Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 262

Wo guckt die denn hin?

Samstag, 19. April 2025 · 26 min

MP3

Shownotes

Ein Blick, eine Melodie, ein Rätsel. Was verbirgt sich hinter den Pinselstrichen eines Meisterwerks?
Jede Woche laden Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider Sie ein, mit ihnen auf eine Entdeckungsreise zu gehen. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – ein Spiel, das die Kunst in einem neuen Licht erscheinen lässt.
In dieser Episode tauchen wir ein in die sinnliche Welt von Anselm Feuerbachs „Mandolinenspielerin“ aus dem Jahr 1865. Eine Frau, ein Instrument, eine Geschichte, die darauf wartet, erzählt zu werden.
Was sehen die Experten? Welche Geheimnisse enthüllt das Gemälde? Und welche Klänge hören sie zwischen den Farben?
Schalten Sie ein und lassen Sie sich verzaubern von „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Ein Podcast, der Ihre Ohren und Augen für die Kunst öffnet.

#Podcast # Hamburger Kunsthalle # Anselm Feuerbachs #Hamburger Abendblatt

Weitere Podcast unter: abendblatt.de/podcast
- Wir freuen uns auf Eure Bewertungen und Likes
- Abonniert unseren Podcast, natürlich kostenlos
- Feedback: moinhamburg@abendblatt.abendblatt.de/podcast

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Music. Herzlich willkommen. Mein Name ist Lars Haider. Und ich bin Alexander Klar. Und einer von uns beiden ist der Direktor der Hamburger Kunsthalle. Und da du immer die Bilder mitbringst, Alexander, habe ich den Verdacht, das könntest du sein.

Ich habe die Bilder mitgemacht. Was zählt wirklich im Leben? Das war so ein bisschen der Auftrag, den ich gegeben habe. Und vor einer Woche hast du den mit, darf ich das sagen, mit Bravour erfüllt, diesen Auftrag. Also ein tolles Bild von Gerhard Richter. Und heute bin ich so gespannt, weil ich glaube, was im Leben wirklich zählt, ist ja keine Mandoline.

Oder vielleicht, da ist es Mandoline, ich weiß gar nicht. Es ist eine Mandoline. Also dieses Musikinstrument immerhin. Also eine kleine Gitarre. Was sehen wir? Wir sehen ein wirklich putziges Bild, so ein bisschen. Es ist nicht klein, Vorsicht. Putzig im Sinne von kitschig es hat einen Hang zum Kitsch für mich ist ja immer Kitsch so wenn Menschen so sehr stark von der Seite, so ein bisschen bewusst von der Seite und wenn sie vor so einem, vor irgendwie so einem Busch mit so, was sind das, ist das ein Erdbeerbusch oder auf jeden Fall, also da sitzt eine Frau eine.

Altersschwer zu bestimmende Frau sitzt vor einem Busch, der rote Früchte hat, Und sitzt davor auf irgendwie einem Bank, auf irgendwas, auf irgendwas muss sie sitzen. Vorher ist so eine Art, das ist so eine Säule, von der man aber nur Ansätze sieht. Und diese Frau hat eine Mandoline in der Hand, mit der sie zupft, an der sie so zupft, zupft, zupft, zupft mit der rechten Hand.

Mit der linken hält sie so ein bisschen die Akkorde und sie zupft so quasi nebenbei, weil sie guckt uns nicht an. Sie guckt den Betrachter nicht an, sie guckt den Maler nicht an, sondern sie guckt in den Busch. was so ein bisschen seltsam aussieht. Und hinterher hat der Busch eine kleine Lücke, da sieht man so ein bisschen noch vom Himmel, also sie sitzt irgendwo draußen, sie sitzt draußen unter einem Busch in einer roten Robbe mit so einer weißen Shirt, würde man heute sagen, spielt, klimpert auf dieser Mandoline irgendwie jetzt nicht, es sieht nicht richtig aus, als ob sie sich da richtig drauf konzentrieren würde.

Es sieht auch nicht aus, als ob es ihr Spaß machen würde. Ja, und guckt so ein bisschen zur Seite, so auf dem Motto, lass mich in Ruhe, was soll das Ganze und so. Also ich weiß nicht, jetzt bin ich so gespannt, was im Leben wirklich zählt ist. Der Müßiggang oder lass mich in Ruhe oder ich entspann mich.

Also wie du darauf gekommen bist mit dieser ich weiß, es ist eine ich würde sagen, es ist eine uninspirierte Mandolinenspielerin. Eine uninspirierte Mandolinenspielerin? Das stimmt. Sie wirkt so, als hätte sie gar keine Lust. Sie konzentriert sich darauf. Das siehst du sehr schön. So wie man sich das manchmal vorstellt, ich weiß nicht, manchmal so große Orchester, wo ich manchmal, wenn der Paukenspieler der weiß, ich komme jetzt in diesen Dingen, komme ich viermal dran und dann kann ich mir auch vorstellen, dass der sich langweilt und sie scheint sich irgendwie auch zu langweilen und macht so bling, bling, bling, bling. Ich glaube nicht, dass sie gerade ein Lied spielt oder so.

So, aber uninspirierte Mandolinspielerin 1840. Die im Leben wirklich zählt. Das ist mein Tipp. Das Jahr ist nah dran. Ich glaube, bei einer Kunstgeschichtsprüfung wärst du noch in der grünen Zone. Also das Bild heißt Mandolinenspielerin, ist von 1865. Aber ganz nah dran. Nicht schlecht. Und ist gemalt von Anselm Feuerbach.

Und über den erzähle ich gleich noch was. Aber zuerst mal... Ich finde das großartig, mich mit dir zu unterhalten, weil du hast eine fantastische Fähigkeit, Bilder ihres Bombastes zu entkleiden. Und jetzt, wo du sagst, jetzt werde ich es wahrscheinlich nie wieder an dem Bild vorbeigehen, ohne darüber nachzudenken, dass die eigentlich relativ gelangweilter ist.

Ich als Kunsthistoriker, ich bin natürlich vollkommen verbohrt. Ich sehe ein Instrument auf einem Bild und denke, Musik. Das heißt also, man ist da natürlich ein bisschen verbildet worden. Und der einzige Grund, warum ein Instrument an dem Bild auftaucht, ist, dass es etwas zum Klingen bringen soll im Kopf des Betrachters, der Betrachterin.

Und tatsächlich aber, der andere Grund, warum ich dir das nun wahrgenommen habe, dass sie eigentlich relativ distracted ist, ich kenne das Gegenstück dazu. Es gibt ein zweites Bild. Da ist ein anderes Modell von Anselm Feuerbach, die Vorgängerin dieses Modells. Die sind beide bekannt. Also die Vorgängerin hieß Anna Risi.

Sie heißt Carla Brunacci, glaube ich. Und das Vorgängerbild, da hat er sich noch mit reingemalt und er spielt. Sie hält ihr Kind und das ist eine selige Gruppe von einer Dreieinigkeit. Und er spielt, er zupft auch so ein bisschen, er ist eher verknallt als was anderes. Und die Mandoline dient nur zur Verführung.

Und jetzt ist dieses Bild hier, sie guckt ja irgendwo hin. Und tatsächlich würde ich nicht sagen, dass sie gelangweilt ist, sondern sie ist halt abgelenkt. Da drüben ist etwas noch Wichtigeres als Mandolinenspiel. Ah, okay. Und dann würde ich sagen, wenn du das so sagst, diesen Blick kenne ich. Das ist der Blick meiner Frau, wenn sie guckt, was machen die Kinder eigentlich da drüben gerade.

Also es ist so dieser Blick, was machen die da? Und dann wird ja auf einmal alles, ich weiß nicht, kennst du das manchmal? Man ist so im Gespräch, meinetwegen auch ein total wichtiges Gespräch, was einem selber gerade wichtig ist. Man zieht was, was einem wichtig ist. Und dann macht irgendein Kind was und das Gespräch ist sofort zu Ende und wird hinterher auch nicht wieder aufgenommen.

Das Kind hat wie so eine Reset-Funktion, löscht das Ganze und du hast recht, sie ist abgelenkt, weil sie guckt und so gucken, Mütter, Frauen, glaube ich, fast ausschließlich. Entweder, wenn ihr Mann brüllt, macht Quatsch, die gucken so. Was ist mit dem Kind? Da muss ich mal, wie man heute sagt, einen Blick drauf haben.

Oder aber so guckt man auf einer Gartenparty, wenn man versucht, irgendwas zu tun, weil man sich sonst langweilen würde. Und in Wirklichkeit würde man was anderes machen wollen. Was, glaube ich, der Wirklichkeit dieses Bildes ein wenig näher kommt. Die Frau sitzt ja in so einer Laube. Das ist natürlich auch eine Metapher, die sehr, sehr lang ist.

So Gartengesellschaften der Renaissance, vielleicht schon früher, hatten ja kein Radio dabei, sondern ihren Lautenspieler. Und der saß dann in der Ecke und zupfte fröhlich vor sich hin. Der konnte das, was er konnte, schon längst. Der musste sich gar nicht auf das Instrument konzentrieren. Der konnte noch zuhören, was die hochmöglichen Herrschaften da um ihn rum.

Und ich glaube, das ist so eine Anspielung darauf. Das geschieht fast nebenher. Also ich würde sagen, sie spielt schon, denn ihre Handhaltung liegt nah, dass sie weiß, was sie da tut. Ist auch alles sehr korrekt gemalt. Die linke Hand ruht auf dem Griffbrett und hat möglicherweise sogar einen nachvollziehbaren Akkord.

Die rechte zupft sehr schön, aber die muss sich da gar nicht drauf konzentrieren. Die horcht um die Ecke der Laube und ist deutlich abgelenkt. Aber nicht gelangweilt. Nee, genau. Das heißt, du meinst, sie ist diejenige, die an dieser Gartenparty für die Musik zuständig ist, aber nebenbei eben auch noch mal einen Blick haben muss, was passiert da eigentlich.

Vielleicht auf die Gäste. Auf die Gäste. Das war ja natürlich auch jahrhundertelang klar, dass gut erzogene Töchter mehrere Sprachen konnten und Musik spielen konnten. Und wenn die Party zu kippen drohte, dann holten sie mal schnell das Spinett heraus und haben die Feier wieder ein bisschen mit Spice versehen.

Sie sitzt halt jetzt da und hat nicht vor, die Musik zum Hauptgegenstand ihres Interesses zu machen. Anselm Feuerbach, da wollte ich ein bisschen was dazu erzählen, damit man... Da muss ich noch dazu kommen, warum, was im Leben wirklich zählt. Aber erstmal, finde ich, wäre es interessant, Anselm Feuerbach etwas über ihn zu erfahren.

Wie gesagt, was wirklich zählt, da habe ich an die Musik gedacht, aus eigenem Empfinden. Deswegen habe ich letzte Woche die S mit Kind, weil das war viel universeller. Für mich ist, jetzt ganz persönlich ist das so, wenn ich schlechte Laune habe, wenn irgendwas nicht gut läuft, was wirklich hilft, ist sich in die Ecke setzen, Musik hören, die ich mag.

Und dann ist das, das zählt für mich wirklich. Also ich wollte als Kind gerne Dirigent werden, bis zu dem Moment, wo ich festgestellt habe, dass meine pianistischen Fähigkeiten dafür einfach nicht ausreichend sind. Jetzt bin ich Direktor geworden, das ist beim Dirigenten nicht weit weg, aber trotzdem natürlich Thema Verfehlung. Also der Anselm Feuerbach.

Aber lass uns noch kurz, das finde ich interessant, weil ich glaube, da hast du einen Punkt. Es gibt ja viele Menschen, die sagen, was wäre das Leben ohne Musik? Ich sehe das. und ich kenne viele, die das so ist, ich kenne auch viele, also auch mein großer Sohn, der den ganzen Tag Musik hört und man fragt sich, was muss das denn sein?

Aber für ihn ist das alles und das ist natürlich, du hast ja komplett recht, was wäre das Leben ohne Musik und was kann dich so schnell so in eine bessere Stimmung versetzen wie Musik? Das ist einfach natürlich so. Wenn du hast recht, was zählt im Leben? Im Leben zählt Musik, absolut. Nur drückt das tatsächlich, jetzt wo du es so böse gesagt hast, Das ist nicht das Hauptthema dieses Bildes.

Dieses Bild ist keine Ode an die Musik. Nein, natürlich nicht. Diese Mandoline macht nur so einen Vorstellungsraum auf. Eine Renaissance-Party mit so einem zupfenden Geräusch im Hintergrund und schon denkt man an Shakespeare und höfische Galanterie. Plink-plong. Gut, denkst du natürlich jetzt als Kunsthistoriker, also ich, bei mir ist natürlich schnell auch so ein bisschen, also klar, man hat so das Plink-plong, hast du recht, aber mir ist auch so ein bisschen, ach, es erwischt mich nicht so, aber das ist wie vor einer Woche, es erwischt mich nicht so wie das Bild von Gerd Richter mit der Frau und dem frisch geborenen Kind, weil es nicht so sehr mein Gefühl ausdrückt.

Das ist so ähnlich, finde ich, wie wenn du mir ein Bild zeigst, wo ein Mann am Meer steht und ein Mann auf den Bergen, da würde mich immer das Bild am Meer mehr berühren, als das Bild auf den Bergen, interessanterweise, weil das irgendwie meinen eigenen Empfindungen so entspricht. Ja, stimmt. Wobei wir letzte Woche auch gefragt haben, wie ist es mit Menschen, die keine Kinder geboren haben, können die dann mit der Mutter, mit Kind irgendwie besonders viel anfangen?

Anselm Feuerbach. Anselm Feuerbach, ich habe dich unterbrochen. Achso, ja, aber vielleicht noch mit der Beziehung ganz kurz vor Anselm Feuerbach. Dass, wenn man so Shakespeare-Verfilmungen, so Kostümschinken, wie sie in den 90er Jahren gern gemacht wurden, Ein Sommernachtstraum und wie sie alle hießen, da kommt immer die Musik als so ein Stimmungsmacher mit und da sind auch die Leute so eigentlich nicht mit der Musik beschäftigt, denn in Wirklichkeit sind sie galant.

Die Musik ist nur, man zupft so ein bisschen und ich glaube, diese Stimmung will der Anselm Feuerbach hier einfangen. Genau, Anselm Feuerbach, eine wirklich fantastische Figur, sehr, sehr, sehr wichtig in der Kunsthalle. Also ich würde mal sagen, wir sind, Und wir haben ein fantastisch riesiges Bild von ihm, das ist das Urteil des Paares, dem es auf wundersame Weise gelingt, obwohl es eigentlich ein eher sexistisches Thema zum Inhalt hat, nämlich drei Frauen präsentieren sich vor einem Mann, der auszuwählen hat, wer die Schönste ist.

Dem Feuerbach gelingt es aber, dieses Bild quasi umzudrehen und der Mann, der Paris, der das Urteil fällen muss, sitzt da und weiß mit dem Moment nichts anzufangen und die Frauen sind quasi die herrschenden Figuren. Das Thema seines Lebens waren... Über menschengroße Frauenfiguren. Und da rede ich sowohl von den Formaten seiner Bilder als auch von den Persönlichkeiten.

Und tatsächlich spielen zwei, diese zwei genannten Modelle, die Lucia Brunacci und die Anna Risi, eine eminente Rolle. Eigentlich malt er nichts anderes. Also er malt noch ein paar riesengroße Schlachtengemälde und das Gastmahl des Plato. Aber ansonsten dreht sich seine Malerei immer um diese Frauenfiguren.

Eine der berühmtesten hängt leider nicht in der Kunsthalle, sondern in der Pinakothek in München. Das ist die Medea am Ufer mit ihren Kindern. Und dieser Moment, wo man schon weiß, die Kinder werden geopfert werden, ist in dem Bild angelegt. Dies hier ist eines seiner freundlicheren Bilder, aber trotzdem steckt viel drin.

Die Frau ist erstens mal, also es ist Historienmalerei, die Frau ist gekleidet, wie man nicht im 19. Jahrhundert, also so hatte niemand 1865 seine Kleidung an. sondern es soll anspielen auf ein Lebensgefühl, das der Feuerbach so im 16. Jahrhundert verortet. Am liebsten in Italien, es ist immer etwas südlich, es sind auch eher italienisch wirkende Figuren und Frauen.

Und das Ding ist halt, dass dieses Bild, da geht es nicht um eine Frau, sondern die Frau verkörpert eine Haltung zur Welt, vielleicht auch ein Lebensgefühl, das kultiviert ist, das menschlich ist. Und die Musik spielt hier quasi so ein bisschen die Rolle des, wir geben so ein bisschen Background. Ähnlich wie zum Beispiel der fantastische Faltenwurf dieses Gewandes, was da lose von ihrer Schulter.

Auch überhaupt, wie sie gekleidet ist, so leicht nachlässig. Also man sieht nichts von ihrem Körper, aber es ist klar, dass dieses Gewand eigentlich nicht zum Verdecken von was geeignet ist, weil das ist alles hängt da lose oder umlagert den Körper lose. Also dieses Bild ist schon fantastisch, weil es ist einfach, es hat eine Wirkung weit oder eine Erzählung weit über das, was man unmittelbar sieht, hinaus.

Deswegen höre ich da Musik. Ja, okay, ich muss jetzt gerade daran denken. Ich denke gerade darüber nach. Gibt es eigentlich Bilder in der Kunsthalle, vielleicht ist das sogar mal ein Auftrag, wo du sagst, das ist nicht fantastisch? Darf es Bilder geben, die in der Kunsthalle hängen, von denen der Direktor sagt, das ist nichts? Ja, also das ist ganz interessant.

Also ich finde, die Behauptung von Museen, dass sie nur die allererste Sahneware hat, die kann ja nicht funktionieren. Das hieße ja, dass in der Weltgeschichte ein Riesenhaufen an allererster Güte ist. Das müsste uns ja alle fertig machen, weil das hieße, wir sollten tunlichst permanent erste Güte produzieren. Auch Mozart hat es hinbekommen, Sachen zu komponieren, von denen wir heute einfach eher schulterzuckend Abstand nehmen.

Leonardo da Vinci war ein produktiver Mensch und trotzdem ist da auch offensichtlicher Müll dabei oder einfach bildlich nicht funktionierendes. Schöne Beispiel übrigens ist die Mona Lisa, von der eigentlich einem gar nicht so klar sein kann, warum die so berühmt ist, weil das Bild ist von vorne bis hinten, funktioniert es nicht.

Angefangen von der Landschaft, die nicht logisch ist, weil die ist nämlich links von ihrem Kopf anders als rechts. Also die Landschaft hinter ihr ist überhaupt nicht stimmig. Die ist sonderbar schlecht konstruiert. Auch die Art und Weise, wie diese Frau, also den Bildraum einnimmt, ist vollkommen konventionell. An diesem Bild ist nichts Revolutionäres, nichts Besonderes. Es wurde richtig hochgeschrieben.

Es ist nicht B-Ware, aber es ist keinesfalls A-Plus-Ware. Und das funktioniert, das ist das Bild des Louvre, dusseligerweise. Also interessant. Es gibt bei euch sehr gute Bilder, sehr, sehr gute Bilder, sehr, sehr, sehr gute Bilder, herausragende Bilder. Aber die Frage ist, gibt es auch wirklich Bilder, wo du sagst, die sind schlecht, aber dann dürfen die ja eigentlich nicht da hängen.

Schlecht. Also wir hatten es mal mit Albert Oehlen und ich glaube, dann habe ich schon mal den Begriff des Bad Painting vorgebracht. Und die Idee des Bad Painting ist, dass auch ein schlechtes Bild ein Bild ist. Denn die Frage ist, was ziehst du aus einem Bild heraus? Es gibt bei uns Werke, von denen ich der Meinung bin, dass sie nicht funktionieren.

Allerdings würde ich das jetzt hier nicht so öffentlich machen, weil ich immer denke, es gibt andere Leute, die der Meinung sind, sie sind funktionierend. Dann mag ich jetzt nicht meine Autorität nutzen, um etwas despektierlich zu machen. Aber ich denke gerne mal darüber nach, ob ich mal nächste Woche etwas präsentieren kann, was...

Der Definition, das ist eine Spitzenleistung der Weltkunstgeschichte, nicht entspricht. Genau, das ist ja immer die große Frage. Das hat man ja beim Denkmalschutz. Da ist es ja so, dass die Denkmalschützer sagen, wir sind nicht dafür da, nur das Schöne und das Tolle zu erhalten, sondern wir sind dafür da, das zu erhalten, was für eine bestimmte Epoche gut war.

Und es kann ja sein, das ist ja wahrscheinlich auch in der Kunst so, dass es Epochen gibt, die jetzt nicht ganz so großartig, fulminant waren wie andere, aber trotzdem ist es ja wert, auch die zu zeigen und zu sagen, das und das, also nehmen wir doch jetzt nur mal, wenn wir die Architektur nehmen, wir feiern uns in Hamburg immer für die schönen Altbauwohnungen, in den schönen alten Häusern und die 60er Jahre Klinkerbauten sind, glaube ich, jetzt ästhetisch gesehen.

Können die jetzt mit dem Prunk der um die Jahrhundertwende gebauten Häuser nicht mithalten, aber trotzdem symbolisieren sie ja einen Teil unserer Geschichte, und deshalb ja auch wichtig und in der Zeit war es halt aus irgendwelchen Gründen vielleicht angesagt. Das wäre interessant, weil ich finde, das ist bei diesem Bild ja das ist echt so ein Bild, wo man denkt, okay, wenn die jetzt keine Mandoline in der Hand hätte, Was wäre dann? Hättest du das Bild dann auch mitgebracht? Nee, am Ende hat sich diese Mandoline verführt.

Oder der Maler. Das Ding heißt die Mandolinenspielerin. Das heißt, vorgeblich ist das der Hauptdaseinszweck dieses Bildes. Aber du hast ja sehr, sehr richtig. Und wie gesagt, das hat mir gerade die Augen geöffnet. Es geht hier gar nicht ums Mandolinenspiel. Das macht die en passant. Die zupft eigentlich nur gelangweilt rum. Hier geht es um was anderes.

Eigentlich geht es in dem Bild um den Blick, den sie auf etwas richtet, was wir nicht sehen. Und jetzt kommen wir nämlich dem Geschick von Herrn Feuerbach nah. Kann ja gut sein, dass übrigens er den Titel gar nicht gewählt hat. Das müsste ich mal nachvollziehen. Der Hauptaspekt dieses Bildes ist der Blick, der intensive Blick der Frau nach etwas, was wir nicht sehen.

Und was für ein super... Man denkt so, man hat so das Gefühl jetzt, je länger wir über das Bild schauen, ich denke, es gibt noch ein zweites Bild dazu. Es gibt ein zweites Bild, das das auflöst. Das wäre natürlich auch interessant, wenn es jetzt ein Bild, das zeigt, wohin sie guckt. Wahrscheinlich werden wir es ja nie erfahren. Das ist natürlich das Tolle.

Das kommt dann guckt sie auf ihre Kinder, guckt sie, weil sie ihren Mann sieht, der gerade mit irgendjemandem unterspricht, guckt sie, weil die Leute sich, auch da, ich habe letztes Mal schon Peter Maffay zitiert, das passiert ja auch häufiger mal, wenn ich dann Leute, da bin ich wie Donald Trump, ich rede immer von den Leuten, die ich gerade vorher getroffen habe.

Ich habe Peter Maffay gefragt, wie es denn ist, wenn er so für 500, 50.000 Leute spielt und hat er gesagt, dass er sich immer 3, 4 Leute rausnimmt und die dann so beobachtet immer wieder, um zu gucken, wie das ankommt bei dem Ganzen. Weißt du? Und den sieht er dann. Genau, und so ist es bei ihr auch so, dass sie sozusagen so ein, zwei, dass sie guckt und sagt, ich gucke mal dahin und sehe gerade, guck mal, die hören gar nicht richtig zu.

Oder der eine trinkt gerade einen Schaumwein oder isst gerade irgendwie was weiß ich, was da gerade geboten wird. Und ich muss gucken, irgendwie scheine ich mit meiner Musik die Leute nicht zu erreichen. Das kann ja auch sein. Dass sie feststellt, ich scheine die Leute zu langweilen. Weil du musst ja als Musiker so ein bisschen eine Interaktion haben.

Ich glaube übrigens, das hast du ja vorhin gesagt mit dieser Hintergrundmusik. Es muss ja furchtbar sein für Musiker Hintergrundmusik zu spielen, oder? Das habe ich eine Weile in meinem Leben gemacht als Student und kann sagen, du hast da die Dollarzeichen im Augen, wenn du steuerfrei am Abend 500 DM mitnimmst, dann ist dir das Schiet egal.

Wobei, das passiert eigentlich nie. Das Lustige ist, ich habe ganz viel, ich habe Streichquintett gespielt und wir haben auf Messen und auf Hochzeiten sehr gut verdient, für unsere Verhältnisse damals. Und da war es so, unfehlbar kam irgendwann, also es fühlten die Leute immer, die Präsenz von Live-Musikern und unfehlbar kam dann jemand oder auch mehrere, die dann sagen wollten, wie schön sie das fanden, die auch intensiv zugehört haben.

Mindestens einmal gab es einen runden Applaus von jemandem, der dann gedacht hat, jetzt erbarmen wir uns mal der armen Musiker. Also so schrecklich ist es nicht und wenn das Ambiente erhebend ist, dann bist du gerne Teil des Ambientes. Da hatten wir, glaube ich, gar kein Problem. War sehr schön festlich auf der Kaiserburg in Nürnberg zu sitzen und vor 500 tafelnden Leuten barocke Festmusik zu spielen.

Ich stelle mir das schlimm vor, ich war Anfang des Jahres bei diesem Mathie mal in Hamburg, also Anfang des Jahres, was heißt Anfang März war das und da ist ja die ganze Zeit so Hintergrundmusik, auf so einer Empore stehen die und die Leute essen und reden und essen und reden und essen und reden, zwischendurch klatscht man dann mal und so, aber ich könnte dir jetzt außer Freude schon der Götterfunk, ich könnte dir nicht mal sagen, was gespielt wurde, weil ich natürlich auf andere Sachen geachtet habe.

Aber du fandst das Ambiente gut und die Musik war nicht so laut, dass du nicht hast dich unterhalten können. Nein, genau, aber sie hat mich weder gestört, Ich habe sie gar nicht richtig gehört, ehrlich gesagt. Sie war irgendwie so, wie so ein, sie hatte andere Geräusche übertüncht, das kann man vielleicht sagen, ja.

Also ich glaube, da gibt es Background-Music und Background-Music zum Beispiel, erinnere ich mich, wenn wir auf Hochzeiten gespielt haben und wir hatten so ein paar Walzer-Tanzmusik im Programm, wir waren jetzt nicht die Tanzkapelle. Aber wenn es passierte, dass dann irgendwie plötzlich Leute sich vor uns stellten und das Tanzen anfingen, wussten wir, da haben wir noch drei, vier Stücke und konnten dann dafür sorgen.

Und das war sehr, sehr lustig, weil waren da manchmal irgendwie kleine Kinder, die anfingen zu tanzen, dann kam eine Mutter mit dazu und dann haben Großeltern mit getanzt und dann haben wir manchmal plötzlich die Gesellschaft dazu gebracht, zu 30er-Jahre schnulzend zu tanzen. Das sind die schönen Momente. Ich denke auch da im Festsaal des Hamburger Rathauses, da ist man da oben und ist allein, aber vielleicht ist es sowas gewesen, vielleicht ist es auch nur dieses, man kann sagen, sie spielt so nebenbei, man kann auch Das heißt, sie ist sehr professionell.

Sie spielt sowas runter, was sie schon hundertmal gespielt hat. Daraufher muss sie sich nicht konzentrieren. Und dann kann sie mal so ein bisschen rumgucken. Dann guckt sie mal in die eine Richtung, dann guckt sie mal in die andere Richtung. Genau. Übrigens, also du hast mir jetzt was eingegeben. Das werde ich mal überlegen.

Das Gegenstück ist das Gemälde, der Mandolinenspieler, wo er spielt und sie guckt, ist in der Bremer Kunsthalle. Und vielleicht haben ja die Kollegen und Kolleginnen dort Lust, dass wir die beiden Bilder mal zueinander führen. Erst in Bremen, dann in Hamburg. und dann sieht man, wohin sie blickt. Denn tatsächlich, in dem ersten Bild, dem etwas früheren aus Bremen, schaut sie den Spieler an.

Jetzt macht er denselben Typus, aber sie macht selber die Musik und schaut irgendwo hin, wo wir nicht hinwissen. Es ist ein Bild, was ein gewisses Geheimnis mit sich trägt, aber eben auch einen Klang. Ja, und umso interessanter wird es jetzt irgendwie, weil ich natürlich sofort wieder in Gedanken bin, ist das vielleicht tatsächlich auch eine Mutter, die ihr Kind mitgebracht hat und gesagt hat, pass auf, Mama muss jetzt hier heute spielen, benimm dich anständig und dann guck Mama, benimmt sich das Kleine oder der Kleine, der auch anständig.

Du hast gesagt, das war irgendwie 1800, hast du gesagt 65? 65, ja. Also auch da war natürlich diese, kannst du sagen, wie alt diese Frau ist? Das finde ich so ein bisschen rätselhaft. Es ist so eine sehr alterslose Frau, die könnte Mitte 30er sein, die könnte in den 30er sein, die könnte vielleicht auch am Ende 20 sein, das ist so ein bisschen.

Ich bin mir nicht so sicher. Übrigens, die Anna Risi und die Lucia Brunacci waren sich auf eine unheimliche Art und Weise auch wiederum ein bisschen ähnlich, waren auch sehr ausgeprägte Physiognomien und jetzt bin ich gerade, Ein bisschen unsicher, ob das nicht möglich ist. Doch die Anerisi ist egal.

Ich muss mal die Datierung der beiden Bilder gucken. Das ist auf jeden Fall eine große Frau. Das ist auf jeden Fall. Das sieht man auch, wenn sie sitzt. Die wird so 1,75, 1,80 vielleicht sogar sein. Große, starke Frau. Genau. Die Römerinnen, denen eilt ja ein Ruf voraus, dass sie Persönlichkeiten sind und nicht klein wie die NeapolitanerInnen.

Ja, sehr schön. Also ich bin da gespannt, nächste Woche auf ein Bild, mal sehen, wo du dann vielleicht sagst, ja, das erfüllt nicht die, das ist ja so lustig. Und dann kann man darüber sprechen, warum es dann trotzdem in der Kunsthalle hängt. Und wir haben gelernt, was zählt wirklich im Leben, das können wir zusammenfassen, natürlich die Familie und die Musik.

Was ist das Leben und die Kunst, da kommt man ja auch schnell weiter und sagt, okay, was wäre all dieses Dasein ohne die Kultur? Man fragt sich immer, weiche Rolle hat die Kultur? Und ich glaube, das macht genau den Unterschied zwischen einem ganz normalen Leben und einem erfüllten Leben sind halt diese Dinge, die du dann hast über Bücher, bildende Kunst.

Ja, ein bisschen, was wäre unsere Gesellschaft ohne diese Dinge? Also dieser vermeintlich weiche Faktor ist eigentlich ein total harter. Also in Sachen Musik zum Beispiel ist es ja eine Industrie von riesiger Größe. Aber es ist auch ein weicher Faktor. Aber meine These ist ja, warum hat die AfD in Hamburg bei der Bürgerschaftswahl in diesem Jahr nicht über 10% gekommen?

Und ich glaube, ein Grund ist auch, dass diese Stadt gerade seit der Eröffnung der Elbphänomenie und durch viele andere Dinge eine solche Kulturstadt geworden ist, dass dieses sozusagen das Gegenteil davon hier nicht Fuß fassen kann. Schön, dass du es als Gegenteil hast. Ich denke immer so, diese Schlechtgelauntheit der AfD kann mit einer gewissen Kulturlosigkeit, oder sagen wir mal, die Kulturlosigkeit dessen, was wir bei den AfDlern so sehen, ist das Gegenstück zur Kunst. Das würde ich sofort unterschreiben.

Dazu kommt noch so eine gewisse Schlechtgelauntheit und Kunst hilft natürlich ganz stark, Schlechtgelauntheit zu unterlaufen. Was wir nächste Woche erneut beweisen werden. Vielen Dank an alle, die heute zugehört haben und bis zur nächsten Woche. Tschüss. Bis dann. Tschüss. Ein Podcast von Funke. Weitere Podcasts vom Hamburger Abendblatt finden Sie in unserer Abendblatt-Podcast-App und auf abendblatt.de slash podcast.

0:00 / 0:00