
Etienne Tarnier: Vom Vogel-Ei zum Hightech-Inkubator
Samstag, 6. September 2025 · 18 min
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Shownotes
Die eine Geschichte spielt auf dem Jahrmarkt, die andere beginnt im Zoo. Zwei ungewöhnliche Schauplätze für eine Erfindung, die später im Krankenhaus eingesetzt wird. Die Rede ist von Brutkästen, die Frühgeborenen das Leben retten kann. Etienne Stéphane Tarnier und Martin Couney hatten an unterschiedlichen Orten dieselbe Idee und retteten damit tausende Menschenleben, auch wenn die Mittel die Erfindung bekannt zu machen (zumindest bei einem der beiden), sehr ungewöhnlich waren.
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Heute geht's um Etienne, Stéphane, Tannier und Martin Coney, die an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten dieselbe Idee hatten, einen Brutkasten für Frühchen. Wir wünschen euch einen schönen Science-Samstag. Heute nehmen wir euch mit auf eine Reise durch die Geschichte der Frühchenmedizin von einem Pariser Kinderarzt im 19.
Jahrhundert bis hin zu einem Showman auf Coney Island. Also wir bereisen ganz verschiedene Welten. Ja, ganz verschiedene Welten und wie das zusammenhängt, da gehen wir gleich noch drauf ein. Aber erst mal zum Stichwort Kinder, Babys und so weiter. Es ist ja so ab und zu mal Thema jetzt hier aus gegebenem Anlass.
Wir haben hier noch einen kurzen Hinweis von euch. Wir hatten ja in der letzten Folge über Bäuerchen gesprochen, das klingt auch so random, die mein Kind gerade macht. Jetzt tatsächlich nicht mehr ganz so doll. Aber damals war das noch sehr, sehr extrem. Und es startet jetzt mit Beikost. Und da habe ich mich so ein bisschen darüber ausgelassen, wie stressig das ist, weil man jetzt nicht mehr nur überall Milchflecken hat.
Und ich dachte schon, das wäre anstrengend, weil alles immer noch Kotze stinkt. Sondern Karottenflecken. Und ey, wir wären ja nicht behind science, wenn wir hier nicht Science-Wissen aus der Community sammeln würden gegen solche Flecken. So genial. Und ich kann euch verraten nochmal hier behind the scenes, was ihr gerade nicht seht, hinter Luisa steht wieder ein Wäscheständer.
Verrat mich doch nicht immer hier. Das ist sehr passend. Es ist wirklich dieser Wäscheständer, das ist mein Leben jetzt mittlerweile. Wir sehen uns häufiger als, keine Ahnung, als wir uns sehen. Und das will schon was heißen. Ja, auf jeden Fall hat uns Eva geschrieben und zwar sagt sie, gegen Karottenflecken hilft Sonne.
Einfach mal nach draußen zum Trocknen legen und die Strahlung bewirkt Wunder. Klappt auch bei Bewölkung, aber besser ist die volle Dröhnung Sonne. Perfekt, wenn ich so rausgucke, gerade scheint die Sonne. Ich glaube, da werde ich mal ein paar Sachen gleich in die Sonne hauen. Mega Tipp. Und Holger, der hat uns auch zu dem gleichen Thema geschrieben und auch noch ein bisschen genauer erklärt, warum genau die Flecken hinweggehen.
Er schreibt, der Farbstoff Carotin, der den Karotten ihre orangene Farbe verleiht, ist nicht UV-beständig. Das UV-Licht kann die Doppelbindung im Carotin-Molekül aufbrechen. Die Pigmente verlieren ihre Struktur und damit auch ihre Farbe. Kurz gesagt, das Carotin zerfällt, der Fleck bleicht aus und die Wäsche verbreitet.
Sauberer. Also das ist die Wissenschaft, die dahinter steckt. Die Wissenschaft, die ich brauche für mein Leben. Vielen, vielen Dank, Holger und Eva. Das ist mega, dass wir hier wirklich so Alltagswissen vereinen können. Und auch wenn ihr nicht ständig Karottenflecken aus Babygründen auf euch habt, vielleicht habt ihr mal einen anderen Fleck, der auch so rausgeht.
Also super, super Tipp aus der Community. Vielen, vielen Dank. Ich überlege mal, was so mein nächstes Stressthema ist. Vielleicht lässt sich das hier einfach wissenschaftlich lösen. Jetzt sprechen wir aber über Etienne Stéphane Tannier und Martin Coni. Zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aber beide haben auf ihre Art dazu beigetragen, dass Frühgeborene heute eine Chance haben. Ja, und fangen wir dafür mal in Paris an.
Im Jahr 1878. Der Kinderarzt Etienne, der besucht da eine Ausstellung im Zoologischen Garten. Und was sieht er da? Einen Brutkasten für Vogeleier. Hat erstmal noch nicht so viel mit Kindern zu tun. Noch nicht so viel. Kennt man vielleicht auch. Also diese Brutkästen, wo man das mal gesehen haben könnte, wäre auch so, wenn Küken ausgebrütet werden von Hühnern.
Haben wir im Kindergarten mal gemacht. Oh mein Gott, wie cool ist das denn? Echt? Das war so spannend. Wärst du ein cooler Kindergarten? War das denn? Ja, keine Ahnung. Wir hatten auch so einen kleinen Garten draußen mit so Gemüse zum Anbauen. Das war richtig cool. Aber als es diesen Brutkasten gab, ich bin so gerne hingegangen, weil das natürlich so spannend war, jeden Tag zu gucken, ob da jetzt schon was geschlüpft ist.
Ach, wie cool. Ja, genau. Also dann sind die ja in so Boxen, um die warm zu halten. Manchmal ist das auch so rotlicht. Ja, unter so einer Lampe, genau. Und irgendwann sitzen da diese flauschigen Küken. Oh mein Gott, das ist ja so cool, dass ihr das gemacht habt. Ich habe das tatsächlich auch einmal miterlebt, aber da hat das Huhn selber ausgebrütet und dann irgendwann waren kleine Küken unter dem Hühnerbauch und es war einfach so toll.
So, so schön. Aber Hut ab für diesen Kindergarten, richtig cool. Auf jeden Fall, unser Etienne, der denkt sofort an seine Arbeit im Krankenhaus und nicht an die flauschigen Küken, die da ausschlüpfen. Und zwar frühgeborene Babys, die er da oft betreuen muss. Und die brauchen vor allem eines, nämlich Wärme. Und das verknüpft er jetzt mit diesen Boxen, die er da sieht, die halt eigentlich dazu gedacht sind, um Eier warm zu halten.
Und er kommt da auf so eine erste Idee. Ja, er verknüpft das nicht nur in seinen Gedanken, sondern er gibt einfach kurzerhand einen Brutkasten für Menschen in Auftrag und zwar bei dem Techniker aus dem Zoo. Der baut jetzt den ersten Brutkasten für menschliche Kinder und das Gerät, das da gebaut wird, das wirkt aus heutiger Sicht so ziemlich rudimentär.
Es ist ein eiserner Kasten mit Glasdeckel, aber erfüllt seinen Zweck. Er füllt seinen Zweck, genau. Das muss ja nicht irgendwie schön aussehen. Also die Wirkung ist wirklich unglaublich, denn mit diesem Apparat sinkt die Sterblichkeit von Frühchen um die Hälfte. Und schon 1880 meldet er den Brutkasten zum Patent an.
Also voller Erfolg hier, gutes Wissen aus dem Zoo mitgebracht. Ja, und später kommen dann noch Verbesserungen dazu, etwa mit warmem Wasser, das unter dem Kasten dann noch entlang fließt, um die Temperatur konstant zu halten. Und nach und nach rückt auch ja dann ein anderes Problem in den Blick, denn die Frühgeborenen verlieren Flüssigkeit.
Das fällt jetzt auf. Genau, und zunächst legt man dann so einen einfachen feuchten Schwamm neben die Babys. Heute weiß man, dass die Haut von Frühgeborenen wirklich extrem viel Flüssigkeit verliert, weil die so dünn ist. Moderne Inkubatoren steuern deshalb nicht nur Wärme, sondern eben auch Feuchtigkeit und sogar den Sauerstoffgehalt.
Also da ist noch einiges dazugekommen von diesem sehr rudimentär gebauten Brutkasten. Aber auch der hat schon... Wirklich sehr, sehr viel gebracht. Ja, ihr seht also, Etians Erfindung war ein guter Startpunkt. Aber der nächste große Schritt in der Geschichte, der kommt jetzt von jemandem ganz anderen. Und zwar von Martin Coney.
Der taucht ein paar Jahrzehnte später auf. Wir verlassen also Paris und reisen in die USA. Um 1900 bringt Martin Inkubatoren nicht ins Krankenhaus, sondern und das ist jetzt wirklich überraschend, auf den Rummelplatz. Ja, das ist eine Überraschung und irgendwie auch ziemlich verrückt. Auf Coney Island in New York eröffnet er eine Ausstellung und zwar heißt die Infant Incubators with Living Babies.
Also es ist eine Ausstellung mit lebenden Babys. Das habt ihr richtig verstanden. Die Besucher zahlen damals 25 Cent Eintritt, um Frühchen in den Brutkästen sehen zu können. Ja, es klingt wie die mega verrückte Show, aber ja, irgendwie war das damals halt so eine Weltneuheit, deswegen sind die Leute da hingekommen, haben sogar Geld gezahlt, um das zu sehen, um diese winzig kleinen Babys sich anzugucken und das ist also nochmal besonders krass, weil Coni nicht mal ein richtiger Arzt war.
Also der hat sich zwar als Arzt ausgegeben, aber hatte immer so neue Versionen. Welche Ausbildungen er gemacht hat, was er studiert hat, wo er gewohnt und aufgewachsen ist. Aber das Paradoxe ist eben, er ist anscheinend kein richtiger Arzt, kein offizieller Arzt und rettet trotzdem mit seinen Infant Incubators with Living Babies, die er da irgendwie auf Jahrmärkten ausstellt, tausende Leben.
Also ja, obwohl er quasi nicht vom Fach ist, kann er da richtig was bewirken. Also machen wir es noch mal ein bisschen konkreter. Zwischen 1903 und 1943 sollen es über 6000 gerettete Babys gewesen sein. Ist natürlich echt richtig viel, denn in den Krankenhäusern in der Zeit gab es gar keine spezialisierte Versorgung.
Das heißt, seine Show war für viele Familien die einzige Chance, ihre Frühchen zu retten. Und mit diesen Shows schafft er dadurch etwas, dass Etienne, damit es nicht geschafft hat, er macht die Inkubatoren auch noch richtig berühmt. Also Etienne konnte zwar auch helfen, aber hatte nicht so diesen Effekt, dass das so bekannt wurde.
Und das ist jetzt echt ein Unterschied, auch wenn man natürlich, also ich habe auch irgendwie ein ganz komisches Gefühl dabei. Dass das so eine Show ist, aber es hat vielen geholfen. Es hat so ein bisschen ja auch was davon, dass Leute sich über das Leid von anderen freuen. Also es ist irgendwie, genau, es hat einen ganz komischen Beigeschmack.
Und natürlich sollten Menschen niemals, wenn sie das nicht bewusst steuern, irgendwie ausgestellt werden. Aber am Ende ist natürlich das, was zählt, dass da Menschenleben gerettet werden konnten. Und wenn man jetzt noch ein zweites Mal darüber nachdenkt, denkt man so, ja gut, ob die Babys jetzt da von 25 Personen mehr angeschaut wurden, ist vielleicht irgendwie auch egal, wenn sie am Ende dann ein gesundes Leben führen konnten.
Also ja, muss man irgendwie so ein bisschen in Anbetracht der damaligen Zeit sehen. Ja und hinter diesen Kulissen dieser Show, dieser Sensationsnummer war das wirklich ernsthafte Pflege. Die Babys wurden nämlich rund um die Uhr betreut, alle zwei Stunden mit Muttermilch gefüttert und so weiter. Teilweise wurden sie auch über Nasensonden versorgt und Pflegekräfte haben ganz streng auch auf die Hygiene geachtet, was damals tatsächlich in vielen Kliniken fehlte.
Ob das jetzt dafür da war, damit quasi mehr Leute zu der Show kommen, weil die Show hätte nicht laufen können, wenn die Babys nicht mehr da gewesen wären, gestorben wären. Oder ob das wirklich dafür war, um die Babys am Leben zu halten oder eine Mischung aus beidem, ist am Ende vielleicht sogar hinfällig, weil, wie gesagt, Menschenleben gerettet werden konnten.
Und das war dann eben, wie es gemacht wurde. Ja, ihr könnt gerne mal eure Meinung dazu abgeben, zu diesem Diskussionspunkt Show versus Pflege, der da ja so ein bisschen drinsteckt. Also ein Beispiel, dass man schon auch irgendwie ... Ja, um nochmal so zu erklären, was da so für Show-Elemente drin waren.
Zum Beispiel wurden an die winzigen Finger zum Teil Diamantringe gesteckt, um nochmal so zu demonstrieren, wie zart und zerbrechlich die Babys waren. Das war dann eins der Show-Elemente. Ja, schon alles irgendwie etwas crazy, vor allem wenn man bedenkt, dass er kein richtiger Arzt war. Aber eben trotz dieser fragwürdigen Show-Elemente.
Martins Inkubatoren-Ausstellung hatte einen riesigen Einfluss. Sie macht die Technik wirklich bekannt, übt auch Druck auf Krankenhäuser aus, die dann eigene Frühchenstationen einrichten. Und ich glaube, wir haben das hier schon in mehreren Geschichten auch schon mal erzählt. Also zum Beispiel fällt mir gerade ein mit dem, das ist jetzt ein völlig anderes Thema, aber mit den Melitta-Filtern, also den Kaffeefiltern, die hatten ja so eine spezielle Art, die zu bewerben. Also so bei Kaffeekränzchen von damals Hausfrauen.
Und deswegen ist diese Idee ja so eingeschlagen. Also manchmal ist nicht die Idee an sich das Entscheidende, sondern wie sie halt dann auch unter die Leute gebracht wird. Und deswegen war das dann ja das Mittel der Wahl einfach. Ja, und ist ja auch schon interessant zu sehen, dass also zwei Männer so auf ganz unterschiedliche Art, so einmal dieser seriöse Kinderarzt und dann so ein Schausteller, den man auch wirklich umstritten nennen kann, auf ganz unterschiedliche Weisen das gleiche erreicht haben.
Sie haben beide Frühgeborenen eine Chance gegeben durch so einen Brutkasten. Ja, voll interessant und beide zeigen, dass medizinischer Fortschritt manchmal ganz woanders beginnt, nämlich im Zoo oder auf dem Jahrmarkt. Also kann man sich merken, nicht nur im Labor werden die großen Sachen erfunden oder kommen die großen Ideen zustande.
Wobei wir haben das hier schon häufiger mal gesagt. Gehabt. Zum Beispiel hatten wir doch Aga, was bei Wackelpudding entdeckt wurde. Also wir hatten schon so ein paar Beispiele, die nicht da entstanden sind, wo man sie ursprünglich vielleicht erwarten würde. Vor allem, wenn man dann bedenkt, dass so ein Brutkasten heute eigentlich in sich schon ein kleines Labor ist, also wirklich richtig Hightech.
Also ja, da hat sich technisch nochmal einiges getan in den letzten Jahrzehnten, zum Beispiel auch beim Thema Atmung. Früher hat man die Kinder intubiert, also immer einen Schlauch eingesetzt, der direkt bis zur Lunge reichte und das war lebensrettend, aber hat oft auch schwere Spätfolgen verursacht und da kann man heute auch schon da vorgehen.
Genau, da gibt es zum Beispiel so kleine Nasenstöpsel, die so einen kontinuierlichen Luftstrom abgeben. Was halt viel weniger eingreift in die körperliche Versehrtheit und so hilft man dann den Babys zum Beispiel beim Atmen, ohne ihre Lunge zu stark zu belasten und der Inkubator sorgt dabei nicht nur für Wärme, sondern auch für die richtige Luftfeuchtigkeit.
Also so ein richtiges Mikroklima für die Babys, was über einen einfachen nassen Schwamm, der daneben gelegt wird, weit hinausgeht. Also da sind wir schon sehr, sehr weit gekommen in den vergangenen Jahrzehnten. Und dadurch hat sich natürlich auch die Definition von was ist lebensfähig im Laufe der Zeit total verändert.
Also als Etienne angefangen hat zu dem Thema zu arbeiten, da hätte man Babys mit nur ein paar hundert Gramm noch gar nicht behandelt. Man hielt sie einfach für nicht lebensreif und heute gibt es Frühchen mit unter 300 Gramm Geburtsgewicht, die überleben können. Das ist schon krass. Also es ist so beeindruckend, wenn man bedenkt, irgendwie so ein Päckchen Butter sind 500 Gramm und das ist weniger als das.
Also Wahnsinn, wie weit da die Medizin schon gekommen ist. Ja, und ich glaube, so etwas hatten wir auch noch nie hier. Als Snack oder als Folge dieselbe Erfindung zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten, die quasi dasselbe bewirkt hat. Und es gab auch noch an anderen Stellen ähnliche Ideen.
Und ich finde es ganz spannend, dass das dann am Ende ja so zu einem zusammengekommen ist, nämlich zu lebensrettenden Inkubatoren. Und es war sie auch schon, die kurze Snack-Geschichte für euren Science-Samstag. Ich hoffe, ihr habt einen guten Tag, einen schönen Abend, eine gute Nacht, eine gute Reise, eine schöne Sportsession, eine schöne Putzsession, was auch immer ihr gerade macht.
Eine erfolgreiche Prüfung, die ihr euch vielleicht bevorsteht. Wir sind hoffentlich bei allem gedanklich so ein bisschen mit dabei. Music.