Behind Science

Rosemary Fowler: Das erste Tier im Teilchenzoo

Samstag, 11. Juli 2026 · 28 min

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Shownotes

Sie bekam mit fast 100 Jahren den Ehren-Doktortitel, lieferte aber schon Jahrzehnte zuvor das entscheidende Puzzleteil, das eine Revolution der Physik anstieß. Sie beobachtete, dass sich zwei scheinbar gleiche Teilchen unterschiedlich verhalten konnten. Das passte so gar nicht in die Denkweisen der damaligen Wissenschaftler:innen, aber die Spur wurde weiter verfolgt und letztlich bestätigt. Rosemary war zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Wissenschaft. Trotzdem bleibt ihr Name mit dieser physikalischen Revolution eng verknüpft.

Hier (bristol.ac.uk/alumni/our-alumni/honorary-degre…) könnt ihr sie bei der Vergabe der Doktorwürde sehen.

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Schön sein Samstag zusammen. Hallo. Es gibt ja so wissenschaftliche Entdeckungen, die sofort Schlagzeilen machen. Also Momente, in denen auf der ganzen Welt klar ist, da wird gerade Geschichte geschrieben. Da gehört zum Beispiel die Entdeckung der DNA-Struktur dazu, die erste Mondlandung, die ersten Bilder von einem schwarzen Loch.

Aber dann gibt es auch Entdeckungen, die sind genauso wichtig, aber da wird die Bedeutung erst Jahre später verstanden. Das sind Entdeckungen, die vielleicht irgendwo im Labor gemacht werden, beobachtet werden, nur von wenigen Menschen, und die Welt läuft parallel weiter, während im Hintergrund eigentlich gerade das Verständnis des Universums für immer verändert wird, aber so ein bisschen ungesehen.

Ja, ungesehen und unerzählt und da schreiten wir natürlich ein und erzählen eine dieser Geschichten, die so ein bisschen versteckt stattgefunden hat. Und zwar ist es die Geschichte einer Frau, deren Name in den meisten Physiklehrbüchern nicht auftaucht, obwohl sie eine entscheidende Rolle bei einer der größten Revolutionen der modernen Physik gespielt hat.

Wir sprechen heute über Rosemary Fowler, einer jungen Wissenschaftlerin, die Ende der 1940er Jahre etwas entdeckt, das eigentlich nicht existieren dürfte. Ein Teilchen, das die Physiker vor ein Rätsel stellt. Ein Rätsel, das schließlich dazu führt, dass eine der fundamentalsten Annahmen über die Naturgesetze zusammenbricht.

Behind Science – Geschichten aus der Wissenschaft Mit Marie Eickhoff und Luisa Pfeifenschneider. Ja, Marie, wie lange hat es gedauert, bis du deinen Uniabschluss hattest? Also von quasi erstem Semester bis letztem Semester? Ja, ich war auf jeden Fall nicht Regelstudienzeit. Aber auch nicht lange drüber, oder? Ich glaube, so vier Jahre waren es dann statt drei. Also völlig normal, glaube ich, völlig im Rahmen. Also kompletter, würde ich sagen, kompletter Durchschnitt.

Rosemary Fowler, über die wir heute sprechen, hat erst mit, jetzt haltet euch fest, 98 Jahren den Doktortitel verliehen bekommen. Und zwar, es ist super krass, im Jahr 2024, also vor zwei Jahren. Aber den Doktor. Ja, das ist klar, nochmal was anderes. Ich glaube, bis wir den hätten, hätten wir schon noch ein bisschen gebraucht bei all unseren Projekten, die wir noch so nebenher gestartet haben.

Und die Entdeckung, für die sie die Doktorwürde erhalten hat, lag da schon 76 Jahre zurück. Warum genau, darüber sprechen wir in dieser Folge. Mittlerweile ist Rosemary 100 Jahre alt. Ich kann ja immer nicht fassen, dass Menschen 100 Jahre alt werden können. Für mich ist das einfach so ... Das ist einfach Wahnsinn. Das ist einfach eine dreistellige Zahl.

Sie wird 1926 in England geboren. Und die Zeit, in der sie lebt, ist aus Sicht vieler PhysikerInnen eine der aller spannendsten von allen Zeiten. Ja, und zwar befinden wir uns im Jahr 1948. Das heißt, der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Aber Europa liegt immer noch so im Schatten von diesem Krieg. Viele Städte werden gerade wieder aufgebaut.

Lebensmittel sind immer noch knapp und Millionen Menschen versuchen nach Jahren der Unsicherheit jetzt erstmal wieder einen normalen Alltag sich aufzubauen und gleichzeitig beginnt eine neue Ära der Wissenschaft. Die Physik erlebt eine ihrer aufregendsten Phasen überhaupt. In den Jahrzehnten zuvor haben Forschende nämlich bereits entdeckt, dass Atome nicht unteilbar sind.

Sie haben Protonen, Elektronen und Neutronen identifiziert. Doch inzwischen ist dann auch klar, dass sich unter dieser Oberfläche von dem, was man damit schon machen kann, noch viel mehr befindet und wirklich eine ganz, komplexe Teilchenwelt sich verbirgt, so nenne ich sie jetzt mal. Ja, das finde ich ja immer so interessant und auch irgendwie erschreckend, dass wir eigentlich alle nur aus Atomen und alles nur aus Atomen besteht, die wiederum aus wieder kleinen Teilchen bestehen, also alles eigentlich...

Zusammengesetzte Teilchen sind. Und die dann 100 Jahre zusammenhalten. Ja, genau. Also das finde ich, das ist ja fast schon philosophisch dann irgendwie. Und man kann sich jetzt die Situation so vorstellen wie eine Expedition auf einem unbekannten Kontinent. Also lange Zeit glaubten die Physiker, sie hätten die wichtigsten Bestandteile der Materie bereits gefunden. Also so wie man lange Zeit dachte, man hätte alle Kontinente und Länder bereits entdeckt.

Doch je genauer sie hinschauen, desto mehr neue Teilchen tauchen auf. Es ist, als würde hinter jeder Tür eine weitere Tür erscheinen und niemand weiß genau, wie viele Teilchen es überhaupt gibt. Niemand versteht, warum manche Teilchen entstehen und aber auch wieder verschwinden können. Und niemand hat eine Theorie, die all diese Beobachtungen zusammenführt.

Also das ist so der Status Quo in der Zeit, kann man sagen. Ja, und genau zu dieser Zeit arbeitet an der Universität Bristol eine junge Physikerin namens Rosemary Brown. Später wird sie unter ihrem Ehenamen Rosemary Fowler bekannt werden. Sie ist damals Anfang 20 außergewöhnlich talentiert und Teil einer Forschungsgruppe, die versucht, die geheimnisvollen Teilchen der kosmischen Strahlung zu untersuchen.

Dabei haben die Forschenden aber ein Problem, denn die Maschinen, mit denen wir heute Teilchen erzeugen können, die existieren damals noch nicht. Es gibt noch keine gigantischen Teilchenbeschleuniger, mit denen man einfach sich jetzt die Teilchen alle selbst erschaffen könnte, um sie zu beobachten. Wenn man damals neue Teilchen sehen möchte, muss man auf die Natur zurückgreifen.

Ja, und die Natur liefert tatsächlich einen ständigen Strom solcher Teilchen. Aus den Tiefen des Universums treffen nämlich ununterbrochen hochenergetische Teilchen auf die Erde, das bekommt man so gar nicht mit. Manche stammen möglicherweise aus Supernovae, das ist tatsächlich der Plural von Supernova, habe ich an der Stelle gelernt. Mensch.

Andere aus aktiven Galaxien oder anderen extremen kosmischen Ereignissen, die rasen dann durch den Weltraum und schlagen schließlich in die Erbatmosphäre ein. Dort kollidieren sie dann mit Atomen und erzeugen dann ganze Kaskaden von neuen Teilchen. Und für die Physiker der damaligen Zeit ist die Atmosphäre der Erde deshalb eine Art natürlicher Teilchenbeschleuniger.

Und da kann man dann quasi das Verhalten von Teilchen beobachten ohne einen. Gigantischen Teilchenbeschleuniger, den man auf der Erde baut. Ja, das heißt, da geht schon sehr viel ab. Aber das mit dem Beobachten ist nicht so einfach, denn die Teilchen sind erstmal unsichtbar. Das heißt, du musst dir jetzt überlegen, wie kann ich vielleicht die Spuren sichtbar machen von den Teilchen?

Und genau dafür nutzt die Arbeitsgruppe in Brüssel jetzt fotografische Emulsionen. Das sind so spezielle Fotoplatten, die empfindlich genug sind, um die Bahnen geladener Teilchen aufzuzeichnen. Wenn ein Teilchen da hindurchfliegt, hinterlässt es winzige Veränderungen im Material. Und nachdem das dann entwickelt ist, also die Fotos quasi entwickelt sind, kann man wirklich die Spuren von den Teilchen unter dem Mikroskop sehen.

Und das machen sie dort in Bristol. Genau. Und heute würde das ein Computer machen. Also der würde Milliarden solcher Datenpunkte automatisch analysieren. Das ist auch tatsächlich was, was... Ja, so eine Abarbeitarbeit ist. Damals saß aber ein Mensch hinter einem Mikroskop. Das waren meistens Frauen, die wurden auch als Scanner bezeichnet.

Die da wirklich Stunde um Stunde, Tag für Tag genau das gemacht haben, also Datenpunkte analysiert haben. Man kann sich wirklich vorstellen, wie anstrengend das gewesen sein muss, weil es ja zum einen eine eintönige Arbeit ist, zum anderen aber auch höchste Konzentration erfordert. Ja, und da saßen dann eben diese Scanner, diese Frauen, die das gemacht haben, wirklich so fest und haben gearbeitet wie ein Computer.

Unter anderem auch Rosemary. Ihre Aufgabe besteht darin, tausende von Spuren zu untersuchen und nach Ereignissen zu suchen, die ungewöhnlich aussehen. Ja, wie gesagt, erfordert sehr große Konzentration, aber gleichzeitig ermüdet man natürlich sehr schnell dabei. Die meisten der beobachteten Spuren sind vollkommen unspektakulär, doch irgendwo zwischen ihnen könnte sich eine Entdeckung verbergen und deswegen muss man sie jeweils einzeln ganz genau betrachten.

Ja, und man stellt sich ja jetzt vor, wir warten alle so auf den einen dramatischen Moment. So stelle ich mir einen wissenschaftlichen Durchbruch vor, dass da irgendwie dann in einer Sekunde auf einmal alle Forschenden im Raum aufspringen, erkennen, da haben sie jetzt was Großes entdeckt. Die Realität sieht aber meistens anders aus. Die meiste Zeit wird erstmal damit verbracht, dass Forschende.

Wirklich so ganz routiniert beobachten, messen, Auswertung machen, Fehleranalysen machen, immer eigentlich zweifelnd, ob das, was sie da sehen, überhaupt echt ist und auch damit ist Rosemary jetzt erstmal ganz viel beschäftigt. Ja, und da verbringt sie jetzt wirklich Stunden und Tage über diesen Fotoplatten, und unter dem Mikroskop erscheinen dann so Teilchenspuren wie feine Linien.

Manche verlaufen gerade, andere krümmen sich, wieder andere verzweigen sich plötzlich und jede dieser Linien enthält Informationen über die Eigenschaften eines Teilchens. Aus der Krümmung lässt sich dann auf seine Ladung zum Beispiel schließen, aus der Länge seiner Bahn, auf seine Energie und aus seinem Zerfall auf seine Identität.

Also das ist ein bisschen wie so der Fingerabdruck von Teilchen. Also man kann anhand dessen quasi die Charaktereigenschaften dieses Teilchens identifizieren. Ja, das passt gut. Deswegen ist das auch so ein bisschen vielleicht wie, als wäre Rosemary so eine Detektivin. Also die hatte eigentlich so einen Kriminalfall.

Sie ist so Spurenleserin, weil sie kann ja nicht das Teilchen selbst sehen, sondern nur die Spuren, die es hinterlassen hat. Und deswegen musst du dann jedes Mal überlegen, was kann ich aus diesen Spuren rekonstruieren? Wie kann ich... Daraus mir ableiten, was davor passiert ist. Wer war vielleicht noch beteiligt?

Welche Teilchen hatten hier eine Kollision oder so? Welche Teilchen sind entstanden? Welche sind verschwunden? Und welche Kräfte haben damit gewirkt? Das versucht sie jetzt alles daraus abzuleiten. Ja, und eines Tages entdeckt Rosemary etwas Merkwürdiges. Eine Spur, die nicht in die bekannten Muster passt. Und zunächst sieht alles normal aus. Ein Teilchen tritt in die Emulsion ein, doch dann zerfällt es auf eine Weise, die wirklich direkt Fragen aufwirft.

Die gemessenen Eigenschaften passen nicht zu den Vorstellungen der Physiker, die sie bisher angenommen haben. Und das ist einer dieser Momente, die zunächst ja komplett unscheinbar wirken. Niemand im Labor ahnt in dem Moment, dass diese Beobachtung später zu einer der berühmtesten Rätsel der Teilchenphysik werden wird.

Und da steckt Rosemary jetzt quasi an diesem Punkt, dass sie sieht, was ist denn hier los? Also sowas habe ich noch nicht beobachtet, das ist ungewöhnlich. Das ist ungewöhnlich und damit wir jetzt alle verstehen, warum das ungewöhnlich ist, müssen wir kurz einen Schritt zurückgehen. In der Physik spielen nämlich Symmetrien eine zentrale Rolle.

Viele Naturgesetze beruhen auf der Annahme, dass bestimmte Eigenschaften unverändert bleiben. Und eine dieser Symmetrien nennt sich Parität. Vereinfacht gesagt beschreibt das die Frage, ob die Naturgesetze auch dann gleich funktionieren, wenn man das Universum spiegeln könnte, also das ganze Universum.

Und das ist eben so eine ganz zentrale Annahme. Ja, und jetzt wird es wirklich ein bisschen kompliziert und ein bisschen philosophisch. Man muss sich vorstellen, man schaut in den Spiegel, links und rechts werden da natürlich ja vertauscht und trotzdem bewegen sich die Dinge im Spiegel nach denselben physikalischen Regeln.

Also ein Ball fällt nach unten, Wasser fließt, Licht breitet sich aus und jahrzehntelang gehen Physiker genau davon aus, also dass diese Spiegelsymmetrie grundsätzlich für alle Naturgesetze gilt. Und es erscheint beinahe selbstverständlich, also dass da quasi dieser Spiegel spiegelbildlich funktioniert.

Oder um es auf Laborsituationen anzuwenden, führt man zwei Experimente mit spiegelbildlichem Aufbau durch, sollten auch die Ergebnisse spiegelbildlich zueinander sein. Dass sich quasi ein Experiment immer gleich verhält. Und das Ding ist, das ist jetzt bei Rosemary nicht der Fall. Durch Rosemaries Beobachtung kommen jetzt Zweifel an dieser Selbstverständlichkeit auf.

Noch erkennt niemand die genaue Tragweite dieser Zweifel. Noch handelt es sich lediglich um erstmal eine seltsame Spur auf dieser Fotoplatte. Alles okay, alle erstmal Ruhe bewahren. Aber genau dort beginnt dann jetzt die Geschichte eines Rätsels, das die Physik noch für Jahre beschäftigen wird. Und in den folgenden Jahren tauchen nämlich weitere ähnliche Ereignisse auf, nicht nur in Bristol, sondern auch in anderen Laboren.

Und langsam entsteht der Verdacht, dass hier tatsächlich ein neues Teilchen beobachtet wird. Die Forschenden geben diesen seltsamen Objekten Namen. Einige werden als Tau-Teilchen bezeichnet, andere als Theta-Teilchen. Nach allem, was man messen kann, scheinen beide nahezu, und das ist der entscheidende Unterschied, identisch zu sein.

Also nur nahezu, sie sind nicht spiegelbildlich oder identisch. Sie besitzen dieselbe Masse, sie leben ungefähr gleich lange, sie entstehen unter ähnlichen Bedingungen. Und würde man nur diese Eigenschaften betrachten, müsste man eigentlich sagen, das ist ein und dasselbe Teilchen. Doch dann kommt eben das Problem, die Zerfälle sehen unterschiedlich aus.

Also das sogenannte Tau-Teilchen zerfällt in drei sogenannte Pionen und das Theta-Teilchen zerfällt dagegen in zwei Pionen. Also es sind hier wirklich sehr, sehr, sehr, sehr kleine Teilchen, die wir hier beobachten. Genau und wir würden jetzt auch sagen, das ist doch vielleicht erstmal ein total kleiner, unwächtiger Unterschied.

Aber für die Physik der 1950er Jahre ist das riesig. Denn die Zerfälle deuten darauf hin, dass das Tau-Teilchen und das Theta-Teilchen unterschiedliche Paritäten besitzen. Und nach den damaligen Regeln könnten sie deshalb unmöglich dasselbe Teilchen sein. Gleichzeitig sprechen aber alle anderen Messungen dafür, dass sie identisch sind.

Und die Physiker stehen da jetzt vor einem absoluten Widerspruch. Entweder sind es zwei verschiedene Teilchen, die zufällig dieselbe Masse haben und dieselbe Lebensdauer. Oder aber alle zugrunde liegenden Annahmen, die sie damals über die Natur hatten, stimmen nicht. Und das wäre natürlich krass. Ja, heißt, Theorie und Beobachtung passen irgendwie nicht zusammen.

Sie müssen sich also jetzt erstmal überlegen, ist hier irgendwie was faul? Vielleicht gibt es irgendwie einen Fehler, der gemacht wurde, vielleicht wurde falsch gemessen, vielleicht wurde was übersehen, und deshalb überprüfen sie die Daten immer und immer wieder, wiederholen Experimente, aber das Rätsel verschwindet irgendwie nicht, es kommt immer wieder zu diesen.

Zerfällen, die irgendwie nicht so ganz in das Bild passen. Und es häufen sich eigentlich eher die Hinweise, dass hier ein neues Teilchen gefunden wurde und eben diese Spiegelbildtheorie einfach nicht stimmen kann. Also ja, hier widerlegt wurde. Ja, Mitte der 1950er-Jahre beschäftigen sich dann zwei jüngere theoretische Physiker damit.

Und sie haben so ein bisschen weniger Ehrfurcht vor diesen etablierten Annahmen wie viele der älteren Kollegen. Und sie bemerken, es gab eigentlich nie überzeugende Nachweise dafür, dass die Parität bei allen Naturkräften erhalten bleibt. Für einige Prozesse wurde die einfach nur angenommen. Und das rufen sie allen jetzt nochmal in die Köpfe.

Ja, ich finde das so interessant, weil es ist ja quasi wie so eine Glaubensfrage, wo man ja denkt, in der Wissenschaft sollte ja nichts nur einfach eine Glaubensfrage sein, sondern alles überprüft werden und auch immer wieder überprüft werden. Aber scheinbar war das so tief verwurzelt, diese Annahme, dass es auch schwerfällt, davon halt abzurücken oder auch zuzulassen, dass dazu mehr geforscht wird, weil man eigentlich gar nicht will, dass man da quasi rausfindet, dass man sich geirrt hat, viele, viele Jahre lang.

Ja, und eine dieser zentralen Annahmen ist eben diese Spiegelbildtheorie und man kann wirklich sagen, dass die teilweise auf Gewohnheit einfach basiert hat und man sie eben nicht durch Experimente nochmal überprüft hat. Und an diesem Punkt betritt dann eine weitere bemerkenswerte Wissenschaftlerin die Bühne, Jian Xiong Wu.

Sie gehört zu den führenden Experimentalphysikerinnen ihrer Zeit und sie entwickelt ein Experiment, das die Frage nach der Parität direkt beantworten soll. Sie und ihr Team kühlen radioaktive Atome auf extrem niedrige Temperaturen ab und untersuchen ihren Zerfall. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Teilchen verhalten sich, jetzt haltet euch fest, nicht spiegelbildlich.

Sie bevorzugen nämlich eine Richtung. Die Natur macht also einen Unterschied zwischen links und rechts. Und als die Ergebnisse dann veröffentlicht werden, erschüttert das die Physik. Die Parität ist nicht universell, findet man da heraus. Zumindest bei dieser schwachen Wechselwirkung gilt die Parität nicht.

Und plötzlich ergibt damit auch das Teta-Tau-Rätsel Sinn. Die beiden scheinbar unterschiedlichen Teilchen sind tatsächlich dasselbe Teilchen. Der Widerspruch entsteht eben nicht nur durch das Teilchen selbst, der Widerspruch entsteht durch eine falsche Annahme über die Naturgesetze. Also ja, hier wird ein und dasselbe Teilchen verhält sich im selben Medium unterschiedlich.

Das wird hier quasi jetzt herausgefunden und alles aufbauend auf dieser ersten, Entdeckung von Rosemary. Ja, jetzt experimentell nochmal beobachtet. Heute nennen wir dieses Teilchen übrigens Kaon. Es gehört zu einer Familie von Teilchen, die später noch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung eines Standardmodells der Teilchenphysik spielen wird.

Und die Spur, die Rosemary aber Jahre zuvor schon beobachtet hat, die war dafür einer der führenden Hinweise, also ein ganz, ganz wichtiger Hinweis in diese neue Physikwelt. Jetzt haben wir hier bei den Spuren der Teilchen so ein bisschen die Spur von Rosemary vernachlässigt. Ihr eigenes Leben verändert sich nämlich auch sehr, sehr stark, während sich in der Physik da so eine Revolution abspielt und ihre Geschichte nimmt eine ganz andere Richtung, als man das vielleicht jetzt erwarten würde.

Und zwar entscheidet sie sich gegen eine wissenschaftliche und akademische Laufbahn. Sie heiratet den Physiker Peter Fowler, von dem sie auch den Namen bekommt, der später dann selbst ein renommierter Wissenschaftler wird. Und die beiden bekommen drei Töchter, die selbst auch alle in die Wissenschaft gehen.

Und Rosemary wird Hausfrau und kümmert sich um die Kinder und den Haushalt, hält dem Mann den Rücken frei. Für sie ist das damals eine praktikable Entscheidung, die sie auch nicht bereut hat. Sie sieht das einfach wirklich ganz pragmatisch, denn damals sind auch Lebensmittel durch den Krieg ziemlich rationiert, Wohnraum ist knapp, Hausarbeit ist zeitaufwendig, Kräfte zehren und sie sagt halt.

So funktioniert unser System einfach hier am besten als Familie. Das heißt, sie kümmert sich um Kinder und Haushalt, während eben der Mann Karriere macht. Und Physik spielt in ihrem Leben da höchstens noch am Küchentisch eine Rolle. Da werden dann physikalische Phänomene häufig auch mit den Kindern diskutiert.

Das erzählen sie dann wohl auch später, dass sie immer schon das Gefühl hatten, Physik ist das spannendste Fachgebiet, was es gibt, weil die Eltern das einfach so spannend diskutiert haben mit ihnen und deswegen auch eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen haben. Aber ja, sie verlässt die Wissenschaft, die akademische Welt zugunsten von Familie und Haushalt.

Ja, das hätte man irgendwie, finde ich, am Anfang der Geschichte auch nicht so unbedingt erwartet. Aber ich finde es schön, ich glaube, vielleicht hätten die sonst nicht so viele wissenschaftliche Gespräche am Küchentisch geführt. Ich glaube, da hat sie dann so alle einfach wahrscheinlich ganz viel gefragt und aus dieser Welt noch so mit an den Küchentisch geholt, könnte ich mir vorstellen.

Und das fix halt ja echt auch die Töchter dann total an von Physik. Voll schön eigentlich. Ja, auf jeden Fall. Und sie war auch nicht verbittert über diese Entscheidung, am Ende ihres Lebens. Also das gibt es natürlich auch, dass Frauen, vor allem ja Frauen, sich am Ende ihres Lebens irgendwie so ein bisschen...

Ja, darüber ärgern und das Bereuen, diesen Weg gegangen zu sein, das war bei ihr jetzt so nicht der Fall. Genau, ja, für sie war das okay so und gleichzeitig, während sie das alles nur noch am Küchentisch mit ihrer Familie bespricht, erlebt die Physik wirklich eine wahre Explosion an Entdeckung. Die 1950er und 60er Jahre werden später oft als das goldene Zeitalter der Teilchenphysik bezeichnet.

Es gibt jetzt immer leistungsfähigere Beschleuniger, immer neue Teilchen tauchen auf. Für die Forschenden fühlt sich das Universum plötzlich deutlich größer an, weil man einfach viel mehr entdecken kann. Und ja, auch größer, als sie sich noch vor wenigen Jahrzehnten davor vorstellen konnten. Und diese Phase nennt man deswegen auch manchmal den Teilchenzoo.

Ursprünglich hatten Physiker gehofft, einige wenige fundamentale Bausteine zu finden. Aber stattdessen entdecken sie halt so viele neue Teilchen, dass sie das Gefühl haben, oh mein Gott, es wimmelt Jaki überall nur noch von neuen Teilchen. Ist ja ein ganzer Zoo. Schönes Bild. Ja, finde ich irgendwie richtig witzig, dieses Bild.

Ja, und im Jahr 2024, wir haben es am Anfang schon erzählt, entscheidet die Universität Bristol dann, Rosemary Fowler für ihre wissenschaftlichen Leistungen zu ehren. Und zu diesem Zeitpunkt ist sie, wie gesagt, 98 Jahre alt. Fast acht Jahrzehnte nach ihrer wissenschaftlichen Entdeckung verleiht die Universität ihr einen Ehrendoktor-Titel. Ja, das hat gedauert.

Auf jeden Fall. Haben sie sie ein bisschen aus dem Blick verloren, aber gut, dass sie den noch bekommen hat. Ja, bei Rosemary ist es ja wirklich so, sie hat selber nie eine neue Theorie aufgestellt, aber sie hat eben was beobachtet, das nicht ins bestehende Bild passte, und was dadurch das ganze Verständnis von Naturgesetzen verändert hat.

Also was kein Fehler war, sondern wirklich... Ja, was so den Stein irgendwie so ein bisschen ins Rollen gebracht hat, könnte man sagen. Und womit man ja auch irgendwie nochmal den Fokus auf die Menschen in Laboren lenkt, die ja quasi so diese unliebsamen Arbeiten machen. Also ich weiß nicht, es gibt ja auch irgendwelche Experimente, da musst du halt den ganzen Tag pipettieren oder.

Irgendwelche anderen Sachen machen, die halt wirklich wie so Fließband-Computerarbeit sind, die aber dann halt aufgrund fehlender Technik oder weil es einfach nur ein Mensch machen kann, ja eben ein Mensch übernehmen muss. Und deswegen ist es ja umso beeindruckender, dass Rosemary in diesem ganzen, Wust aus Spuren von Teilchen dann eben das eine Teilchen da identifizieren konnte, was da diese Evolution in der Physik angestoßen hat.

Ich finde das nochmal ein guter Reminder, auch auf wirklich so kleine Details zu achten, die eigentlich nicht ins bestehende Bild passen und die dann so wichtig sein können. Also die nicht abzutun als passt nicht, ist ein Fehler oder so, sondern genau die zu schätzen und eigentlich ja nach denen zu suchen, finde ich auch so ein schönes Bild fürs Leben.

Ja, stimmt. Ja, und auch daran festzuhalten, zu sagen, nee, hier ist irgendwie was nicht, entspricht nicht ganz der Norm. Da müsst ihr noch mal genauer hingucken. Und nicht zu sagen, ach komm, ich ignoriere das einfach mal. Das könnte wichtig sein. Ja, wird schon nicht sein, genau. Ja, schaut euch unbedingt mal das Foto von ihr an, als sie da die Doktorwürde 2024 erhalten hat.

Man sieht eine Frau, die wirklich, also sie sieht. Sie sitzt da irgendwie mit geradem Rücken, so ganz würdevoll, finde ich. Und in ihren Augen sieht man, dass sie wirklich schon vieles erlebt und gesehen hat. Aber da ist auch so eine gewisse Ruhe in ihrem Blick, finde ich, weil sie, glaube ich, einfach so mit dem, wie sie ihr Leben geführt hat, zufrieden ist und damit irgendwie gut gefahren ist.

Das, finde ich, ist ja auch mal eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden, sollte. Wir erzählen ja häufig dann die Geschichten, wo Menschen irgendwie dann bereut haben. Aber in dem Fall war das nicht so. Und sie sagt halt selber so ein bisschen, ja, das wäre ja nur so ein kleiner Baustein, den ich geliefert habe.

Aber vielleicht war es doch etwas mehr. Wir haben ihr auf jeden Fall einmal die Bühne gegeben. Wir verlinken euch das Foto. Und wenn ihr Lust habt, gebt uns doch super gerne noch eine positive Bewertung auf der Plattform, auf der ihr den Podcast hört. Oder lasst einen Kommentar da, was ihr über die Folge denkt.

Und ja, vergesst nicht, den Podcast zu abonnieren, damit ihr in zwei Wochen auch wieder die neue Folge Behind Science hören könnt. Ja, genau. Wir hören uns ja jetzt immer zwei wöchentlich. Dann könnt ihr euch schon darauf freuen, da sind wir wieder für euch da. Auf jeden Fall. Bis dahin, macht's euch schön und tschüss. Tschüss.

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