Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 294

Große Künstler irren nicht

Samstag, 13. Dezember 2025 · 26 min

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Shownotes

Brot, Austern und eine Karaffe. Ein alltägliches Stillleben, gemalt von einem Giganten der Kunstgeschichte: Georges Braque im Jahr 1937.
Jede Woche spielen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und lüften die Geheimnisse eines Kunstwerks.
Aber in dieser Folge stellen sie sich die große Frage: Macht ein großer Künstler wie Braque immer auch große Kunst? Kann ein scheinbar einfaches Bild wie „Brot, Austern und Karaffe“ enttäuschen – oder verbirgt sich darin doch ein Meisterwerk?

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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Ich bin Lars Heider. Ich bin Alexander Klar. Und bevor wir, lieber Alexander, zu dem, ja ja, Bild. Zu der Tapete. So der Tapete, es ist wirklich, und bei dem Bild fragt mich, also muss man dies nicht wissen, ich versuche verzweifelt nach einer schönen Tapete, die mein Wohnzimmer so ein bisschen aufpappt, ein bisschen farbenfroh animiert durch Bilder aus, also eine Reise und Bilder aus England, wo ja sehr viel Farben ist und so.

Und ich hatte jetzt den Kollegen Alexander Klar, wenn ich ihn schon mal kenne, gebeten, was mitzubringen. Und heute bin ich mir nicht sicher. Vergangene Woche hast du mir ja ein Bild mitgegeben, wo eine Tapete eine Rolle spielte. Heute weiß ich nicht mal, soll das die Tapete sein? Also kann man sich das vielleicht sogar als Tapete bestellen?

Und da ist insgesamt die Frage, gibt es sowas eigentlich? Also gibt es den Wanderer als Tapete? Den Wanderer? Verkauft ihr sowas in eurem Shop? Nee, als Poster, als Druck, aber nicht als Tapete. Eine Tapete, das muss ja auch was Repetitives sein. Und du willst doch nicht an deiner Wand. Das wäre ja psychedelisch, wenn du 300 Mal den Wanderer in klein da hättest. Das stimmt.

Die Tapetenkunst ist ja spätestens mit dem Barock. Also Tapeten sind schon, glaube ich, was Älteres. In unterschiedlicher Form existierte das sogar schon, keine Ahnung, im 16. Jahrhundert, würde ich mal sagen. weil man damit natürlich größere Flächen überfangen konnte, also in niederländischen Häusern.

Es gab Ledertapeten, es gab Papiertapeten und eine Papiertapete war entweder etwas Gemustertes, was repetitiv eine Wand strukturierte in klein. Es gibt natürlich auch Bildtapeten, also ganz gerne suchte man im Norden so schöne italienische Ansichten. Das findest du im Jenischhaus, ist eine große Bildtapete in diesem Esszimmer.

Interessant ist natürlich, du hast den herrlichen Blick auf die Elbe und links ist diese Bildtapete der Italien. Also das eine Zimmer haben sie überversorgt mit Blick. Also Tapeten gibt es in verschiedener Formen. Und verschiedener Stärke und auch verschiedener Funktionen. Tapeten haben isoliert, Tapeten haben Wände auch festgehalten so ein bisschen.

Aber in der Regel sind das keine einzelnen ikonischen Bilder gewesen. Also der Wanderer ist geradezu das absolut diametrale Gegenteil einer Tapete, weil nur als Single denkbar. Aber wenn man so eine ganz schmale Wand hätte, dann ist es eher Kunde. Ja, das wäre der Wanderer darüber. Du wirst, glaube ich, verrückt werden. Das willst du nicht.

Das finde ich, du hast recht. Du hast recht. Also heute hast du mir mitgebracht. Es ist natürlich keine Tapete, sondern es ist ein Bild und man stockt zuerst einmal, weil dieses Bild hat und das ist passiert, also erstmal ist dieses Bild nicht so farbenfroh, sondern es ist eher so gräulich, ganz dunkelgrün, so ein paar Brauntöne sind dabei und oben über diesem Bild, das ein Querformat ist, ist ein dicker, fetter, schwarzer Strich, ein schwarzer Balken.

So als müsste irgendwas gebalgt werden. Also ein schwarzer Balken und unten, nee. Und dann sehen wir so schräg auf einem Tisch. Auf einem Tisch und auf diesem Tisch ist das, was ich so liebe. Also wir haben keine Menschen, keine Tiere, keine Lebewesen in diesem Bild. Ach, das ist ein Stillleben. Ein Stillleben macht mich ja sehr, sehr glücklich. Und dann haben wir auch das Stillleben sozusagen reduziert auf das Wesentliche und ohne Farbe.

Und zwar haben wir also diesen Tisch, der so ein bisschen so halbrund ist, wirkt so ein bisschen, als könnte man ihn vielleicht ausklappen. Es ist ein Tisch, doch, es ist ein Tisch. Auf dem Tisch steht links eine, aber mehr stilisierte Vase, Blumenvase mit einer Blume, die aber auch gräulich ist. Dahinter ist ein Laibbrot, da kann sich jeder jetzt was vorstellen mit diesen großen Poren da drin.

Der zu einem Fünftel ragt dieser Leib von dem Tisch und kann gleich runterfallen und dann ist, Ja, daneben so eine Schale noch, da ist irgendwas drin, das sieht so aus wie Steaks, die gleich gebraten werden sollen. Das Ganze vor dem Hintergrund einer Tapete. Ja, und da kommt eine Tapete, die so eine, also einerseits ist sie, wie du auch so beschrieben hast, so schwarz-weiße, senkrechte Striche und Flächen und in der Mitte aber so eine ganz große Fläche, die so marmorartige Züge hat, also als ob man eine Marmorsäule oder einen Marmorboden an die Wand geklebt hat oder von oben fotografiert hat oder so und ja, es ist.

Nicht dein Lieblingsbild. Nee, es ist natürlich wirklich sehr, also was immer da auf dem Tisch ist, also was für mich wie ein gefühltes Stück Fleisch aussieht, was noch gebraten werden muss. Also Fleisch und Brot und eine Blume. In einem Umfeld, wo du sagst, hier möchte ich möglichst schnell wieder raus und die Tapete, ich weiß gar nicht, ob es eine Tapete ist oder es ist gemalt. Man weiß es nicht.

Oder es ist einfach eine Wand und so. Aber ja, dann ist da links hinter der, was ist das? Ich sehe was, was du nicht siehst. Hinter der Blume ist irgendwie so ein, was ist das? Sieht aus wie eine Buchstütze. Ja, von der Seite. Das ist ein Regal, was weiter weg ist. Ja, und das ist wieder so ein Bild mit diesem schwarzen Strich da oben.

Schwierig. Da denkt man sich, was heißt schwierig? Man denkt sich, wie bei allen Sachen haben wir gelernt, es muss raus, das Bild muss gemalt werden, die Geschichte muss erzählt werden, das Lied muss gesungen werden. Und die Tapete muss geklebt werden. Das ist doch eigentlich ganz schön, es gibt, die größte Schwierigkeit, wenn man auf eine Messe geht, auf eine Kunstmesse ist, in all diesem Zeugs die Perle zu finden und das Schlimme ist natürlich, die Perle ist oftmals nicht, was einen am lautesten anruft oder anlächelt oder anblinkt, sondern manchmal ist es das reduzierteste Zurückhaltende.

Ich will jetzt nicht insinuieren sofort, dass das hier die Perle ist, aber das ist jetzt kein Bild, was, wenn du in den Raum reingehst, das ist nicht das erste Bild, auf das du zurechtst. Nein, auch nicht das zweite. Jetzt sagen wir mal so, ich habe ein paar fiese Methoden, muss ich zugeben. Und zwar, das habe ich schon während meiner Volontärszeit entwickelt, da habe ich Nachbarschaftsführung gemacht.

Da kamen also aus Emden, damals an der Emder Kunsthalle, kamen viele Nachbarn. Und das war nach der Arbeit, war auch für mich nach der Arbeit zwar spät. Und ich habe dann immer versucht, so zu mischen, einfache Dinge, die man schnell erklären kann, die Leute Glück machen und schwierige. Und irgendwann habe ich mich vertan, ich war selber ein bisschen müde und habe versucht, ein abstraktes Bild von Gerhard Richter zu erklären.

So und man merkte alle waren nicht gut gelaunt, es war schwierig und der Orangensaft stand gleich um die Ecke und die einzige Rettung, die ich dann hatte, war, dass ich dann gesagt habe. Auch wenn sie es nicht mögen, dieses Ding ist verdammt teuer. Und dann wurde gefragt, was ist. Und dann habe ich gesagt, ja, das ist Versicherungswert 1,2 Millionen. Und auf einmal waren alle wach.

So, und auf einmal ging es, es ging dann weiter. Und warum? Und auf einmal war, und dann stellte ich natürlich fest, wie gemein ist das? Ich habe einfach durch eine eigentlich etwas fachfremde Ansage sofort wieder alles hergeweckt. So, in dem Fall mache ich das jetzt auch mal, indem ich ganz ungenähtlich sage, dieses Bild ist aber von einem der namhaftesten Künstler des 20.

Jahrhunderts gemalt, nämlich Georges Braque. Georges Braque ist zusammen mit Picasso der Erfinder des Kubismus. Und jetzt müsste man quasi, jetzt ist alles geklärt, weil der kann nicht fehlgehen. Jetzt könnte man natürlich sagen, auf Schausprach hat schlechte Tage gehabt. Kein Irren. Lustigerweise, das Bild wurde erworben, ich glaube nach dem Zweiten Weltkrieg von meinem venerablen Vorgänger Hansen.

Und der hat einen glühenden Text über dieses Bild geschrieben, wo man sich fragt, hat er selber dran geglaubt oder hat das wirklich so gefunden, dass das eben ein sehr sinnliches Bild sei, wo ich mir denke, also sinnlich ist es nicht. Ich sage mal, was der Titel ist, der ist nämlich Brot, Austern und Karaffe, 1937.

Karaffe? Karaffe, was du als Blumenvase denkst, ist eine Karaffe. Warum eine Blume, eine Karaffe? Also da stimmt eigentlich nichts dran. Und das nächste ist, in diesem Bild sind auch noch lauter Schwierigkeiten drin. Das eine ist nämlich, dieser Tisch hat vorne, ist der ein rechteckiger Tisch und hinten ist ein runder Tisch. so einen Tisch habe ich im Leben noch nicht gesehen. Doch, doch, doch.

Und zwar gibt es ja Tische, die du ausklappen kannst. Nein, du hast, das sieht jetzt nur, also, du hast einen Tisch, der ist eigentlich so, wie wir sagen, oval, ja, und den kannst du aber wie so eine Tischtennisplatte auf- und zuklappen. Und dann ist in der Mitte, natürlich ist er dann ganz gerade. Okay. Aber gut. Aber der fällt doch jetzt hier ab, der ist, da ist kein, also, okay.

Das weiß, das sieht man, das kann man ja nicht, das ist wahrscheinlich eh nicht, ja. Wenn du anfängst, dieses Bild hier zu obern über die Dinge, die erstaunlich sind. Das nächste Erstaunliche ist, warum hängt dieses Brot quasi am Tischrand, um gleich runterzufallen? Warum hat er dieses Brot dahin gemalt, wo es eigentlich schon etwas prekär liegt?

Weil ich möchte jetzt den Tisch umrunden, um dieses Brot zu retten, bevor es runterfällt. Warum hat er diese, was wir Buchstützen genannt haben, stehen da, können aber da gar nicht stehen, weil da ist kein Board dafür. Das sind einfach, also in dem Bild ist ganz viel Ungeklärtes und über dieses Brot, Und ein Leitmotiv dieses Podcasts ist ja, dass man sich der Dinge beim Reden nähert und ich glaube, wenn man davor steht, fängt man an sich zu fragen, was soll das alles?

Abgesehen davon, dass man sagt, da ist keine schöne Farbe drin, da ist keine Form drin, die ich ganz dringend brauche. Die Faszination dieses Bildes beginnt an dem Moment, wo man anfängt, sich die ganzen inkongruenten Dinge anzusehen. Und dazu gehört eben auch diese Tapete, weil streng genommen ist es wahrscheinlich keine Tapete, sondern wir sehen links etwas, was ausschaut wie so ein Feld, was tapeziert sein könnte in einem holzgetäfelten Bereich.

Rechts aber ist dieses Feld nicht holzgetäfelt, aber dieselben Profile sind da angebracht. Also auch dieser Raum ist inkongruent und da drüber ist auch noch ein schwarzer Balken, den meine Kollegin nach dem schnellen Hinsehen rausgeschnitten haben, festzustellen, nein, der ist Teil des Bildes. Also an dem Bild stimmt erstmal nichts.

Dann beginnt man sich zu fragen, warum in Gottes Willen malt einer der berühmtesten Maler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so etwas? Also er hat vorher Weltkunstgeschichte geschrieben, also Picasso und Prag, das sind die beiden Erfinder des Kubismus. Der Kubismus, in dem man ganz platt erzählt ist, die haben das Dreidimensionale, was sie gesehen haben, aufgefaltet in das Zweidimensionale, aber wie so eine Bauanleitung hingelegt.

Also eine Geige in Kubistisch ist eine quasi aufgefaltete Geige, die platt vor einem liegt, aber alle Teile sind wie so eine Bauanleitung da. Hier sind wir schon, 1937 sind wir schon 30 Jahre nach dem Kubismus und er interessiert sich für andere Sachen. Er interessiert sich, Formen in diesem Bild in eine Beziehung zu setzen, sodass daraus eine Komposition entsteht, die ein Eigenleben entfalten kann.

Und dann beginnt man zu verstehen, warum es oben diese schwarze Leiste gibt, die unten durch eine schwarze Linie, die dieser Tisch ja nicht brauchen würde. Und dann beginnst du festzustellen, dieses Bild ist eigentlich als abstraktes Bild gemalt. Entschuldigung, es ist sehr abstrakt, oder? Es tut ja immer noch eine Karaffe, streng genommen gehört nicht zum Repertoire von Abstrakt.

Aber diese Blume zum Beispiel, das ist noch ein kleiner Wink an die kubistische Phase. Die war ja ausgelöst durch Picasso's Demoiselle d'Avignon. Und da finden auch Menschen und Blumen, werden dann auch so ganz furchtbar verrenkt hingestellt. Und diese Blume erinnert noch mal dran. Wobei die Blume, der Stängel der Blume, ist identisch mit der Umrisslinie der Karaffe. Also es ist absurd. Das ganze Bild ist absurd.

Und dann beginnst du es eben für dich aufzufalten, in seine Einzelteile zu legen und stellst dann fest, dieses Bild ist eine Gegenüberstellung von bestimmten Formen, bekannten, identifizierbaren und bekannten, unidentifizierbaren oder unidentifizierbaren, aber vielleicht bekannt erscheinenden, wie zum Beispiel der Tapete.

Und jetzt wird das Bild für mich eigentlich ganz interessant, weil ich mich frage, was bietet er uns hier alles an? Tapete, Holztefelung, Tisch, der nicht funktioniert, Karaffe, der nicht funktioniert, Brot. Die Austern sehen aus wie Steaks, hast du vorher gesagt. Ja, ich würde auch sagen, lecker sehen die nicht aus.

Auf jeden Fall sehen sie nicht aus wie Austern. Und schwarzer Balken. Ja. Was macht er da genau? Das ist ja auch nicht so, dass der so tut, als ob die Tapete nach oben weitergeht. Die endet ja im schwarzen Balken. Und anders als mein Vorgänger Hansen, der dieses Bild schön fand oder betörend, glaube ich, hat er geschrieben, wenn überhaupt, dann betört mich das Zusammenführen dieser inkongruenten Dinge zu etwas Neukohärenten, das man aber nach unter anderem Gesetzmäßigkeit angucken muss.

Und dann würde ich sagen, sind wir mindestens so weit, dass wir sagen, dieses Bild beginnt langsam interessant zu werden. Warum, was sind diese Profile, die da nicht fortgesetzt werden? Wie ist das Formenrepertoire entstanden? Hat er sich einfach bestimmte Teile genommen? Karaffe macht daraus das. Das Brot ist ja relativ unangetastet. Aber warum liegt das da am Rand und fällt gleich runter?

Also das Bild, finde ich, ist nicht schön, aber interessant. Und ich frage mich jetzt, wenn jetzt einer reinkommen würde und sagen, Oh, wissen Sie, Herr Klaar, wir haben gerade festgestellt, das Bild ist gar nicht von George Brack, das hat Egon Müller gemalt. Interessant. Dann würdest du sagen, was, weg. Ist es nicht so?

Das ist ja immer die große Frage, wenn da so ein riesiger Künstler kommt und der dann, ich habe das ja immer bei, ich habe es doch schon mal erzählt, bei Proust, Marcel Proust, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, habe ich gedacht, weißt du was, wie raffiniert ist das? Dass der Typ schreibt ein Buch mit 4.100, weiß ich nicht, 95 Seiten.

Das heißt, auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Und wenn du es endlich durchgelesen hast, dann weißt du auf jeden Fall... Du hast ganz viel Zeit verloren. Und trotzdem ist es so, das, was du schon sagtest, ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad... Darfst du alles. ...macht ein Künstler und alle... Niemand würde jetzt sagen, bei Gerhard Richter, der malt was und selbst wenn sie jetzt alle... Tuschel, tuschel, tuschel, ist eigentlich nix. Oh, Gerhard Richter.

Das es nichts ist, ist das Besondere. Oder? Ist es nicht das? Ich glaube, Künstler haben... Deine Frage beantworte ich gleich mit, wie das wäre, wenn das der... Egon Müller ist jetzt auch gemeint. Es gibt bekannte Egon Müller, muss man aufpassen. Okay, also der Mensch, den wir noch nicht kennen. Ein Bild entsteht zu einer bestimmten Zeit aus einem bestimmten Grund.

1937, lässt uns euch aufhorchen. Wäre das von egal wem gemalt und 1973 würde ich sagen, tut mir leid. Dann hing es aber auch gar nicht bei uns weil dann würden wir sagen, sorry, davor war er ja schon Brack, der hat andere Dinge entdeckt, die müssen wir 1973 nicht mehr entdecken. Ähm, Der Brack, wie gesagt, das war jetzt ein bisschen eine unlautere Art und Weise, zu versuchen, deine Aufmerksamkeit, was nicht gelungen ist offensichtlich.

1937 befinden wir uns in der Weltkunstgeschichte an einem ganz interessanten Punkt, denn die eigentlichen Sieger der Kunstgeschichte sind die Surrealisten. Die malen spektakuläre Bilder, die malen nicht nur Bilder, da ist Salvador Dalí, da ist Magritte, das ist alles aufregendes Zeugs. Und der Brack, das ist die Generation davor, der stirbt erst in den 60er Jahren, glaube ich, 1964. Also der ist zu dem Zeitpunkt schon ein älterer Herr aus der legendären Gründungsphase der Avantgarden des 20.

Jahrhunderts. Und er entscheidet sich 1937, das älteste Genre der Weltgeschichte, was du nicht magst, das Stillleben zu malen. Und er tut das aber in einer Art und Weise, dass man sich denkt, interessant, was hat er sich jetzt eigentlich hier alles geschnappt? Und er schnappt sich eben das ganze Instrumentarium der alten Stillleben, nämlich Tisch, Esssachen, Interieur, Es ist die Tapete da hinten.

Aber er reduziert jetzt die Farbpalette so, dass das vollkommen unnaturalistisch ist. Ich rede mich gerade in eigene Rage. Ich finde dieses Bild immer aufregender, gerade in der Verneinung dessen, dass man das viel schöner machen könnte, viel lieblicher, viel anziehender, viel naturalistischer. Die Austern könnten so viel netter scheinen. Und innen sind sie sowieso nicht grau, die sind ja meistens irgendwie innend real hell.

1937, da sage ich dann, ah, interessant, das ist diese Spätphase der 30er Jahre, ich will ja mal eine Ausstellung mit den 30er Jahren machen, die Spätphase der 30er Jahre, wo nichts so richtig stimmt. Faschismus und Kommunismus und überhaupt Propagandamalerei in allen Ländern siegen, auch in Frankreich.

Und der setzt sich hin, sitzt irgendwo, ich glaube in seinem Pariser Studio und malt das. Warum? Und das ist das erste Mal, dass ich vielleicht zugeben würde, ich würde sagen, was will mir der Künstler hier sagen? Denn er will ja wirklich was sagen an dem Punkt. Und dann hätte ich mal gesagt, slow down. Wir betrachten die Dinge jetzt nochmal im Mikrokosmos und nicht in dieser aufgeheizten Situation.

Und in dem Kontrast würde ich auch hinnehmen, wenn es Egon Müller unten nicht brackgemalt hätte. Und würde immer noch sagen, das ist aber ein ziemlicher Wurf zu der Zeit. Aber ist es nicht tatsächlich so, dass das Bild, also ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. So, zuerst mal das. Und hier musst du aber dann sehr viel Gedanken und sehr viel Umwege und sehr viele Dinge an, bevor es dann das wird, was es wird.

Es ist nicht so, du zeigst mir dieses Bild und ich sag, ja, ist ein Stillleben, ja, ist irgendwie eine, ist dunkel, ist trist, ist so und aber dann sozusagen zu sagen, das ist jetzt ein großer Wurf und das ist jetzt die große Frage. Das stimmt. Nur weil einer einen großen Namen hat, kann es doch auch sein, dass ihm mal was nicht gelingt, oder?

Also ein Sänger versinkt sich auch mal. Also ein Tennisspieler, die größten Tennisspieler der Welt, hier irgendwie Yannick Sinner dieses Jahr, hat auch mehrere Spiele gegen Carlos Alcaraz verloren. Obwohl das ein sensationeller Tennisspieler ist. Das ist ganz normal. Warum soll das in der Kunst nicht, also gibt es das gar nicht bei euch, dass ihr manchmal sagt, nee, weißt du was, das ist ein ganz toller Maler, aber das ist jetzt nicht so toll.

Also ich würde sagen, Guida hat unterschiedliche Formphasen auch im Lebenswerk und der Brack ist tatsächlich, das ist ganz interessant, der schießt um 1905, 1907 hoch. Picasso betrachtet am Anfang mit ein bisschen Argwühlen, weil der wechselt ganz schnell seine Vorbilder. Cezanne findet er zuerst gut, die Faux, da tritt er bei und eine Weile lang unterstellt ihm der Picasso sogar, dass er ihn, also das Brack Picasso kopiert.

Um aber festzustellen, der ist ein Suchender und das ist aber auch ein, wer sucht, der findet auch jemand, der, die beiden entdecken quasi relativ parallel, die waren sich auch nicht so grün, weil der Picasso gesagt hat, da arbeite ich mich gerade ran, warum setzt du an meinem Punkt ein, das ist mein Punkt.

Und jetzt, in den 30er Jahren wird es ein bisschen stiller um den Brack, der wird einfach verdrängt durch die Surrealisten. Dass er dann stillere Bilder malt, also du kannst ja nicht ein Museum voller brüllender Kunst sein, Dieses Bild ist drei Säle neben dem Makkart. Ich glaube, wenn du das neben dem Makkart allein an die Wand hängen würdest, hätte es eine immense Wirkung.

Neben diesem überbordenden, knalligen, laut schreienden Bild ein so, so, so, so ruhiges. Und bei uns ist es zusammen mit Delaunay und mit, da ist der Picasso noch, also bei uns ist es in einem Raum, der an und für sich eher runtergetont ist, was auch sehr schön, sehr ästhetisch ist. Also da sind eigentlich vier ruhige Bilder, so ein Schwebeklang.

Denk an die Musik aus der Zeit. Es ist, wir sind schon in, seit 25 Jahren gibt es schon Zwölftonmusik. Streng genommen hat es mit Liszt angefangen, einfach noch später. Und das ist auch keine Musik, die du nachpfeifst. Sondern das ist alles, hier wird die Welt nachdenklich betrachtet. Und er tut das halt eben durch ein sehr, sehr, sehr altes Genre, was eine ganz sonderbare Sache ist.

Also es gibt noch einen, der mir einfällt. Da haben wir auch ein sehr schönes Bild, Giorgio Morandi, der malt stinklangweilige Vasen oder Gläser oder Flaschen auf Tischen. Die Bilder sind so runtergetont, nach der Maßgabe von das langweilig können die den mühelos noch unterbieten. Giorgio Morandi ist Kult, denn der malt nur das.

Und stell dir vor, der Brack hätte stupide sein Leben lang 50 Jahre lang sowas gemalt. Wahrscheinlich würden wir ihn schon verehren für die Verlässlichkeit, mit der er das malt, malt, malt und malt. Aber ist es doch nicht so einfach zu sagen, wenn einer 50 Jahre lang Blödsinn macht? Das ist ja kein Blödsinn. Wir steigen jetzt bloß nicht ein auf Feuerwerk. Ja gut, aber gut.

Ich würde jetzt jeden Tag würde ich mich hinstellen vor die Kunsthalle, würde ein Glas Wasser einschenken, würde das Glas Wasser austrinken und würde es abstellen. Und am nächsten Tag komme ich wieder. Und immer und immer wieder. Du hast dann irgendwann bekannt. Und dann kommt der, an dem jeden Tag kommt da jemand und macht das.

Warum macht der das? Aber dann ist ja sozusagen die Wiederholung von etwas, das ist ja noch keine Leistung. Die Rigorosität aber, dass du jeden Tag das machst. Das ist sogar ganz toll, weil streng genommen machen wir jeden Tag, wir gehen jeden Tag zur Arbeit und man fragt sich, wie sinnhaft ist das, was wir da tun, eigentlich wirklich.

Aber wir tun es jeden Tag, das wäre doch eine fantastische Metapher für, wenn dein Job ist, jeden Tag vor die Kunsthalle zu gehen, das Glas Wasser einzugießen und nach einer Viertelstunde wieder zu gehen, dann würde ich glaube ich sagen, da würde kein halbes Jahr, die Greta Thunberg hat Stuhl und Schuh bestreikt und hat damit sehr viel Aufmerksamkeit bekommen.

Ist das sozusagen das, auch wir haben ja letzte Woche über die Hamburger Goldkirchen gesprochen, ist das das Erfolgs, auch eventuell das Erfolgsgames der Goldkirchen, dass sie einfach stumpf, weiter singen, obwohl sie nicht singen können und das immer und wieder wiederholen, die sind jetzt ja im zehnten Jahr und dass man dann denkt, boah, was für eine Courage, was für eine Huspe.

Aber das ist ja nicht stumpf. Nein, nicht stumpf, ist falsch. Gewollt, genau. Die haben schon Spaß dabei. Natürlich. Die haben sich doch wahrscheinlich am Anfang, also ich kenne die Geschichte nicht ganz, aber ich glaube, die haben es doch erstmal als Laienchor getroffen. Natürlich, ist nach wie vor ein Laienchor. Und es hieß, du musst nicht singen können.

Im Gegenteil, wenn du nicht singen kannst, ist es super, weil wir alle können nicht singen. Genau. Zu allererst mal ist es doch etwas Besonderes, was nicht alltäglich ist. Das ist die Frage. Ist es ein Prinzip von hoher Kunst, dass man sozusagen festhält an dem, was man macht und dann mit den Jahren man dann auch einsam und sagt, oh, die halten daran fest, das ist Wahnsinn.

Und dann steht man für ein gewisses, die stehen ja jetzt für das Genre, was es bisher nicht gab, das Genre Chöre, die nicht singen können. Das gibt es gar nicht. Chöre, die nicht singen können und riesen Erfolg haben. Also ich glaube, das ist kein Prinzip der Kunst, das ist eine Möglichkeit, Kunst zu betreiben, weil tatsächlich Minimal Art lebt ja genau davon, dass die Repetition das Ding ist.

Ich vergesse gerade wieder, das ist ein koreanischer oder taiwanesischer Künstler, der sich mal in New York eingesperrt hat für... Ich müsste jetzt lügen, ich glaube für ein Jahr. Und den konnte man täglich besuchen. Ansonsten bekam halt immer Essen gebracht, aber der war eingesperrt. Das ist eine Paraphrase wie Gefängnis.

Und diese Selbstkasteiung hat natürlich Aufmerksamkeit erregt. Und bei ihm ging es natürlich auch um so eine Art buddhistisches Wiederholen, was tust du eigentlich? Ich meine, jeder Mensch ertappt sich doch mal dabei, dass er überlegt, was würde ich denn machen, wenn man mich ins Gefängnis sperrt. Und man liest ja immer wieder, der Herr Becker hat es ja, glaube ich, gerade zum Besten gegeben, wie das ist, wenn du im Gefängnis bist.

Und der schlimmste Moment ist, die Tür geht zu und du bist dir selbst überlassen. Erstens, du bist in der Hand anderer oder eines Prinzips oder eines Systems und du bist dir selbst überlassen. Also wie? Und all das kann Kunst sichtbar machen. Ich will jetzt nicht sagen, das Gefängnis und dieses Bild, was sie gemeinsam haben, aber die Selbstkasteiung hier, die Reduktion der Farben, dieses Runterdimmen, dieses fast absichtsvoll schwarz-weiß machen mit der Ausnahme des Braunstar-Lincons, das ist schon eine künstlerisch bewusste Aussage und ich möchte jetzt nicht sagen, dass das ein schlechtes Bild ist. Die nächste Frage ist, was ist ein gutes Bild?

Da können wir dann heiß diskutieren. Das wissen wir, weil wir schon fast wieder am Ende sind. Soll ich nächstes Mal ein gutes Bild? Das wäre eine richtig fiese Herausforderung. Bring mal ein gutes Bild mit. Bring aus der Kunstseile ein gutes Bild mit. Nein. Aber das ist doch, wir haben jetzt zweimal über die Goldkirchen gesprochen und das ist ja immer so, wenn ich mich mit Sachen beschäftige. Sie sind ja jetzt auch diese Tage in der Elbphilharmonie.

Ich glaube, irgendwann Ende Dezember, Mitte Dezember. Egal. Chor. Chor. Chor. Singen. Singen. Singen. Gesang. Schade, bei Chor ist mir der Chor in der Kirche eingefallen. Da hätten wir einige von, aber bei Singen tut der nicht. Das ist ein Gebäude teil. Okay, Singen. Singen, oder? Weil Singen ist ja was, was die Menschen irgendwie zusammenbringt und was ja über die Jahrhunderte gesungen wird immer. Gesungen und gegessen wird immer.

Wo man singt, da lasst sich Lieder böse Menschen kennen. Und dann, kleiner Spoiler für nächste Woche, dann würde ich dir nächste Woche mal erzählen, weißt du eigentlich, was im Panoptikum, dem Wachsfigurenkabinett, was sie da machen mit Personen, Figuren, die sie nicht mehr brauchen? Das erzähle ich dir nächste Woche. Wir freuen uns auf nächste Woche. Bis dahin. Bis dann.

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