
Migräne-Expertin: Was Sie über Diagnose, Trigger & die neuesten Behandlungen wissen müssen
Montag, 8. Juni 2026 · 1 h 00
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Shownotes
900.000 Menschen in Deutschland leiden täglich unter einer Migräneattacke – dennoch wird die Erkrankung oft unterschätzt – und häufig falsch behandelt.
Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee, Leiterin des größten Kopfschmerzzentrums Deutschlands und selbst betroffen, erklärt, was Migräne wirklich ist und welche modernen Therapien heute zur Verfügung stehen.
In dieser Episode:
Was passiert im Gehirn bei einer Migräneattacke? Neurogene Entzündungen, CGRP, Nervus Trigeminus – Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit.
Warum bleibt die Erkrankung oft unerkannt? Viele Betroffene wissen nicht, dass sie Migräne haben. Die Dunkelziffer ist hoch – oft werden Attacken fälschlicherweise für Spannungskopfschmerz gehalten.
Was hilft wirklich? CGRP-Antikörper („Migränespritze“) und Botox haben als eine evidenzbasierte Prophylaxe die Migränebehandlung revolutioniert. Neuromodulation, Sport und Nahrungsergänzung – in vielen Fällen eine wertvolle Therapieergänzung.
Die wichtigsten Entwicklungen in der aktuellen Forschung? Die Wirkstoffklasse der PACAP-Antagonisten stellt einen vielversprechenden neuen Ansatz in der Migräneprophylaxe dar.
Hormone, Genetik, Kinder: Menstruelle Migräne, Schwangerschaft, Menopause – Frauen sind stärker betroffen. Und: Migräne ist zu einem sehr großen Teil vererbbar.
Die Neurologin Dagny Holle-Lee spricht im ERCM Medizin Podcast über ein Versorgungsproblem mit Ansage: Nur ein Bruchteil der Patientinnen und Patienten, die eine Prophylaxe bräuchten, erhält diese. Auch wird die Erkrankung stärker stigmatisiert als etwa Demenz oder Parkinson – 91% der Migränebetroffenen berichten davon. Das zeigt, warum Aufklärung so entscheidend ist. Für Betroffene, Angehörige und alle, die im Gesundheitswesen tätig sind.
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Buch "Migräne Doc"
Über das ERCM:
Im Europäischen Radiochirurgie Centrum München (ERCM) setzen wir seit über 20 Jahren auf präzise Tumortherapien: hochmoderne Radiochirurgie und innovative Medizintechnologien zur gezielten und schonenden Behandlung verschiedener Tumoren – gutartige Neubildungen ebenso wie schwere Krebserkrankungen. Jahr für Jahr schenken uns mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten ihr Vertrauen auf dem Weg zu einer individuell abgestimmten Therapie. Unser Ziel: Personalisierte, präzise und vor allem patientenzentrierte Behandlungen, die auf eine effektive und nebenwirkungsarme Therapie bei guter Lebensqualität fokussieren.
Chapters
• Intro
• Der Weg zur Migräne-Spezialisierung: Vom Zufall zur Berufung
• Social Media und Aufklärung: Warum eine Professorin auf Instagram geht
• Was passiert im Gehirn bei Migräne? Die Wissenschaft hinter den Attacken
• Migräne oder Spannungskopfschmerz? Die wichtige Unterscheidung
• 48 Subtypen und chronische Migräne: Klassifikation und Diagnose
• Trigger-Mythen entlarvt: Schokolade, Wetter und Hormone
• Genetik und Kinder: Vererbung und frühe Diagnose
• CGRP-Antikörper: Der Durchbruch in der Migräne-Therapie
• Botox gegen Migräne: 31 Injektionen alle drei Monate
• PACAP-Antagonisten und die Zukunft: Was kommt nach CGRP?
• Neuromodulation, Apps und digitale Helfer: Alternative Therapieansätze
• Sport, Nahrungsergänzung und Lebensstil: Was wirklich hilft
• Stigmatisierung und psychische Belastung: Das unterschätzte Problem
• Unterversorgung und Zukunftsaussichten: Der Weg zu besserer Behandlung
• Persönliche Einblicke: Leben mit Migräne als Ärztin und Betroffene
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Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Jeden Tag leiden etwa 900.000 Menschen in Deutschland akut an einer Migräneattacke. Was passiert im Gehirn denn genau bei einer Migräneattacke? Ganz wichtig ist immer, dass man versteht, dass die Migräne das ganze Gehirn betrifft. Deswegen sind die Symptome auch so vielfältig. Was wir häufig nicht verstehen, ist, warum die Migräne losgeht.
Professor Dagny Holle-Lee gehört zu den führenden Migräne-Expertinnen Europas. Als Leiterin des größten Kopfschmerzzentrums Deutschlands behandelt sie jedes Jahr tausende Betroffene und forscht an neuen Therapien für eine Erkrankung, die oft unterschätzt wird. Wie unterscheide ich Spannungskopfschmerz und Migränekopfschmerz?
Also es gibt mittlerweile in der wissenschaftlichen Community sogar die Diskussion, ob es Spannungskopfschmerz überhaupt gibt. Es ist so, dass das, was viele für einen Spannungskopfschmerz halten, das ist schon eine Migräne. Und jetzt wird natürlich immer über die sogenannten Trigger gesprochen. Zum Beispiel wird ja gesagt, dass bestimmte Lebensmittel Migräne auslösen können.
Dieser Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Migräne wird maßlos überschätzt. Okay, also jetzt muss man mal überlegen, was kann ich denn dann tun? Sie forschen ja an diesen sogenannten CGRP-basierten Therapien. Was hat sich da die letzten zehn Jahre getan? Wir hatten vorher einfach Substanzen, sowas wie Antidepressiva, wo wir durch Zufall herausgefunden haben, dass sie helfen.
Und jetzt haben wir eine spezifische Therapie. Viele sind ja verzweifelt und sagen, okay, ich habe jetzt alles Mögliche probiert und trotzdem ist meine Migräne nicht besser geworden und ich leide unheimlich darunter. Was raten Sie diesen Menschen? Ja, also... Frau Hollely, eine Zahl hat mich in der Vorbereitung besonders erschreckt.
Jeden Tag leiden etwa 900.000 Menschen in Deutschland akut an einer Migräneattacke. 15 Prozent der Frauen, 6 Prozent der Männer. Sie leiten selber das größte Kopfschmerzzentrum in Deutschland. Ich glaube, das zweitgrößte in Europa. Und Sie selber, wie Sie offen sagen, sind auch Migräne-Betroffene. Was war für Sie ursprünglich der Grund, sich auf dieses Thema zu spezialisieren?
Ja, man könnte jetzt denken, weil ich selber darunter leide. Aber ehrlicherweise bin ich da so ein bisschen durch Zufall reingerutscht, wie das ja so manchmal in der Wissenschaft ist. Ich habe in Essen angefangen zu arbeiten und mein alter Chef hier, Professor Diener, war eine absolute Kapazität in diesem Bereich, hatte hier das Kopfschmerzzentrum schon gegründet und da bin ich als junge Assistentin rein rotiert und es hat sich für mich wirklich eine ganz neue Welt ergeben.
Ich habe plötzlich gesehen, dass das ein unglaublich spannendes und vielfältiges Krankheitsbild ist und habe natürlich dann auch guten Zugang dazu gehabt, weil ich einfach Symptome nachvollziehen konnte, die ich eben auch selber hatte. Aber ich habe gesehen, dass das eine super schöne Art von Medizin ist, weil es vor allem eine sprechende Medizin ist und man ganz viel noch so wie eben alte Neurologie funktioniert über Symptome und gute Anamnese, gute Untersuchungen einfach rausfinden kann.
Und da bin ich dann einfach irgendwie reingerutscht. Sie haben jetzt gerade, ich glaube, Ihr viertes oder fünftes Buch publiziert, Migräne-Doc. Sie haben auf Instagram über 68.000 Follower, was eher ungewöhnlich ist für eine Universitätsprofessorin. Was treibt Sie jetzt an, Bücher zu schreiben für Betroffene, also keine Fachbücher oder keine wissenschaftlichen Publikationen alleinig, sondern dass Sie so mit dem Thema auch rausgehen, auch auf Social Media gehen und darüber berichten.
Naja, also Sie haben ja gerade gesagt, wie viele Menschen darunter leiden, Migräne zu haben. Und wir sind jetzt in Essen hier das größte Zentrum in Deutschland, sehen mehrere tausend Patienten pro Jahr. Aber das ist überhaupt nichts im Vergleich zu den ganz vielen, die darunter leiden. Und man kann ganz viel, ganz super gute Medizin schon machen.
ohne dass man in so ein Zentrum kommt, aber die wird eben nicht gemacht. Und ich habe gesehen, ich erzähle jeden Tag das Gleiche, ich fahre zu den Vorträgen, ich bilde Hausärztin, Hausärzt aus, aber irgendwie kommt man nicht weiter. Und dann habe ich überlegt, wie kommt man denn in die Breite? Und die Erkenntnis war, es klappt nicht so besonders gut über die Ärzteseite.
Wir schaffen das einfach gar nicht, das so in die Breite zu bekommen. Aber was sehr gut funktioniert bei Migräne, weil das eben einfach junge und gesunde Menschen einfach sind, die ja sowieso auf Social Media sind, ist eben über die Patientenseite zu kommen. Also die Betroffenen wirklich zu Experten in ihrer eigenen Erkrankung zu machen.
Und die Erfahrung ist, wenn sich die Betroffenen selber gut auskennen, dann suchen die sich auch die Ärzte, die Ärztinnen, die sie unterstützen. Und dann funktioniert das mit der Therapie einfach deutlich besser. Das ist eine sehr ähnliche Erfahrung, wie wir es hier im ERCM gemacht haben. Wenn man in so einem Nischenbereich ist, dann ist es, glaube ich, umso wichtiger, dass man rausgeht, weil man braucht nicht glauben, dass dann die anderen Ärzte unbedingt über das Thema sprechen oder einen auch empfehlen, sondern es ist unheimlich wichtig, heutzutage einfach raus in die Medienwelt zu gehen und dort zu kommunizieren.
Und man muss ja auch sagen, die Möglichkeiten sind dafür so gut wie noch nie. Also vor fünf, sechs, sieben Jahren gab es das ja in der Art noch gar nicht. Bei mir nur ganz kurz, ich weiß nicht, vor ungefähr so vor sechs, sieben Jahren hatte ich eine Patientin aus London und dann sagt die, ja, ich habe sie gar nicht gefunden im Internet.
Da habe ich gesagt, doch, doch, wir haben eine Webpage, wir haben doch alles. Dann sagt sie, nein, auf Instagram. Dann sage ich, auf Instagram? Also wieso denn? seriöse Medizin, was soll denn auf Instagram? Ja, sie informiert sich nur noch auf Instagram. Und da habe ich das zum ersten Mal gecheckt, dass das offensichtlich wirklich ein Kanal ist, wo man auch, wenn man es richtig darstellt, die Leute sehr gut erreichen kann.
Ja, ich finde das ganz wichtig, weil viele, ich wollte es nicht unterbrechen, aber es ist für mich auch so, häufig wird einem ja gesagt, Instagram ist unseriös. Aber das Medium an sich ist nicht unseriös, sondern einfach ein Teil der Informationen, die da verbreitet werden. das unseriös. Und ich glaube, es ist total wichtig, dass sich auch seriöse Ärztinnen und Ärzte da engagieren, um einfach auch ein Gegengewicht zu machen, weil sonst überlässt man einfach das Narrativ denen, die da unseriöse Machenschaften betreiben.
Ja, 100 Prozent. Es gibt ja so viele Hobbymediziner und sogenannte Influencer, die dann da die tollen Ratschläge verteilen und die Leute glauben das halt leider dann auch oft. Und dann werden falsche Medikamente genommen, wenn falsche Tipps rasend schnell irgendwo verbreitet. Insofern bin ich 100 Prozent Ihrer Meinung, dass man sich da als Experte auf keinen Fall verstecken darf.
Ganz im Gegenteil, man muss eigentlich besonders auftreten, um da einfach seinen Standpunkt klar zu machen. Bevor wir jetzt näher in Therapie einsteigen, die Frage vieler Leute ist ja, habe ich wirklich Migräne oder habe ich nur normale Kopfschmerzen? Was passiert vielleicht erstmal fürs Verständnis im Gehirn denn genau bei einer Migräneattacke?
Ja, also so ganz genau weiß man das heute auch noch nicht. Aber heute ist die Hypothese dazu, dass es zu einer sogenannten neurogenen Entzündung kommt. Das heißt, dass bestimmte Botenstoffe unter anderem Calcitonin-Gene-Related-Peptide, also CGRP, ausgeschüttet wird. Sowohl zentral, also zum Beispiel in den Kerngebieten vom Nervus Trigeminus, aber vor allem auch an den Hirnhäuten, weil das sind ja die Strukturen, die dann wehtun.
Und ganz wichtig ist immer, dass man versteht, dass die Migräne das ganze Gehirn betrifft, also nicht nur eine Struktur, nicht nur den Nervus Trigeminus, sondern der Hypothalamus, Thalamus, kortikale Gebiete sind mit beteiligt und deswegen sind die Symptome auch so vielfältig. Was wir häufig nicht verstehen, ist, warum die Migräne losgeht, also was den Anstoß sozusagen bringt, dass diese Entzündungsreaktion startet.
Aber dass diese Entzündungsreaktion stattfindet, das kann man mittlerweile zumindest im Labor auch nachweisen. Von welchen Zellen wird das denn dann ausgeschüttet, wenn ich da mal Zwischenfragen mache? In allen möglichen. Also es ist gar nicht sozusagen auf eine Zellgruppe berichtig, die darauf spezialisiert sind, sondern das ist wirklich etwas, was ubiquitär, also überall im Gehirn stattfindet und aus verschiedensten Zellen freigesetzt wird.
Und das ist sozusagen das, was man im Augenblick als Korrelat der Migräne ansieht. Früher dachte man, dass es vor allem ein Gefäßproblem ist. Das scheint aber eher so ein Mitphänomen zu sein. Und das erklärt natürlich ganz klar dann auch, warum das so schwer ist, die Erkrankung zu fassen. Weil wenn Sie sagen, das wird von unterschiedlichsten Zellen ausgestüttet, also wenn das über die Meningen, also über die Hirnhäute läuft und über die Hirnzellen selber, also gewisse Neurone oder Astrozyten, was wir alle so haben.
Das heißt, ich kann das gar nicht wirklich enger fassen oder auf ein Gebiet reduzieren oder eine Zellart reduzieren. Aus sämtlichen Strukturen im Hirnbereich kann das ausgeschüttet werden. Genau, also wenn man sich das auch anguckt, wo die Rezeptoren sind und die Zellen, die das CGRP ausschütten oder andere Entzündungsbotenstoffe auch, dann ist das wirklich übers gesamte Gehirn verteilt.
Da haben wir ein großes und kleines Hirn, Hypothalamus und so weiter Strukturen, die da einfach eine Rolle spielen. Und es ist wahrscheinlich noch komplizierter, weil es nicht so sein wird, dass die eine Migräne genauso ist wie die andere Migräne, sondern dass sich da dann auch unterschiedliche Bilder nochmal zeigen werden, dass unterschiedliche Entzündungsmoleküle eine Rolle spielen, dass unterschiedliche Strukturen eine größere oder kleinere Rolle spielen.
Das sieht man schon auch in der Klinik, weil manche haben mehr Lichtempfindlichkeit, manche haben gar keine Lichtempfindlichkeit. Andere müssen sich übergeben, andere haben Schwindel. Also das Spektrum ist einfach sehr groß. Kann ich das mit Bildgebung sichtbar machen? Kann ich sowas zum Beispiel PET-CT-Bildgebung oder so sehen bei einer Migräneattacke, dass gewisse Botenstoffe ausgeschüttet werden?
Oder kann ich das nicht darstellen? Nicht wirklich. Also es gibt Bildgebungsstudien, aber vor allem funktionelles MRT. Wobei das natürlich immer artifiziell ist, weil man muss dann ja irgendeinen Reiz applizieren, damit man überhaupt ein funktionelles Bild erzeugen kann. Man kann nicht einfach gut die Ruheaktivität sozusagen darstellen.
Und da sieht man schon, dass ein Migräne-Gehirn anders reagiert als in Anführungsstrichen ein normales Gehirn. Und dass sich auch die Reaktion des Gehirns, und das macht es auch nochmal komplizierter, verändert. Je nachdem, wie nah man an der nächsten Migräne-Attacke dran ist. Das heißt, es ist noch nicht mal so, dass man immer das Gleiche sieht, sondern wenn man zwei Tage vor der Migräneattacke ist, sieht es anders aus als zwei Tage danach.
Und das macht auch immer die Auswertung von solchen Studien natürlich sehr schwierig, weil man eigentlich die Leute die Woche davor und die Woche danach nochmal untersuchen muss, damit man wirklich nicht verpasst, an welchem Zeitpunkt man sich gerade befindet. Als Neurochirurg interessiert mich natürlich auch, Also verändern sich damit vielleicht auch Hirnstrukturen?
Sieht ein Migränehirn anatomisch anders aus? Ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber kommt mir jetzt sogar die Frage. Ja, auch da ist es wieder so, beim Einzelgehirn sieht man nichts. Also man kann nicht einen Patienten ins MRT legen und dann sagen, ah klar, das ist eine Migräne. Es ist so, dass es Gruppenvergleiche gibt und da sieht man zumindest bei chronischer Migräne eine Abnahme an grauer Substanz, so wie man sie immer sieht generell bei chronischen Schmerzerkrankungen.
Was man häufiger sieht bei Migräne sind sogenannte White Matter Lesions, also weiße Punkte, wobei wir nicht wissen, was die bedeuten. Also es gibt so ein bisschen Langzeitverläufe, das scheint aber nicht ein klarer kardiovaskulärer Risikofaktor oder sowas zu sein. Aber das ist etwas, was man gehäufter sieht.
Aber wenn man keine davon sieht, heißt es auch nicht, dass es keine Migräne ist. Also wie bei MS zum Beispiel, Migräne, also MS-Plax. Genau, das sieht ähnlich aus, aber nicht gleich. Die Stellen sind so ein bisschen anders. Ist aber häufig eine Differenzialdiagnose, weil junge Frau und dann wird das Bild gemacht, dann sieht man die weißen Flecken und dann wird natürlich als Differenzialdiagnose auch Multiple Sklerose untersucht.
Vielleicht noch mal ganz kurz einen Schritt zurück. nochmal Differenzierung Migräne und Spannungskopfschmerzen. Spannungskopfschmerzen hat ja jeder mal, der eine mehr, der andere weniger. Jetzt für den Laien, wie unterscheide ich auch vielleicht schwerere Phasen mit Spannungskopfschmerz und Migränekopfschmerz?
Ja, also es gibt mittlerweile in der wissenschaftlichen Community sogar die Diskussion, ob es Spannungskopfschmerz überhaupt gibt. Also es ist so, dass das, was viele für einen Spannungskopfschmerz halten, Also so dieses, jetzt habe ich diesen nervigen Spannungskopfschmerz, das ist schon eine Migräne.
Also die Trennlinie sozusagen zwischen Spannungskopfschmerz und Migräne wäre, dass der Spannungskopfschmerz wirklich gar keine Beeinträchtigung verursacht. verursacht. Also man denkt nicht drüber nach, ob man einen Termin absagt, man denkt nicht drüber nach, ob man eine Tablette deswegen einnimmt. Das ist etwas, was man schon wieder vergessen hat, wenn man die Tür rausgegangen ist und irgendwie an der frischen Luft ist.
Das ist nichts, was den Alltag wirklich beeinträchtigt. Das ist auch nichts, womit man zum Hausarzt geht oder sich um einen Termin in irgendeinem tertialen Zentrum bemüht. Also wenn irgendwie eine Art des Leidensdrucks entsteht, dann ist es meistens eine Migräne. Also das ist ja interessant. Also es könnte sein, dass der althergebrachte Spannungskopfschmerz eine Unterform von Migräne ist, wenn ich Sie richtig verstehe.
Ja, also ich würde es dann gar nicht mehr Spannungskopfschmerz nennen, sondern es ist eben so, dass viele, die eine leichte Migräne haben, gar nicht wissen, dass es eine Migräne ist. Weil natürlich in unseren Köpfen dieses Bild drin ist, man muss im Bett liegen und es muss alles dunkel sein und man kann nicht am Alltag teilnehmen.
Aber das gilt ja für die Mehrzahl der Betroffenen gilt das gar nicht, sondern die gehen damit arbeiten und die kümmern sich trotzdem um ihre Familien und die nehmen dann vielleicht ein Ibuprofen und funktionieren halt irgendwie wieder. Das ist aber trotzdem dann eine Form der Migräne. Ich habe gelesen, es gibt 48 Subtypen von Migräne.
Das erscheint mir sehr viel. Wie muss man sich das denn vorstellen? Ach ja, Sie wissen ja, Neurologen sind ein bisschen zwanghaft. Machen gerne Klassifikationen. Machen sehr gerne Klassifikationen. Und es ist natürlich so, bei einer Erkrankung wie der Migräne, wo wir keinen Biomarker haben und wo wir eben kein MRT machen können, müssen wir es klinisch beschreiben.
Und je nachdem, wie kleinschrittig man da wird, desto mehr Subtypen kann man machen. Ich bin da gar nicht Fan von, das zu kleinteilig aufzudröseln. Und ich mag das mehr, wenn wir das große Ganze sehen und dann eben sagen, das ist jemand mit Migräne und der hat aber vor allem Lichtempfindlichkeit. Da muss man nicht einen Subtyp draus machen, sondern kann man das auch als das Gesamtbild lassen.
Vor allem, weil es im Augenblick für die Therapie zum Beispiel gar nichts ändert, wo man das jetzt einsortiert. Jetzt sagen Sie, man kann schon heutzutage schwer differenzieren zwischen normalen Kopfschmerzen und Migräne. Kann man denn sagen, wann habe ich chronische Migräne oder wann habe ich nur gelegentlich mal Kopfschmerzen?
Gibt es da eine klare Zeichnung? Das ist jetzt eindeutig die medizinische Diagnose chronische Migräne. Wie ist denn das definiert? Genau, also das ist definiert über die Anzahl der Kopfschmerztage. Das ist relativ einfach, wenn man 15 Kopfschmerztage im Monat hat und davon acht, wir sagen mal die Migräne-Kriterien erfüllt, das heißt ein bisschen Licht-Lärm-Empfindlichkeit oder dass es auf so ein Triptan, so ein spezielles Migräne-Mittel anspricht, dann wäre das eine chronische Migräne.
Es reicht nicht, 30 Jahre Migräne zu haben, dann heißt es nicht, dass man eine chronische Migräne hat, sondern es geht über die Anzahl der Kopfschmerztage pro Monat und das muss man drei Monate gehabt haben und dann ist man chronisch. Wie viele Tage pro Monat muss ich das dann haben? Drei Monate. Drei Monate, aber wie viele Attacken im Monat?
Es geht nur um die Anzahl der Kopfschmerztage. Sie können die 15 Kopfschmerztage auf drei Attacken sich aufteilen. Sie können 15 Attacken haben. Das ist nicht so wichtig. Die einzelne Attacke dauert zwischen vier und 72 Stunden. Und wie Sie die sozusagen zusammenschnurpseln, ist für das Endergebnis egal.
Okay. Das sind so ein bisschen die Basics und jetzt wird natürlich bei Migräne ganz viel immer über die sogenannten Trigger gesprochen. Also da gibt es ja unterschiedlichste Wahrheiten oder vielleicht Unwahrheiten, wo man glaube ich ein bisschen aufräumen müssen. Zum Beispiel wird ja gesagt, dass bestimmte Lebensmittel Migräne auslösen können.
Ist das was, was evidence-based ist, was in der Forschung gesichert ist? Gibt es tatsächlich Lebensmittel, wo man sagen kann, die sind eindeutig bei Einnahme mit Migräne korreliert? Oder ist das nicht so scharf getrennt? Also dieser Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Migräne wird maßlos überschätzt.
Wichtig ist immer, es ist sowieso nicht für jeden gleich, sondern es ist individuell Es gibt Lebensmittel, für die gibt es einen Zusammenhang Das ist zum Beispiel Alkohol, häufig zum Beispiel Rotwein Da reagieren viele, aber auch nicht alle Es ist nicht immer, dass es sein muss Und sonst, ehrlicherweise, ist das meiste eben gar kein Trigger Früher dachte man, Schokolade ist so ein klassischer Trigger Heute weiß man, der Heißhunger auf Schokolade ist schon ein Symptom der Migräne Das hat damit gar nichts zu tun.
Ansonsten stimmt das meiste, was so vermutet wird, für Lebensmittel nicht. Letztlich muss man ja sagen, wäre das ja total einfach, wenn ich wüsste, es sind die Tomaten, dann lasse ich die halt weg. Also das wäre ja ein einfacher Schritt. Aber so ist es eben nicht. sondern die meisten haben dann ganz konfuse Ideen dazu, wie das eben zusammenhängt was ich immer empfehle in der Praxis ist, wenn man wirklich das Gefühl hat es ist der Knoblauch dann einfach mal drei Monate weglassen und gucken was passiert und dann aber auch wieder normal essen, wenn man feststellt, es hat überhaupt gar keinen Zusammenhang Okay, viele sagen ja auch ich bin wetterfühlig und ganz klar im Wetterumschwung kriege ich Migräne
das hört man ja ständig Ist das gesichert oder ist das auch eher ein Mythos? Nee, das ist schon gesichert, wobei es auch hier wieder so ist, es gibt nicht so diesen eindeutigen Wetterzustand, wo alle Migräne bekommen. Aber individuell ist es häufig gleich. Also dass manche von Hochdruck auf Tiefdruckgebiet oder Tiefdruck auf Hochdruck oder wenn das Wetter schnell schön wird oder was auch immer reagieren.
Ich finde es nur wichtig, dass man sich darauf nicht zu sehr fixiert, weil es gibt ja Leute, die gucken dann in den Wetterbericht Und dann sagen sie, ja, da kriege ich auf jeden Fall Migräne und dann ist das wie so eine self-fulfilling prophecy. Dann redet man sich das schon. Aber Wetter und Migräne ist häufig ein Zusammenhang.
Wie ist das bei der sogenannten menstruellen Migräne bei Frauen zwischen 30 und 50? Das scheint ja auch ein großer Aspekt zu sein. Das ist ja auch was, was glaube ich auch in Ihrem Buch beschrieben ist. Was passiert denn da genau? Offensichtlich ist es ja eine Hormon-Assoziation. Was passiert da? Weiß man das, was da im Körper genau passiert?
Und was können denn die Betroffenen da vielleicht auch als relativ einfache Maßnahme dagegen tun? Ja, also worauf die Migräne sehr empfindlich reagiert ist, wenn Hormone, vor allem Geschlechtshormone, vor allem Östrogen zum Beispiel, stark schwankt. Und mit der Menstruation kommt es ja zum Östrogenabfall, sodass vermutet wird, dass das einen Einfluss haben kann.
Aber auch diese Sachen sind noch nicht 100% gesichert. Aber was man immer weiß, ist, wenn die Hormone einfach anfangen durcheinander zu gehen, also Pubertät, Wechseljahre, Menstruation, Endometriose, das ist immer ein starker Trigger für die Migräne. Wenn es eine menstruelle Migräne ist, kann man versuchen, dass man mit einem Hormonpräparat, also einer Antibabypille, versucht, diese Hormonschwankungen auszugleichen.
Also es gibt ja Präparate, die man ohne Pillenpause einnehmen kann, sodass es dann eben nicht zu dieser Abbruchblutung kommt. Damit fahren einige Frauen ganz gut. Manche haben dann trotzdem an der Stelle, wo die Migräne kommen sollte oder die Menstruation kommen sollte, Migräne. Das muss man individuell ausprobieren.
Es ist leider nicht so einfach, dass man einfach nur die Hormone ausgleicht und dann ist es alles in Ordnung. Wo das häufig sehr gut klappt, ist zum Beispiel in der Schwangerschaft. Da haben Frauen einen sehr hohen Östrogenspiegel, aber sehr stabil und da sind die meisten beschwerdefrei. Interessant.
Ich habe jetzt gerade hier in der Mittagspause mit einer Mitarbeiterin gesprochen, die auch relativ stark an Migräne leidet. Sie hat zwei kleine Kinder und hat gesagt, ich soll sie fragen, ist Migräne vererbbar? Gibt es da Hinweise? Leider schon. Ja, und wirklich ein ganz großer genetischer Faktor. Also wenn beide Eltern unter Migräne leiden, dann fast 100 Prozent.
und wenn ein Elternteil darunter leidet, so fast 50 Prozent. Also die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr groß. Und man muss sagen, man erkennt es früher, wenn man selber Migräne hat. Das sehe ich in der Sprechstunde immer. Also die, die selber Migräne haben, erkennen das dann bei ihren Kindern auch früher.
Ich habe eine große Kindersprechstunde und da ist halt häufig die Erkenntnis, dass Migräne so im Kindesalter noch schlechter diagnostiziert wird als im Erwachsenenalter. Da wird ganz häufig gedacht, ach, das ist eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder mein Kind hat ständig Infekte oder ständig Bauchschmerzen, ohne dass man so einen richtigen Grund findet.
Und wenn man genauer guckt, ist das dann ganz häufig eben eine Migräne. Das ist natürlich dann für junge Menschen auch ganz besonders schlimm, weil die ja in der Ausbildung sind, also jetzt in der Schule oder wenn ich in der Ausbildung bin. Heutzutage mit Ausbildungsplätzen ist es auch nicht immer so einfach.
Wenn ich dann natürlich wegen Migräne in zwei, drei Monaten mehrfach fehle, dann kriege ich ja auch vielleicht Stress. Und das wird ja wahrscheinlich nicht gerade förderlich sein. Ist das dann so ein Kreislauf, wo ich schon so Angst habe nach dem Motto, hoffentlich bekomme ich jetzt im nächsten Monat nicht wieder Migräne, weil dann falle ich ja auch wieder aus.
Einmal habe ich wahnsinnige Kopfschmerzen, zum anderen, was sagt mein Arbeitgeber? Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Thema ist, oder? Das ist ein Riesenthema, genau. Und es ist natürlich auch so, dass gerade bei Kindern und Jugendlichen das dann häufig trotzdem nicht richtig ernst genommen wird.
Also ich erlebe das häufig, dass dann gesagt wird, ah, das ist jetzt Schulverweigerung, die haben einfach keine Lust, da hinzugehen oder der gefällt die Ausbildung nicht und deswegen fehlt die jetzt immer montags. und das macht die Situation natürlich noch schlechter, wenn die Betroffenen dann nicht ernst genommen werden und natürlich ist die Behandlung von den jungen Menschen häufig auch schlecht, also weil es noch weniger Spezialisten eben für Kinder und Jugendliche mit Migräne gibt, als es schon für die Erwachsenen gibt.
Aber die Kinder dürften theoretisch auch zu Ihnen gehen, oder Sie haben es ja vorhin gesagt, Sie haben sowas wie eine Kindersprechstunde extra dediziert, oder? Ja, also eigentlich, ja. Gibt es das nur an großen Kliniken oder gibt es sowas auch ambulant? Es gibt wirklich ganz wenige, die sich mit Kindern beschäftigen.
Es gibt in Dresden ein großes Kinder-Kopfschmerzzentrum. Es gibt in Stuttgart auch eine sehr gute Klinik. Aber das ist wirklich nur an wenigen Zentren leider so. Es ist so, dass die Pädiater sich nicht so für Kopfschmerz häufig interessieren, interessieren, obwohl es häufig ist. Und die erwachsenen Neurologen wiederum sagen, naja, Kinder sind auch nicht erwachsen, müssen warten, bis sie 18 sind.
Nimmt das eigentlich zu bei den Jugendlichen? Kann man das sagen? Die letzten 20 Jahre haben wir da eine Zunahme? Von den Daten sieht das so aus, als würde das zunehmen. Gibt auch Daten, dass Bildschirmzeit Kopfschmerzen verschlechtert, Migräne verschlechtert. Es ist immer so ein bisschen schwierig zu sagen, weil auch die Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild zunimmt und dann nimmt natürlich auch die Diagnosezahl zu, ob es dann wirklich um absolute Zahlen geht, die zunehmen, aber man hat schon den Eindruck, dass es mehr Kinder und Jugendliche gibt, die betroffen sind.
Erwachsene auch oder ist es eher im Kinder- und Jugendalter ein Thema der Zunahme? Im Erwachsenenalter ist es relativ stabil, muss man sagen und interessanterweise auch über viele Kulturen hinweg stabil. Also Also da sind die Zahlen jetzt nicht unbedingt zunehmend. Okay, also jetzt muss man mal überlegen, was kann ich denn dann tun?
Sie arbeiten ja oder forschen ja an diesen sogenannten CGRP-basierten Therapien mit auch führenden Wissenschaftlern weltweit. Wenn Sie es mal so jetzt zu Beginn ganz einfach in einem Satz beschreiben müssten, was hat sich da die letzten zehn Jahre getan? Wir haben zum ersten Mal eine wirklich pathophysiologisch begründete Therapieform, also mit den CGRP-Antikörpern.
Wir hatten vorher einfach Substanzen, sowas wie Antidepressiva, wo wir durch Zufall herausgefunden haben, dass sie helfen. Und jetzt haben wir eine spezifische Therapie. Das ist sicherlich der große Fortschritt der letzten zehn Jahre. Also es gibt sowas jetzt wie eine Migräne-Spritze. Und ganz allgemein, für wen ist die jetzt geeignet?
Und wenn ich dann Kandidat oder Kandidatin bin, kriege ich das dann ohne weiteres verschrieben? Oder wie ist da so der normale Prozess heutzutage? Also geeignet ist, wenn man einen Leidensdruck durch die Migräne hat. Zugelassen ist sie ab vier Migräne-Tagen pro Monat. und man muss vorher, damit die gesetzliche Krankenkasse sie bezahlt, mindestens eine, wir sagen nicht spezifische Prophylaxe ausprobiert haben.
Also sowas wie ein Antidepressivum oder ein Beta-Blocker muss man vorher ausprobiert haben. Also tendenziell für die schwerer betroffenen Patienten. Wenn man nur zweimal im Jahr eine Migräne hat, dann lohnt das natürlich nicht, so eine Migräne-Spritze einzusetzen. Und das ist dann was, was ich akut nehme?
Nee, das ist eine Prophylaxe. Das heißt, das ist etwas, was man einmal im Monat spritzt oder alle drei Monate spritzt oder alle drei Monate intravenös bekommt. Aber sonst eine klassische Prophylaxe, also eine vorbeugende Medikation. Okay. Und wenn meine Kasse nicht zahlt, kann ich mir das leisten oder ist es sehr, sehr teuer?
Teuer ist ja immer eine Frage der Relation, aber es ist schon teuer. Also der Preiswerteste ist im Augenblick bei 300 ungefähr pro Monat. Gut, ist viel, aber ist jetzt irgendwo in den meisten Fällen dann noch irgendwie machbar, wenn jetzt ein extremer Leidensdruck da ist. Aber normalerweise zahlt das die Krankenkasse.
Also das ist eigentlich normalerweise kein Problem, dass die Krankenkasse da auch die Kosten übernimmt. Jetzt gibt es das Eptinezumab, also Antikörper als Infusion. Ist auch relativ neu, glaube ich. Für wen ist das geeignet? Ist genau das Gleiche. Ist nur sozusagen die Erstattung, die Substanzen sind relativ ähnlich.
Es gibt einen Antikörper gegen den Rezeptor von diesem CGRP und dann drei. Und dazu zählt auch das Eptinezumab, wo es gegen das Molekül CGRP selber geht. geht und je nachdem wie der Versicherungsstatus ist und wie ein Zentrum aufgestellt ist, ist eine Substanz die präferierte. Aber eigentlich sind die alle gleich gut und das Aptinezumab wäre dann auch etwas, was in diesem Algorithmus kommt, wenn man CGRP-Antikörper einsetzt.
Wie ist da so die Ansprechrate? All over? All over, über alle CGRP-Antikörper ist es so, dass ein Drittel sehr gut anspricht, ein Drittel ganz gut und ein Drittel nicht. Und Und wie ist das Nebenwirkungsprofil? Das muss man sagen, ist sehr gut für die Antikörper. Also das wird extrem, die werden sehr gut vertragen.
Die, die man subkutan gibt, haben so ein bisschen manchmal Reaktionen an der Injektionsstelle, also ein bisschen Rötung oder so, aber normalerweise nicht mehr. Es gibt ein Präparat, wo so ein bisschen mehr Obstipation, Verstopfung auftritt, aber auch nur bei einer kleinen Anzahl der Patienten. Und es gibt selten mal den Fall, dass es Haarausfall macht.
Das ist für Frauen natürlich dann ein Thema, aber sonst irgendwelche schwerwiegende Nebenwirkungen sind bislang nicht aufgetreten. Was immer wichtig ist, ist, auch wenn das Antikörper sind, das klingt ja immer so, als würde es was im Immunsystem machen, das macht es nicht. Also es ist keine Impfung oder so, es ist am Anfang beworben worden und man kann es auch mit anderen Antikörpern zusammengeben.
Also wir haben ja hier auch ein großes MS-Zentrum zum Beispiel und da wird ja viel auch mit Antikörpertherapie gearbeitet. Das ginge durchaus auch zusammen, dass man dann CGRP-Antikörper und eine andere Antikörpertherapie macht. Also es wirkt sehr spezifisch, dadurch macht es wenig Nebenwirkungen und hat eine All-Over-Ansprechrate von zwei Drittel.
Ja, ist ziemlich gut. Das ist doch ganz gut. Haben Sie den Eindruck, das ist allgemein bekannt oder gibt es da noch ein bisschen Aufklärungsbedarf, dass es da wirklich jetzt manifeste therapeutische Optionen gibt? Sehr viel Aufklärungsbedarf noch. Also es gibt immer noch viele Kolleginnen und Kollegen und Patientinnen und Patienten, die sich noch nicht gut auskennen oder das noch gar nicht wissen, dass es überhaupt eine richtige Therapie gibt.
Es ist häufig so für mich, dass der erste große Schritt ist, überhaupt die richtige Diagnose zu stellen. Wenn dann die richtige Diagnose gestellt wird und jemand Leidensdruck hat, dann wird er sich so informieren, dass er auch auf die CGRP-Antikörper oder andere CGRP-basierte Therapien kommt. Aber häufig ist so die erste große Stellschraube, wenn nicht die richtige Diagnose gestellt wird, dann geht natürlich der Rest auch nicht.
Also es ist unheimlich wichtig, dass man da einfach mit sehr kompetenten Ärzten und auch Wissenschaftlern spricht, um da relativ schnell irgendwie auf die richtige Bahn zu kommen. Aber es gibt auch sehr viele, muss man sagen, gar nicht spezialisierte, sehr gute Hausärzte und Hausärzte, die das ganz großartig machen.
Also es ist nicht so schwierig, die Diagnose zu stellen, weil man eigentlich nur eine Anamnese braucht und einmal eine körperliche Untersuchung. Mehr braucht man eigentlich gar nicht. Aber trotzdem, ich verstehe es auch gar nicht richtig, wo sozusagen die Hemmschwelle bei vielen so ist, die die Diagnose zu stellen.
Sie brauchen einfach mehr Follower auf Ihrem Instagram-Kanal. Nicht 68.000, sondern 680.000 und dann wird es vielleicht ein bisschen mehr Publikum. Ja, vielleicht. weil wir wissen, dass das Botox dazu führt, dass auch weniger CGRP freigesetzt wird. Also ganz ähnlicher Wirkmechanismus, aber eben andere Applikationsart.
Doch das ist in Deutschland zugelassen für die chronische Form der Migräne und wird bezahlt, wenn man zwei Vortherapien vorher ausprobiert hatte. Und dann wird das an 31... Aber wo spritzt sich das denn? Das spritzt sich ja unter die... Das spritzt sich ja unter die... Unter die Haut einfach. Unter die Kopfhaut, richtig?
Ja, genau. Aber wie geht das denn an meine intrakraniellen Strukturen? Indem hier überall ja Endäste zum Beispiel hier vorne vom Nervus Trigeminus sind und diese Endäste nehmen das Botox auf und machen retrograden Transport. Und dann gibt es sozusagen einen peripheren Wirkmechanismus, dass an diesen peripheren Nerven weniger Schmerzbotenstoffe, also auch CGRP zum Beispiel, ausgeschüttet wird.
Aber es wird auch nach zentral transportiert und führt dazu, dass weniger CGRP auch zentral freigesetzt wird. Deswegen dauert es so sechs bis acht Tage, bis die volle Wirksamkeit einsetzt. Das heißt, es ist auch eine spezifische Therapie. Und man spritzt das vorne, also frontal, dann an den Schläfen.
Der Trigeminus-Fahndungs-Oberast geht ja hier und bei den Augenbrauen raus. Aber darüber gibt es ja eigentlich keine mehr. Naja doch, weil das ist ja hier alles trotzdem trigeminal versorgt. Das verteilt sich ja. Diese feinen Ästchen nehmen das auf. Und transportieren das dann zu den zentraleren Strukturen.
Und parietal, Hinterkopf, Nacken- und Schulterbereich. Und das sind, wenn man die Basis-Therapie macht, sind das 31 Injektionspunkte. Und wenn das noch nicht ausreicht, gibt es noch Punkte, die man noch zusätzlich spritzen kann. Das wäre dann noch so ein Follow-the-Pain-Konzept. Und diese 31 Punkte, die sind genau definiert?
Die sind genau festgelegt. Das ist das sogenannte Pre-Empt-Schema. Das ist in großen klinischen Studien gezeigt worden, dass das wirksam ist. Es wird wahrscheinlich nicht so sein, dass es, wenn man da ein bisschen zur Seite, wird es wahrscheinlich genauso gut sein. Aber da gibt es eben ein einheitliches Schema mit einer definierten Menge von Botox, die wirksam ist.
Das ist ja sehr interessant. Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute vielleicht sowas noch lieber machen würden als jetzt eine Antikörperinfusion, weil sie vielleicht das Gefühl haben, da wird der ganze Körper nicht so geflutet mit exogenen Mitteln. Das haben ja viele Sorgen. Es gibt ja viele Leute, die wollen ja überhaupt keine Medikamente nehmen oder nicht mal ein Paracetamol, weil sie sagen, nee, nee, das ist alles zu gefährlich für meinen Körper.
Mich wundert, dass das mit diesem Botox auch nicht ein größeres Thema ist, weil wenn das wirklich so effizient ist, klingt das doch mehr als ein guter Kompromiss. Ja, das ist auch eine sehr gute Medikation und viele fahren damit auch gut. Da ist so ein bisschen das Problem, dass man natürlich jemanden finden muss, der das spritzt.
Und das ist sozusagen Bottleneck. Und wir haben hier lange Wartelisten und das muss alle drei Monate gespritzt werden. Und das ist natürlich mit der Antikörperspritze, die man selber macht, deutlich leichter. Ja, aber von der Wirksamkeit ist es so, wir haben Patienten, die mit dem Botox gut fahren und wir haben Patienten, die mit den Antikörpern gut fahren.
Das muss man immer schauen, für wen da was besser ist. Man muss das ausprobieren. Man muss das ausprobieren. Wir haben keine Biomarker, die uns sagen, wer für was am besten geeignet ist. Und sozusagen, wovor Patientinnen und Patienten Angst haben, das ändert sich. Also der Antikörper ist sehr stark beworben worden, als er rauskam und auch so als Migräneimpfung.
Das war noch vor der Pandemie, da war das noch positiver besetzt. Und da hatten wir wirklich lange Wartelisten von Leuten, die das wollen. Jetzt ist zum ersten Mal der Zeitpunkt, wo Leute so sagen, Antikörper, ich weiß nicht so richtig. Und bei Botox war es so, dass lange dieses kursierte mit, das ist ja ein Nervengift und das kann doch nicht gesund sein.
Und da ist es jetzt eher so das Pendel, dass viele so sagen, na ja, das kenne ich ja, zumindest vom ästhetischen Botox, da ist jetzt irgendwie weniger Angst da. Ja, das kann ich verstehen, das ist in aller Munde. Jetzt gut, hier gerade in München, ich weiß nicht, Ich glaube, es gibt es mehr mit oder ohne Botox.
Das ist ein bisschen übertrieben. Ja, ein bisschen schon. Aber das ist halt was, was man kennt. Ich finde es auch von der Wirkung her, das ist was anderes. Sie sagen, ich mache eine Botox-Infusion. Ich habe eine Antikörper-Infusion. Das klingt für mich nach massiverer Medizin, auch wenn es das vielleicht im Detail dann gar nicht ist, weil es, wie Sie sagen, sind ähnliche Wirkmechanismen.
Jetzt haben Sie vorhin schon gesagt, 30, 40 Prozent schlagen leider nicht wie gewünscht an. Es gibt eine neue Studie, New England Journal of Medicine 2024, für die sogenannten PACAP-Antagonisten. Wie unterscheiden die sich denn jetzt als so neueste Wirkstoffgruppe von dem, was man kennt? Und ist das jetzt was in der Zukunft möglicherweise das bisherige ersetzen wird oder ist das nur eine Ergänzung?
Genau, also es ist so, dieses Packup ist im Prinzip ein Pendant zu dem CGRP, auch ein Entzündungsmolekül, was bei der Migräne freigesetzt wird und es gibt sozusagen die Hypothese, dass es Patienten gibt, die Packup-Lastiger sind und weniger diesen CGRP-Weg nutzen. Ja, und die Hoffnung ist, und da gibt es auch mittlerweile Studien dazu, dass möglicherweise Patienten, die bislang von den CGRP-Antikörpern nicht profitiert haben mit diesen Pack-Up-Antikörpern oder Antagonisten, je nachdem, was auf den Markt kommen wird, bislang ist ja noch nichts davon auf dem Markt, besser fahren werden.
Von der Studienlage ist es so, die Daten sehen so jetzt nicht so, dass man überschwänglich wird aus und die Pack-Up-Medikamente scheinen auch ein bisschen mehr Nebenwirkungen zu machen. Das heißt, wir werden erstmal sehen, die müssen erstmal in Phase 3 Studien wirklich zeigen, dass sie wirklich funktionieren und dann wird man in der Praxis sehen, ob das dann jetzt der große weitere Durchbruch ist.
Also was man sich davon nicht erwarten darf, ist, dass die jetzt die Migräne heilen oder so. Aber wahrscheinlich wird es eine Subgruppe geben von Patientinnen und Patienten, die davon dann profitieren werden, denen wir bislang noch nicht helfen können. Okay, Stichwort Neuromodulation wird ja auch teilweise im Internet beworben.
Gibt es Geräte wie Cephali oder GammaCore, also solche Gadgets, ist das was, was wirksam sein kann oder sagen Sie, das ist ein bisschen Hokuspokus? Hokus-Pokus. Nee, Hokus-Pokus ist das nicht. Also es gibt da durchaus wirklich klinische Daten und die werden auch in der Leitlinie mittlerweile empfohlen, spezifische neuromodulative Verfahren, sodass man das durchaus ausprobieren kann.
Man muss immer sagen, Studien sind natürlich mit so neuromodulativen Verfahren immer schwierig, weil man es nicht gut verblinden kann. Also deswegen ist es immer ehrlicherweise ja eine unverblindete Studie, weil man ja merkt, ob stimuliert wird, aber nicht. Aber wozu es jetzt einigermaßen gute Daten gibt, ist zu dem Cefaly, da wird hier oben stimuliert, Entestetrigeminus.
Kann man in der Attacke sozusagen stimulieren, um sich sozusagen zusätzlich meistens zu einer Medikation einen schmerzmilderten Effekt zu erzeugen. Es gibt die Vagus-Stimulation, das ist das, was Sie meinten mit dem Gamma-Core. Gibt es einen Stimulator am Hals? Es gibt jetzt einen neuen, der ganz spannend ist, im Ohr, wo man auch Vagusstimulationen machen kann.
Und es gibt noch eine sogenannte Rennenstimulation, die stimuliert am Arm über so einen Feedback-Mechanismus. Und dafür gibt es auch Daten, dass es sowohl in der Akutmedikation als auch in der Prophylaxe wirksam sein kann. Man muss immer sagen, von der Wirksamkeit aus meiner Sicht eher so ein Add-on oder wenn man wirklich keine Medikation möchte oder eher so eine leichtere Form hat.
Und es ist häufig einfach auch eine finanzielle Geschichte, das zahlt im Augenblick die Krankenkasse nicht und es ist nicht so ganz. Das muss ich mir selber kaufen. Aber es wäre trotzdem was, wenn ich Sie richtig verstanden habe, was Sie aus medizinischer Sicht auch empfehlen würden. Man kann das zum Ausprobieren empfehlen.
Genau. Jetzt haben Sie ja eine Migräne-App mitentwickelt. Haddacy-App auf Rezept. was macht die App wirklich, was kann die leisten und was macht die therapeutisch? Genau, also die gibt es nicht auf Rezept, sondern die gibt es nur im App Store. Und ja, wir hatten sie ursprünglich mal als DIGA konzipiert, sodass man sie verschreiben kann.
Aber in der Entwicklung hat sich gezeigt, dass das Problem der DIGAs ist, dass sie ja sehr starr sind. Man kann nichts verändern und man kann nicht sozusagen an die Wünsche von Patienten anpassen, sondern das Produkt ist fertig und dann ist es erstmal so zertifiziert. Nee, HEDECY hat mehrere unterschiedliche Ansätze.
Das eine ist, dass da eine komplette Edukation drin ist, weil ich dran glaube, dass Edukation die Basis von allem ist, dass man erstmal versteht, um was es geht. Das heißt, da sind richtige Lernmodule drin, aber kurz, also so zwei, drei Minuten. Man kann das als Audio machen oder auch lesen, wie man möchte, um um eben Experte der eigenen Erkrankung zu werden.
Und gleichzeitig kann man aber auch seine Erkrankung eben dokumentieren, dass man einfach mal schaut, was hat denn Einfluss auf meine Migräne. Nicht nur die Tage dokumentieren, das ist ja so ein bisschen langweilig, sondern wirklich mal schauen, wenn ich drei Monate Sport mache, was hat denn das für einen Einfluss auf die Migräne?
Und was hat es für einen Einfluss, wenn ich gut schlafe, Sport mache und noch irgendwie was auch immer? Und dass man dann wirklich individuell guckt, Was sind denn wirklich die Faktoren, an denen ich drehen kann, um meine Migräne zu verbessern? Und was wir jetzt auch noch drin haben, und das gab es bislang vorher noch nicht, ist, dass man auch die vestibuläre Migräne, also die reine Schwindelmigräne dokumentieren kann.
Das gibt es ja sonst nicht, sonst wird immer sehr auf die Kopfschmerzen geachtet, aber es gibt ja viele, die auch nur Schwindel oder vor allem Schwindel im Rahmen ihrer Migräne haben. Okay, aber ich meine, es geht natürlich immer mehr in die Richtung, in der Medizin mit den Apps und das ist auch super, weil damit kann ich einfach selber was managen.
Ich muss nicht für jede Frage oder für jede Konzentration jetzt unbedingt mir einen Termin in der Praxis oder in der Klinik geben, sondern ich kann damit schon mal selber arbeiten und finde ich sehr gut, dass Sie da in dem Bereich auch so aktiv sind. Vielleicht brauchen Sie dann noch in der Zukunft einfach so einen Health Twin, wo man dann mit Ihnen sozusagen übers Internet sich unterhalten kann über seine Themen.
Aber das ist natürlich auch gerade bei so einem komplexen Krankheitskonstrukt wie bei der Migräne wahrscheinlich schwierig, das jetzt so digital komplett gut umzusetzen. Aber das führt jetzt ein bisschen zu weit. Ist aber auf jeden Fall eine Idee, ja. Ja, ja. Wenn man in den Migränen vorne zuschaut, dann schreiben viele Leute, was kann ich tun, wenn mir diese ganzen Medikamente jetzt einfach nicht mehr helfen.
Viele sind ja verzweifelt und sagen, okay, ich habe jetzt alles Mögliche probiert. Ich war sogar bei Frau Holli. Und trotzdem ist meine Migräne nicht besser geworden und ich leide unheimlich darunter. Was raten Sie diesen Menschen? Nochmal wirklich genau drauf zu schauen. Also ich glaube nicht, dass es sowas wie austherapiert gibt, sondern dass man einfach nochmal neue Sachen ausprobieren muss.
Es gibt ja das, was man Firstline und Secondline natürlich, aber es gibt natürlich auch Sachen, die noch augenblicklich in der Forschung sind, die man ausprobieren kann. Wir haben klinische Studien, an denen man teilnehmen kann, um eben auch schon Sachen auszuprobieren, die man vorher nicht bekommen hat.
Und man muss immer wissen, die Migräne ist eine zyklische Erkrankung. Das ist nicht irgendwie wie eine Demenz, die einfach nur schlechter wird. Und wenn es jetzt gerade schlecht ist, hat man in drei Monaten es noch schlechter. sondern die Wahrscheinlichkeit, dass nach einer schlechten Phase auch wieder eine gute Phase kommt, egal was wir machen, ist relativ groß.
Und es lohnt halt immer, noch so ein bisschen drumherum zu gucken. Also was bei Frauen häufig eine Rolle spielt, ich hatte es schon angedeutet, sind halt die Hormone. Also gerade so in den Wechseljahren, viele wissen das nicht, dass sie vielleicht mit Ende 30 schon in den Wechseljahren sein können oder zumindest in so einer Perimenopause.
Und da lohnt es sich, dahin auch nochmal zu gucken und zu schauen, was man da optimieren kann. Gibt es einen Zusammenhang mit Sport? Sport ist ja für alles Mögliche gut, wie wir mittlerweile wissen. Ist das für die Migräne auch gut? Es gibt Leute, die vielleicht Sorge haben, wenn sie migräneanfällig sind, dass sie sich nicht zu stark belasten wollen oder dass sie den Puls nicht so hoch treiben wollen.
Wie ist da der Zusammenhang? Genau, grundsätzlich ist Sport super. Früher haben wir gesagt, nur Ausdauersport, aber heutzutage auch Kraftsport ist super. Hauptsache, man macht was. Man muss immer schauen, dass man nichts macht, was die Migräne triggert. Also das beschreiben schon viele, dass wenn sie zum Beispiel joggen gehen, diese Erschütterungen machen dann einfach den Kopf schlechter oder wenn man Yoga macht und immer den Kopf nach unten hat, das ist vielleicht auch nicht so gut.
Das heißt, man muss einfach so ein bisschen gucken, dass man einen Modus findet und eine Intensität findet, die einem gut tut. Aber grundsätzlich ist Sport sehr gut und auch prophylaktisch sehr gut wirksam. Also da brauche ich nicht zu zurückhaltend sein. Das ist sogar eher besser, wenn ich da proaktiv an die Sache angehe.
Auf jeden Fall. Viele nehmen für alles Mögliche heutzutage Nahrungsmittelergänzungen. Bei Migräne wird ja auch teilweise empfohlen, Magnesium zu nehmen oder Coenzym Q10. Wie sehen Sie das? Ach, ich bin da sehr zurückhaltend, ehrlicherweise. Ja, also es gibt Daten für Magnesium, es gibt ein bisschen Daten für Coenzym Q, für Vitamin B2.
Und dann ändert es ehrlicherweise schon, wofür es Daten gibt. Und die Daten sind jetzt auch nicht so, dass das ein Wundermittel wäre. Also wenn man was ausprobieren möchte und das Gefühl hat und daran glaubt, dann kann man das auch machen. Aber man muss sagen, die Migräne ist nicht ein Mikronährstoffdefizit, was man einfach nur ausgleichen muss.
Und es in Zweifel, wenn man das nimmt, was wir angesprochen haben, das schadet ja auch nicht unbedingt. Das schadet nicht, genau. Das ist kein Problem. Wo wir noch kurz drüber sprechen müssen, ist einfach die Stigmatisierung bei der Migräne. Da gibt es ja auch interessante Studien 2004, EMHA-Studie über 4000 Befragte, wo rauskommt, dass Migräne stärker stigmatisiert ist als Demenz, Parkinson, Schlaganfall.
Weitere Studie, Deutsche Schmerzgesellschaft, kennen Sie sicher, 1200 Betroffene, 91% Stigmatisierung, 80% berichten, dass sie sozusagen bei ihren Ärzten keinen Anklang finden, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass sie nicht ernst genommen werden mit ihren Beschwerden. Wie kann denn das 2026 sein? Naja, es ist natürlich so, dass die Migräne so ein paar Probleme hat, nämlich, dass wir immer noch keinen Biomarker haben.
Es würde sich sofort was ändern, wenn man Blutwert abnehmen kann oder ein MRT machen kann und man sieht die Migräne. Das heißt, viele haben immer noch so das Gefühl, das ist gar keine richtige Erkrankung. Man sieht es von außen nicht, den Schmerz. Das heißt, da sitzen ja junge, gesunde Frauen vor einem, denen man eben gar nicht ansieht, wie schlecht es ihnen geht.
Und das führt natürlich dann dazu, dass möglicherweise auch zurückgespiegelt wird, dass man es nicht glaubt. Und es ist natürlich eine Frauenerkrankung. Das tut der Sache natürlich auch nicht gut. Es hat sich an der Stigmatisierung insofern schon was geändert, dass mit diesen CGRP-Antikörpern jetzt ja zum ersten Mal eine spezifische Therapie da war.
Die Pharmaindustrie mehr Interesse hatte, mehr auf Kongressen darüber gesprochen wurde. Und wenn es eine richtige Therapie gibt, dann wird es auch als richtige Erkrankung angesehen. Aber es ist immer noch ein Problem natürlich mit der Stigmatisierung. Das hilft einfach nur Bewusstsein und Aufklärung und einfach müssen sich auch allgemein die niedergelassenen Ärzte vielleicht noch ein bisschen intensiver mit der Thematik einfach beschäftigen.
Was man auch noch erwähnen muss, ist, dass 50 Prozent Berichten über Depressionen und auch Angststörungen Migräne assoziiert. Wird da der psychiatrischen oder psychischen Dimensionen ausreichend gewürdigt oder ist das, was da so ein bisschen undercover läuft? Ne, also da schauen wir schon immer mit drauf und wenn das ein großes Thema ist, dann holen wir auch die Psychiater oder Psychotherapeuten mit ins Boot.
Das spielt vor allem für die chronische Migräne eine größere Rolle. Wobei man auch immer sagen muss, Depression zum Beispiel ist schon ein Symptom auch der Migräne. Also in der Prodromalphase der Migräne, in der Vorphase der Migräne kippt auch die Stimmung. Das heißt, häufig ist es so, wenn wir die Migräne behandeln, dann wird auch die Depression besser, ohne dass man richtig eine antidepressive Therapie gemacht hat, weil die Depression dann sozusagen ein Symptom der Migräne gewesen ist.
Aber es lohnt sich auf jeden Fall, da mit drauf zu gucken. Ich meine, man muss sich das so vorstellen, Migräne bedeutet ja so einen ultimativen Kontrollverlust. Man wird von jetzt auf gleich irgendwie aus dem Leben geschossen. Man kann plötzlich nicht zur Arbeit gehen. Man kann den Vortrag nicht halten, den man halten wollte.
Also und das macht natürlich auch was mit einem. Und das ist ja auch normal, dass damit auch die Stimmung schlechter wird oder dass man auch Angst bekommt, weil man eben merkt, dass das nicht funktioniert mit der Kontrolle. Das ist aber ungeheuer wichtig, dass man eben diesen Aspekt auch behandelt, wenn er eine große Rolle spielt.
Ja, absolut. Ich meine, das ist total nachvollziehbar. Gerade wie Sie auch, wenn man hier in vielen Berufen, auch in vielen Anspruchsfällen berufen, wenn man weiß, okay, nächste Woche muss ich bei dem Weltkongress einen Vortrag halten und ich habe jetzt vielleicht schon ein paar Wochen keine Migräneattacke mehr gehabt.
Und dann denke ich ja vielleicht, oh Gott, wenn das kommt, dann stehe ich nicht gut da, dann werde ich diesen Vortrag nicht gut machen können. Oder wenn ich Pilot bin oder was auch immer. Das hat natürlich unheimlich viele Implikationen. Das ist ein sehr, sehr großes Thema. Zum Beispiel ein ganz spannendes Thema, weil das für die Migräne eine riesige Rolle spielt, dieser Interactal Burden.
Also wie krank bin ich denn, wenn ich gerade gar nicht krank bin? Und je nachdem sozusagen, wie gut es einem zwischen den Attacken geht, das entscheidet darüber, wie gut ich mit der Erkrankung klarkomme. Und es gibt eben ganz viele, die vielleicht nur zwei, also nur, sage ich jetzt in Anführungsstrichen, zwei, drei Attacken im Monat haben, aber jeden Tag darüber nachdenken, was passiert, wenn es jetzt morgen kommt oder heute kommt.
Das heißt, die sind jeden Tag krank, auch wenn nur drei Tage im Monat eigentlich Ausfall ist. Ja, das ist dann fast schwer abzugrenzen. Wo bin ich jetzt krank und wo bin ich eigentlich gesund? Schwer zu sagen. Aber jetzt nochmal, wir haben ja vorhin gesagt, es gibt wirklich jetzt sehr gute und auch effektive Medikamente.
Jetzt was mir gerade noch einfällt, wir haben ja Millionen von Migräne-Patienten in Deutschland. Kann man ungefähr sagen, wie viel Prozent von denen jetzt schon an dieser medikamentösen Versorgung teilnehmen oder weiß man das gar nicht so genau? Also super wenig. Es ist so, dass ungefähr ein Drittel eine Prophylaxe bräuchte und von denen nimmt nur ein kleiner Teil überhaupt eine Prophylaxe ein.
Da ist eine absolute Unterversorgung, die da stattfindet. Und es geht mir gar nicht darum zu sagen, dass jeder von denen jetzt unbedingt ein Medikament einnehmen soll, sondern einfach nur, dass jeder, der eins bräuchte, aufgeklärt ist darüber, dass es das gibt. Man kann sich ja auch entscheiden, dass man keine Medikation möchte und das ist ja vollkommen in Ordnung.
Das ist ja so ein bisschen ein Vorteil der Migräne. Man macht nur die eigene Lebensqualität kaputt, aber sonst macht es am Leben ja jetzt erstmal nichts. Aber ich finde es ganz wichtig, dass man eben aufgeklärt ist darüber, was es für Optionen gibt, damit man sich wirklich aktiv dafür oder dagegen entscheiden kann.
Aber es müsste doch heutzutage relativ einfach sein. Also wenn ich jetzt so schlimm Migräne habe, dann gehe ich ins Internet und dann frage ich JGPT oder Claude oder wen auch immer, neueste Therapiemöglichkeiten Migräne, dann müsste das doch gleich aufpuppen. Genau, aber es ist natürlich so, dass ja viele trotzdem gar nicht wissen, dass sie eine Migräne haben, sondern die denken dann, ich habe einen schlimmen Spannungskopfschmerz.
Und wenn sie dann Chat-GPT fragen, dann sagt er, ja, für Spannungskopfschmerz, so richtig gibt es nicht, aber man kann ein Antidepressivum nehmen. Und dann sagt er, Antidepressivum möchte ich eigentlich nicht. Und dann sagt Chat, na ja, mehr gibt es nicht. Dann kann man spazieren gehen. Also die Basis ist schon, dass man erst mal versteht, dass es überhaupt die Migräne ist.
Die, die eine schwere Migräne haben, die werden auch einen Arzt finden und die werden sich auch so lange sozusagen weiter durchquälen durchs System, bis sie jemanden haben, der sie auch damit dann medikamentös versorgt. Aber die, die sozusagen mäßig versorgt sind, sind die, die mal zum Hausarzt gehen, der sagt, ich kann nichts für sie tun, die so ganz gut mit Ibuprofen halt zurecht kommen, aber dann mehrfach im Monat eben den ganzen Tag flach liegen und irgendwie versuchen mit Ibuprofen die Sache zu lösen und dann, weil man ihnen eben gesagt hat, man kann nichts machen, auch nicht weitersuchen.
Also es ist nicht nur eine Aufklärungsaufgabe Aufgabe bei den Betroffenen, sondern auch bei den Medizinern. Auf jeden Fall. Sie sagen, auch viele Mediziner wissen nicht, was da heutzutage therapeutisch möglich ist. Ja. Auf jeden Fall. Wenn Sie jetzt für die nächsten 15 Jahre eine kleine Prognose machen wollen, wie sieht die Migränebehandlung in ein paar Jahren aus?
Also ich glaube, wir kriegen auf jeden Fall noch mal ganz neue Medikamente, also Pack-Up-Antikörper, aber auch noch darüber hinaus. Das sind ja noch neuere Substanzen, andere Antikörper, andere Antagonisten, die auf den Markt kommen werden. Ich glaube, dass KI uns auch helfen wird, besser die Muster zu erkennen, dass man einfach spezifische Migränegruppen besser auseinanderhalten kann, dass man viel mehr voraussagen kann, wer wird von was profitieren, wer wird mit welchem Präparat am besten fahren, sodass das nicht so ein Trial and Error sein wird, sondern man wirklich vielleicht eine personalisiertere Medizin machen kann.
Und ich hoffe natürlich sehr, dass dieser Aufklärungsaspekt nochmal deutlich größer werden wird, weil die Erfahrung wirklich gezeigt hat, wenn Patienten gut aufgeklärt sind, dann ist das schon ein ganz großer Teil der Therapie. Und das führt schon zu einer deutlichen Besserung. Und das hoffe ich einfach, dass wir einfach in 15 Jahren viel besser aufgeklärte Patientinnen und Patienten haben.
Und jetzt nochmal für Betroffene Stand heute, wo finde ich am besten gute Hilfe? Was sind so für Leute Top-Anlaufstellen? Also was sehr gut ist, es gibt auf der Seite von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft eine Expertenliste. Die ist auch nach Postleitzahlen sortiert, sodass man gucken kann, ob in der eigenen Region jemand sich besonders auf Kopfschmerzen spezialisiert hat.
Und das ist häufig eine sehr, sehr gute Anlaufstelle. Und wenn das nicht ausreicht, dann gibt es eben noch große Zentren, so wie unseres, aber eben auch zum Beispiel in München oder an der Charité. je nachdem, wo man in Deutschland lokalisiert ist, wo man sonst auch noch hingehen kann. Aber häufig sind diese Kopfschmerzexperten vor Ort schon sehr, sehr gute Anlaufstellen.
Als letzte Frage, wenn ich darf, wie gehen Sie selbst persönlich mit der Migräne um, aus der Sicht der Betroffenen, aber natürlich auch der Ärztin und der Wissenschaftlerin genau in diesem Bereich? Ja, ich würde natürlich jetzt gerne sagen, ich habe das alles immer super im Griff und es funktioniert hervorragend.
Da würde mein Mann zu Hause laut lachen. Ich habe natürlich das auch immer, was Patientinnen berichten, dass ich die Akutmedikation zu spät eingenommen habe oder schon wieder schimpfe, warum das jetzt kommt. Aber was ich auf jeden Fall immer im Kopf habe, ist, dass es wieder besser werden wird. Selbst wenn man gerade eine schlechte Phase hat und dass ich schon weiß, wie ich die akute Attacke natürlich behandeln kann.
Und dass ich vor allem keine Angst habe vor der Erkrankung, sondern häufig dann einfach denke, naja, jetzt ist der Tag halt blöd und morgen ist wieder besser. Aber ich würde wirklich lügen, wenn ich sagen würde, ich habe das perfekt im Griff und ich habe nie eine Migräneattacke und ich habe für mich die absolut beste Lösung gefunden.
Gut, das macht Sie ja so sympathisch, dass Sie das so offen sagen. Okay, wir haben so gelernt, ich habe wie immer viel gelernt, die Migräne ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit, eine schwer zugreifende Erkrankung. Es gibt aber viele neue Ansätze. Es gibt effektive Therapien. Bedauerlicherweise ist das noch nicht so bekannt.
Vielleicht können wir mit unserem kleinen Podcast da ein bisschen was erreichen, um das ein bisschen mehr unter das Volk zu mischen. Man braucht vor diesen Mitteln im Großen und Ganzen offensichtlich keine große Sorge haben. Es macht wenig Nebenwirkungen, hat in vielen Fällen gute Ansprechraten. Das ist ein sehr positiver Ausblick für viele Betroffene.
Sie haben einen ganz tollen Instagram-Kanal. nochmal Migräne-Doc, wo man viel über Migräne lernen kann. Sie haben ihr neues Buch, heißt auch Migräne-Doc, publiziert vor kurzem. Da steht viel Interessantes, alles um die Migräne drin. Es gibt die Webpage migränedoc.de, wo man einiges lernen kann. Also wenn man sich mit Ihnen und Ihrem Umfeld beschäftigt, wird man sicherlich als Migräne- Betroffener sehr, sehr viel lernen.
Vielen Dank. Ich glaube, es war sehr, sehr aufschlussreich und wir wollen hoffen, dass wir in der nahen Zukunft da noch bessere therapeutische Möglichkeiten für die Betroffenen erreichen werden. Vielen Dank, Frau Professor Holle-Lee. Dankeschön.