
Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 292
Zeit, um einen Apfel zu schälen
Samstag, 22. November 2025 · 26 min
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Shownotes
Diese Woche verlassen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider die Leinwand und stellen sich einem Video-Kunstwerk!
Ihr Spiel: „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Ihr Objekt der Begierde: „T for Time“ von Ho Tzu Nyen aus dem Jahr 2023.
Tauchen Sie ein in eine vielschichtige Installation, die Alltagserzählungen mit Kosmologie und Quantenphysik verbindet. Ein algorithmisch generiertes Werk – also jedes Mal anders! Was sehen die Experten in diesem dynamischen Blick auf die Zeit? Und was bleibt dem bloßen Auge verborgen?
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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Mein Name ist Lars Heider. Mein Name ist Alexander Klar. Ja, und es ist ja in dem Text, in dem Text zu diesem Podcast heißt es ja immer, dass wir in der Regel, heißt es heute sprechen Alexander Klar und Lars Heider über ein Bild.
Und da würde ich gleich schon mal vorweg sagen, lieber Alexander, wenn das, was du mir mitgebracht hast, ein Bild ist, wäre ich, ich würde sagen enttäuscht ist das falsche Wort, aber würde ich sagen, das ist aber eher so im unteren Drittel dessen, was wir besprechen. Ich würde deshalb einmal kurz sagen und tippen, es ist das, was wir in der Redaktion oder auch sonst einen Screenshot nennen.
Es kommt mir vor, ist das so? Ja. Es ist so, okay. Wir reden von einem Video, was wir auch schon öfter getan haben. Und du hast also einen Ausschnitt aus einem Video mitgebracht und dieser Ausschnitt wiederum ist etwas, worüber man viel sprechen kann, weil es eine Szene ist, die irgendwie jeder schon einmal kennt.
Es ist ein sehr breites Bild, ein rechteckiges Bild und was man vor allem sieht, sind die Finger eines Mannes, die Hände eines Mannes. Von diesem Mann, der sitzt in einem Korbstuhl, würde ich sagen. Man sieht so einen Teil dieses Korbstuhls. Er sitzt in einem Korbstuhl. Das ist jemand, der offensichtlich gerade geschäftlich unterwegs ist.
Er hat einen Anzug an mit einer Weste, darunter eine rot-weiß gestreifte Krawatte. Die Weste ist auch zu, beide Knöpfe zu. Die Hemden haben so Manschettenknöpfe. Sind so ein bisschen locker und er hat das Jackett ausgezogen. Das Jackett ausgezogen heißt ja immer, jetzt beginnt irgendwie eine weniger formelle Geschichte.
Und was er macht, ist etwas, was mich so sehr an Großeltern, an Eltern erinnert, weil man es heute, glaube ich, nicht mehr macht. Was macht dieser Mann? Er schält einen Apfel. Das stimmt, wir im Deutschen machen das vor allem gar nicht mehr so sehr. Warum sollte man einen Apfel schälen? Das heißt doch immer, dass die Vitamine vor allen Dingen in der Haut, in der Schale sind.
Und ehrlich gesagt, wenn man jetzt Bio-Äpfel kauft, gibt es überhaupt gar keinen Grund, einen Apfel. Und auch ansonsten finde ich ja gerade, das Schöne am Apfel ist doch die Schale. Und der schnackige erste Biss. Aber der schält einen Apfel. Und ich muss dabei denken an diese ganzen alten, also nicht alten ist gemeint, an die ganzen erfolgreichen, großartigen Hamburger Kaufleute, die an bestimmten Traditionen festhalten.
Ich erinnere mich an Werner Otto, den Gründer des Otto-Versandes, der sich jeden Morgen, wenn er ins Büro kam, einen frisch gepressten O-Saft, kredenzen ließ und davon auch natürlich dann nicht abweg und der musste auch frisch gepresst eben da gemacht werden, nicht aus irgendeiner Tüte oder so und ich stelle mir vor, dass das so jemand ist, der sagt so ich schäle mir jeden Tag einen Apfel.
Und ich schaffe das auch, das sieht ja so aus, das ist ja fast eine Kunstform, ich schaffe das sozusagen auch in einem durch. Also man sieht ja, dass die Schale an der Seite so ein bisschen runterfällt und ich glaube, der dreht den Apfel ganz geschickt und dreht ihn und dreht ihn und dreht ihn, dann ist die Schale weg und dann isst er diesen Apfel.
Aber zu dem Apfelessen gehört dieser Moment des Schälens sozusagen als Ritual, also praktisch eine Art Tee-Zeremonie für den, übrigens Tee-Zeremonie, ganz lustig, im Hintergrund, da ist sowas so, dieses Fenster oder irgendwas oder eine Tür, das sieht fast so ein bisschen japanisch aus, aber es ist glaube ich kein Japaner. Ja, aber nicht weit weg.
Vielleicht ist es doch im asiatischen Umfeld. Der Mann, die Hände wirken sehr, sehr groß und der Mensch wirkt eher wie ein sehr, sehr großer, wichtiger Mann, der aber sagt, und einmal am Tag, dann esse ich einen Apfel. An apple a day keeps the doctor away. Ja, und das war's. Und das Ganze ist offensichtlich ein Zeichentrickfilm, ein animierter Film, was Moderneres auf jeden Fall, würde ich sagen. Also das ist irgendwann aus unserer Zeit.
Das ist richtig. Jetzt kommst du. Jetzt komme ich. Sehr schön. Also ein Ding hast du, glaube ich, tatsächlich erwähnt. Ich habe ganz gut aufgepasst, das ist rechts der Korbstuhl, oder? Doch, natürlich. Was ist denn jetzt? Ich habe doch gesagt, der sitzt in einem Korbstuhl. Rechts sieht man das. Weil Korbstuhl deduziert ja immer so ein bisschen das Alter des Menschen, der da sitzt.
Hattest du das auch gesagt? Ja. Meine Güte. Wir hören auf. Ich möchte das dazu haben. Ich gelobe Besserung. Also, aber du hast richtig gesagt, asiatisch, das Ganze, das löse ich jetzt mal schnell auf, weil das führt uns vielleicht auch auf einen Weg, wo wir interessante Sachen besprechen können. Das ist eine Arbeit, die man jetzt gerade in einer großen Ausstellung bei uns sehen kann, die heißt Ho, Entschuldigung, der Künstler heißt Ho Sun Yen oder gesprochen Ho Sun Yen, wie ich gerade gelernt habe und die Ausstellung heißt Time and Tiger.
Ho Sun Yen stammt aus. Wer ist die Time in? Time and Tiger, also Zeit und Tiger. Okay. Und um beide Dinge geht es. Und das Bild oder das Video heißt auch Time and Time? Nein, dieses Bild heißt Tief. Ist ein Bild aus einer Gruppe von, ich glaube, 23 Werken oder so mittlerweile, die noch ansteigen. Das heißt Tief for Time.
Tief, also T mit T-E-A? Genau, T und dann for Time. T wie Zeit. Wobei das Tee nicht unser Tee trinken ist. Da kommt aber auch gleich noch dazu. Und es geht tatsächlich, also das kann man schnell erklären, er ist aus Singapur und die beiden Dinge, Tiger und Zeit, haben natürlich eine gewisse Bedeutung.
Der Tiger besonders, wir kennen ja die Tigerstaaten da unten und der Tiger, der da in den Wäldern um Singapur herum... Ist auch das Symbol, also das Wahrzeichen oder das Wappentier von Singapur. Das ist auch das erste Tier, was ausgerottet wurde von den Kolonialisten, die dann das Gelände sich erobert haben. Das heißt, der Verlust des Tigers geht einher mit dem Verlust an Autonomie, die jetzt wieder zurückgewonnen ist.
Und Time ist eine Referenz daran, dass Zeit eben unterschiedlich gelesen werden kann. Und in dem besonderen Fall dieses Apfels, man sieht in diesem Video eben tatsächlich jemand einen Apfel schälen. Das ist der ganze Inhalt des Videos? Es gibt ganz, ganz, ganz viele Videos, aber von diesem Video ist der Inhalt dieser, dass du zwei Hände eines Menschen einen Apfel schälen siehst.
Und wenn du das jetzt versuchst mit Zeit in Verbindung zu bringen, kommst du relativ schnell auf die Tatsache, dass du ein bisschen Zeit brauchst, um den Apfel zu schälen. Zum Zweiten, dass das unumkehrbar ist und zwar beides. Die Zeit ist nicht umkehrbar und das Schälen des Apfels ist nicht unumkehrbar.
Er hat auch eine sehr schöne Geschichte dazu erzählt, die aus einem Film kommt, nämlich Yasuhiro Otsus Film Banshun. Und da kehrt ein Witwer, nachdem er seine einzige Tochter verheiratet hat, nach der Zeremonie nach Hause und ist jetzt alleine in dem Haus und schält einen Apfel. Und er schält im Endeffekt mit dem Messer die Zeit.
Und verschiedene Betrachtungen von Zeit, dazu gehört auch die Zeitzeremonie, finden in diesem Raum. Das sind vier große Installationen, die gerade in der Galerie der Gegner zu sehen sind. Und jeder dieser Filme hat seine eigene Zeit. Das heißt, man braucht sehr viel Zeit für diese Ausstellung. Man kann die auch schnell durchmessen, indem man nur drei Sachen anguckt.
Aber die ist unglaublich verlockend, weil es eben, wenn du erst mal anfängst, über die Zeit nachzudenken, wirst du ein bisschen irre. Das ist wie, keine Ahnung, wenn man psychologisch mit sich selber sich beschäftigt, macht ja auch keinen Spaß. Also mir ist das mal begegnet, ich bin ja ein bisschen Musiker und Musik, habe ich ja auch schon mal zum Besten gegeben, das ist auskomponierte Zeit.
Wenn ich am Anfang einer mir bekannten Symphonie mich hinsetze und der Dirigent hebt den Taktstock, dann weiß ich ziemlich genau, was in den nächsten 50 Minuten passiert, wenn es eine lange Symphonie ist. Das heißt, das ist nicht festgefroren, im Gegenteil, das fließt. Und dasselbe ist mit der Apfel, du brauchst... Nein, ich finde, aber das ist interessant, ich finde, ich finde das schon ein Statement, wenn jemand, der ja offensichtlich...
Ein feiner Herr, ein feiner älterer Herr, der sich dann die Zeit nimmt, da geht es schon los, man nimmt sich die Zeit, einen Apfel zu schälen. Ich glaube, in unserer schnellliebigen Zeit haben viele Leute, da ist es eher so, dass du das Ding in den Safter schmeißt. Oder irgendwie, du suchst irgendwas, wie kann ich das möglichst schnell zerdrücken.
Da gibt es auch diese Apfel, wo man das so drrrt und dann werden da so Spalten draus. Und der nimmt sich die Zeit, einerseits diesen Apfel zu schälen, er hat auch die Ruhe, das zu machen, ohne sich in den Finger zu schneiden und das ja sehr sorgfältig zu machen, sodass der Apfel, ich weiß gar nicht, es geht ja vielleicht in diesem Moment und bei diesem Apfel gar nicht darum, ihn zu essen, sondern es geht um das Schälen in dem Moment.
Und vielleicht ist das der Moment, wo er schält, wo er zur Ruhe kommt, wo er auch vielleicht was hat, was er sein Leben lang schon hatte. Also dieses Ritual, ich schäle mir einen Apfel. Oder so wie bestimmte Leute, die morgens immer das gleiche Müsli essen oder immer morgens ein gewisses Ritual haben, was dich dann auch, egal was gerade passiert, daran kannst du dich festhalten. Genau, das trägt einen, daran kannst du dich festhalten.
Und tatsächlich ist es ja so, das involviert ja auch die Zeit. Du weißt, wenn du dir morgens einen Kaffee machst, das kostet dich fünf Minuten, die du dem Kaffee widmest. Und da morgens ja bei allen irgendwie die Zeit nicht üppig bemessen ist, man ist in Hektik und hat keine Zeit, ist das eben schon quasi, ist die Abfolge der Dinge, die man tut, schlauerweise irgendwie vorgeregelt.
Neulich hat mich jemand schwer beeindruckt, als ich fragte, haben Sie Zeit? Und er hat gesagt, nee, ich habe keine Zeit, aber die nehme ich mir jetzt. Und dann dachte ich, ah. Ja. Ja, naja, aber das... Ja, was heißt das? Ja, aber ich finde, erst mal ist es ein Satz, den man schon mal gehört hat. Das schon, aber... Und zweitens ist es auch so ein bisschen, nein, ich habe keine Zeit, aber die nehme ich mir jetzt. So ein bisschen so wie... Ja, der ist nicht so hin.
Das war nicht herablassend großzügig, sondern das war, ich nehme jetzt diese Zeit. Ich habe sie nicht, aber nein, es war auch ein bisschen spaßig gemeint. Man muss sich doch nehmen, die Zeit. Das ist auch ein bisschen, weil ich bin ja sehr hektisch und Leute, die mir begegnen, werden, glaube ich, immer so ein bisschen fizzelig.
Wenn ich in eine Sitzung reinkomme und ich glaube, nach fünf Minuten verstanden zu haben, worum es geht, merkt man mir an, dass ich jetzt die Sitzung eigentlich gerne beenden würde, weil ich weiß, worum es geht. Zwei Möglichkeiten. A, ich weiß es nicht, dann liege ich falsch. Die zweite Möglichkeit B, ich weiß es, aber das nützt nichts, weil Teil dieses Gruppenerlebnisses ist, dass alle zu Wort kommen.
Das habe ich gelernt in meinem Alter mittlerweile. Das heißt, es ist ganz, ganz wichtig. Das ist nur die Hälfte der Miete, wenn ich verstanden habe, worum es geht. Aber da bin ich mir nicht ganz sicher. Das hat mir auch mal Olaf Scholz erzählt, dass er bei seinen Senatoren-Sitzungen, als er noch Bürgermeister war, hat er immer alle Senatoren und Senatoren aussprechen lassen und so lange referieren lassen, bis die das Gefühl hatten, sie waren fertig. Was gar kein Problem war.
Auf einen Senator. Wir fragen jetzt nicht wer, der aber sehr, wie sagte er, sehr ausufernd und sehr ausführlich und große Bögen geschlägt und sehr, sehr viel erzählt hat. Und er sah in den Gesichtern der anderen Senatoren, dass sie sagten, ich weiß und es ist jedes Mal dasselbe und so. Aber er hat das einfach mit seiner, natürlich diese unglaublich stoische Ruhe, genau wie du gesagt hast, hat er das irgendwie ertragen und zugelassen.
Ich selber finde aber das teilweise unverschämt. Zum Beispiel, wenn jemand eine Präsentation macht, eine PowerPoint-Präsentation, und dann an die Wand wirft, die Sachen, die er vorliest. Das habe ich früher dann ertragen. Heute sage ich, ich sage es einfach, vielleicht auch einfach dem Alter geschuldigt, ich sage einfach, sorry, ich kann es ja selber lesen.
Ich kann es schnell selber, und es geht schneller, wenn ich es selber lese. Ich überfliege das kurz und dann so. Und deshalb finde ich das, was du sagst, kann ich total verstehen, wenn man das Gefühl hat, man hat es verstanden, dann geht es natürlich darum, haben es die anderen auch verstanden oder hat man es vielleicht gar nicht verstanden? Ist das irgendwie unhöflich?
Aber das ist der Moment, wo man sagt, dann lass uns doch lieber alle in Ruhe einen Apfel schälen, als dass einer etwas macht, was unnötig viel Zeit beansprucht. Also ich glaube, selbst wenn ich Olaf Scholz wäre, würde ich glaube ich, und man sieht, die ganze Runde ist einhellig der Meinung, der redet zu lang, dann würde ich glaube ich schon einschreiten.
In meinem Fall ist es ja so, dass die Tatsache, die Erkenntnis, meine Erkenntnis lautet, es kann nicht stimmen, dass ich da schon alles verstanden habe, oder aber es nützt nicht, dass ich alles verstanden habe. In beiden Fällen ist es besser, tief einzuatmen und zu sagen, wir haben hier eine Dreiviertelstunde, nehmen wir sie uns.
Was nützt mir denn, wenn ich jetzt sage, okay, alles kapiert, kann ich meine Sachen anders machen. Dadurch entstehen halt auch Eindrücke bei anderen, die, ich möchte ja auch nicht irgendwie, dass bei uns hektische Entscheidungen fällen. Und im Gegenteil, ich habe es sogar ganz gern, wenn ich schnell bin, dass andere langsam sind, weil die möglicherweise den Haken entdecken, den ich nicht entdecke in meinem schnellen Durchflügen.
Also es gibt ja auch unterschiedliche Zeitempfinden. Das stimmt, aber ich finde so, das ist, weiß ich nicht, wie es dir geht, erstmal dann so aus solchen, also ich habe mich zum Beispiel jetzt verstärkt aus so internen Runden zurückgezogen. Weil mein Gefühl ist, das, was ich so an internen Runden, wo all das passiert, hier eine Präsentation, da eine Präsentation.
Und ich habe das alles erlebt und es ist jetzt Zeit, dass das andere erleben und dann andere auch inzwischen da durchgehen so ein bisschen. Weil ich finde das, ich finde übrigens auch nach wie vor, wenn man irgendwo hinkommt und da hält jemand eine unglaublich langweilige Rede. Das ist Zeitstehend. Nein, nein, es ist aber bei mir so, wie wenn ich ein Buch lese, das mich nicht nach 30, 40 Seiten packt, Das Buch klappe ich zu.
Und bei der Rede stehe ich auf und gehe. Also natürlich so, dass das keiner merkt. Nein, natürlich, aber wie viele Reden habe ich jetzt gehört, wo man dachte, nichts gegen Torsten Albig, den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, aber ich weiß noch eine Rede, ich saß hinter Wolfgang Kubicki und Torsten Albig sprach und sprach und sprach und nach 25 Minuten sagte er, vielleicht waren es 20, sagte er, so und jetzt komme ich zum zweiten Teil meiner Rede, Spaß beiseite.
Und Kubicki und ich guckten uns an, erstens, weil wir dachten, nein, nicht noch 20 Minuten. Und zweitens, welcher Spaß. Weißt du, und das ist so, und da lobe ich mir, da lobe ich mir übrigens, jetzt kommen wir wieder zum Bild, da lobe ich mir so einfache Dinge, mit denen man zu sich finden kann und denen man dann sozusagen zur Ruhe kommt und achtsam sein kann.
Und dazu kann, glaube ich, das Schälen eines Apfels, was ja ansonsten abstrus ist, gehören. Man kann ja auch überlegen, dass Zeit parallel läuft. Man kann ja auch, wenn man nicht die Möglichkeit hat, das Ding jetzt zu verlassen, kann man ja anfangen, parallel andere Dinge zu machen. Das kriege ich auch ganz gut hin.
Das Problem ist natürlich, es gibt ja diese chinesische Weisheit, nach der man besser das auch tun sollte, was man gerade tut. Unbedingt. Ich glaube, das ist etwas, was ich erlebe bei jungen Leuten, also auch in meinem direkten Umfeld. Zum Beispiel meine Frau, die natürlich stolz, wie die meisten Frauen, darauf ist, dass sie Multitasking ist und alles gleichzeitig macht.
Und ich glaube, das kann ich auch nicht. Also ich habe, meine Erfahrung ist, wenn du dich wirklich auf die Sachen konzentrierst, die du machst, wenn du nicht in Gedanken schon, also wir sitzen hier und ich wäre jetzt schon in Gedanken bei dem nächsten Termin um vier oder so. Das ist furchtbar. Das kann nicht gut werden, ja. Weil du wärst weder dem einen noch dem anderen gerecht und ich hatte das mal eine Zeit lang, habe ich glaube ich auch schon mal erzählt, in meiner Studentenzeit oder so.
Da habe ich mir vorgenommen, alles total achtsam zu machen. Wenn ich eine Gabel abgewaschen habe, habe ich eine Gabel abgewaschen. Wenn ich die Blumen beschnitten habe, habe ich die Blumen geschnitten. Und nicht dabei irgendwas anderes gemacht. Weil heute, du machst ja heute irgendwelche Sachen, du fährst mit dem Bus und das Erste, was du machst, ist, du machst den Kopfhörer auf und hörst dir irgendwie einen Podcast. Nee, es ging Podcast.
Aber ich genieße es jetzt, also wenn ich Podcast höre, dann mache ich das fast immer als Hauptbeschäftigung. Also ich sitze irgendwo oder ich liege irgendwo und dann höre ich diesen Podcast. Es führt ja noch eine Spur weiter. Wir hatten es ein paar Mal, glaube ich, hier von der Langeweile. Langeweile hat einen schlechten Ruf zu Unrecht. Langeweile ist ein hochproduktives Ding, weil wenn du dich langweilst, passieren andere Dinge und meistens unerwartete Dinge.
Ich versuche meinen Söhnen, die das irgendwie natürlich nicht verstehen, weil die langweilen sich noch öfter als ich. Je älter du wirst, desto weniger kommt Langeweile, weil du lernst immer besser einzuschätzen, was davor liegt. Ich war allerdings neulich in einem Konzert, wo ich tatsächlich nicht ahnen konnte, wie lang dieses Stück ist.
Und so sehe ich Musikliebe. Dieses Stück war nicht meins. Und ich wusste aber nicht, das passiert selten, normalerweise, ich weiß jetzt mittlerweile über Musik so viel, ich wusste nicht, wie lange dieses Stück werden würde und auf einmal geschah, was mir als Kind geschehen ist. Ich hatte Angst, nein, ich langweilte mich und hatte Angst, dass es noch länger so geht.
Und es zog sich hin. Und dann passierte was Lustiges, ich habe versucht, die innere Logik dieses Stücks zu verstehen und mich gefragt, wie oft kommt denn das jetzt nochmal wieder? Wie groß hat er sich das gedacht? Wie lange werde ich hier sitzen? Und dann kam ich zu der Erkenntnis, das wird 20 Minuten sein. Und dann dachte ich, aber Mist, ich weiß gar nicht, was 20 Minuten sind. Ich kann ja schlecht mein Telefon jetzt rausholen.
Es wurde immer schlimmer, aber es war auch irgendwie ganz wunderbar, denn auf einmal kam wieder dieses Gefühl, hilflos einen Moment ausgesetzt zu sein, den man so nicht will, aber aus dem man nicht rauskommt. Aber trotzdem, ich finde, nein, das ist, also verschiedene Facetten. Ich habe auch das Thema, gerade neulich, dass wir irgendwie, wir waren bei Freunden und da war irgendwie viel los und man konnte vom Fußballspiel gucken und einige haben gekocht und so und einer meiner Söhne hat gesagt, Papa, mir ist so langweilig, mir ist so langweilig und dachte ich so.
Das ist eigentlich doch schön. Aber das versteht einen Sohn nicht. Aber das versteht so ein Sohn nicht. Und hat er sich zurückgezogen mit irgendeinem Lego-Harry-Potter-Schloss und hat dann damit gebastelt. Und so denkst du, wow, er konnte sich damit stundenlang beschäftigen. Das ist ja auch ein Modell der Achtsamkeit.
Aber dieses andere, das kenne ich auch, das ist eines der furchtbaren Gefühle. Wann ist es vorbei? Weil darum kann es ja eigentlich nicht gehen. Es kann nicht darum gehen, wann es vorbei ist. Der Moment muss ja so sein, dass du sagst, hoffentlich ist es nicht vorbei. Naja, eben. Du willst ja gar nicht, die Zeit verrinnt oder die guten Sachen verrinnen zu schnell, die nicht so guten Sachen zu langsam.
Jetzt kehre ich mal zurück zu dem Hozunien. Die ganze Ausstellung, ein Teil der Ausstellung, der Zeitteil, widmet sich eben diesen vielen Facetten von Zeit. Übrigens ein anderer ist ganz schön, es geht um Fotografie. Fotografie ist ja das Gegenteil. Fotografie hält einen Moment fest. Aber zu diesem Moment führte er ganz viel und von dem Moment führte er ganz viel weg.
Und das ist natürlich total faszinierend, dass man ein Foto von 1967 sieht und man weiß nichts drumherum. Man weiß nur einfach, das ist von 1967, man sieht, was man sieht und dann denkt man sich, interessant, habe ich damit das ganze Bild? Ich habe natürlich ein ganzes Bild, aber gute Fotografie drückt natürlich...
Ganz viel aus und trägt ganz viel in sich und trotzdem wird es nicht gelingen, dass die Linearität dessen, was dahin geführt hat und was von da weg zu uns führt, ist nicht drin. Und das finde ich immer interessant, wenn man sich dann Bilder anguckt, wenn man ganz jung ist und dann denkt man so, ja, ja, so war das.
Und dann stelle ich oftmals fest, ich weiß gar nicht, wie das war. Ich weiß es nur, weil ich diese Bilder gesehen habe und weil meine Eltern mir dazu irgendwelche Geschichten erzählt haben. Aber dass man richtig Sachen weiß, geht halt irgendwie wahrscheinlich so 6, 7, mit 6, 7 los. Wobei, je älter man wird, man auch da feststellt, dass man bestimmte, das ist fast schon erschreckend, finde ich, als meine Freundin mir neulich von einer Reise erzählte, ich weiß gar nicht mehr, in irgendeinem Land.
Ich sagte, da waren wir nie. Doch. Ich sagte, nein, wir waren da nicht. Und dann zeigte sie mir das entsprechende Fotobuch. Und selbst da hatte ich keine Erinnerung mehr. Also das ist auch interessant. Die Frage ist, und warum brennen sich andere Erinnerungen so ein, dass du immer noch denkst, das war doch gestern?
Und du glaubst dann dem Bild, beziehungsweise du glaubst, wenn das kein Bild, ah, das ist ganz schön, wenn es kein Bild gibt, gibt es das nicht, damit spielt Jochen. Nein, wenn ich es nicht weiß und es gibt ein Bild, dann ist dieses Bild der einzige Beweis und dann denke ich, vertraue ich dem Bild und sage, da ist ja das Bild, also hat es das gegeben, also habe ich mal so ausgesehen wie dieser Junge.
Da gibt es eine wundervolle Arbeit, künstlerische Arbeit von Jochen Gerz, die heißt Transzip-Express und die geht ungefähr so, das ist ein Raum, das ist so ein bisschen dunkel, man hört ein Schienengeräusch und man sieht, 1, 2, 3, 4, 8, ich glaube 16 Sitze könnten es sein, also ein Quadrat mit Sitzen und ganz roh und soll so ein bisschen erinnern an ein Zugabteil.
Und die Arbeit ist so zustande gekommen, dass er gesagt hat, er würde gerne für, war es Documenta Biennale? Ich weiß es nicht, Documenta, glaube ich. Er möchte den Transsibirischen Express nutzen und die Reise aufzeichnen. Und er hat aber dann behauptet, er ist mit dem Zug gefahren, hat aber das Fenster runtergemacht, sodass er nicht sehen konnte, was draußen passierte.
Und er hat dann offen gelassen, ob diese Reise überhaupt stattgefunden hat. Und wenn du das dann, wenn du diese Wollte Gedanken mitmachst, stellst du fest, die Reise, wenn du nicht gesehen hast, was da draußen passiert ist, wenn du nur deinen Zugabteil hast, kann es sein, dass die Reise gar nicht stattgefunden hat?
Hat sie nur stattgefunden, weil du gesehen hast, dass sie stattgefunden hat? Hat sie stattgefunden, weil du ein Ticket hast und du bist in den Zug gestiegen? Oder kann es passieren, dass Dinge gar nicht stattfinden können, wenn sie nicht visuell stattfinden, sichtbar gemacht werden? Okay. Und andererseits gibt es ja Dinge, die in deinem Kopf sind, die du irgendwie abgespeichert hast.
Und wenn es die Bilder dazu gibt, dann kannst du dich auch genau erinnern, wie das war. Aber es gibt halt so viele Dinge. Mir ist das noch aufgefallen, als ich mich auf den Neujahrsempfang vorbereitet habe und dann gedacht habe, was habe ich eigentlich schon so am Neujahrsempfang gesagt? Und dann feststellte mit Erschrecken, an wie viele Neujahrsempfänge ich mich und an das, was ich gesagt habe, gar nicht erinnern konnte.
Aber du hast die ganzen Reden noch, dass du sie stattgefunden hast, aber trotzdem gar nicht. Also an den ersten habe ich sehr gute Erinnerungen, zwischendurch mal ein, zwei und an den letzten, aber dann gar nichts. Das ist interessant. Und jetzt, Stichwort Zeit, die Frage ist ja, warum gibt es dann einige Sachen so große Erinnerungen und andere gar nicht?
Wahrscheinlich, weil die Erlebnisse so waren, wie sie waren. Jeder von uns weiß, wo er am 11. September war und zwar im kleinsten Detail, weil die Erlebnisse so groß waren oder weil man so achtsam mit der Zeit umgegangen ist. Und zwischendurch verschenkt man halt so viel Zeit und merkt das gar nicht.
Merkt gar nicht, wie diese Zeit vorbeigeht, wenn man es für Belanglosigkeiten oder wenn man irgendwo sitzt und denkt, mein Gott, ist das langweilig. Aber jetzt halte ich es mal aus. Wenn du nichts Eindrückliches hast, eindrücklich ist, glaube ich, immer so ein Marker, der ein Bild mit einer Zeit verbindet, dann komprimiert dein Hirn natürlich einfach die Information, weil es braucht ja Platz für andere Dinge.
Oder es hakt es sofort ab oder du denkst, weg. Also du denkst, es ist egal, ob jetzt hier... Das finde ich auch immer so schlimm, wenn man Menschen... Um nicht geht es den Hörern und Hörern bei uns nicht so. Also wenn man dann Menschen länger zuhört und feststellt, ich habe eigentlich nichts mitgenommen, wirklich gar nichts.
Oft sind ja auch so gerade Ansprachen und so eine Aneinanderreihung von Plattheiten und so. Ich könnte ja einen letzten Aspekt zur Zeit von Hoosunien bringen, nämlich in diesem Repertorium von vielen Bildern gibt es auch die Eintagsfliege. Und da schreibt er sehr schön, dass er nach 350 Millionen Jahren Evolution die Eintagsfliege das Licht der Welt erblickt.
Und die beginnt halt als Ei, schlüpft meistens aus Wasser und dann wird sie ein ausgewachsenes Inzept, das sich paart und eine mindestens 400-köpfige Familie gründet. Ernsthaft? Und das an einem Tag. Und am Ende des Tages ist Schluss. Ja, das ist ja so wahrscheinlich für die, ja. Weniger als zwei Tagen, schreibt er übrigens. Also wahrscheinlich braucht es nicht 24 Stunden. Weil es ist eine Zweitagesfliege. Vielleicht, oder eine.
Und das ist auch, ich glaube, diese Videos, Und da kann man ja, aber das ist natürlich der alte Trick, dass man über Zeit und über Achtsamkeit, reimt sich auf Zeit, ja auch unglaublich viel reden kann, aber zu finden dieses Symbol dafür mit dem Äpfel, den man schält. Das ist sehr asiatisch. Und auch in der Kombi mit dem Geschäftsmann oder der fein gekleidet, der kommt von einer Hochzeit oder was auch immer und schneidet.
Jetzt schneide ich mir, schäle ich mir erstmal einen Apfel. Das ist schon, ich finde das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein starkes Bild. Das ist es. Und für das nächste Mal, da möchte ich dich nochmal dran erinnern, weil du hast diesmal ja noch nicht darauf reagiert, auf meinen Wunsch von vor einer Woche.
Weil ich gerade so in dem Tapetenwahn bin und wir viele Tapeten, irgendetwas, ich weiß nicht, zum Thema Tapete, du kannst es auch erweitern auf Interieur, so ein bisschen, du musst mir gar nicht raushelfen, so ein bisschen so, ich will nicht sagen, schöner wohnen, aber in die Richtung, könnte es vielleicht mal gehen in den Wochen, bevor du dann wieder wahrscheinlich mit irgendwelchen, machen wir nicht dieses Jahr mit weihnachtlichen Sachen, nein, das machen wir nicht mehr.
Ich bin ja mittlerweile vollkommen überkonfessionell geworden. Weihnachten als... Also Mut zur Tapete. Ich danke dir, lieber Alexander, für dieses wunderbare Geschehen. Ich hätte fast Lust, jetzt einen Apfel zu schälen. Aber ich glaube, ich könnte ihn dann nicht mehr essen. Ich mag, dann ist der Apfel ja auch so braun. Und das ist alles furchtbar.
Wir sagen auf jeden Fall bis zur nächsten Woche und alles Gute bis dahin. Bis dann. Tschüss. Music.