Ja, und Frankreich ist damals ja eines der Zentren dieses Krieges und dort sieht Anna jetzt nicht nur die politischen Auswirkungen, sondern wirklich ganz konkret die menschlichen.

Also sie begegnet jetzt diesen Soldaten, die aus dem Krieg zurückkommen und viele von ihnen tragen diese Spuren des Krieges im Gesicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, wie gesagt, es sind Verletzungen, die man kaum beschreiben kann, ohne dass es unangenehm wird. Also Teile des Gesichts fehlen, Knochen sind zerstört, Haut ist verbrannt oder zerrissen.

Und das Problem ist, wie wir am Anfang auch schon erzählt haben, nicht nur medizinisch, es ist auch sozial. Also die Männer werden gemieden, ausgegrenzt, nicht unbedingt aus Bosheit, sondern weil ihre Verletzungen einfach für andere so schwer zu ertragen sind. Und weil das auch einfach, glaube ich, ungewohnt ist, mit jemandem zu sprechen, der so ein entstelltes Gesicht hat.

Also das ja liegt einem einfach nicht. Man möchte irgendwie in ein vertrautes Gesicht schauen und häufig werden dann diese Menschen eher auch angestarrt und ziehen sich deshalb teilweise komplett zurück. Also das Ganze ist, ja wie gesagt, nicht nur schlimm für die Gesundheit, weil sie teilweise ja dann auch erblinden oder ja nicht mehr richtig essen können, nicht mehr richtig sprechen können, sondern da schwingt noch ganz viel...

Weiteres mit, was man so auf den ersten Blick erst mal nicht sieht. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch einfach so an Schmerz erinnert hat. Also, weil alle haben da ja zusammen Krieg gerade erlebt und dann diese Verletzung zu sehen, das löst ja einfach ein Schmerzgefühl in dir aus. Aber dann passiert jetzt etwas Interessantes, denn wenn Anna diese Männer anguckt, reagiert sie anders als viele andere.

Sie sieht da jetzt nicht nur die Verletzung in den Gesichtern, sondern sie schafft es trotzdem, die Menschen dahinter zu sehen. Und gleichzeitig stellt sie sich auch so eine ganz praktische Frage. Was kann sie tun? Sie ist ja keine Ärztin, sie kann jetzt also keine Operationen durchführen, aber sie hat ein tiefes Verständnis für Gesichter und für Proportionen und für Ausdruck, eben als Künstlerin.

Und vielleicht erinnert sie sich in dem Moment auch nochmal an den Artikel über diesen Zinnnasenladen von Frances Wood. Nach einem Treffen mit ihm gründet sie auf jeden Fall in Paris dann ein Studio for Portrait Masks. Und dieses Studio wird zum amerikanischen Roten Kreuz gehören und wird jetzt Masken herstellen für Männer, die im Ersten Weltkrieg schwer entstellt wurden.

Also sozusagen ein Laden, der individuelle Gesichter anbietet. Und man muss sich klar machen, wie komplex das ist. Es geht nicht darum, einfach irgendeine Form zu bauen. Das kann man vielleicht bei einem Arm oder so noch eher machen, dass da einfach so eine Prothese dran ist. Aber diese Masken, die sollen wirklich individuell sein, angepasst an die jeweilige Person und vor allem möglichst realistisch aussehen.

Das Problem dabei ist, die Person gibt es mit dem Aussehen ja nicht mehr. Und deshalb arbeitet Anna ganz viel mit Fotos aus der Zeit vor dem Krieg, sofern es da Fotos gibt. Sie spricht aber auch einfach mit den Männern darüber wie sie früher ausgesehen haben manchmal gibt es halt nur diese Beschreibungen nur Erinnerungen und daraus muss sie dann ein Gesicht rekonstruieren und das finde ich eine unglaubliche Leistung, ich weiß nicht wie gut könntest du dich beschreiben wenn du jetzt.

Quasi ohne den Spiegel ja, das ist schwierig boah, keine Ahnung. Ich frage mich auch manchmal, wenn man so, ich war noch nie in der Situation, aber dass man so Phantombilder erstellen muss und dann irgendwie andere beschreiben muss. Aber du hast recht, die Frage, wie gut könnte ich mich selber beschreiben, ist eigentlich noch interessanter, weil das eigene Gesicht sollte man ja eigentlich kennen.

Ja. Ich glaube, ich würde als erstes, so witzig, ich würde glaube ich als erstes quasi anfangen mit meinen Haaren und meine Brille beschreiben. Dabei ist das ja eigentlich gar nicht so das Ersetzlichste. Ja, mir hat zum Beispiel mal irgendwie jemand letztens gesagt, ich hätte so ein schmales Gesicht.

Und dann habe ich so gedacht, habe ich ein schmales Gesicht? Echt? Und musste dann irgendwie nochmal so richtig in den Spiegel gucken und gucken, ja stimmt, ist schon vielleicht schmal. Ist schmal, aber jetzt auch nicht das Erste, was mir so einfallen würde. Aber ich wüsste jetzt auch nicht, wie würde ich anderen beschreiben, wie du aussiehst?

Also ich finde das richtig schwierig. Also mit Fotos, klar. Aber auch da, dann hast du vielleicht Fotos, die, ne, der Krieg ging ja auch ein paar Jahre. Dann hast du dann, da waren ja Fotos auch noch nicht so wie heute, dass jeder ständig Fotos von sich hatte. Dann waren die vielleicht auch ein paar Jährchen alt oder du hattest nur Kinderbilder oder wie auch immer. Also es ist, ja, finde ich, eine Wahnsinnsleistung, die sie da vollbracht hat, dass erst mal...

Quasi sich vor ihrem inneren Auge vorzustellen, wie diese Person ausgesehen haben könnte. Und das hat auch zu diesem Zeitpunkt damals noch nie jemand in diesem Umfang versucht. Es wird geschätzt, dass 3000 französische Soldaten Annas Hilfe gebraucht haben. Und sie versucht da jetzt wirklich nach und nach sich um diese Männer und ihre Gesichter zu kümmern.

Alle, die zu ihr kommen wollen, brauchen aber ein Empfehlungsschreiben vom Roten Kreuz. Also das ist schon mal so eine Hürde. Und dann erstellt Anna immer zuerst eine Gipsmaske, um eine Kopie des Gesichtes anzufertigen. Also macht so einen Abdruck und dann kann sie damit weiterarbeiten. Ja, und dieser Abdruck, das fand ich ganz interessant, ist aus guter Percher.

Das ist so ein Kautschuk-ähnlicher Stoff. Und der Begriff ist hier schon mal gefallen. Ich habe direkt, als ich guter Percher gelesen habe, Ich habe gedacht, es hat geklingelt, ausgerechnet bei dem Wort. Genau, ja, also ich hatte das vorher jetzt so noch nicht gehört. Und zwar kam das vorher in der Geschichte von Cyrus Westfield und der Verlegung der ersten Telegrafenleitung von Europa nach Amerika.

Finde ich ganz spannend, diese Telegrafenleitung selbst war mit guter Pärcher ummantelt. Das ist ein anderer Zusammenhang, ne? als jetzt. Komplett anderer Zusammenhang, aber ich finde das so spannend, dass so unterschiedliche Bereiche der Materialwissenschaften erreicht hat und erst dafür gesorgt hat, dass so Dinge möglich waren.

Also wie auch so ein Stoff, einfach Prozesse und Wissenschaften und Möglichkeiten verändern kann. In verschiedenen Gebieten. Genau, deshalb lieb ich ja unser Behind-Science-Universum, weil man da eben so Parallelen in der Geschichte erkennt, die man sonst nicht gesehen hätte. Ja, also diese Form, die dann dadurch entsteht von dem jeweiligen Gesicht, die nimmt Anna dann, um damit das Prothesenteil aus extrem dünnem, verzinktem Kupfer zu konstruieren.

Das Metall wird dann mit Hartemalje bemalt, um dem Hautton des Empfängers zu ähneln. Und dieses Bemalen, das ist fast eigentlich schon eine eigene Kunstform. Also es geht dann jetzt nicht nur darum, genau den richtigen Hautton zu treffen. Sondern auch so um Schatten, um Unregelmäßigkeiten. Vielleicht hatte die Person ja Sommersprossen vorher, Bartstoppeln.

In manchen Fällen wurde auch geguckt, können wir da vielleicht irgendwie Haare integrieren? Augenbrauen, Wimpern, all das Schnurrbart wird da jetzt versucht nachzubilden. Zum Teil dann auch aus Folie, damit das so ein bisschen so einen 3D-Effekt bekommt. Und das Ziel ist immer, wenn jemand diese Maske trägt, soll die Person wieder möglichst echt wirken.

Das heißt, damit man zumindest aus so einer gewissen Entfernung, wenn man der Person jetzt nicht so ganz nahe kommt, irgendwie erst mal sehen könnte, aha, so sieht Luisa aus zum Beispiel. Also, dass es erst mal nicht direkt auffällt. Genau, und es geht jetzt gar nicht darum, dass das gar nicht auffällt.

Also klar, wenn man der Person näher kommt, dann wird man schon auch merken, dass sich diese Gesichtsteile eben auch nicht bewegen. Aber es geht ja darum, dass vorher halt zu diesen entstellten Menschen so eine Distanz eingenommen wurde. Und um die erst mal abzubauen, helfen halt diese Masken. Also dann kann eine Nähe wieder aufgebaut werden und dann...

Hat man vielleicht dieses, ja, was ist das? Ich weiß nicht, diese Abneigung oder diesen Grusel vielleicht auch von Menschen, die eben anders aussehen. Und das ist halt schon total viel wert. Und diese Massen sind wirklich sehr gut gemacht. Schaut euch unbedingt die Bilderreihe an, die wir euch verlinkt haben.

Da sieht man diese Vorher-Nachher-Bilder. Also keine Sorge, man kann sich die auch wirklich gut angucken, finde ich. Ja, Leute, ich war auch sehr skeptisch, als Louis meinte, ich habe da so eine Bilderreihe gefunden, dachte ich so, weiß ich jetzt nicht, ob ich die unbedingt sehen muss, aber die sind sehr ästhetisch und sind auch schwarz-weiß Bilder und das ist echt sehr beeindruckend.

Und da sieht man halt dann, wie das Gesicht wiederhergestellt wurde und teilweise hat dann nur ein Auge, teilweise aber auch dann wirklich komplette Mundpartie. Also ganz unterschiedlich oder hat nur die Nase. Und die Masken werden dann normalerweise so an einer Brille befestigt, die über den Ohren eingehakt ist.

Das finde ich auch sehr praktisch, dass man da so, dass das quasi gewohnt ist, dass Menschen Brillen tragen und dann konnte man das da ganz einfach dran befestigen. Aber das Ganze ist wirklich viel Arbeit und dauert sehr, sehr lang. Etwa neun Masken pro Monat kann Anna mit ihren vier Angestellten herstellen.

Das ist echt nicht viel und daran merkt man auch, dass es wirklich Feinstarbeit ist. Und damit gilt sie jetzt wirklich als Pionierin der Anaplastologie. Und wenn die Soldaten endlich dann auch ihre Maske aufsetzen und sich im Spiegel betrachten dürfen, wird es oft sehr emotional. Und wenn die Männer ihre Masken dann zum ersten Mal sehen, passiert oft was ganz Entscheidendes, nämlich, das finde ich irgendwie so ein...

Macht mir jetzt noch Gänsehaut, sie erkennen sich selbst wieder oder zumindest irgendwie eine Version von sich, die näher an ihrem früheren Ich ist, als das, was sie jetzt im Spiegel gewohnt waren und das hat enorme Auswirkungen, weil plötzlich können sie wieder das Haus verlassen, ohne angestarrt zu werden, ohne das Gefühl zu haben, ausgegrenzt zu werden.

Sie können Menschen begegnen, sie können wieder arbeiten. Also das hat enorme Auswirkungen auf das Leben dieser Soldaten. Boah, ja. Also dieser Moment, wenn die dann das erste Mal sich selber wieder im Spiegel sehen konnten. Das muss so berührend gewesen sein. Aber der Weg dahin ist nicht einfach, denn Anna muss diese Technik erst mal entwickeln.

Also sie experimentiert eine ganze Weile lang mit verschiedenen Materialien. Die nicht unbedingt auch alle dafür gedacht sind. Also sie zweckentfremdet da auch Materialien. Sie arbeitet auch mit Ärzten zusammen, tauscht sich aus, lernt noch mal dazu. Und schließlich eröffnet sie ein eigenes Atelier in Paris, das sich genau jetzt auf diese Arbeit mit den Masken spezialisiert hat.

Und dort entsteht etwas, das man fast vielleicht als Schnittstelle auch bezeichnen könnte zwischen Kunst und Medizin. Weil dieser Ort, da wird ja nicht operiert, Aber trotzdem findet da Heilung statt, seelische Heilung auch viel und eben auch so diese besondere Art. Ich glaube auch oft schon, dass sie in den Gesprächen mit dem Menschen viel heilen konnte, weil sie ihnen so besonders begegnet ist, aber dann eben auch durch das, was sie ihnen gegeben hat.

Und ja, weil sie sie halt so angenommen hat und irgendwie ihnen das Gefühl gegeben hat, die Version von dir, die es früher gab, die gibt es noch. Das ist nur quasi eine Fassade, die nicht mehr da ist und die stellen wir jetzt irgendwie wieder her. Und ich glaube so dieses Ich-sehe-dich-noch. Und ich möchte, dass andere dich auch sehen können. Auch sehen, ja.

Ja, schon auch ein bisschen Psychologin war sie dann da wahrscheinlich. Und auch wenn jetzt natürlich, da waren ja auch Menschen, die sind komplett erblindet gewesen. Wenn das jetzt auch nicht deren Funktionen wiedergebracht hat, kann das eben. Auch wenn es jetzt nur das Problem in Anführungsstrichen kaschiert, Ja, so ein bisschen Normalität zurückbringen, ein bisschen Kontrolle über das Leben und einen großen Unterschied machen.

Und deswegen bekommt Anna eben auch noch lange nach ihren, nachdem sie da die Masken für die Männer erstellt hat, Briefe zugeschickt, in denen sich Männer für ihr neues Leben bedanken. Es wird aber nie eine umfassende Studie durchgeführt, die untersucht, ob sich diese Masken bewährt haben. Aber diese Briefe sind eben so ein bisschen der Beweis, dass ja auch die Art, wie die Masken gefertigt waren, dass das sehr langlebig war und dass das den Menschen lange geholfen und was genützt hat für ihr Leben.

Und weil diese Masken und Enners Arbeit aber so einzigartig sind, wird sie später auch zum Glück dafür gewürdigt. Sie erhält Auszeichnungen, Anerkennung und wird sogar zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. Ich habe mich gefragt, gibt es Ritter eigentlich auch weiblich? Die Ritterin. Ich habe mich auch gefragt, die Ritterin. Wir sagen jetzt einfach Ritterin.

Genau, die wird Ritterin und bekommt dann wirklich Anerkennung für ihre Arbeit, auch wenn das erst viel später passiert und ihre Arbeit lange Zeit vor allem im Hintergrund passiert. Ja, vielleicht, weil es irgendwie so eine Schnittstelle ist, also es ist schwer einzuordnen. Ja, was ist es jetzt? Ist es Kunst, ist es Medizin, ist es soziale Arbeit, aber wir wissen, es ist von allem etwas. Und genau das macht es heute so interessant, denn viele moderne Entwicklungen im Bereich der Prothetik folgen ähnlichen Prinzipien.

Auch die Technologien heute sind daran angelehnt, natürlich irgendwie viel weiter und es gibt ganz andere Werkstoffe. Aber die Grundidee bleibt, es geht nicht nur darum, eine Funktion zu ersetzen, sondern auch ein Stück Identität. Ja, und vielleicht können wir das auch aus dieser Geschichte mitnehmen.

Dass Fähigkeiten, die auf den ersten Blick vielleicht nichts mit einem Problem zu tun haben, also wenn man zum Beispiel Künstlerin ist, dass man sich trotzdem dann an Probleme wagen kann, die erstmal fachfremd sind, weil vielleicht ist man ja doch die Richtige dafür. Anna ist keine Ärztin, aber sie konnte da was beitragen, weil sie gesehen hat, was andere nicht gesehen haben und hat daraus dann eine Lösung entwickelt, die wirklich Leben verändert hat.

Nehmen wir das mit. Ja, eine schwere Folge, aber auch eine Hoffnungsfolge. Und nächste Woche geht es auch um eine Geschichte, die wortwörtlich ans Herz geht, aber ans echte, unter die Haut. Es geht um etwas, das das Herz wieder zum Laufen bringt. Ich bin ganz gespannt. Also wir bleiben in der Medizinrichtung. Bis dahin.

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