
Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 290
Der arme Maler
Samstag, 15. November 2025 · 25 min
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Shownotes
Einmal die Woche fordern sich Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider heraus – mit "Ich sehe was, was du nicht siehst" vor einem Kunstwerk!
Heute nehmen sie sich ein Bild vor, das Kunst und Humor perfekt vereint: „Der Schildermaler“ von Ernest Meissonier aus dem Jahr 1872. Wer verbirgt sich hinter dem Pinsel? Und was verstecken die beiden Kunst-Detektive vor dem anderen?
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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Ich bin Lars Heider. Ich bin Alexander Klar. Und lieber Alexander. Bist du zufrieden? Nein, was heißt zufrieden? Es ist ganz was anderes. Es ist was anderes als in der vergangenen Woche, darauf spielst du an.
Aber ich finde, dieses Bild bringt halt so viele Gesprächsanlässe und es ist auch das, was ich ja in der Kunst manchmal vermisse, ist das Lustige und sich auch über sich selbst lustig machen. Und das ist, glaube ich, hier so ein bisschen, ich fange jetzt an, es zu beschreiben und ich befürchte, es wird etwas länger dauern als sonst, was nicht daran liegt, dass es schwer zu beschreiben wäre, sondern dass so viel auf diesem Bild zu sehen ist.
Es ist ein offensichtlich sehr großes Bild, ein hochformatiges Bild, aber auch ganz schön breit. Und im Wesentlichen erleben wir jetzt etwas, wir haben zum ersten Mal einen richtigen Einblick in das Atelier eines Malers. Denn wir sehen einen Maler, der in der Mitte des Bildes steht. Sein Atelier ist jetzt kein hochmodernes, weil das Bild wahrscheinlich schon ein bisschen älter ist.
Es sieht aus, als wäre er in einem ehemaligen Stall. Man sieht rechts eine Holztür, man sieht, dass er auf so Kopfsteinpflaster steht, die Decken sind hoch, oben sind so Balken aus so ein bisschen Morschung, so ein paar Mauern. Also gut, ganz alt ist die ganze Geschichte auch wieder nicht, aber eine sehr hohe Decke und er hat ein Drittel eines Fasses, nutzt er als Tisch, als Ablage für seine Pinsel und für, was ist das, ist das Farbe oder sind das Öle?
Da stehen so zwei kleine Terpentinen. Und davor steht dieser Maler, der lustig angezogen ist. Der hat einerseits so einen Dreizack auf, diesen Napoleon-Hut. Und dann hat er ein Hemd, was aber unglaublich bei Frauen, würde man sagen, dekolletiert ist. Das heißt, dieses Hemd ist bis kurz über dem Bauchnabel eigentlich geöffnet.
Also sieht so aus, als hätte er das extra, die Knöpfe geöffnet oder als ob es gar keine Knöpfe gibt. Er trägt dann das Hemd eingesteckt in so eine Hose, in so eine schwarze Hose und dann trägt er türkisfarbene Hose. Und Strümpfe und so schwarze Schuhe, die sieht aus wie so ein Klettverschluss, den er da drauf hat.
Und das Lustige ist, er hält einen Pinsel in der Hand und er hält die Farbpalette in der anderen Hand und noch ein paar andere Pinsel und ein Tuch, mit dem er offensichtlich gerade gemalt hat. Und er guckt aber nicht uns an und er guckt auch nicht auf das Bild, auf das ich gleich komme, sondern er guckt auf einen wirklich lustig aussehenden Herren, der zu Besuch ist und sich offensichtlich dieses Bild anguckt.
Die Frage ist, guckt er sich dieses Bild an, weil er es in Auftrag gegeben hat? Guckt er sich das an, weil er es selber sein soll? Guckt er sich das an, weil er ein Freund des Malers ist und einfach zu Besuch ist? Und dieser Typ ist eine Karikatur an sich selber. Der steht da mit so riesigen Stiefeln, die bis zu den Knien gehen.
Er hat einen langen Lodenmantel, würde man heute vielleicht sagen. Er trägt auch diesen Dreispitz auf dem Hut und guckt sich dieses Bild an und hat, das ist so lustig, da muss ich an Lucky Luke denken, so eine Ehre im Mund. Also er kaut da auf irgendeiner Ehre oder irgendwas hat er da im Mund. Oder also ein langes Stück, steckt sich dabei die Hände, ich glaube es sind keine Taschen, sondern er steckt sich die Hände so in die Hose rein.
Genau, ja. So steckt sich die Hände und steht da extremst breitbeinig. Der Maler guckt ihn so ein bisschen, ach, fast schon devot, so ein bisschen, hallo, an und der guckt so und guckt so richtig abfällig auf dieses Bild, so nach dem Motto, was, ich weiß es nicht. Und dieses Bild ist so ein bisschen erhöht auf so einem Stück Holz, auf so einem kleinen, ja boah, das ist zu viel gesagt, aber auf so einer kleinen Konstruktion.
Und wenn ich es beschreiben würde, würde ich sagen, da hat jemand... Und wahlweise Tarzan oder Adam gemalt, weil es ist ein junger Mann mit etwas längerem Haaren, der außer einem grünlichen Ländenschurz, der offensichtlich aus Blättern gefertigt ist, nichts trägt. Und er sitzt auf einem Weinfass, sodass ich mir am Ende, und das würde mich natürlich auch freuen, vorstellen könnte, dass das Ganze irgendwas mit Wein, mit Winzern etc.
Zu tun hat. Weil da ist dieses halbe Weinfass, das als Tisch gilt. Da oben in der Ecke, ich sehe was, was du nicht siehst, hängen so Ringe, wie man sie auch von Weinfässern kennt. Und dieser, unser Freund, nennen wir es mal Tarzan. Tarzan sitzt breitbeinig auf einem Weinfass, wie Lucky Luke auf einem Pferd sitzen würde.
Hat den linken Arm abgestürzt auf seinem Oberschenkel und den rechten Arm greift nach oben, als würde er da irgendwas angreifen wollen. Und er schaut so nach oben. Und das ist diese Szenerie, die uns Einblicke in die Welt derjenigen Menschen bietet, über die wir hier immer sprechen, nämlich über die Künstlerin und Künstler.
Und der Maler tut mir leid, weil dieser Typ da irgendwie, er wirkt so arrogant und selbstgefällig und könnt ihr wenigstens ja mal dieses Teil, was er da im Mund hat, diese Ehre oder was das ist, aus dem Mund nehmen. Ja, also unglaublich viel, unglaublich viel zu sehen und auch die Frage, warum malt man diesen Tarzan?
Tarzan ist es sicherlich nicht oder ist es Adam? Oder warum malt man da jemanden im Adamskostüm, der auf einem Weinfass reitet? Meine Güte, jetzt habe ich glaube ich sechs oder sieben Minuten gesprochen. Fast alles beschrieben. Du könntest aber noch weitermachen. Ich könnte noch weitermachen. Der Boden da aus dem, wie heißt das, Kopfsteinpflaster?
Kopfsteinpflaster, hatte ich ja am Anfang gesagt, da hast du offensichtlich kurz. Nein, nein, da ist das Wasser. Da ist Wasser ausgeschüttet oder Terpentin, darauf steht er drauf. Also das ist auch der Arbeitsort hier offensichtlich. Also es ist sozusagen das Atelier, wobei interessant ist, dass da in so einem Atelier würde man denken, dass noch mehr Bilder irgendwo stehen oder hängen.
Das tut es nicht, aber man sieht ja auch nur einen Ausschnitt des Ateliers. Ich kann schon mal sagen, dass es kein Atelier ist. Okay, es ist kein Atelier. Es ist kein Atelier. Jetzt musst du mal aber ein bisschen ein tolles Bild erzählen. Was ist das? Ganz kurz, um das aufzulösen. Es wirkt nur groß. Es ist gar nicht so groß.
Es ist gerade mal 56 Zentimeter hoch. Also es ist gar kein Riesenbild. Du hast aber total recht, diese Bilder sind so proppenvoll. Also wir haben mehrere. Die Kunsthalle besitzt mehrere Bilder. Dieses wundervollen Malers, der Jean-Louis Ernest Maisonnier heißt, bekannt als Ernest Maisonnier, der mitten im 19.
Jahrhundert gelebt hat, 1815 geboren, 1891 gestorben. Franzose aus Lyon, der aber vor allem in Paris unterwegs war und das, was er gemacht hat, hat ihm Weltruhm und auch ein bisschen, aber sagen wir mal, auch eine Nische eingebracht. Er gilt als der Meister der historischen Darstellung von Alltagsszenen.
Das heißt, das ist so wie ein Geschichtsroman, schnappt er sich geschichtliche Momente und malt Szenen daraus, die so allgemeingültig sind, dass jedes Publikum sich zu jeder Zeit damit verbinden kann. Das Bild heißt Der Schildermaler. Und dann löst sich auch schon langsam die Frage, was sehen wir hier?
Wir sehen natürlich den Ort, an dem das Schild aufgestellt werden wird. Da malt er das nämlich direkt, denn wozu sollte er das große Bild in der Gegend rumschleppen? Es ist wahrscheinlich nämlich auch auf Holz und nicht auf Leinwand, weil es hängt nämlich demnächst draußen. Und wir sehen eigentlich direkt die Pinte, die möglicherweise diesem Knaben mit der Ehre im Mund gehört.
Das ist nämlich vielleicht der Auftraggeber und damit ist er auch als Wirt gekennzeichnet. Würde ich jetzt mal. Also es ist ein Reklameschild? Ein Reklameschild, genau. Also du hast ja früher am Gasthof zum Goldenen Hahn hing, was vor dem Gasthof zum Goldenen Hahn, ein goldener Hahn. Und damit man weiß, dass hier eine Schenke ist und der Knabe ist also nicht Tatsam und nicht Adam, sondern das ist eine der gängigsten Darstellungen durch die Weltkunstgeschichte, das ist Bakkus.
Der Gott des Weinen. Den du als Weinliebhaber eigentlich, dem solltest du schon. Aber heute macht man auf dem Etikett keinen Backus mehr. Der griechische Dionysos oder der römische Backus kann auch schon eine Ableitung sein. Die kamen auch mit einem Gefolge aus vergnügten Trinkern und Tänzern. Aber ich würde mal sagen, wenn der allein da ist und so wie er angezogen ist, nämlich quasi nicht.
Und er hat noch ein bisschen mehr Grün, das hat auf dem Kopf. Also ein Ländenschutz. Stimmt, Rügel. Ein Lorbeerkranz. Der begrenzte Bacchus, der immer leicht angesäuselt in der Gegend herum tänzelt. Manchmal gibt es ein schönes Rubensbild, da wird der Bacchus getragen von seinen Helferli und ist schon offensichtlich zu eigenem Laufen gar nicht mehr in der Lage.
In der Regel ist der Bacchus seit dem Barock eher so ein fetter, feister Mann. Hier ist offensichtlich noch ein ranker Jüngling, was ja nach einer Weile, nach ein paar Jahren des kräftigen Genusses von Wein, stellt sich ja die Wampe ein, die hat er hier noch nicht. Und das, was er über dem Kopf hält, kann man ja ahnen, ist eine wahrscheinlich leergetrunkene Weinflasche, oder?
Weil wir sehen kein Wein, wir sehen aber sowas glänzen. Oder es ist ein Glas. Ein Glas, kann auch sein. Das heißt mit anderen Worten, dieser Maler ist gar kein Maler, gar kein richtiger Maler, sondern ist so ein Werbegrafiker. Ein Werbegrafiker. Und deshalb guckt er auch so, weil er steht vor seinem Auftraggeber und will, dass der das gut findet und bezahlt.
Und hofft, dass es ihm gefällt und der wiederum ist natürlich, wenn du willst was werden, dann, wie hast du mal? Wenn nichts wert, wird, wird, nee, ist es falsch, aber willst du was, also, der Fall und sagt, guck, dann letztlich nicht anmerken, ob es ihm gefällt oder nicht, sondern eher so, doll ist ja nicht, aber was hatten wir gesagt?
Aber der Blick von dem Maler ist schon fantastisch, weil der ist, du hast das schon sehr schön beschrieben, irgendwas zwischen Anbietern unterwürfig, aber auch schon so ranwanzend, so ein ranwanzendes Grinsen, der versteht sein Geschäft, ich glaube, der hat ihn schon halb eingewickelt, Also der Skeptizismus des Anderen ist eine reine Pose, der bricht gleich zusammen, der will dieses Bild natürlich unter allen Umständen haben.
Es ist auch gut gemalt, der Maisonnier dem gelingt hier, dieser unscheinbare Schildermaler hat hier quasi einen Rubens an die Wand gemalt. Das ist auch so ein bisschen Spaß. Das Vergnügen bei Maisonnier ist in die vielen kleinen Aperçus, dieses Spielen mit Zitaten, alles drum und dran. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn möglicherweise der Knabe, das wäre jetzt, jetzt würde ich wahrscheinlich durch die Zwischenprüfung fallen, den Knaben gibt es vielleicht sogar eine Weltkunstgeschichte in dieser Form.
Vielleicht sitzt er auf irgendeinem Bellini-Bild und trinkt sich einen an und der zitiert ihn jetzt und führt ihn quasi in die Gosse. Das wäre dem Maisonnier zuzutrauen. Habe ich gesagt, das Bild ist von 1872, also Ende des 19. Jahrhunderts, spielt aber natürlich in 1772. Also die Kleidung legt nahe, dass die Knaben irgendwie so kurz vor der französischen Revolution, zweite Hälfte, 18. Jahrhundert wird das wohl sein.
Ganz toll auch die Knie. Und das führt uns ja in einen Bereich, über den man sich so richtig nie Gedanken gemacht hat, nämlich, dass es in dieser Zeit ja auch sowas wie Werbegrafik gar nicht gibt, sondern es gibt eine Art von Malern, die eben nicht für die hohe Kunst malen, sondern die Alltagskrafik malen. als Handwerk.
Und das Einzige ist halt, weil es keine Museen, weil sie nicht in Museen gelandet sind, ist nichts davon über. Aber natürlich hätte das Schild auf Holz gemalt, das hätte auch im Museum, hätte es überlebt, aber so ist natürlich die, naja, die Kunst war schon immer präsent, denn die wurde auch immer gebraucht.
Im Mittelalter wären das dann Tapisserien, Wandteppiche, Skulptur, die du sowohl kirchlichen als auch privaten Häusern oder Palästen hast. Also die Kunst war immer da und hier macht er sich natürlich ein bisschen lustig. Im Endeffekt haben wir natürlich auch den Maler Maisonnier, der hier einen Kumpel.
Und natürlich auch der Maisonnier muss sich mit seinen Sammlern gut stellen und sich an sich ranwanzen. Also das ist so wundervoll doppelbödig und hat so einen charmanten Spaß. Ist jetzt nicht bösartig, tut niemandem weh. Im Gegenteil, jeder der davor steht, kann schmunzeln. Es ist sehr breitenwirksam.
Es ist aber halt einfach auch fantastisch gut erdacht und gemalt. Er entführt uns wirklich. Das ist ein kleiner Historienfilm. Eine kleine Szene. Und was der Marconi auch kann, diese Szene baust du im Kopf aus. Dieses Bild fällt schon auf, auch wenn es nicht groß ist. Es hat ein paar Geschwister. Wir haben, ich bilde mir fast ein, wir haben schon mal einen Marconi hier gehabt, vor langer Zeit, muss ich mal nachgucken.
Wir haben zwei Schachspieler nämlich, die ungefähr um dieselbe Zeit sitzen, zwei Herren und der eine gewinnt gerade und der andere, die lachen beide, weil der letzte Move war anscheinend entweder lustig oder ganz entsetzlich dumm und das Bild ist direkt daneben und diese beiden Szenen sind fantastisch, auch in ihrer Leichtfüßigkeit.
In einer Zeit übrigens, in der Pathos eigentlich der Ton der Zeit war. Wie kommt man auf so ein Bild? Weil er das selber gesehen hat? Nee, kann er nicht gesehen haben. Naja, ich glaube, der musste sich, glaube ich, früh selbst ernähren und während seiner Studie in Paris war er tatsächlich Schildermaler.
Er hat kommerziell gemalt und Grafik gemacht. Das hieß auch tatsächlich, also der Beruf hieß Schildermaler? Ich glaube, zu dem Zeitpunkt bestimmt auf alle Fälle, wie wird das in Französisch geheißen? Aber tatsächlich war das eben nicht der hochhohe Kunstmaler, sondern es gab eben den, was heute der Werbegrafiker ist, war der Schildermaler.
Also ja, im holländischen ist ja Gemälde, Schild, ich würde sagen, der Begriff Schildermaler trifft es schon ziemlich genau. Ob das jetzt ein Terminus technicus ist? Weiß ich nicht. Und der Meisternier spielt damit, weil er selber natürlich weiß um die Tücken seines Gewerbes. Man muss Sammler anziehen, man muss, und er hat von sich zu keinem Zeitpunkt gesagt, dass er avant-garde ist.
Und man muss ja auch immer, das ist ja das Lustige, wie viele Journalisten, auch spätere gute Journalisten, selbst Chefredakteure, kennt man die, wenn man sie fragt, wie hat das alles angefangen? Dann gerne erzählen, ich war damals bei der Schülerzeitung. Und so ist es ja bei Künstlern auch. Also so ein Künstler, das ist ja wahrscheinlich immer schwierig, wenn man dann sehr, sehr erfolgreich wird, dass man dann sagt, ganz früher, ich denke mal, Schauspieler, die dann sagen, ganz früher habe ich auch mal Erotikfilme gedreht. Ja.
Und so, das ist, aber man weiß ja nicht, man weiß ja nicht, was aus einem wird. Und mancher große Künstler hat vielleicht mal irgendwann begonnen und hat dann blöde Werbebilder gemalt. Oder sowas hier halt. Es kommt immer darauf an, was man aus dieser Geschichte macht, denn natürlich all diese Vorgeschichten waren nötig und man muss das vielleicht für sich selber auch deuten.
Also tatsächlich ist es so, der Maisonnier wollte nicht in die ganz große Historie einsteigen, vielleicht auch charakterlich nicht. Denn wie gesagt, man muss pathosfähig sein. Und zur selben Zeit malen, es gibt zum Beispiel zu der Zeit diesen sehr süßlichen Salonmaler Cabanel, der dann malte die Venus auf der Welle.
Es gibt Rodin, der alles umdreht und eigentlich alles nur abgründig und tragisch, dramatisch. Es gibt Mané, der zu diesem Zeitpunkt, dass sich die große Geschichte, aber die große Zeitgeschichte malt. Also der malt knapp nachdem der Kaiser Maximilian von Mexiko an die Wand gestellt wurde, malte das als Gemälde. Das muss man auch mal sich kurz eingehen.
Das war furios zu der Zeit, da gab es einen Maler, der tatsächlich quasi die Zeitung aufgeschlagen hat, gelesen hat, Kaiser Maximilian ist erschossen worden und malte dann aus der Ferne das Bild der Erschießung Kaiser Maximiliens. Das ist, als ob heute jemand, ich musste mal kurz nachdem Saddam Hussein gehängt wurde, habe ich mich gefragt, kommt jetzt jemand und malt ein arabisches Historiengemälde?
Ja, heute würde man vielleicht das bei irgendeiner KI bestellen und sagen. Ja, aber es ist natürlich was anderes. Deine KI baut dir das für, keine Ahnung, den schnellen Genuss. Tatsächlich, so ein Gemälde erhebt ja auch quasi erstens einen Anspruch, die Wahrheit zu sagen und auch noch einen Ewigkeitsanspruch.
Tatsächlich gibt es ja relativ wenig Gemälde, die heute Zeit zu fassen versuchen, Zeit geschehen. Und der Maestrinier wusste einfach, er ist auf dem leichteren Fuß unterwegs, die Operette der Malerei. Aber er hätte es sich ja auch noch einfacher machen können, weil dieses Schild, also dieses Werbeschild, also das Bild im Bild, ist ja recht anspruchsvoll.
Das hätte ja auch einfach sein können. Gasthaus zur Linde und da hätte man da irgendwie eine Linde gemalt oder eine Weinflasche oder so. Aber das sind ja eigentlich zwei Kunstwerke und das Lustige ist ja Ich finde ja, dass dieses, also das Kunst, also das Werbeschild wirkt moderner als die Szene. Soll das so sein?
Oder es wirkt... Moderner? Es ist ja dadurch, dass er keine Kleider handelt, ist er zeitlos. Genau, es wirkt also... Frischer. Wenn wir jetzt dieses Bild als eigenes Bild daneben hätten, würde ich sagen, das eine Bild ist 50, 100 Jahre später gemalt als das andere. Du kannst es halt nicht datieren, weil wenn du eben einen Menschen malst, der nur bekleidet ist mit ein bisschen Laub, hast du schon keine Anhaltspunkte, welche Zeit.
Und das andere wirkt natürlich eltlich, weil die beiden tragen eine eltliche Kostümierung. Das wirkt auch tatsächlich ein bisschen wie ein Kostümbild, wobei gleichzeitig dieser unglaubliche Realismus hat das Gefühl, wir haben hier eine Fotografie aus dem Jahre 1760 geerbt. Übrigens Fotografie, wenn man sich anguckt, die Strümpfe, diese Strümpfe des Malers und die Schuhe.
Das ist, und auch das Kopfsteinpflaster, auch die Farbe auf dem Kopfsteinpflaster. Die Schattenwürfe des Textils. Das ist wirklich, wenn du sagst, okay, ist der Maler nicht ganz ernst genommen worden oder ist dieses mit der Operette eher so eine Beschreibende und trotzdem ist das ein großer Maler, Weil rein handwerklich ist das ja fast schon fotorealistisch.
Auch Operettenkomponisten sind große Künstler. Die haben bloß tatsächlich natürlich etwas, was... Keine Ahnung, es gibt Operetten, die sind harmonisch und rhythmisch richtig aufregende Sachen ihrer Zeit. Also nee, das ist eher so das Thema, was man sich sucht. Der Maler hat hier einfach eine Genreszene, weil es natürlich auch leicht karikierend, wie du schon festgestellt hast.
Aber es ist ja auch psychologisch wieder eine sehr schöne Studie. Und hier ist auch eine seltene Fähigkeit, der Maris Cunier konnte sowohl Menschen gut malen, als auch Gegenstände, Orte. Und dieses Bild ist ja auch insofern toll, als er muss es, in meinen Augen hat er das einmal für sich gemalt in Front und hat es dann an die Seite gedreht, um dann abzumalen, wie das denn aussieht, wie das auf die Seite gedrückt aussieht.
Und das ist schon toll gemalt. Das ist wie der Zorn das Wasser toll malen kann. So malt er hier diese perspektivische Verjüngung des Bildes so faszinierend. Dieses Buhlen des Malers um die Zustimmung seines Auftraggebers, die ist auch so toll eingefallen. Das ist nicht zu viel und nicht zu wenig. Der macht einen Scherz auf der Lippe und eigentlich, der andere knickt doch gerade schon ein.
Oder die richtige Kritik ist da nicht auf der Lippe. Das weiß ich nicht, aber das ist ja schon so, das Kreuz ist so durchgedrückt und so. Die Hände so in die Hose und so. Die Hände so in der Hose nach dem Motto, von mir, also, dich drücke ich gleich richtig im Preis. Und man sieht ihm ja nicht an, dass ihm das Bild gefällt.
Also mit keiner Phase seines Körpers drückt er aus, dass ihm das Bild gefällt, sondern, ja, jetzt gucke ich mir das erstmal an. So habe ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Und was ist da mit dem Glas? Und der hat ja schon einen drin oder was? Ich hätte gesagt, das ergänzt sich aber um unseren Blick und das Bild ist gut.
Also ich würde sagen, jeder Mensch, der auf das Bild guckt, sagt, das ist gut. Das heißt, der kann gar nicht behaupten, das Bild sei schlecht. Nee, darum geht es ja auch oft nicht. Aber wie oft erlebt man das, dass Leute behaupten, wir haben gerade neulich wieder gehabt in so einer Geschichte, wo dann also mehrere Unternehmen von einem Veranstalter Geld nicht bekommen haben.
So und mit der Begründung, die Leistung war halt nicht gut genug. Andersrum, der Veranstalter bekam nichts von den Kunden? Nee, umgekehrt. Es war ein Veranstalter, also der hat irgendwas veranstaltet, eine große Feier und hat dann zu Dienstleistern. Die einen haben sich das Licht geliefert und die anderen haben was weiß ich was alles gemacht.
Und dann sind die auf ihren Kosten zum Teil sitzen geblieben und gesagt, nö, nö, das hat mir nicht gefallen. Und das ist ja oftmals so bei ganz gewieften, ist gewieft das richtige Ausdruck, bei bestimmten Kaufleuten, dass die es zu ihrem Beruf gemacht haben. Immer den Preis zu drücken. Immer zu gucken. Und dazu gehört ja auch dieses, also ja, also, selbst wenn du total überzeugt bist, das war jetzt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.
Solche Leute kenne ich und ich leide dann ganz furchtbar. In Griechen gehört das ja zu einem guten Ton, dass man handelt. Ich habe in Istanbul mal einen Händler tödlich verletzt, als ich gar nicht vor hatte zu handeln. Und der sagte einen Preis. Ich war auf dem Bazar und zückte mein Geld. Und dann meinte er auf Deutsch zu mir, willst du nicht mal handeln?
Dann hat er mich ein bisschen beschimpft. Hier muss man handeln. Du musst mich als Händler nicht ernst. Und so habe ich eine, ich sage jetzt nicht mehr, in Griechenland eine nicht verwandte, aber gute Bekannte, die einfach immer am Preis rumspielen will. Immer. Und ich stehe da neben mir und sage, der Preis steht da. Nimm ihn.
Fahre gar nicht das Theater an. Es ist natürlich typisch deutsch. In Deutschland sagt man immer nur. Kann man da am Preis noch was machen? Oh, das wirft mich auch weg. Und dann sagt der andere, nein. Und dann okay, dann nicht. Wo du denkst, ja, ich finde gerade bei so großen Sachen kann man, wo das passiert, ich weiß nicht wie viel du das machst, das heißt ja nicht mehr Ebay, sondern das heißt ja Kleinanzeigen.de, wenn man also Sachen dann verkauft und so.
Und dann kommt immer die Frage, wir haben neulich so ein kleines Ruderboot verkauft und dann geht da noch was. Und da geht man nochmal ein bisschen nach, ist ja auch nicht schlimm. Weil man geht ja auch rein immer mit einer Vorstellung eines Preises, von der man in der Regel ja nicht glaubt, dass man ihn zu 100% bekommt. Ach okay.
Ja, ich bin da vielleicht einfach wirklich falsch gepult. Ich weiß gar nicht, was der Wert von den meisten Dingen ist. Ich weiß, was es mir wert ist. Also Bücher, ich kaufe Bücher wie ein Bescheuerte, was meine Familie beklagt. Und ich sehe dann halt einfach, oh, guck mal, dieses Buch kostet ja nur 50 Euro.
Und in meinen Augen ist es aber 150 wert. Und vielleicht ist aber die Produktionskoste nur 25 gewesen. Also ich weiß, das Preis ist halt irgendwie auch eine Sache dessen, der etwas zahlen kann. Natürlich. Also es ist schon ein, aber ich glaube, ich würde anders handeln. Am Flohmarkt handele ich hin und wieder, weil ich dann frage, was kostet das?
Dann kriege ich eine Zahl, mir wäre das das wert. Und dann auf dieser Basis fühle ich, es ist nicht eher abschneiderisch, wenn man sagt, aber mir ist das nur das wert, dann kann der Verkäufer immer noch sagen, ja. Ich meine, so Handeln macht ja auch Spaß, man muss nur aufpassen. Man muss es können. Man muss aufpassen, dass es nicht peinlich wird. Ich habe das mal erlebt bei einem Flohmarkt, den nur kleine Kinder gemacht haben, dass dann tatsächlich Erwachsene kamen und dann sagten die, was möchtest du denn für diese drei Sachen haben? und sagten die Kinder, 1,50 Euro. Ich gebe dir 50 Cent.
Das kannst du nicht machen, wenn du dann stehst. Und das war nicht einer, sondern mehr. Und die haben das irgendwie echt eiskalt durchgezogen. Aber ansonsten ist es ja auch Spaß. Aber hier ist es halt wirklich, hier ist einer, der sagt, wahrscheinlich gefällt ihm das gut, das sieht ja auch toll aus. Und dann sagt er, aber trotzdem will ich das natürlich jetzt zu einem Preis haben, der vielleicht der Qualität dieses Bildes nicht entspricht.
Weil man könnte auch umgekehrt sagen, okay, Junge, das ist so gut, das Bild. Davon zahle ich dir natürlich jetzt irgendwie, boah, da kriegst du auf jeden Fall den vorher vereinbarten Preis. Vielleicht haben sie den Preis auch noch gar nicht vereinbart, sondern sprechen jetzt erst darüber. Vielleicht hat er gesagt, mal du Mann, dann gucken wir uns das an.
Dann sagst du mir, was du dafür haben willst, dann lachen wir da gemeinsam drüber und dann sage ich dir, was wir dafür bezahlen. Wobei ich vermute mal, realistischer würde ich finden, da war schon irgendein Preis vereinbart und jetzt geht es aber um Geschmacksfragen. Der Käufer sagt, ich will keinen nackten Mann vor meiner Tür haben.
Oder er sagt übrigens, es geht gar nicht darum, um den Preis, sondern es geht darum, was er an dem Bild, er hat ja die Palette noch an der Hand und den Pinsel. Kannst du noch was ändern? Kannst du hier noch was machen? Kannst du da noch was machen? Vielleicht ist es auch nur das, dass der deshalb so guckt und so klar und abschätzig guckt, weil er sagt, okay, jetzt gibt es noch die Chance, dass was geändert wird.
Was könnte er denn jetzt noch ändern? Und der andere guckt so ein bisschen in der Hoffnung, hoffentlich ist es nicht zu viel, was ich ändern muss, weil ich habe es eigentlich schon und mir gefällt es auch ganz gut. Und ich bin jetzt eigentlich auch fertig und habe jetzt auch schon Feierabend. Feierabend ist ein gutes Stichwort, lieber Alexander.
Wir sind nämlich schon wieder mit dieser Folge durch, für die es ja immer nur eine einzige Regel gibt. Wir sprechen über alles, aber nicht über 25 Minuten, und zumindest nicht mehr als wenige Sekunden über 25 Minuten. Das haben wir jetzt gerade überschritten. Nächste Woche geht es weiter. Völlig freie Hand, du bringst mit, was dir gefällt.
Ich lasse mich überraschen. Bis nächste Woche. Tschüss. Bis dann. Music.