Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 261

Was im Leben wirklich zählt

Samstag, 12. April 2025 · 27 min

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Shownotes

„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – ein Spiel, das mehr ist als nur Zeitvertreib. Es ist eine Reise in die Tiefen der Kunst, ein Dialog über das Unsichtbare, das Unausgesprochene.
Jede Woche tauchen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider ein in die Welt eines ausgewählten Kunstwerks. Sie sezieren, interpretieren und fühlen, was ein Bild uns sagen will.
In dieser Episode: Gerhard Richters „S. mit Kind“ von 1995. Ein Werk, das mehr ist als nur Farbe auf Leinwand. Es ist ein Gefühl, ein unbeschreibliches Gefühl, das Klar und Haider zu ergründen versuchen.
Was sehen sie? Was fühlen sie? Und was werden Sie fühlen, wenn Sie zuhören?
Seien Sie dabei, wenn „Ich sehe was, was du nicht siehst“ die Kunst neu entdeckt. Ein Podcast, der Ihre Augen öffnen wird.
#Kunsthalle # Gerhard Richters # Podcast #Hamburger Abendblatt

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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Music. Herzlich willkommen. Ich bin Lars Heider und du bist... Ich bin Alexander Klar. Immer noch. Alexander, und ich kann mich schon wieder nicht erinnern, hatte ich mir was gewünscht?

Irgendwie ja, ne? Du hattest dir was gewünscht, Moment, und weil das immer so schön heidersch formuliert ist, muss ich ganz, was im Leben wirklich zählt. Ein Satz, den ich nicht finden könnte, aber das war dein Wunsch. Was heißt ein Satz, den du nicht finden könntest? Was im Leben wirklich zählt. Es würde mir nicht einfallen, lustigerweise zu fragen, aber es passt irgendwie zu dir.

Das ist wirklich lustig, weil ich so, ich habe mir nie über sowas Gedanken gemacht, das war ein richtiger Kopfzerbrecher, aber ich bin auf eine Lösung gekommen. Was im Leben wirklich zählt. doch nie grundsätzlich über diese Frage, was im Leben wirklich zählt, Gedanken gemacht? Ja, nein, habe ich nicht, weil, also da ist ja auch so irgendwas dahinter, dass man irgendwas abwägt, was im Leben passieren könnte, aber das Leben passiert einem ja, behaupte ich jetzt mal so. Also mir passiert es.

Ich bin nirgendwo mal gewesen und gesagt, sowas zählt jetzt wirklich, was will ich. Also ich weiß, was gemeint ist vielleicht. Das ist irgendwie, wenn morgen der Krebs mich überfällt und ich weiß, ich habe noch ein Jahr. Ich vermute, das gehört zu den Fragen, die man sich stellt, wobei kürzlich ist ein sehr guter Freund von mir meines Alters ratzefatz innerhalb eines Jahres verstorben und ich glaube, der hat sich das nicht gefragt, der hat einfach gesagt, ich lebe jetzt genauso weiter wie zuvor, ohne Einschränkung, solange mein Körper es mitmacht.

Der hat das bis zum letzten Tag durchgezogen. Nee, und das meine ich nämlich gar nicht. Es ist doch dieser Moment, dass man sich manchmal so fragt, also was ist eigentlich wirklich wichtig? Ist es jetzt wichtig, dass ich heute zur Arbeit gehe oder wäre es nicht wichtiger, zu Hause zu bleiben und mit den Jungs Fußball zu spielen?

Und dass man sich sofort auf die Sachen, die man macht, ob das so die Sachen sind, die man wirklich machen möchte oder ob es andere Dinge gibt, die man machen möchte. Also ich finde, das geht ja so los irgendwie. Ich würde auch dazu zählen, die Frage... Die ja wir beide beantwortet haben, welche Frau heiratet man oder mit welcher Frau bekommt man Kinder, das sind ja unglaubliche Entscheidungen, die ja auch sehr endgültig sind oder sein sollten vielleicht.

Und da stellt sich immer die Frage, vielleicht hätte ich noch sagen können, was im Leben wirklich zählt, was ist das Richtige im Leben? Das ist doch immer die Frage, ist es der richtige Partner? Ist es der richtige Job? Ist es der richtige Ort? Ist es das richtige Setting? Und diese Frage, wenn man sich die nicht andauernd stellen, zwischendurch mal stellen sollte, so als zur Selbstvergewisserung.

Ich finde einfach nur so, das Leben zu leben und denken, ach, jetzt ist es so, jetzt ist es schon wieder zehn Jahre rum, wäre es nicht ein bisschen wenig? Das habe ich nicht gemeint. Die Frage wäre, hast du dich, als du deine Frau kennengelernt hast, hast du ja nicht gewusst, dass sie heiraten würdet?

Hast du nicht, also du konntest dich die Frage, du konntest dir die Frage gar nicht stellen, denn ich weiß ja nicht, wie eure Kennenlerngeschichte war, aber Aber ich kann sagen, also natürlich bin ich, als ich meiner Frau zum ersten Mal begegnet bin, ich weiß genau, wann es war. Ich weiß, dass ich vom Fleck weg verknallt war.

Aber es war keinesfalls, als ich da die Treppe raufging, dachte, oh, was zählt im Leben wirklich? Sondern es war nur klar, da fühle ich mich hingezogen. Am Ende stellt sich diese Frage einfach so selten, hätte ich mal gesagt. Ja, und das ist ja die Frage, ich finde auch, sie stellt sich zu selten. Ich finde zum Beispiel gerade im Beruf stellt man sich die Frage, wenn man dann sieht, Kolleginnen und Kollegen, die dann in den Ruhestand gehen und eben noch so, hey und so, oder am nächsten Tag, was ist denn dann?

Was ist denn dann noch? Also was macht das Leben, was zählt im Leben? Wer sind die Menschen, die bleiben, wenn all das, was sozusagen, wie soll ich das mal sagen, oberflächlich ist das falsche Wort, was ich meine, was sozusagen dazugehört. Also, ich habe das neulich gehabt in einem Podcast mit einem Menschen, der sich so über Konsum, zum Thema Konsum auch forscht und eben gesagt hat, dass sich unser Konsum komplett abgelöst hat von unserem Bedarf.

Ja. Dass wir einfach Dinge kaufen und zwar nicht, weil wir Dinge brauchen, sondern weil wir damit uns glücklicher, zufriedener oder sonst was machen wollen. Weil wir offensichtlich ja unglücklich sind und uns dann immer diese Frage stellen, jetzt bin ich auf dem richtigen Weg unterwegs. Wir kommen dazu vielleicht bei diesem, ich bin gespannt, was du für ein Bild ausgesucht hast.

Sofort wird sich dir erschließen, dass ich deine Frage verstanden habe, wenn du das Bild anguckst. Also, man sieht ein Bild, ein nahezu quadratisches, naja, so rechteckig hochformatig. Und es ist ein Bild, was bei jedem, was auslöst, glaube ich, sofort eine Emotion auslöst, zumindest bei denen, die schon mal ein Kind bekommen haben.

Denn aus meiner Sicht zeigt dieses Bild eine junge Mutter kurz nach der Geburt, die ihr Kind, also wirklich ihr Baby in den Arm hat und das Baby, ich würde deshalb sagen kurz nach der Geburt, weil das Baby etwas macht, was auch einer meiner Söhne gemacht hat. Es sucht mit dem Mund nach der Brust. Also hat den Mund so auf und nuckelt im Moment noch an der Schulter der Frau, die nackt ist, mit so einem Tuch bedeckt.

Man sieht von ihr aber auch wirklich nur den linken Arm, die Schulter und das Gesicht. und man sieht auch, dass die Frau, also dieser Gesichtsausdruck hat etwas von sehr, sehr angestrengt, erschöpft, gleichzeitig unglaublich selig. Sie hat die Augen geschlossen und trotzdem sieht man ja halt an, dass das so ein Moment ist, der im Leben, damit sind wir da, der im Leben wahrscheinlich wirklich, der im Leben wirklich zählt.

Und das Interessante an dem Bild ist, ähm, dass es so ein Bild ist, wie soll ich es am besten beschreiben? Man steht draußen am Bahnhof und eine Bahn zieht vorbei und man sieht eine Frau mit einem Kind am Fenster sitzen und dann ist es so ein bisschen verschwommen. Also das Bild ist so komisch verschwommen, als wäre da irgendwie was schiefgegangen, als wäre da noch eine Glasscheibe vor oder hätte man nochmal übergepinselt.

Also das Bild ist irgendwie unscharf. Es ist unscharf. Oder vielleicht ist es auch so, wenn jemand durch ein Fenster guckt und da ist so ein bisschen Schatten drauf oder es ist so ein bisschen Feuchtigkeit drauf. Und es ist halt ein Moment, wie man, glaube ich, jeder, würde ich behaupten, jeder, der ein Kind bekommen hat, kennt.

Dieser Moment, die Mutter kriegt das Kind zum ersten Mal in den Arm und das Kind ist dann so ja offensichtlich noch blind und findet dann auf irgendwelche Wege, die ich damals nicht verstanden habe, ich sage, woher weiß der jetzt, der Kleine, was der machen muss? Woher weiß der, dass er an die Brust muss? Wahrscheinlich ist das biologisch irgendwie zu erklären. Und das ist dieser Moment.

Und die Mutter hat diesen Blick, den sie ja nicht hat, weil sie die Augen geschlossen hat, diesen Blick, dass sich von jetzt an ihr Leben komplett ändert irgendwie und so. Das ist irgendwie, das hat auch dieses, man denkt ja immer nach einer Geburt. Müssten Frauen sehr zerbrechlich sein. Das hat auch einen Moment der Stärke, der Kraft, der, ich bin jetzt die Löwenmutter und so.

Ja, ein unglaublich eindrucksvolles Bild. Aber ich frage mich, warum ist es so unscharf? Warum ist diese Unschärfe, hat das was zu tun? Weil ich würde jetzt auch erstmal tippen, tippen, tippen, das ist jetzt nicht irgendwie ein Bild aus dem 17., 18. Oder 19. Jahrhundert. Das ist, aus meiner Sicht, ist das schon moderne Kunst.

Das ist auch eine sehr moderne Mutter. Solche Mütter gibt es zu Tausenden, zu Zehntausenden in unserem Land. Aber eins kann man sagen, was im Leben wirklich zählt, die einfache Antwort, das sind ja die Kinder. Ähm... Das sucht schon mal auf jeden Fall Treffer. Schöner Start. Das freut mich. Ich bin ja ein Freund der Abstraktion und würde jetzt aus diesem Bild auch noch eine Meta-Ebene hinauslesen, was im Leben wirklich zählt, ist Gefühl.

Weil dieses Bild auch fantastisch geeignet ist, Gefühl wieder zu spiegeln, weniger das des Kindes, wobei das auch, also das Kind sucht ja in seinem Leben einen Platz, aber die Mutter, die sich so zusammen, die die Schulter hochzieht und sich schützend um, Das ist ja der Urinstinkt von Mutter und Vater, aber die Mutter hat die erste Gelegenheit, ihn auszuleben, ist dieses Schützen um dieses Kind herum und das ist in dieser Geste fantastisch drin.

Tatsächlich kann ich schnell auflösen, dieses Bild ist relativ modern, es ist von 1995 und ist, neulich hatten wir den Maler schon einmal Gerhard Richter. Das Bild heißt S. mit Kind. Das ist eine Serie von acht Bildern, die in der Kunsthalle gerade auch sehr schön hängen, in der Ausstellung Isa, Mona Lisa.

Wer also neugierig ist, kann gleich zu uns kommen. Ich habe übrigens neulich einen Hörer unseres Podcasts getroffen, der regelmäßig genau das tut, worauf ich immer gehofft habe, nämlich sich die Bilder angucken. Und er hat uns neulich auch noch einen Fehler ertappt, aber den verrate ich jetzt gerade mal nicht. Da muss ich mit ihm nochmal sprechen.

Also das ist... Ist es dann so, dass du in der Kunstzeile tatsächlich... Ja, klar. Ja, ich stand... Du wirst angesprochen, die Leute erkennen dich oder sie erkennen dich an deiner Stimme oder an deinem Wort erkennen sie dich. Nein, er hat mich gekannt. Ich stand in der Schlange vor dem Kaffee, weil ich mir eine Cappuccino holen wollte und dann hat er mich nicht angesprochen.

Und er hat sich geoutet, dass er regelmäßig kommt und das anguckt. Schönen Gruß an dieser Stelle. Und er hat mich dann auch hingewiesen, einen kleinen technischen Fehler gemacht haben. Also es war tatsächlich ein Fehler, aber den lösen wir hier gar nicht auf. Also Gerhard Richter 1995, was du gesagt hast, ja, dieses Gefühl wird unglaublich gut darüber transportiert und deswegen ist das Bild auch so unscharf?

Nein, das kann ich schon erzählen. Das ist natürlich, das ist, wer Gerhard Richter kennt, weiß, das ist seine Signatur im Endeffekt. Der hat ja, also als er aus dem Osten nach Westdeutschland kam, Anfang der 60er Jahre, war er trainierter akademischer Maler, der konnte alles malen. Der hat in Dresden, glaube ich, also hat wirklich alles gelernt, was er konnte und kam nach Westdeutschland, wo verzweifelt versucht wurde, nichts zu können, weil sorry, das, was man konnte, war vorher aufgegangen in staatskonformer Kunst, wahlweise faschistisch oder kommunistisch.

Das heißt, was Deutschland und was die freie westliche Welt nach 1945 versucht hat, ist die Verfremdung, die Abstraktion. Und da kam jemand, der... Wundervoll narrativ, akademisch und sauber malen konnte, irgendwie nicht ganz richtig. Aber Gerhard Richter interessierte sich ja mehr als nur für, wie er etwas akademisch richtig malt.

Ihnen haben immer interessiert, wie eigentlich, wie Bilder funktionieren, warum sie funktionieren. Und er hat dann relativ klug, sehr frühzeitig, der hat angefangen, Dinge zu verfremden. Zum Beispiel hat er eine ganze Weile grau gemalt. Da hatten wir ja vor zwei Jahren diese fantastische Ausstellung, wo wir Gerhard Richter und Via Selmans gegenübergestellt haben, die zufälligerweise, ohne voneinander zu wissen, über ein Jahrzehnt hinweg nur grau gemalt haben.

Diese grauen Bilder hat er noch zusätzlich etwas verfremdet, indem er die nasse Farbe mit so einem Rakel leicht verzogen hat. Daher kommt dieser Unschärfe Aspekt. Das heißt, er hat das wirklich fantastisch gemalt mit allem und hat, also ganz genau kenne ich die Technik nicht. Also ich hoffe, er sitzt jetzt nicht am Hörer und lacht sich gerade tot.

Also die nasse Farbe kann man anscheinend nach dem Auftrag mit einem Rakel verziehen. Interessanterweise der Rakel ist ja etwas, was bei ihm... Was ist ein Rakel? Mit einem Rakel kannst du Fensterscheiben sauber abziehen. Der heißt ja nicht Rakel. Das ist so ein längliches Gerät, das du über eine Fläche ziehen kannst und dann passiert etwas.

Also entweder du ziehst Wasser ab oder in dem Fall halt Farbe. Und einer seiner westdeutschen Lehrer, K.O. Götz, der hat den Rakel entdeckt für sich, für abstrakte Malerei. Der hat nämlich Leinwand auf die Farbe geschmissen und hat dann mit einem Rakel das abgezogen. Da entstanden ganz irre Formen. Ah, das habe ich mal gesehen. das sieht man jetzt ganz häufig auf YouTube oder so, da gibt es halt so Künstler, die siehst du von so einer Leinwand und dann klatschen die da Farbe drauf und dann nehmen die so ein Teil und kratzen da so rum und so. Das Teil ist der Wacke.

Wow, das muss ich auch mal machen, weil daraus entstehen echt großartige Bilder mit denen ich vielleicht dich auch mal eines Tages überzeugen kann, einen echten Haider. Ja, dann wirst du ein echter Haider geschult an K.O. Götz beziehungsweise Gerhard Richter. Also K.O. Götz, Moment, jetzt muss ich kurz vorsichtigen, dass der K.O.

Götz, der hat keinen Rakelwände, sondern ich glaube so eine Bürste. Das heißt, er hat das nicht sauber abgezogen, sondern eher so ein bisschen, das gab dann so einen Verfremdungseffekt. Und Gerhard Richter hat eben sowohl seine narrativ-gegenständlichen Bilder als auch und dann hat er festgestellt, ach guck mal, das kannst du ja auch quasi mit der Abstraktion machen.

Und dann erfand er diese riesigen sündhaft teuren, großen Rakelbilder, in denen er Farbe auf die Leinwand und dann zieht er das nach einer bestimmten Methode ab. Und das macht er eben sowohl gegenständlich als auch ungegenständlich und das ist so ein bisschen seine Signatur. Daher kommt das. Und der Effekt bei diesen fotoabgemalten Bildern, also er hat Fotos gemacht von seiner lebensgefährten Frau, damals Sabine Moritz.

Also es ist Sabine. Genau. Ich erzähle jetzt nichts. Ich glaube, es war Sabine Moritz, sehr klar. Das heißt, die hat 1995 ein Kind bekommen. Oder 1994. Also jedenfalls dann. Die hat Richter ja schon ein bisschen älter gewesen, ne? So alt, wie man halt heute als Vater ist. Er ist 32 geboren. Wir Künstler und Künstler fangen erst spät an mit Familie gründen, aber ja, wahrscheinlich.

Ich muss dran denken, ich hatte neulich einen Podcast mit Peter Maffay, der ja dann sagte, dass er jetzt seine Tourneen aufgehört habe, weil er ein bisschen mehr Zeit für die Familie haben wollte und weil er bei seinem ersten eben quasi nicht zu Hause war und jetzt hat er ja noch eine Tochter, die ist Anouk, die ist sechs.

Das ist wirklich so, das zieht sie auch so wie ein roter Faden bei großen Künstlern durch, dass die oftmals nochmal ganz spät Vater werden. Weil es auch eine Kunst ist, ganz spät Vater zu werden. Das ist auch eine Kunst und vor allem dann richtiger Vater. Aber ja, also mein Vater, der kein Künstler, ist auch nochmal sehr spät Vater geworden nach mir und genießt das sehr.

Der schöne Satz, den er angebracht hat, den hat er seinem Sohn, also mir ins Gesicht gesagt, er wusste gar nicht, wie schön es ist, Vater zu sein. Wieso sagst du, er hat noch mal. Nach dir eine Tochter gekriegt? Genau, ja, und die zieht er gerade mit großem Vermögen groß. Und wie alt war dein Vater dann, als er sie bekam?

70. Oha, okay, also so ein bisschen, also wie Peter Maffay. Ja, mein Vater ist wahrscheinlich doch ein Rockstar. Ich sage immer, und es war Sommer, das erste Mal im Leben. Kennst du das, bist du mit dem Oeuvre von Peter Maffay überhaupt ein bisschen, also das sind so Sachen, die ich ähnlich wie Littenberg nur zufällig höre und nicht absichtsvoll, aber ich bin jetzt nicht vollkommen hinter dem Mond, das heißt also.

Wir haben uns unterhalten über sie spielte Cello, das habe ich ja sogar mal, habe ich von so einem Vermieter mal die Noten bekommen, also auch bei Maffay bin ich, sagen wir mal kulturell ein bisschen auf dem Damm naja, aber gut, es ist also, es zeigt seine, Frau mit seinem Kind, seinem Sohn, da muss ich sagen, Hochachtung, das so zu malen, obwohl nee, wenn man maler ist, vielleicht nicht, aber dieser Moment, ich weiß noch, wie das bei der Geburt meines ersten Sohnes war, da war es so, dass, weil das ein Kaiserschnitt war, meine Frau noch behandelt werden musste und ich war so die ersten, würde ich sagen, zehn Minuten mit meinem Sohn alleine.

Stichwort, was im Leben wirklich zählt, das waren und wahrscheinlich werden das auch die bedeutendsten zehn Minuten meines Lebens für immer bleiben, weil das so denkwürdig ist. Ja, das ist so, du kannst dich ja nicht auf diesen Moment einstellen und ich sah dann in diese riesigen Augen und die Augen guckten zurück und ich versuchte dann, dachte, oh Gott, jetzt sieht er mich und weiß ja gar nicht, was ist denn jetzt passiert und versuchte ihn zu beruhigen.

Er war gar nicht unruhig, aber ich dachte so, ich wollte nur sagen, ich bin dein Vater und du bist jetzt auf der Welt und sowas in die Richtung. Und zum Glück habe ich erst hinterher mitgekriegt, dass die Kinder ja wirklich nichts sehen können in dem Moment. Aber hören. Der konnte nur was hören, genau. Aber es war halt schon so ein Moment.

Aber gehört hat er dich ja schon die ganze Zeit. Ja, so ein Moment, weißt du, für so diese 10 Minuten, das war echt so ein Moment der Ewigkeit. Das, glaube ich, das trifft es. Und dann habe ich so gedacht, ach, guck mal. Ich habe mich immer gefragt, wie die Buddhisten, das mit diesem Prinzip der Wiedergeburt, übrigens ja die Protestanten eigentlich auch, ewiges Leben.

Dann habe ich es verstanden. Du erlebst die Wiedergeburt. Das ist eine Art, da ist jemand, der sieht jetzt auch noch so aus wie ich bis heute und dann sagst du, ja, schönen Dank. Man erlebt sozusagen sein eigenes, man erlebt sich, das finde ich so interessant, man erlebt die Phase, wenn man darauf achtet, die Phase, an die wir uns nicht erinnern können. Also die Phase von 1 bis 6. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist.

Ich habe die Erinnerung nur aus den Fotoalben. Ja, oder aus den Erzählungen. Aus den Erzählungen, aus den Fotoalben. Aber an dem Kind erlebt man sie nochmal mit, finde ich. Man kann sozusagen diese sechs Jahre nochmal nachholen. Insofern ist das halt, deshalb ist natürlich dieser Moment ein Moment, der jeden einfängt, aber, das finde ich interessant auch, ich bin gespannt, ich würde gerne wissen, wenn jetzt du oder ich keine Kinder hätten, wie wir dieses Bild sehen würden.

Wahrscheinlich würden wir auch sagen, gut gemalt, toll gemalt. Aber ob die Emotion so rüberkommen würde, weiß ich nicht, weil ist die Emotion in der Kunst nicht immer etwas, das auf Emotionen setzt, die bei den Betrachter sind. Hast du diese Emotion nicht, erreichst du demjenigen nicht. Wobei dieses Bild ja ein phänotypisches Bild der Weltgeschichte ist und mindestens der Christenheit, weil der christliche Glaube, die katholische Kirche, sehr klug irgendwann beschlossen hat, das zentrale Gegenstück zu dem hängenden Jesus am Kreuz und zu dem eigentlich nicht darstellbaren Gott selber ist Maria mit dem Kind.

Was die Kunstgeschichte ja sehr dankbar aufgegriffen hat, war ein fantastisches Bilderrepertoire. Und wir kennen, also würden wir jetzt Mutter mit Kind als Thema nehmen. Ich glaube, Düsseldorf Kunstpalast spielt gerade das Thema Mama. Das ist die etwas flache Version von eines großen, großen kunsthistorischen Topos, nämlich Maria und Kind, Mutter und Sohn in dem Fall.

Die familiäre Beziehung, der Nukleus des Lebens, der Fortpflanzung in einem Bild. Und das greift Richter hier auf, recht schlau. Ich hätte dir gerade zugerufen, mach doch mal übernächstes Mal oder so Papa. Aber trotzdem... Selten. Also Vater und Sohn? Ja, wahrscheinlich, weil es über die Jahrhunderte natürlich auch immer das Verhältnis Mutter und Sohn und Mutter und Tochter war.

Trotzdem würde ich gerne, weil dieser Gedanke mir gerade kam, weiß nicht, wie du das einschätzt, Also bei uns, bei Zeitungsleuten merkt man halt, dass man, also wenn man glaubt, man könnte als Journalisten oder als Medien eine Stimmung erzeugen, das funktioniert nicht. Du kannst eine Stimmung verschärfen oder du kannst sie abschwächen.

Verschärfen kannst du sie vor allem. Aber die Stimmung muss da sein. Jetzt die Frage, das ist die Frage. Also wie wichtig ist es, wenn du Emotionen über Kunst erzeugen willst, und das ist ja wahrscheinlich in den meisten Fällen der Fall, dass du irgendwo... Ankern kannst mit diesen Emotionen. Verstehst du, was ich meine?

Dass du irgendwie auf ein Vorbereiter des Feld triffst und nicht auf einen, der sagt, hä? Ja, das ist ja der Kern der vorangestellten Frage von dir. Wie reagieren nicht Eltern? Also Leute, die keine Kinder bekommen haben. Darauf hätte ich gesagt, zum Teil ist es aber natürlich auch ein erworbenes Gefühl.

Wir waren ja alle mal geboren. Das heißt also, ganz fremd ist uns das nicht, sondern vielleicht nicht dieses direkte Erleben im Kreißsaal. Und auch da ist es so, zwischen meiner Frau und mir kursieren unterschiedliche Geschichten der Wahrnehmung im Kreißsaal, weil ich musste das Kind nicht gebären. Ich protze immer damit, ich war der Erste, der es gesehen hat.

Das ist aber natürlich, unser Erleben ist vollkommen unterschiedlich. Das heißt, unterschiedliche, also Mütter binden wahrscheinlich anders an dieses Bild an. Vielleicht sehen Mütter zuallererst mal die geschlossenen Augen dieser doch von der Geburt erschöpften Mutter. Und diese Mischung aus, du hast gerade echt Schmerzhaftes hinter dir.

Aber gleichzeitig, du hast etwas Weltbewegendes für dich selber getan oder etwas jedenfalls deine Weltveränderndes. Das ist in diesem Bild schon toll drin. Und es ist nahezu, ich muss es meiner Frau noch einmal zeigen, es ist nahezu derselbe Ausdruck. Man kann es gar nicht beschreiben, es ist ja dieses Augengeschlossen.

Die Augenbrauen so ein bisschen angespannt, die Schultern schon so ein bisschen so, als ob man das Kind natürlich umarmt. Also umarmt es ja auch. Es ist dieses, dieser Dich lasse ich nie wieder los. Ja. Das ist sensationell eingefangen, finde ich. Aber es muss ja auch auf dem Foto dann so sensationell eingefangen worden sein.

Ich vermute, er ist da mit dem Fotoapparat hin und hat so ein bisschen schamlos. Damals hat man ja wirklich im Fotoapparat und kein Handy dabei gehabt. Also bei unserer Geburt habe ich wirklich nur sehr zurückhaltend fotografiert, weil ich gedacht habe, mich würde es ärgern, wenn ich nicht irgendwas einfangen würde.

Aber das sind auch keine Bilder, wo man sagen würde, okay, die braucht man dringend. Das hier ist ja wirklich ein Bild, der hat möglicherweise schon den Kopf gehabt, dass er damit was machen will. Und es ist ja was daraus geworden. Das heißt, ein sehr intimer Moment ist sehr, sehr öffentlich geworden.

Übrigens, das ist ein Bild von acht, die wir in der Kunstsalam. Also er hat acht Bilder gemalt, alle ähnlich, aber auch ein bisschen unterschiedlich. Unterschiedliche Situationen dieser ersten Momente und Tage im Leben des Kindes und im Leben der Mutter mit Kind jetzt. Aber sind es Bilder, die direkt an die Geburt anschließen oder ist es in einem Zeitraum?

Es sind Hoch- und Querformate, ein Querformat, da ist sie am Stillen oder das Kind liegt jedenfalls vor der Brust. Also sie hängen alle gerade in der Kunst, man kann sie da rein und nach abgehen. Es sind alles sehr intime Momente. Das eine ist eine Frontalansicht, da lüpft sie so das Kleidchen. Und eine andere ist noch viel abstrahierter. Da sieht man vor allem Schlieren und so eine ganz vage Bewegung.

Es ist toll eingefangen, weil es eben, ich glaube, jeder Mensch, der eine Geburt mitgemacht hat, hat so ein Uch, das habe ich schon erlebt. Und jeder Mensch, der es nicht gemacht hat, kriegt ein gutes Gefühl dafür, wie diese ersten Momente, Stunden sind. Ich glaube trotzdem, das ist ja das Verrückte, dass man es sich nicht vorstellen kann, wie es dann wirklich ist.

Und das war so, dieser Moment der Geburt war so etwas, als hätte man es sozusagen aus dem Leben einmal rausgenommen. Das sind so diese Momente, die ich auch nicht mehr beschreibe, die man nicht mehr beschreiben kann, weil man versteht es einfach nicht. Man kann es nicht anders, ich verstehe es schon, aber ich könnte jetzt jemand anderem nicht erklären, was bei der Geburt passiert.

Also ich kann schon rein biologisch, aber ich kann nicht sagen, was sozusagen im Kopf passiert. Emotional. Tatsächlich die Sache mit, was im Leben wirklich zählt, wird dann geklärt. Genau, zum Beispiel, das haben wir am Anfang, im Moment, als ich meine Frau kennengelernt habe, habe ich noch nicht gewusst, dass das etwas sein würde, was eines Tages in meinem Leben ausschließlich zählen würde.

Bei der Geburt des Kindes war vollkommen klar, das ist jetzt eine Veränderung, die ist dauerhaft. Und bis zum heutigen Tag kann ich sagen, das ist eine total positive Veränderung, aber bis dahin war ich schon sehr fokussiert auf das, was ich gerne tue, was ich selber tue, was mich in meinen Job geführt hat.

Das ist jetzt nicht relativ geworden, aber es hat eine ganz starke Parallelwelt jetzt. Ich rede auch zu Hause wenig von meiner Arbeit, weil das ist eine andere Welt. Ich rede ja auch in der Arbeit nicht von meinen Kindern, wobei wir zwei reden relativ viel von unseren Kindern. Jetzt ist die Frage, ist das hier Arbeit oder ist das schon privat.

Ist Podcast etwas genuin Privates? Ich finde, das ist aber auch eine Frage, im Laufe des Alters ist es ja schon so, im Laufe des Älterwerdens. Finde ich, wird sozusagen die Bedeutung der Arbeit, auch weil man merkt, der Zeitraum wird immer kleiner, wird geringer und sozusagen die Wertschätzung des anderen wird größer.

Deshalb verstehe ich, dass zum Beispiel jemand wie Peter Maffer oder jetzt dein Vater, was hat er gesagt? Jetzt lerne ich zum ersten Mal, wie schön es ist, Vater zu sein. Hart. Gut, aber ich glaube, es ist gar nicht böse gemeint. Er hat damit gemeint, dass er als ich Kind war, war er mit seiner Arbeit sehr beschäftigt.

Also ich habe eine glückliche Kinder durch Absenz, nicht meines Vaters, aber mich hat das ja nicht gestört. Ich habe das auch sehr schmutzig genommen. Der war Diplomat, ne? Nee, nee, mein Vater hat bei Siemens gearbeitet und hat da eine Siemens-Dependence in Athen gehabt. Und der war halt einfach viel am Arbeiten, viel verreist, viel am Arbeiten.

Wenn er da war, war er 100 pro Tag, gar keine Frage. Aber es war für mich als Kind ausgemacht, dass mein Vater abends da ist und an Wochenenden, wenn er nicht gerade verreist ist. Und da kann man viel mit ihm anfangen, aber es passiert nicht oft, was niemand bedauert hat. Und das ist, glaube ich, wenn man dann auf einmal so wie Peter Maffay auf einmal Zeit hat, dann genießt man natürlich das, sieht aber natürlich auch, das hat Peter Maffay auch gesagt, was er vorher bei seinem Sohn verpasst hat.

Ich glaube, das meint mein Vater so ein bisschen. Auf positive Art und Weise. Ich glaube, das meint er nicht nur ein bisschen, das meint er 100 Prozent so. Also ein tolles Bild. Wie heißt es nochmal? S-Punkt? S-Punkt mit Kind. S-Punkt mit Kind. Warum macht er denn nicht Sabine? Ja, vielleicht schon, um das auf eine... Ja, ähm... Eine Metaebene.

Sabine ist natürlich auch so... Die sieht ja auch nicht aus wie eine Sabine. Die macht das ja auch in der Zeitung. Und ich glaube, er knüpft ja zu der Zeit sehr an so News-Behaviorisms an. Er nimmt ja auch viele Motive aus Zeitungen. Das ist jetzt nicht... Er nimmt aber ganz oft, hat er Zeitungen zitiert.

Ich glaube, er wollte diesen Sprech auch haben, der das distanziert. Sabine mit Kind hieße ja sehr persönlich sein. Und es mit Kind heißt, das ist eine Nachricht quasi. Oder ist ein bisschen weggerückt von persönlich. Ach, das war sehr schön. Nächste Woche nochmal sowas? Naja, mich haben zwei Sachen. Das nächste bringe ich noch etwas mit, was ich assoziiert habe mit, was sich wirklich auf einer anderen Ebene nimmt.

Also ich erfülle zweimal sozusagen, weil ich gedacht habe, ach komm, ich gebe mal beide Sachen zu Protokoll. Bis nächste Woche. Tschüss. Ein Podcast von Funke. Weitere Podcasts vom Hamburger Abendblatt finden Sie in unserer Abendblatt-Podcast-App und auf abendblatt.de slash podcast.

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