Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 267

Ein Blick wie Merz

Samstag, 24. Mai 2025 · 26 min

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Shownotes

Jede Woche enthüllen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider in "Ich sehe was, was du nicht siehst" die Geschichten hinter den Meisterwerken. Diese Woche im Fokus: Francisco de Goyas faszinierendes Porträt „Don Tomás Pérez Estala“ von 1795. Und was Friedrich Merz damit zu tun hat? Hört rein und findet es heraus!

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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Ich bin Lars Heider. Ich bin Alexander Klar. Und der Direktor der Hamburger Kunsthalle, der Alexander Klar ja ist, hat einen Auftrag bekommen von mir. Unter anderem hatte ich mir gewünscht, glaube ich, das war so ein Sammelsurium.

Ich habe gesagt, Konservatismus, Friedrich Merz, so ein bisschen an den Ausgründen. Aus aktuellen Anders. Und dann ist es dir gelungen, du hast ein Bild mitgebracht. Und nun wusste ich ja, dass ich mir Friedrich Merz gewünscht hatte. Aber ich musste sofort an Friedrich Merz denken, als ich dieses Bild das erste Mal sah.

Und es ist so lustig, finde ich, dass Merz so ein bisschen, der steht für einen Typ von Politikern, von Mensch, von denen es mehrere gab, viele muss man sagen in der Vergangenheit. Also dieses, wenn du sagst, zeig mir einen, ich will jetzt nicht wieder gleich sagen alten weißen Mann, weil das ist Quatsch, aber zeig mir einen konservativen Mann, der vielleicht nicht weiß, dass es Rambazamba heißt und nicht Rambozambo, der auch so vielleicht noch Spaß hat an einem gepflegten Altherrenwitz, so wie mein Schwiegervater zum Beispiel.

Gepflegte Altherrenwitze, das ist, was man heute Sexismus bezeichnet? Genau, das ist so ein bisschen, also, wo man so sagt, wo einem das Lachen, wo man wahrscheinlich schon früher nicht drüber gelacht hat, aber wo einem heute das Lachen im Hals stecken bleibt, wo man denkt, ja, also schon ein Relikt aus einer alten Zeit.

Also, und ich finde, ich weiß gar nicht, ob Friedrich Merz so ist, aber er sieht halt so aus. Und was du mir heute mitgebracht hast, ist ein Bild, ein Porträt von einem Mann, ein Ölgemälde, richtig? Das ist richtig. Richtig. Und, ähm... Ja, das ist auch, da ist alles dabei. Wir sehen einen Mann, der diese weiße Brücke trägt.

Nun war ich gerade übrigens in Wien und da habe ich eine Kutschfahrt gemacht. Und der Fiaker-Fahrer hat Brücke? Nein, aber der Fiaker-Fahrer erzählte natürlich in einem Wiener Dialekt, den ich jetzt nicht nachmachen kann, über so längst vergangene Zeiten und sagte, und dann ging es um die Frage, dass in Schönbrunn so die Wasserleitungen später kamen oder so.

Und dann sagte er nur, dass man ja auch zu der Zeit sich nicht so viel gewaschen hätte und unter den Perücken ziemlich viel los gewesen sei, so ein Getier und so. Und das kann man sich ja vorstellen. Also man sieht hier einen selbstbewussten Mann, der sich porträtieren lässt, der auf diesem typischen Sofa, was man sich auch übrigens so in den alten barocken Häusern vorstellt, So ein Sofa mit so einem goldenen Überzug, so massiv, hat er sich hingesetzt, stützt die rechte Hand selbstbewusst auf oder steckt sie in seine Tasche, hat in der linken Hand ein, was ist das, es könnte ein Bündel Geldscheine sein, das ist aber nicht, das ist wahrscheinlich irgendein Zettel, irgendetwas Notizen und guckt dann so leicht an dem,

der ihn porträtiert, vorbei, hat so eine grüne Jacke an und eben wie so dieses große Hände, so dieses Macher, weißt du, Also der. So wie heute auch ein Hamburger Räder, so könnte er heute ein Hamburger Räder aussehen oder ein alter Kaufmann oder so, so ein Machertyp. Und das ist jetzt auf die Frage, bring mir was mit zu Friedrich Merz, ganz gut getroffen.

Der ist jetzt nicht so schlackzig und nicht so groß wie Friedrich Merz, aber er gehört für mich in diese Kategorie und ist ja wahrscheinlich eine Person, die vor vielen, vielen Jahrhunderten gelebt hat. Vor zwei Jahrhunderten. Also Ende des 19. Jahrhunderts. Ende des 18. Jahrhunderts. Wir sind um 1795. Okay, gut.

Aber ich finde, da hat sich gar nichts so geändert. Das finde ich auch so interessant in einer gewissen Kategorie von Menschen. Das sieht man in Hamburg sehr gut in dieser Kaufmannskategorie. Also ich muss dann denken an Herrn Schüß. Weißt du, den alten Räder, Herr Schüß. Der ja auch schon jetzt, der muss ja auch schon Ende 80 auf jeden Fall zugehen, und der hat sich aber auch in den letzten 40, 50 Jahren gar nicht verändert und wenn man seinen Sohn anguckt, denkt man, ja, du siehst jetzt auch schon so aus, also die strahlen so etwas aus, dieses, diese Mischung aus, Erfolg, Macht, aber auch dem Bewusstsein, dass alles in gewisser Weise alles so bleibt, wie es ist es hat so ein bisschen, vielleicht so ähnlich wie mit

der katholischen Kirche. Da ist ja auch so, als die Papstwahl war und dann die Kinder fragten irgendwie, ja wer tritt denn da an und man dann sich klar machen musste, es sind erstens nur Männer. Naja, aber interessanterweise wusste ich auch nicht. Ich dachte, man muss unter, das ist ja auch lustig, die sagten, was sind denn die Bedingungen?

Und da habe ich erst gelernt, das wusste ich nicht, dass man unter 80 sein muss, um an diesem Konklarv teil... Das ist aber auch erst von Johannes Paul stipuliert worden. Oder vorher gab es keinen nach oben offen. Oder so, das ist lustig. Also auf jeden Fall, was ich damit sagen will, der Gesichtsausdruck einer bestimmten Art von Menschen zieht sich über die Jahrhunderte.

Und es ist vor allem dieser Gesichtsausdruck des... Dieses Wert Konservativen, das bleibt und das finde ich in diesem Bild genauso wie in vielen Fotos von Friedrich Merz. Ich muss zugeben, ich hatte es auch nicht schwer. Du hast das gesagt und ich hatte sofort im Kopf das Einzige. Ich musste kurz nachgucken, weil das ist ein so berühmtes Bild.

Ich erzähle von wem es ist. Es ist von Goya, also von Francisco José de Goya y Luzientes, dem spanischen Maler des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Tom Peres, Tom Thomas Peres Estala. Kann ich gleich noch mehr erzählen und das Bild hatte ich sofort vor Augen, als du gesagt hast, konservativ. Wobei ich, Achtung, wir beiden sollten vorsichtig sein. In 20 Jahren wollen wir nicht bereuen, was wir heute sagen.

Insofern sollten wir immer so ein bisschen den Blick weiterschweifen lassen und ich möchte unter keinen Umständen den Begriff konservativ aus meinem Mund, negativ gewertet wissen, weil ich, ähm, nochmal, du machst eine wertfreie Geste gut. Nein, ich mach, ich mach, ich mach, nochmal eins auf, ich habe nicht gesagt, ich habe ja nicht gesagt, dass dass Friedrich Merz ein schlechter Mensch ist. Nein.

Es wäre so ungefähr, als wenn ich jetzt sagen würde. Such mir ein Bild von einem sportlichen Menschen. Und dann sucht du mir ein Bild von einem Menschen, der viele Muskeln hat. Und damit sprechen wir über große Sportler, über, keine Ahnung was, über Robert Lewandowski, der extrem sportlich ist. Das ist ja nur eine Beschreibung. Ich sage ja deshalb nicht, sportlich ist irgendwie negativ oder ist übertrieben oder sonst was.

Und ich finde, das gilt auch für konservativ nicht. Ich finde, wenn wir den Herrn Schüß zum Beispiel nehmen, den Räder oder in Hamburg diese klassische konservative Kaufmannschaft, das ist ja überhaupt nicht negativ, aber es ist rein beschreibend. Was ist denn für dich das Gegenstück von konservativ?

Ja, da muss man jetzt vorsichtig sein, wenn man sagt modern, konservativ zu sein kann durchaus auch modern sein im Sinne von Dinge zu erhalten. Das ist ja dann, glaube ich, wenn man ein klassischer, umweltbewusster Mensch ist, ist man eigentlich auch ein konservativer Mensch, weil man möchte das erhalten, was es gibt.

Und ich finde auch nicht verkehrt, sich gewissen Phänomenen der Zeit zu verwehren. Also ich finde zum Beispiel grundsätzlich viele Dinge, die die katholische Kirche macht, finde ich jetzt nicht verwerflich. So, das kann man so machen, solange es auf der Welt andere Bereiche gibt, wo es eben anders ist und so.

Weiß ich gar nicht. Es gibt konservative Menschen, es gibt liberale Menschen, es gibt ernste Menschen, es gibt fröhliche Menschen, es gibt, das ist einfach eine Beschreibung, aber mir ging es ja darum, wenn du Friedrich Merz siehst, da kommen viele. Assoziationen mit. Genauso wie wenn du ehrlich gesagt Robert Habeck siehst, da kommen auch Assoziationen mit.

Und da muss man sagen, oh Gott, ich rede schon so viel, nein, ich muss sagen, und länger ich drüber nachdenke, ist es ja immer gut, wenn Assoziationen mitkommen, weil bei Olaf Scholz, kommen halt ganz wenig Assoziationen mit. Was ihm vielleicht auch nicht zum Vorteil gereicht hat. Genau, also insofern ist es schon besser, wenn da jemand ist und man sagt, der ist so, so, so und so, dann weiß man wenigstens, was man hat.

Wenn du jemanden hast, der sagt, wie ist der, was ist der, dann ist es vielleicht schwieriger. Das wird wahrscheinlich im Rückblick auch das Problem gewesen sein. Es verbinden sich nicht viele Geschichten und die, die er versucht hat zu erzählen und zu lancieren, also Scholz, haben einfach nicht verfangen, weil sie vor so einer Folie.

Also ich habe natürlich auch darüber nachgedacht. Das Lustige ist ja, dass ich als Kunsthistoriker eigentlich von Beruf wegen so eine Art wertkonservativ bin und sein müsste. Jetzt komme ich aber aus einer... Du? Ja, also das... Aber du willst dich ja nicht als... Nein, nein, nein. Genau, also das Gegenstück, was ich aufbaue, ist wahrscheinlich progressiv.

Wobei ich nicht mal finde, dass sich das ausschließt. Man kann, es gibt ja so Full-Circle-Geschichten, also im Südwesten Deutschlands, wo die Menschen, glaube ich, selbst anerkanntermaßen durchaus konservativ sind, wählen sie grün. Das scheint sich nicht auszuschließen. Und bei grün wäre wiederum ich ziemlich dabei.

Allerdings bin ich eben auch bei konservativ insofern nicht dabei, als Teil meines Berufes das Aufbewahren ist, das Bewahren, das Wertschätzen von alten Dingen. Das Lustige ist, dass der Begriff konservativ, wenn du jetzt breit fragst, nicht ausschließlich positiv, also neutral finde ich mühevoll. Sportlich ist neutraler als konservativ.

Hätte ich jetzt mal gesagt. Ende mal, es klingt was mit, aber es ist, glaube ich, gar nicht so schlimm, wenn man sagt, ich bin ein eher konservativer Mensch. Das sind ja, warum? Also ich möchte, wenn man jetzt sagen würde, lass uns doch versuchen, die Dinge so zu bewahren, wie sie jetzt sind. Also unsere Demokratie zu bewahren. Zum Beispiel. Den Rechtsstaat zu bewahren.

Und so viele gute Dinge. Gute Apfelsorgen. Und dagegen ist nichts einzuwenden. Schwierig wird es, wenn man sagt, ah, lass uns doch gucken, dass also auch die Frauen nicht ganz so werden wie die Männer. Dann fängt es an, schwierig zu werden. Verstehst du? Wobei das wahrscheinlich auch nicht... Interessant, also ich habe ja das große Vergnügen mit wirklich wunderbaren, bekannten Namen aus der Hamburger Kaufmannschaft der ersten Güte zu begeben und eine Stimme war da, ja.

Wir fänden das sehr schön, wenn du in deinem Museum auch was für uns Konservative tätest. Hat sie mir so nett gesagt. Ich verrate nicht, wer. Sie wird sich wiedererkennen. Und ich musste dann schmunzeln, weil ich gedacht habe, ich glaube, das, was ich tue, ist durchaus konservativ. Denn ich setze unsere sehr alten Sachen in ein neues Licht.

Die alten Sachen bleiben dieselben. Das Licht ist neu. Das Licht ist aber nur Licht. Und ich glaube, das sehen die auch so. Und der andere Grund für schmunzeln war, just sie und ihr Mann sind eigentlich sehr progressiv. Also zumindest im Business sind die ersten Familien Hamburgs absolut nicht konservativ, sondern sind, also jetzt nicht Spekulanten, aber die bewegen sich eigentlich alle in Business-Bereichen, die expansiv sind und modern.

Also keine Ahnung, ich könnte vielleicht Michael Otto, der ja früh digital und Umwelt für sich entdeckt hat. Jetzt kann ich graus sein, Alexander Otto und Dorit Warns. Die beiden sind ja auch... Die letzten, die mir einfallen würden zum Thema konservativ. Genau, deswegen musste ich ein bisschen grinsen.

Wie auch immer, deswegen finde ich den Begriff gar nicht so beladen. Und das Bild, was ich jetzt hier ausgesucht habe, das ist ganz interessant, denn es soll eigentlich was, eigentlich geht es an was anderes. Goya, muss man sagen, ist einer der allergrößten Psychologen unter den Malern. Also was Goya gemacht hat, ist, er hat ja vor der Folie der französischen Revolution mit einer eigenen inneren Wertschätzung für diese Revolution in einem Land, Spanien, das dieser Revolution so von überhaupt nicht zugeneigt war, hat er bildlich ein Forum bereitet, in dem er gemalt hat aus einem Blickwinkel.

Der eindeutig pro, nicht Revolution, aber pro Fortschritt war. Aber er war Maler der Königsfamilie, er war Porträtist. Und jetzt in diesem Fall, der Thomas Perez Estalla ist wohl ein Tuchhändler gewesen, der eben einen Auftrag an seinen, ich glaube, die waren befreundet, gegeben hat. Und der Goyer hat ihn schonungslos gemalt. Denn dieses leicht, wie er sich da in Pose wirft, die Brust raus.

Er sitzt auf einem durchaus edlen Sofa, was an der Hand hält, übrigens eine Schriftrolle, auf der sein Name verzeichnet ist. Wenn man näher ins Bild rankommt, sieht man das. Er trägt feinste Kleider. Das ist zum Beispiel über das Hemd, man sieht das, ist so ein Tuch gelegt, was Spitzen aufweist. Und über dem Tuch selber ist nochmal ein Seidenschal, der leicht glänzt.

Und das Jackett, das er trägt, ist außen glänzend, innen matt. Das heißt also doppelseitig belegt. Ich glaube, der Punkt, an dem ich bei konservativ war, das ist das, was er als Haarpracht trägt, nämlich er hat über seine eigene Haarpracht eine Perücke, die ist gepudert, was 1795 schon so knapp vor eigentlich Old Fashioned war.

Es brauchte jetzt nicht mehr lange und der Haarschnitt à la nature kommt hervor und dann erinnerte ich mich des schönen Begriffes des alten Zopfes. Ein alter Zopf, das ist das, was so keine Ahnung, was das Militär unter Friedrich II. Und dieser Zopf musste abgeschnitten werden. Ich glaube, das ist sogar bis Und ins 20.

Jahrhundert wurden dann Zöpfe abgestimmt. Also als Bild ist das übermächtig. Das ist immer noch, wenn man sagt, etwas, was überkommen ist, abzuschaffen, dann heißt es doch immer, diesen alten Zopf müssen wir abschaffen. Das ist das, was er trägt. Du siehst den Zopf selber nicht, aber du siehst an der Seite die charakteristischen Locken, die zu dieser Perücke gehört, die am Ende Zopf war.

Das Ganze kommt ja aus einer prächtigen Haarpracht von 100 Jahre vorher. Also noch August der Starke hatte relativ viel eigenes Haar. Das wurde dann ersetzt durch Perücken und irgendwann hat die Perücke überhand genommen. Jedenfalls, er trägt etwas, was zu diesem Zeitpunkt. Eigentlich schon auf dem Weg hinaus ist. Jetzt muss man sagen, er ist ein erfolgreicher Tuchhändler.

Das heißt, an und für sich muss auch er ein Businessman gewesen sein. Also sein ganzer Habitus sagt Erfolg. Was Goya noch mit hineinspielt, das ahnen wir, wissen es aber nicht. Der ist ein Emporkömmling, ein Aufsteiger. Auch das ist ja etwas, da gibt es nichts zu bewahren. Der kommt von irgendwoher, was er nicht hat bewahren wollen. Der wollte nämlich was Besseres werden.

Und das spiegelt sich, glaube ich, in diesem sehr entschlossenen Gesichtsausdruck, den Goya ihm da verpasst hat. Dazu kommt ein leichter Silberblick. Das ist fantastisch. Also du hast wirklich das Gefühl, du lernst ja einen Menschen kennen. Und wie du es gesagt hast, der Mensch könnte Minus Perücke heute vor uns sitzen.

Absolut. Andere Kleidung. Das ist der sprichwörtlich gewordene alte, mittelalter weißer Mann, den wir auch sind. Und ist zeitlos. Der ist zeitlos und er glaubt, er wird auch nicht aussterben. Ich musste gerade, als du von der Perücke sprachst, habe ich gedacht, dass es ja auch in Hamburg noch Kaufleute gibt, die diesen Zwei-Reiher mit Goldknöpfen tragen.

Ja, genau, der doppelreihige Anzug. Der doppelreihige Anzug und dann Goldknöpfe, wo du denkst, man käme nicht mehr auf die Idee. Es gibt auch Menschen in Hamburg, die kämen nicht auf die Idee, jemals das Haus zu verlassen, ohne eine Krawatte zu tragen. Wo du denkst, auch diese Krawatte ist ein alter Zopf. Aber das zieht sich so lang und das ist so, und das ist sozusagen, wenn du in die Gesichter siehst, siehst du immer, und das fand ich halt so toll bei dem, Siehst du immer in dieselben Gesichter, wobei ich jetzt verstanden habe, dass der Goya aus deiner Sicht sich lustig macht eigentlich über diesen Emporkömmling.

Ganz mild nur. Nicht lustig, sondern kritisch. Eine leichte, an die Zukunft gerichtet. Passt auf, schaut ihn euch genau an. Ich glaube, die waren befreundet. Ich bin relativ sicher, die kannten sich zumindest gut. Es ist eine freundliche Kritik. Aber lustig machen, glaube ich, man muss immer versuchen, ein bisschen die Zeit zu sehen.

Eine Karikatur ist es nicht, wenn man sich Goyas Porträts der Königsfamilie ansieht, die super interessant ist. Denn das hatten wir ja schon mal, das Dilemma eines guten Porträtisten ist, seine königliche Hoheit ist oft ein nicht sehr attraktiver Mensch, hat aber eine gewisse Erwartung, dass er attraktiv dargestellt wird.

Jetzt sind gerade die Bourbonen, das war einfach, wir sagen glaube ich heute, das war irgendwie zu viele Generationen von Inzest. Die führten dann zu Physiognomien, die entweder Triefaugen hatten oder Hängelippen. Nee, das waren die Habsburger mit den Hängelippen. Jedenfalls, der König zu dieser Zeit war ein Nichts von einer Figur.

Eine pompöse Stoffpuppe und genau so malt Goya ihn. Interessanterweise, es gibt ein Gruppenporträt, das ist im Prado meines Erachtens. Und da ist die ganze Familie. Da ist die bösartige Königin Mutter, die aber auch nur bösartig ist, weil eine andere Rolle konntest du als ältere Dame eigentlich nicht mehr haben.

Du konntest deine Macht nur behalten, indem du bösartig warst. Da sind die jungen und bedarften Prinzessinnen, die in die Zukunft gucken und aber eigentlich schon in der bösen Mutter wissen, wo die Zukunft ist. Da sind ein paar arglose Jünglinge, da ist der bombastische König. Und dann hat der Maler sich selber so an der Seite rein und der ist halt ein Arbeiter. Na Mensch, der malt nämlich gerade.

Und der Kontrast ist fantastisch. Also das Bild ist großartig. Mir ist es aufgefallen, wie gesagt, ich war vor kurzem in Wien und da war ich auch in der Schatzkammer der Hofburg, wo ja dann diese ganzen Umhänge und Zepter und Kugeln und Kronen und da gab es dann auch das eine oder andere Porträt von einem König, einem Kaiser in dem Fall und da konnte man auch wieder sehen, wie unterschiedlich gut, das ist ja hier ein extrem gutes Porträt, das war so mittelgut, aber natürlich, genau das, was du beschrieben hast, konnte man da sehen.

Wenn du jemanden, der so normal aussieht, aber dann erscheinen lassen musst wie ein Kaiser und dann wirkte das, er wirkte nur wie ein, er wirkte wie ein völlig normaler Mensch, dieses eine Bild, ich weiß nicht, wer das war, wenn man nur sein Gesicht sah und er wirkte nur als Kaiser durch das ganze Punkt, Punkt, drumherum.

Aber da wiederum war es so, da hast du auch, du siehst, interessant, das ist auch interessant, du siehst dann auch bei so einem Kaiser bei so einer Familie, wo sich das über die Jahre hinzieht, Jahrzehnte hinzieht. Irgendwann ist dieses Emporkömmling- Mimik ist dann raus. Ja, dann ist es weich, dass einer gesunden Blasiertheit.

Es wird selbstverständlich. Und das ist ja bis heute so. Ich habe ja viele wichtige Wirtschaftsleute und sonst was alles getroffen. Und man konnte sehen, je wichtiger und je wirklich erfolgreicher waren, desto weniger haben sie sich in Pose geworfen. Wenn sie fotografiert werden sollten für die Zeitung, dann war das eher so, muss das sein? Na gut, machen wir ein Foto.

Aber dann professionell, vermute ich mal, mal kurz aufgeblitzt, oder? Ja, der Fotograf hat natürlich professionell fotografiert, aber die mussten dann, haben dann so Anleitungen gekriegt, wie sie sich hinstellen mussten. Während so diese Emporkömmlinge, die haben dann gleich so dieses, weißt du, klassisch ist so der verschränkte Arm.

Oder so dieses... Die Pose, die ihr hattest, die... Oder so abstützen mit dem Kinn oder so ein bisschen denkermäßig. Und das ist auch immer ein Zeichen von Unsicherheit, die da... Die da ins Spiel kommt. Also was ich ja schon als Bildmensch sagen muss, unterschätzt nicht das Bild, was ihr abgebt, wenn ihr ein Porträt von euch machen lasst.

Also es ist tatsächlich so und wahrscheinlich ist man da als aufstrebender Mensch, jeder von uns ist ja irgendwie zu einem Zeitpunkt im Chorkömmling, würde ich mal sagen, denn wir alle haben ja irgendeine Form von, Mini-Aufsteigergeschichte hinter uns und da ist es echt wichtig, was man für Bilder von sich in Umlauf setzt. Das stimmt.

Und also hier die Pose von ihm, das ist nicht zuletzt auch keine royale Pose, sondern eine Unternehmerpose. Der König kann entspannter sein. Er ist der Macher, er ist unter Anspannung. Das ist ja auch dieses, was man dann demonstrieren will, was glaube ich auch dann Olaf Scholz in einer Phase, wo er gesagt hat, wo die Arme so eingesetzt hat und ich so.

Aber auch das passt zu Friedrich Merz, aber du hast total recht, das kann man nur jedem sagen. Und passt auf, wenn von euch Fotos gemacht werden oder wenn ihr sie selber macht, Porträtfotos, wie die aussehen, weil erstens bleiben sie in Zeiten des Internets und zweitens sagen sie dann halt doch viel über denjenigen aus.

Erinnerst du dich an den Mugshot von Donald Trump? Ja. So, das ist das beste Beispiel. Der Typ ist ungeschlagen beim Kreieren seines Bildes. Was hat er gemacht? Er leckt mich. Ich drehe den Spieß jetzt um und der guckt wirklich, als frisst er jetzt den Fotografen gleich auf. Ja, und du erinnerst dich daran, das ist ja sozusagen der gleiche Gesichtsausdruck, den er damals hatte, als er auf einer Polizeistation fotografiert wurde.

Es ist genau das gleiche. Genau. Und dieses Bild... Das ist ein Teil dieses, also auch die Art und Weise, jetzt der ist ja weder ein schöner Mensch noch irgendwie auch auf gewisse Weise, er ist aber charakteristisch insofern, als das Orange seiner Perücke oder seiner Haare schon mal eine schlaue Sache ist, denn das ragt raus.

Und die Art und Weise, wie er auch seine Hände beim Sprechen hält, ganz charakteristisch. Für Komiker sieht man super nachzumachen. Das typische, dieses Vorstrecken des rechten Armes mit dem ausgestreckten Zeigefinger, wo du denkst, wenn du und ich das machen, sieht das total bescheuert aus. Aber es ist schon entscheidend letztendlich, wie man sich in Positionen wirft und da muss man eigentlich gar nicht mehr viel erzählen. Das kommen wir auch noch hinzu.

Dieses Bild erzählt, jetzt kommt was ganz Plattes, aber er erzählt mehr als tausend Worte und das gilt halt auch für jemanden wie Friedrich Merz, der da so steht. Und da muss ich sagen, da ist in Deutschland, glaube ich, entweder nie was da gewesen oder seit dem Dritten Reich verloren gegangen. Es ist vollkommen klar, dass der französische Präsident einen bestimmten Habitus hat.

Also es ist vollkommen klar, dass der amerikanische Präsident einen bestimmten Habitus hat. Es ist nicht so ganz klar, wie das mit den deutschen Bundeskanzeln ist. Also Frau Merkel hat es ein bisschen, die hat halt diese Raute gemacht als Ding. Aber sorry, ich weiß nicht, ob Mutti das Allerichtigste ist für Staatsverständnis.

Olaf Scholz wirkte halt wie ein gediegener Beamter. Und es gab halt gar keine inszenierten Bilder, weißt du? Also denk nochmal daran, als die Beerdigung des Papstes war und sich Volodymyr Zelensky mit Donald Trump im Vatikan traf und es sah wie zufällig aus, zwei so Holzstühle, wo sie sich gegenüber saßen.

Und natürlich haben sich darüber drei, vier, fünf, sechs, sieben, zwanzig Leute vorher Gedanken gemacht, wie inszenieren wir dieses. Und du hast recht, diese Inszenierung ist von Schröder konnte es vielleicht noch, aber Merkel ist es abhandengekommen, Scholz ist abhandengekommen. Lustigerweise, es hat ja dazu geführt, dass das Hamburger Abendblatt wie die Süddeutsche lagen bei mir am Morgen auf dem, was war auf beiden Titelblättern, Selensky und Trump, da ist dieses Foto lud geradezu an. Ich vermute mal, das werden nicht die einzigen Zeitungen gewesen sein.

Und das ist übrigens etwas, das hat mich meine Jugend über begleitet, also ich bin ja knapp zu Kohlzeiten politisch mündig geworden und es ist mir als junger Mensch, egal, meine politische Präferenz spielt keine Rolle, der Herr Kohl war nicht gut angezogen, die Anzüge saßen nicht und bei jedem Staatsbesuch tat es mir weh.

Es gab den Herrn Genscher, lange Zeit, der war so eine eigene Nummer, der war als mit seinem gelben Pullunder, da war der Anzug nicht so wichtig. Und dann auf einmal traten auf die Bühne Mr. Brioni, Schröder und ich weiß nicht, was Joschka Fischer getragen hat, jedenfalls schlank gelaufen. Die beiden hatten auf einmal ein Ansehen.

Mein Stolz auf mein Land wuchs über Nacht. Nichts gegen die Lebensleistung von Herrn Kohl, aber sorry. Das war einfach nur ein provinzieller Riese, der möglicherweise war das auch so eine ganz große Leistung. Die wird aber von dem Bild furchtbar in den Schatten gestellt. Und vielleicht war der Schröder schon damals ein Arsch. Und trotzdem muss man sagen, das Bild, was er und sein Kabinett abgegeben hat, hat Leuten wie mir geholfen zu sagen, ja.

Also ich könnte mir vorstellen, wie Deutschland sich jetzt als Macht entwickelt. Und ich muss sagen, einmal, ich habe Gerhard Schröder nur zweimal getroffen, einmal bei einer Diskussion, die ich leiten durfte mit ihm und einmal, als ich das Buch über Olaf Scholz geschrieben habe und er es vorgestellt hat und da muss ich jetzt wirklich mal sagen, ich fand den, ja, das ist in der gleichen Kategorie hier, Gepflegter Altherrenwitz und sowas alles.

Aber ein extrem netter, offener, gut zuhörender Mensch. Und Kommunikator, glaube ich. Ich wollte auch gar nicht werten, weil es mir gerade entfahren ist. Aber es war nicht unangenehm. Machst du nächste Woche nochmal was zum Thema Konservatismus? Oder was hast du dir überlegt? Ach nee, ich habe das nächste Mal... So ein Cliffhanger.

Ich habe gedacht, ich bin in die Mythologie aus... Ich dachte, ich wollte frühlingshaft werden. Aber schade, ich glaube, ich hätte... Du wärst frühlingshaft, also fast schon sommerhaft. Dann wollen wir gucken, weil es ist ja auch schon wieder so schlimm, dass sich auch schon wieder der Mai dem Ende nähert.

Aber wir werden dann die nächsten Wochen, wir werden jetzt mal ein bisschen bunt. Das Leben ist schön, es wird ein bisschen bunt in den nächsten Wochen. Bis dahin. Tschüss.

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