Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 298

Wie fremde Maler auf Hamburg blicken

Samstag, 27. Dezember 2025 · 26 min

MP3

Shownotes

Alexander Klar und Lars Haider spielen wieder ihr Kunst-Duell „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Dieses Mal dreht sich alles um das impressionistische Werk „Im Hamburger Hafen“ von Albert Marquet (1909). Was macht ein französischer Künstler aus dem norddeutschen Hafen? Und welche Details entgehen ihm – oder sehen nur wir in seinem Bild? Eine faszinierende Analyse über Kunst, Herkunft und die Darstellung einer Weltstadt.

#AlbertMarquet #ImHamburgerHafen #HamburgerHafen #HamburgerKunsthalle #AlexanderKlar
#LarsHaider #Kunstpodcast #Kunstgeschichte #HamburgKultur #Malerei #Fauvismus

–Weitere Podcast unter: abendblatt.de/podcast
- Wir freuen uns auf Eure Bewertungen und Likes
- Abonniert unseren Podcast, natürlich kostenlos
- Feedback: moinhamburg@abendblatt.abendblatt.de/podcast

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Ich bin Lars Heider. Ich bin Alexander Klar. Und wir haben unsere, passt eigentlich gar nicht so tief im Dezember, wir haben unsere Hafenwoche. Aber das ist natürlich schon deshalb wichtig, weil der Hamburger Hafen natürlich für Hamburg stilprägend ist.

Und wir haben vor einer Woche über ein Bild gesprochen, was ungefähr an derselben Stelle aufgenommen wurde, gemalt wurde. Da müssen wir nochmal sagen, aufgenommen, gemalt. Gerade bei solchen Bildern vom Hafen. Wenn Menschen hierher kommen und den Hafen malen oder irgendetwas anderes von Hamburg. Wie muss man sich das vorstellen?

Setzen sie dich einmal dahin, machen Skizzen, schreiben sich Sachen auf, prägen sich das ein, sitzen die da mehrfach. Das Bild wird ja immer wahrscheinlich im Atelier entstanden sein oder in einer Werkstatt. Man muss sich das nicht so vorstellen, mein Vater hat früher auch immer gemalt. Und der hat dann irgendwie sich so eine Staffelei genommen und hat sich dann an den Strand gesetzt und hat dann irgendwie da tatsächlich live abgemalt. So war das nicht, ne?

Also die Regel ist, dass man ein Skizzenbuch dabei hat, Und dann eben Aufnahmen macht, also man sitzt, man läuft irgendwo lang und sagt, oh, das ist ein Sujet, das gefällt mir, dann skizziert man. Mit Bleistift dann? Genau, mit Bleistift. Manche haben auch, glaube ich, einen Aquarellkasten dabei, das kommt immer auf die Neigung an. Mit dem Bleistift geht es am einfachsten, ist auch irgendwie ein Unempfindlichsten, wenn man das Regnen anfängt.

Das 19. Jahrhundert bringt auf einmal ein neues Genre hervor. Das Jahr 19. Jahrhundert, ein bisschen früher gab es das vielleicht schon, die Plan-Air-Malerei will heißen. Dann liefen auch mal die Künstlerinnen mit einem ganzen Gerätschaft rum. Das ging halt im 1900 auch deswegen, weil es dann auf einmal die Tubenfarben gab.

Das war vorher nicht möglich. Du brauchst ein Atelier, wo eben deine gesamten, Malmaterialien waren und du musst es halt mühsam mischen. Und das musst du im 1900 nicht mehr, seitdem es die Tubenfarbe gibt. Dann schleppst du deine 15 Tuben mit und legst los. Und die... Und ich könnte jetzt vom Marquis nicht sagen, ob er ein Plenärmaler ist, aber ich glaube, das Wetter auf dem Bild liegt nahe, dass er das nicht live gemalt hat, sondern sich eingeprägt hat und dann ins Warme gegangen ist, um das zu malen. Wir sprechen mal über dieses Bild.

Du hast es gesagt, dieses Bild ist von einem ähnlichen Standort aufgenommen wie das Bild von Paul Kaiser, also dieses wunderbare Bild in Richtung Baumwahl gucken, aber es ist ganz anders. Also ich beschreibe es nur für die, die es jetzt nicht sehen können. Es ist ein Bild, der große Unterschied ist, während das Bild von Paul Kaiser vom Hafen war einfach nur schön.

Es ist hellblau, der Himmel ist blau, die Elbe ist fast schon türkis, es sind keine Menschen zu sehen. Hier sieht man jetzt, dass der Hafen auch anders gesehen werden kann. Denn hier ist es ein Hafen, man sieht wieder den Kai Speicher, wo heute die Elbphänomene steht. Man sieht den Hafen, man hat eine etwas andere Sicht, man sieht den Baumwall nicht, sondern es ist von unten gemalt sozusagen, gar nicht so sehr von oben gemalt und ehrlich gesagt ist der Himmel grau, ziemlich grau, überall sieht man so tuckende Boote, man sieht rauchende Schlote, so ähnlich wie auf dem Bild von Korinth, das aber auch noch viel freundlich, weil dieses Bild ist nicht freundlich, sondern es ist so ein trüber Herbsttag, Dezembertag,

richtig stark bewölkt, aber auch richtig versmoked, so ein bisschen versmoked, kann man das schon sagen, also da ist viel. Da ist Rauch, den haben wir das letzte Mal vermisst. Da ist viel Rauch und Menschen, die so ein bisschen in so schwarzen Klamotten gekleidet sind, zwei, drei. Die über die Straße gehen, es sieht auch aus, als hätte es gerade geregnet, als sei das Ganze, als sei sozusagen die ganzen Fußwege und die Straßen sind nass.

Und ich finde, es ist jetzt kein Bild, was Werbung für den Hafen machen würde. Was ist das für ein Bild? Wer hat es gemalt und wann ist es entstanden? Also das Bild stammt von 1909 und gemalt hat es Albert Marquet. Den schönen Titel im Hamburger Hafen wird er, weil sie ihm gegeben haben. Oder auch Alfred Lichtwag, der es wahrscheinlich stimuliert hat.

Erworben wurde es übrigens erst 1963. Das heißt also, es ist kein Bild, was Alfred Lichtwag in Auftrag gegeben hat, wie viele andere und dann gleich erworben hat. Dazu muss man auch sagen, er lockte meistens die Künstler nach Hamburg mit dem Hinweis auf Porträtaufträge. Also wo die Pariser Künstler Paris gerne selber malten, weil es ihr Sujet war und ihre Heimat, mussten sie nach Hamburg erst gelockt werden.

Und da war es dann so, dass mehrere Porträtaufträge ergingen. Diese Porträts finden sich auch meistens heute in der Hamburger Kunsthalle oder einige davon finden sich in der Hamburger Kunsthalle. Der Albert Marquis war, glaube ich, ein kleines Weilchen da. Ich bilde mir ein, dass er drei, vier Monate, 1999, da verbracht hat.

Und in der Zeit entstanden wahrscheinlich Skizzen und diese Stimmung. Also es geht ja bei Malerei meistens darum, eine Stimmung einzufangen, wiederzugeben oder... Evozieren, also anklingen lassen. So, und was ist hier besonders? Das eine ist, du hast das Feste, das ist vorne das Ufer. Ich glaube, das Braune sind alles so Barken, die da, oder wie heißen die, Leichter, die da festgemacht haben.

Ja, sie sehen aus wie Ruder, so ein bisschen, aber Ruderboote, teilweise Ruderboote, sehen aus wie Ruderboote mit Schornstein, wenn man es beschleiten soll. Genau, da ist auch einer schon betrieben. So, dann hast du auf dem Wasser ein paar Fahne. Allen ist gemeinsam, es ist offensichtlich wie üblich Westwind, Denn die Rauchsäulen gehen eher so in Richtung Osten.

Und dann ragt in der Mitte rauf der Kaiserspeicher, zu der Zeit, glaube ich, genannt, der heute eben markiert, wo die Elbphilharmonie steht. Davor, jetzt sieht man es ganz gut, ist die Kehrwiderspitze. Vermutlich mal, das sollte die Kai-Anlage der Kehrwiderspitze sein. Und dahinter, das ist jetzt anders als bei dem Kaiser vom letzten Mal.

Sind wahnsinnig viele Kräne zu sehen oder Aufbauten, die nach Kränen. Und ich glaube zu sehen auf dem Wasser ein Schiff mit zwei Schornsteinen, was eher ein Passagierdampfer sein sollte. Das von hinten aus dem, ich weiß gar nicht, wo denn damals die großen Passagierschiffe anlegten, außer bei der Überseebrücke, die ja wiederum rechts von uns wäre.

Aber der fährt da wohl vorüber, hat vielleicht woanders. Ach klar, wo ist denn die Ballinstadt? Da muss doch irgendwie in diese Richtung. In Richtung Speicherstadt. Da muss man doch irgendwo die Passagiere auch an Bord gebracht haben. Das heißt, das macht schon Sinn, dass da von links ein Passagier kommt.

Aber das ist interessant, wenn man diese beiden Bilder vergleicht, oder wenn wir sogar alle drei Bilder noch mit Korinth im Hintergrund, wobei das vom anderen Standort fotografiert ist. Hier ein Bild, was den Hafen so zeigt, wie er damals war. Wir haben darüber schon gesprochen. Also so ein bisschen schon verraucht.

Wenn man das so sieht, hat man das Gefühl, man riecht es. Man riecht sozusagen, was in der Luft liegt. Also der ganze Rauch, vielleicht auch der ganze Dreck, dazu kommt ja auch sowas Nebliges noch und so. Ist das realistisch, dass es im Jahr 2009 auch tatsächlich so war, dass dieses Bild realistischer ist als vielleicht das Bild von Paul Kaiser?

Ich glaube, Paul Kaiser war Hamburger. Der war vielleicht fasziniert von der Bläue eines sonntäglichen Tages und hat deswegen dieses blaue Hafenbild gemalt. Der Marquis kam hier im Frühjahr, das ist ja noch quasi Winter, wenn er im März angefangen hat. Der hat halt Hamburg erlebt, wie es so ist. Und als Pariser, der ein bisschen mehr Wärme gewöhnt war, hat er sich gedacht, boah, ist das eine miese Stadt. Und war aber dann doch fasziniert, also der Hafen, einfach die Größe des Hafens, die Aktivität.

Da war ja damals viel, viel, viel mehr los, weil die Schiffe waren kleiner und mehr. Das heißt, also da ging ja jeden Tag was rauf und was runter, den Hafen. Heute ist es ja mit einem 300-Meter-Schiff getan und dann fährt da ein halber Kontinent spazieren. Damals war es einfach viel mehr Ziele und viel mehr Schiffe.

Und das hat den Hafen natürlich attraktiv gemacht. Attraktiv im Sinne von, aber auch irgendwie, hier hast du so ein Bild, dass du denkst, rauchende Schlote. Ja, der Hafen ist eigentlich nur eine große Industriebrache. Ja, aber es ist nicht brach. Es ist ja belebt. Also eine Brache hieß ja, da liegen, also ich schätze ja dann. Also eine Industriebrache, stimmt, Brache ist falsch, aber es ist wie eine große Industriefläche.

Es ist ja nicht so, dass du sagst, und das zeigen, finde ich, ja auch die Menschen, weißt du? Die Menschen, die so ein bisschen so eingemummelt sind, die Kragen hochgeschlagen. Der eine geht so ein bisschen über die Straße, sind auch komplett schwarz gekleidet. Also das sind ja so Menschen, von denen man Eindruck hat, möchte man da jetzt sein? Nein.

Ich würde mal annehmen, das weiß ich jetzt natürlich als Nicht-Hamburger nicht, dass das städtische Leben um den Jungfernstieg und das Rathaus stattfand und eher nicht am Hafen. Das ist ja eine Neuigkeit, dass quasi dieses Hafenpanorama genutzt wird, dass Touristen dahin gehen. Ich würde mal annehmen, dass Hamburg schon ein bisschen auch mit dem Rücken zum Hafen stand.

Also die elegante Welt fand am Jungfernstieg statt. Und hier ist. Wir sind im Jahr 1909, das heißt, na gut, die Stadt expandiert dahin. Aber zum Beispiel, wir sind ja noch in der Zeit vor der Hochbahn. Denn da, wo wir stehen, ich vermute mal, wir stehen irgendwo am Baumwall, müsste man natürlich jetzt eigentlich das Ständerwerk der Hochbahn sehen.

Die ist, glaube ich, um 1912 herum entstanden. Du sagst Dinge, die ich nicht auswendig weiß, aber man kann das googeln. Also ich lese immer so Sachen, dann behalte ich sie manchmal richtig und manchmal falsch. Ich glaube mich zu erinnern, 1912 ist der Zeitpunkt, als die Hamburger Hochbahn eingeweiht wird.

Das heißt, vielleicht wäre es noch eine Baustelle zu dem Zeitpunkt, 1909. Aber das ist der Punkt, an dem der Tourist vom Jungfernstieg, vom Rathaus kommend, am Baumwald auf den Hafen stößt. Und er ist natürlich fasziniert. Er guckt nach links, wo die ganzen Lagerhäuser sind, der Speicherstadt. Die ja damals, das ist ja knackneu. Wann ist die Speicherstadt?

Die ist dann um die Jahrhundertwende fertiggestellt, recht weitgehend. Das heißt, man blickt ja schon auf, das ist eigentlich heute wie so eine Glasstahlbau-Vision. Aber das ist interessant, dass du das bewusst wirst, dass natürlich damals wahrscheinlich das zum Hafen runter zu gehen. Ähnlich interessant wäre, wie heute sozusagen ins Hafenhinterland reinzugehen.

Weil das war ein Industriegebiet und das ist sozusagen diese touristische Erschlossenheit, diese touristische Bedeutung, die der Hafen hat, wo man dann an den Landungsbrücken rumläuft, wo man Kap San Diego sich anguckt, Rickma Rickmas anguckt, wo man ins Theater geht, das spielte damals ja alles gar keine Rolle.

Also genau, als Tourist ist man in Hamburg, glaube ich, eindeutig um die Alster herum zugegen gewesen. Vor allem, da war ja auch noch eine Spielbank und sowas, was man so im 90er Jahr braucht als Tourist. Und der Hafen, das war Dreck und Industriearbeit und das Viertel war so wahrscheinlich gefährlich, keine Ahnung oder für das sonnierte bürgerliche Paar, vielleicht auch mit Verruchtheit verbunden, ich weiß gar nicht, wo war denn eigentlich na klar, die sündige Meile war am Reeperbahn, aber jetzt da unten, wo jetzt das Portugiesenviertel ist, das wird ja nicht viel besser gewesen sein und das war vielleicht wirkliche Arbeiterviertel und da ist man dann vorsichtiger reingegangen und dann war links die Speicherstadt,

das war ja so ein bisschen, das war die Zolllager, oder? Das heißt, da ging man auch nur hin, kann man da nur hin? Ich habe das noch erlebt, dass man sozusagen am Hafen kontrolliert wurde, dass du konntest nicht einfach so in den Hafen reinfahren. Dass man da so durchgängig durchfahren kann, wie das jetzt ist, das ist nicht, frage mich nicht, aber es ist 20, 30, 40 Jahre, es ist ja, oh Gott, wir machen heute Zahlen, reden wir lieber, reden wir lieber, das war interessant, dass du gesagt hast, es ist halt ein Unterschied, ob sozusagen ein Hamburger malt oder ein Nicht-Hamburger.

Das heißt, ist unser Blick dann auf den Hafen, auf diese Stadt insgesamt als Menschen, die hier leben, verklärt? Ja. Also er ist zumindest gefiltert, ob er verklärt ist. Also naja, wir sehen ja, also das Tolle in Hamburg ist ja, du blickst über die Elbe und siehst die Wahrheit einer Industriestadt. Also Hamburg lebt ja auch davon, dass es nicht irgendwie seine Industrie so draußen in so Vororte verabschiedet hat, sondern man schaut dem Hafen ja beim Arbeiten zu.

Also wer in Oebelgönne wohnt, würde ich mal sagen, hört den Hafen auch ziemlich gut. Wir zum Beispiel Blankenese, wir riechen ihn ganz gut, wenn da noch so ein etlicheres Schiff vorbeifährt, was zufälligerweise noch nicht LNG-powered ist. Dann hole ich mal schnell die Wäsche rein, weil die stinken schon ganz schön.

Das kannst du riechen. Also wir hören es und wir riechen es. Wenn die vorbei wummern, das ist so ein Geräusch, das du tief im Magen hörst. Das heißt, der Hafen teilt sich mit. Und natürlich dazu gehört dann auch was Touristisches. Ich würde mal fast vermuten, auch schon im frühen 20. Jahrhundert gab es bestimmt Hafenrundfahrten. Also was ganz Aufregendes.

Die Barkassen, die gibt es doch auch schon länger. Also diese unmittelbare Präsenz von etwas, was an und für sich ökonomisch und industriell ist und das Filtern rein in das Stadtgebiet. Hier ist ja heute auch noch so, das ist was Besonderes von Hamburg, wenn man an den Flehten in Richtung, also die Flehte sind ja sehr wenige geworden, aber die noch existierenden Flehte, hier ist dann so ein Gürtel von alter eingeführter Wirtschaftsstärke.

Spiegelhochhaus, aber auch das alte Süd, Hamburg-Südhaus. In dem wir hier sitzen übrigens gerade. Ach echt? Ja. Mensch, habe ich gar nicht noch umgehört. Also das ist ja quasi, das ist dann so nach dem Zweiten Weltkrieg hier entstanden, aber an der Stelle, wo ich mal annehmen würde, dass vorher die Kontore waren, dass, also bis zum Zweiten Weltkrieg war ja die Bebauung noch die des 19.

Jahrhunderts. Das war aber anders als das Gängeviertel hier tatsächlich der Ort, wo da werden damals die Rechtsanwaltspraxen gewesen sein und die Reederei und die Disponere der Tonnagen und solche Sachen. Und dann kommt der Hafen, das heißt also du hast Banking und Mode und Edles am Jungfernstieg und am Neuen Wall.

Du hast Politik um das Rathaus herum und hier kommt es jetzt zum Kommerz und dann kommt Industrie. Und das in dieser unmittelbaren Nähe zueinander kenne ich von wenig anderen modernen Städten. Und das ist vielleicht das besonders Schöne an Hamburg. Wir wollen noch mal über den Maler. Ja, Albert Marquis.

Der, von dem ihr mehrere Bilder habt. Von dem wir mehrere Bilder haben. Albert Marquis, das ist so die zweite Generation, vielleicht schon die dritte des Impressionismus. Der war auch schon ein bisschen in Liaison mit den Fauves, also die erste Generation der Impressionismus, so um 1860 beginnend. Das berühmte Monet-Bild Soleil-Levent-Impression spielt übrigens in einem Hafen.

Ich weiß bloß gerade nicht in welchem, einen Sonnenaufgang vor Industrie oder über Industriebrache. Hätte wunderbar in Hamburg spielen können. Und nach dieser Impression hat dann abschätzig ein Kritiker gesagt, das sind die Impressionisten, die haben das dann relativ begeistert an sich generissen als Wort und als ins Gute gewendet, weil sie gesagt haben, genau darum geht es uns, um den Eindruck, um einen sehr unmittelbaren Eindruck, wo vorher Malerei eben etwas war, was in sehr langen, feinmalerischen Phasen einen Moment festgepinnt hat, der aber dann als Ewigkeit sich versucht hat zu gerieren, haben die gesagt, wir möchten bewusst wie eine Fotografie, wir möchten der Fotografie der entstehenden gerade etwas entgegensetzen in Farbe und dieses Plötzliche.

Und deswegen mochten sie verschiedene Sonnenstände, sie mochten Nebel, sie mochten Dinge, die sich bewegen, Blätter, die fallen im Herbst. Solche Sachen fanden sie großartig und der Marquis gehört zu denen, der ist halt ein bisschen später geboren und ist dann um 1900 herum, war er sehr erfolgreich in Paris und eben auch in Hamburg.

Und der ist so, das ist, da würde man sagen, es gab mehrere verschiedene Strömungen des Impressionismus. Das eine ist so der analytische, der Cezanne und Van Gogh, die sich versucht haben über die Farbe, die versucht haben mit Farbe zu experimentieren. Und die anderen, die eher traditionell waren, haben die Sujets weiter behalten, haben gesagt, mich interessiert das Sujet und das versuche ich mit Farbe zu bearbeiten.

Die einen haben gesagt, ich arbeite mit der Technik und die anderen, ich arbeite mit dem Ding, was ich male. Und der Marquis mochte Hafenansichten, der hat also auch wunderschöne Hafenansichten vom Mittelmeer. wie überhaupt, der hat sehr schöne Sachen gemalt, was natürlich gefährlich war in einer Zeit, in der dann jetzt demnächst Picasso kommt und sagt, schön ist nicht die Kategorie, mit der ich arbeiten werde.

Das wusste er natürlich damals noch nicht. Ist es nicht immer so, dass du, wenn du ein Künstler bist und du setzt auf einen Trend auf, als Autor, als Musiker und so, dass er irgendwann mit 100%iger Sicherheit kommt, der Gegentrend. Und dann bist du sozusagen derjenige, der sozusagen, dann funktioniert das nicht mehr. Also nehmen wir ein ganz einfaches, blödes Beispiel, die neue deutsche Welle.

Das war damals ja, erinnern wir uns beide dran, eine tolle Sache und so, redet heute keiner mehr von. Irgendwann verschwand sie. Ich hatte gestern ein interessantes Gespräch mit jemandem, ein famöser Hamburger Politiker, den ich sehr mag, der meinte, ihr habt doch in eurem Depot lauter Sachen, die da verkommen.

Da habe ich gemeint, nein, nein, nein, das hast du falsch verstanden. Die verkommen da gar nicht, die warten auf ihren Moment. Also das passiert ja ganz oft. Also was macht man als neuer Direktor oder neuer Kurator? Man geht hinunter ins Depot und schaut mal, was da ist. Und man stößt auf Sachen, die die Vorgänger nicht so richtig gut fanden.

Und es ist fast automatisch, wie geil ist denn das? Warum wurde es schon ewig nicht gezeigt? Ich bin da nicht besser als alle anderen. Meine erste Hängung waren lauter Sachen, die schon Ewigkeiten nicht mehr on Display waren. Und so ist das doch auch mit Musik. Alles kommt in so eine Retrofindet. Morgen kommt ein Musiker, jetzt der Generation 20-Jährige, der hört Neue Deutsche Welle und sagt, wieso hören wir das nicht? Das ist ja witzig.

Der Witz, der jetzt gerade mangelt, würde quasi über die Neue Deutsche Welle wieder gehoben werden können. Das ist ja meine interessante These, ob man eigentlich sozusagen jetzt permanent neue Kultur erfinden muss oder dadurch. Man baut ja immer auf. Nein, aber dadurch, dass sozusagen sich die Menschen ja verändern, also immer wieder einen neuen.

Ich habe das jetzt gedacht, ich halte ja jetzt im Januar glaube ich zum 14 oder 15 Mal die Rede beim Neues Empfang. Und habe mal geguckt, wie viele von den Leuten waren eigentlich vor 15 Jahren schon da. Da sind ein paar, aber gar nicht so viele. Das heißt, ich könnte doch eigentlich jetzt... Die erste Rede wieder.

Nein, ich könnte doch einfach alte Witze nochmal erzählen. Die meisten werden es eh vergessen haben. Und das ist aber meine Frage. Ich war gestern bei den Hamburger Goldkirchen, die proben gerade für ihr Konzert, und spielten dann von John Farnham You're the Voice. Kennst du das noch? Und dann habe ich gedacht, Alter. Und dann guckte ich die an, der Chef von mir ist 38, Das Lied ist 1986 entstanden.

Für den ist es ein neues Lied. Der kannte es im Zweifel gar nicht. Und deshalb ist ja die Frage, reicht es nicht einfach aus, sozusagen ein... So und so viele hunderte von Büchern und so und so viele hunderte von Liedern und die werden ja immer wieder neu entdeckt. Das heißt, eigentlich brauchst du doch dieses, man wird trotzdem neue Kunst und Kultur schaffen, aber am Ende gäbe es doch genug, an dem sich die Leute erfreuen können.

Aber der Mensch möchte ja auch selber etwas erfinden und er muss aber, um etwas selber erfinden zu können, wissen, was ist denn schon da. Denn du kannst ja nur etwas erfinden... Erfinden, wenn du weißt, das ist neu. Das heißt, jede Generation hat ein bestimmtes Lebensgefühl. Zudem passt die Kunst, die Musik, alles, was man zu der macht, zu der Zeit. Der Latte, Matcha, whatever.

Und es ist ja auch unterschiedlich, unterschiedliche Generationen. Das heißt, was meine Kinder jetzt und demnächst gut finden, ist nicht automatisch, was ich gut finde, obwohl wir zur selben Zeit leben. Das heißt, es gibt auch noch so Parallel-Dinge und nicht jeder wird The Voice gut finden. Ich bin ja als Kind, als Sechs- oder Siebenjähriger, irgendwie aus Versehen auf eine Schallplatte mit einem Musikstück von Franz Liszt gestoßen.

Und seitdem war ich verloren für die Gegenwartsmusik. Ich höre mit besonderer Freude bis zum heutigen Tag und finde, ich verändere mich trotzdem zum Positiven, obwohl ich da feststecke, Orchestermusik des 19. Jahrhunderts. Ich finde immer wieder was Neues dabei. Es wird auch immer von neuen Orchestern neu gespielt.

Also wenn der Korenzis auf einmal den Beethoven durch den Mangel dreht, denke ich, oh, das habe ich noch nie gehört. Aber mir reicht das. Aber gleichzeitig gibt es natürlich Parallelleute, die ganz andere Musik mögen. Teilweise höre ich sie auch. Und ich erkenne darin auch oft das Lebensgefühl meiner Zeit und weiß, ja klar, der Franz Liszt ist nicht das Lebensgefühl meiner Zeit. Ich lebe aus so einer Konserve.

Das heißt, es gibt so viel Parallel existierendes, was sich gegenseitig auch befüllt, dass immer was Neues entstehen muss. Und trotzdem ist es gut zu sehen, was war denn normal da und sich darauf zu beziehen. Ich weiß nicht, wie es dir mit den 70er Jahren ging. Das ist die Zeit meiner Kindheit. Da habe ich ein bestimmtes Lebensgefühl, was vielleicht auch nicht das Lebensgefühl der Erwachsenen damals war.

Und davon rette ich jetzt Dinge, erzähle sie meinen Kindern, befülle damit irgendwelche Fantasien, die möglicherweise darauf zurückgreifen. Und so entsteht so eine Dynamik und es ist ja interessant, was sich dann durchsetzt, was wird denn dann von vielen rezipiert, was ist popkulturell so, dass es eine Breitenwirkung hat.

Und dann gehe ich eben runter ins Depot und stelle fest, oh guck mal, da ist ein Bild von 1965, warum liegt das denn da echt? Und Ausstellungsgeschichte hat es quasi null. Ich finde es großartig. Und dann entdecke ich das, heute neu. Und vielleicht informiert das dann wiederum eine jetzige Künstlerin, die dann sagt, oh wie geil, das habe ich da gesehen, sowas möchte ich auch machen.

Und so entsteht halt das. Und insofern aus diesem Nebeneinander von Avantgarde und traditioneller Malerei ist eben um 1900 hast du nebeneinander diesen freundlichen Marquis der Hafenbilder malt. Schon revolutionär à la Impressionismus, aber schon längst nicht mehr revolutionär, weil zur selben Zeit haben Picasso und Braque gerade den Kubismus losgetreten.

Damit fängt der Albert Marquis nichts an. Aber er weiß natürlich davon und bestimmte Elemente tauchen dann diese zackigen Sachen, die auch bei dem Kaiser waren, die kommen vom Kubismus. Also es ist ganz komplex, wie altes und neues Gegenwartskunst und Musik formen. Das stimmt, ich muss nur daran denken, ganz einfaches Beispiel.

Cello, wie oft habe ich jetzt Udo Lindenberg schon zitiert in diesem Podcast, Cello von Udo Lindenberg ist etwas, mit dem ich groß geworden bin. Und dann hat er es mit Clouseau gesungen. Und damit ist es für eine neue Generation ein Lied, das sie aber nicht verbinden mit Udo Lindenberg, sondern das hat doch dieser Clouseau mit diesem älteren Herrn gesungen.

Also das finde ich interessant, wie das dann auch, ich erlebe das auch bei meinen Kindern, wie die auf einmal Musik hören, wo ich denke, stopp! Das ist meine Musik. Aber für die ist es ihre Musik, weil sie nicht wissen, dass sie 40, 50 Jahre alt ist. Und ich glaube ja solche Sachen wie Forever Young oder My Way, das wird in den nächsten 100 Jahren funktionieren, von unterschiedlichen Menschen gesungen, weil es einfach zeitlos ist.

Und dann fragt sich natürlich, welche Rolle spielt sozusagen dann diese Kunst, die dann dazukommt. Du hast es eben ganz gut beschrieben. Apropos Udo Lindenberg, ich hatte gehört, dass es zu einem Treffen des Kunsthallen-Direktors mit dem Ehrenbürger kommen sollte. Kommen ist schon. Ja, wir sind ja Nachbarn, das heißt also Nachbarn von Institution zu Institution.

Kunsthalle Atlantik, genau. Ja, war sehr nett bei ihm. Du hast Udo Lindenberg in seinem Atelier getroffen? Ja, in seinem Wohnzimmer. Das Atelier selber habe ich nicht besucht, aber wir haben uns sehr nett ausgetauscht. Das fand ich großartig. Genau, der hat auch erzählt, dass es für ihn auch interessant ist, dass er eben von einer neuen Generation, also der wird ja demnächst rund.

Wetter wird 20, 26, 20, 80. Und wird rezipiert, anders als vor 20 Jahren. Und eben durch so Künstlerfreundschaften mit jungen, sag ich mal in Anführungsleuten, trägt sich das natürlich immer weiter. Und vieles von der Musik, die er macht, ist tatsächlich ja nicht zeitlos, aber kann sich anknüpfen an Zeitgefühl von jetzt.

Und ich glaube, das... Man hätte nicht gesagt, Alexander, hörst du das mit dem Odom an der Kunsthalle? Genau, darüber haben wir auch gesprochen. Was heißt, gibt es jetzt eine große? Nee, gibt es nicht. Nee, also ich glaube, das will er auch nicht, weil er ist berühmt für andere Dinge. Aber dass man vielleicht irgendwie, also wir haben ja darüber nachgedacht, was man machen könnte, um den 18.

Geburtstag rum. Wir sind einfach natürlich als Institution für andere Dinge zuständig. Das heißt, man muss das irgendwie sehr, sehr sorgfältig machen, dass das genau sitzt. Genau. Dazu ist, glaube ich, eher zu sehr hoch. Aber kann ich jetzt schon rauskitzeln, dass sich die Kunsthalle irgendwas Kleines, Feines zum 80.

Geburtstag von Udo Lindenberg überlegt? Also ich denke, nach so einem Besuch denke ich natürlich über solche Sachen nach und wir sprechen gerade darüber, wie das denn sinnhaft ist. Das muss ja einfach gut sein. Ich glaube, da ist eher, wie wir, dran gelegen, was man auch immer macht, dass es sitzt. Dass es sitzt. Wunderbar. Also wir sind da sehr gespannt. Udo Lindbergh wird 80 und man hat dir verraten, ob er wieder auf Tournee geht mal irgendwann?

Das fragen sich ja alle. Oh, das habe ich nicht gefragt. Ich wusste nicht, dass sich das alle fragen. Ich weiß, dass er an seinem Geburtstag selber nicht hier sein wird, was ich für eine sehr gesunde Sache halte. Aber dann muss es doch eigentlich sowas wie so ein Senatsfrühstück geben oder so ein Empfang für den, ich meine, das ist ein Ehrenbürger, das ist jetzt nicht irgendwer. Vielleicht entflieht er genau den, ich weiß es ja nicht.

Darüber haben wir uns nicht unterhalten, wir haben uns mehr über Künstlerisches und Musikalisches unterhalten. Wow, da beneide ich dich jetzt. Und das ist schon besonders dann mit Udo Littenbeck? Ja, natürlich ist es schon toll, weil natürlich auch die Persona und die Persönlichkeit, das sind ja auch immer zwei unterschiedliche Dinge, wenn man dann auf die Persönlichkeit trifft und die Persona mal beiseite schieben kann, das ist natürlich schon toll.

Ich beneide dich. Nächste Woche, was machen wir da? Du suchst dir irgendwas aus. Wir starten in Richtung neues Jahr. Du hattest vor langer Zeit mal Kindheit in den Raum gebrochen. Dann haben wir das gemacht. Dann greife ich das auf. Kindheit geht auch immer. Bis nächste Woche. Tschüss. Ein.

0:00 / 0:00