Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 312

Werft mit Farbe um euch!

Samstag, 4. April 2026 · 25 min

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Shownotes

Ein Bild ohne Namen, aber mit voller Wucht: In dieser Folge von „Ich sehe was, was du nicht siehst“ blicken Alexander Klar und Lars Haider in ein farbgewaltiges Rätsel von Sabrina Haunsperg.
Was passiert, wenn Frühlingsgefühle auf Leinwand explodieren? Die Künstlerin lässt uns 2023 völlig ohne Titel zurück – und zwingt uns damit, nur auf unsere Augen und Emotionen zu vertrauen. Ein Schlagabtausch zwischen dem Expertenblick des Kunsthallen-Direktors und der Neugier des Chefredakteurs.
Hör rein und erfahre, warum man für wahre Gefühle manchmal keine Worte (oder Titel) braucht.

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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Mein Name ist Lars Heider und mir gegenüber sitzt Alexander Klar, der Direktor der Hamburger Kunsthalle. Lieber Alexander, guten Morgen in diesem Fall. Es Bevor wir loslegen, so wie das immer alle gewöhnt sind, muss ich etwas fragen, was mich auch schon ein paar Hörerinnen und Hörer per Mail gefragt haben.

Und ich bin gespannt, wie du auf dieses Ansinnen reagierst. Die Frage ist, wenn man bei sich zu Hause etwas findet, was vielleicht Kunst sein könnte, wie nähert man sich dem? Frage ich mal so allgemein und dann komme ich mit einem ersten Beispiel aus meinem Wohnzimmer. Wie nähert man sich dem bei der Frage, was ist das wahrscheinlich?

Das ist der Hintergrund der Frage. Was habe ich da? Was habe ich da? Vielleicht erzähle ich es mal, wie es bei uns ist. Genau, machen wir es doch am Beispiel fest. Ein Beispiel. Also mir wäre es nie aufgefallen, wir haben in unserem Wohnzimmer ein wunderbares Bild von so sechs, sieben Pferden, die wirklich toll gezeichnet sind vor einer drohenden Donnerwetterkulisse und die so zusammenstehen und gemeinsam Schutz suchen. Und ich fand dieses Bild immer schon toll.

Und irgendwann sagtest du vor ein paar Wochen, ja meist gemalt und viel gemalt und gut gemalt sind oft Pferde. Und da habe ich mich für dieses Bild gestellt und dachte, wenn der Alexander, der dieses Bild jetzt schicken würde und du solltest es beschreiben, könntest du es beschreiben? Und da habe ich gedacht, ja, das könnte ich.

Ich könnte zwei, drei Minuten über das Bild sprechen und ging dicht heran und dachte, Mensch, das ist gut gemalt und so weiter und so weiter. Und habe mich jetzt aber keine Signatur und nichts gefunden und habe mich jetzt gefragt, ist das jetzt, also es ist offensichtlich ein Original-Kunstwerk, aber ist das jetzt Kunst? weil es hängt ja nicht in der Kunsthalle, sondern bei mir zu Hause.

Oder habe ich da durch einen Zufall irgendetwas irgendwie etwas aufgehängt, was vielleicht sogar. Nicht wertvoll, darum geht es nicht. Ich würde es ja nie verkaufen. Aber dass das aber Kunst ist, also wie nähert man sich dem dann? Kann man das als Leid besorgen? Das ist erstmal ein Bild, ist in der Regel schon Kunst.

Manche Leute hängen ja Plakate aus Museen auf und ich würde dann schon sagen, sie haben da ein Kunstwerk in einer Abbildung. Die erste Frage ist bei mir immer, das ist tatsächlich auch ein Gemälde. Du hast einen Zerzangeguckt, das ist Öl auf Leinwand oder Acryl auf Leinwand. Das ist ja kein Druck. Es tauchen manchmal Leute auf und dann entpuppt sich das als ein sehr schöner, aber sehr glatter Druck.

Du hast ein Gemälde da, das ist offensichtlich gerahmt wahrscheinlich. Im großen, fetten, goldenen Rahmen, nicht schwarzen Rahmen, Gold, Quatsch, schwarzer Rahmen. Und dann hilft natürlich, wenn die Familie irgendwelche anderen Dinge auch noch dabei hat. Oft ist es ja so, der Kunstkauf behält vielleicht irgendwie die Quittung, weil er viel Geld bezahlt oder stolz ist es. Oder aber es wird, die Oma hat es erzählt.

Es ist nichts da. Du hast nur dieses Gemälde und hast ein Gemälde vorgegeben. Und ich habe das Gefühl, durch die Schulung mit dir, würde ich sagen, also wenn du mir dieses Gemälde jetzt zeigen würdest, hätte ich gesagt, das ist wirklich extrem. Also die Pferde zu malen ist ja gar nicht so einfach. Wir hatten das ja jetzt ein paar Mal.

Ich erinnere mich noch, ich weiß gar nicht mehr von wem, von der Dame, die mit dem Jüngling da durch die Gegend ritt, wo sich dann rausstellt, das ist gar nicht ihr Sohn. Wer war das nochmal? Ah, der Austritt im Fuhr de Boulogne. Okay, dankeschön. Hustel. So, und dachte ich, Mensch, gut gemalt. Und dann habe ich ja bei dir gelernt, dass die Elemente eines Bildes gut gemalt sind, aber die Szene drumherum.

Also stell dir vor, ganz drohender, riesiges Gewitter. Alles ist ganz dunkel. Und die Pferde, sieben, acht Pferde, stellen sich halt so zusammen und bilden so einen Kreis, um sich gegenseitig zu beschützen und so. Und dann dachte ich, wow, das ist ja nicht nur plump. ich male mal ein Pferd, sondern es ist Pferde, sehr gut gemalt, Wetter, sehr gut gemalt und dazu noch sozusagen eine Metaebene, eine Botschaft.

Und da habe ich gedacht, da muss ich doch mal fragen, wie kann ich denn jetzt da vorangehen? Ruhig, das doch jeder braucht als See. Bring mal mit. Ich dring das Bild mal vorbei und ich schaue es mir an, aber ich kann dir helfen. Also du könntest jetzt zum Beispiel mal gucken, in was für eine Landschaft.

Das kannst du ja wahrscheinlich beurteilen. Ist das eine deutsche Landschaft? Also Pferde gab es ja überall, dann versucht man einzugrenzen. Es sind ja keine Venuzerosse, sondern es sind Tiere, die es in zivilisierten Gegenden, jetzt sagen wir mal, ab dem. Im 15. Jahrhundert ist das Pferd mindestens Teil des Reiters, aber Pferd ist meistens in der menschlichen Landschaft.

Dann im 19. Jahrhundert verlagert sich das Pferd, glaube ich, ganz stark nach Amerika, dass es mal eine Frage wäre, könnte das eine amerikanische Landschaft sein, weil dann könntest du vielleicht eingrenzt sagen, nee, dieses Bild ist keinesfalls in Russland und Sibirien lokalisiert. Und dann führt das in so eine Richtung. Und dann kann man natürlich ein bisschen Stilkritik betreiben.

Du weißt ja mittlerweile auch schon, mit Pinselstrichen was anzufangen. Sind das sehr präzise oder sehr lockere Pinselstriffe? Oder wie ist es bei Zorn? Mal präzise, mal locker. Und dann kann man das zeitlich eingrenzen. Dann könnte man sagen, keine Ahnung, das sieht sehr aus, als wäre es irgendwo zwischen 1850 und 1900 entstanden.

Also so würde ich vorgehen, wenn wirklich nichts klar ist. Ich würde natürlich hinten schon mal auf den Rahmen gucken, weil es gibt einfach ganz oft schöne Hinweise auf der Rückseite. Da würde ich auch immer drauf gucken. Also wichtiger Hinweis. Und wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, das soll jetzt ja nicht eine Privataudienz werden, wenn Sie vielleicht so etwas Ähnliches haben, schreiben Sie uns ruhig mal. Schreiben Sie uns ruhig mal.

Schreiben Sie mir direkt glas.heider.funkgemedien.de oder abendblatt.de, Heider mit AI. Und vielleicht können wir das noch ein bisschen weiter ausdehnen. Jetzt kommen wir aber natürlich zu dem, was wir immer machen. Du hast ein wunderbares Bild mitgebracht und ich hatte mir jetzt gewünscht, Leute, komm, lasst uns den Frühling explodieren und du hast es wirklich auch wahr gemacht.

Mehr explodieren kann man nicht. Man muss sich vorstellen, es ist ein hochformatiges Bild, unglaublich farbenfroh. Ich musste daran denken, man nimmt ganz viele rote Farben. Ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz viele. ganz viele Rottöne knallt die in verschiedene Plastiktüten und lässt diese Plastiktüten von ganz weit oben auf so eine auf so eine Leinwand knallen.

Und dann explodiert das da am wahrsten Sinne des Wortes. Dann nimmt man die Plastiktüten weg. Und dann bleibt das, was hier ist. Es ist wie ein Lava, ein Vulkanausbruch. Wie Lava, wie ein Feuer, das man von oben fotografiert. Also unglaubliche. Man spürt sozusagen, das fand ich interessant, man spürt die Kräfte dieser Farben.

Und man sieht das und denkt, ja, jetzt wird mir warm. Aber es ist eine Wärme, die nicht eine Winterwärme ist, weil der Hintergrund ist eher so violett, sondern es ist eine Wärme, die sozusagen aus dem Sonnenstrahlen kommt oder so. Also nichts, wo man jetzt irgendwas erkennen könnte. Es ist nichts zu sehen auf diesem Bild.

Ich habe erst gedacht, kann ich da, ich sehe was, was du nicht siehst, kann ich eine Frau sehen, die in diesen Flammen lodert, wenn man sich das, oder eine Figur, wenn man so, könnte man sich vorstellen, aber ich glaube, darum geht es nicht. Es ist einfach ein Bild und es ist einfach fast ein Fanal, ein Frühlingsfanal, wobei ich mir nicht mehr sicher bin, ob das überhaupt irgendwie einen Titel hat oder so.

Oder ob das irgendwie, ob das Alchemist ist. Ah, es hat keinen, das passt schon mal. Und es wird auch jetzt nichts sein, was jetzt uralt ist. Also es sieht sehr frisch und modern aus. und wo wir gerade beim Wohnzimmer sind, das würde ich mir sofort ins Wohnzimmer hängen, weil, oder ins Haus, weil das, der Raum, in dem dieses Bild hängt, fängt an zu leben und das Lustige ist, du kannst dich, obwohl du ja, es ist schwierig zu beschreiben, es daran nicht satt sehen, weil in jeder Ecke irgendwas passiert, aber hier geht es nicht so sehr um die, um sozusagen, um die, um die.

Um die Kunst des Striches sozusagen, um die Kunst des Malens, sondern es geht wirklich um die Farben und um die Gestaltung der Farben. Man hat ja fast den Eindruck, dass jeder Punkt, der auf diesen Dings ist, in einer anderen Farbe ist. So vielleicht erst mal. Und jetzt bin ich gespannt, wie du darauf gekommen bist und wer oder was das wie gemalt hat.

Bevor ich das erzähle, frage ich mal indiskret, Wie hoch ist die Wandhöhe deines Wohnzimmers? Okay, das wird wahrscheinlich nicht reichen. Die Decken sind niedrig, vielleicht 2,50 Meter. Man muss es spiken. Dieses Bild ist riesig. Es hängt lustigerweise nicht in der Sammlung der Gegenwart bei uns, sondern in der Sammlung der Moderne unter einer Fragestellung, was denn alles modern ist.

Das Bild ist riesengroß. Es ist nämlich 3,80 Meter. Nee, aber da musst du einmal noch kurz gleich, 3,80 Meter, merken wir uns. Nochmal, weil das immer viele sagen, wenn da bestimmte Begriffe fallen, Haider, frag doch den Klar dann immer nochmal, dass er es nochmal kurz eingrenzt. Unterschied zwischen Moderne und Gegenwart.

Das ist die Frage des Eckraumes, in dem das hängt. Was? Also, das ist ganz interessant. Ich habe damit ein gewisses Vergnügen. Das sind wirklich große philosophisch- oder sprachliche Abhandlungen. Die Moderne. Der Begriff modern taucht wahrscheinlich so um 1900 auf, das habe ich noch nicht genau zurückgetraced.

In der Kunstgeschichte sagt man ganz gerne, Cézanne ist der Vater der Moderne, weil er sich entfernt von dem Narrativ als leitendem Gegenstand einer Bilderzählung. Und die Moderne kommt also wirklich spätestens nach der Jahrhundert, wendet 1900 in Europa an, ist quasi auch, man muss sagen, eine Erfindung Europas, wenn man Europa mit Russland übrigens noch weiter zieht.

Und in den 20er Jahren ist dann der Begriff modern, glaube ich, das ist das Zeitalter. Wenn wir von der Moderne reden, ich glaube, dann können sich alle darauf einigen, dass das mindestens die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts sind. Aber das Interessante ist natürlich, wenn jemand heute sagt, der ist aber modern angezogen, dann ist damit nicht gemeint, der hat 20er Jahre Kleider an, sondern der ist gegenwärtig angezogen.

Das heißt, der Begriff Gegenwart, den wir hier schon sehr oft diskutiert haben, und der Begriff der Moderne bedürfe irgendwie einer Abgrenzung voneinander oder einer klugen Verschränkung. Und das ist mir eben bei diesem Raum aufgefallen, weil ich mir ein bisschen angeguckt habe, was ist denn in den 2020er Jahren passiert und was ist in den 1920er Jahren passiert. Und ganz interessant.

Der Aufbruch in die Moderne ist zum einen die Abwendung vom Narrativ, vom erzählerischen Bild, von dem auch gegenständlich wiedergebenden Bild. Zum anderen ist eben tatsächlich der Aufbruch in die Abstraktion. Also 1907, ach, weiß nicht, wann fängt Majewitsch an, so das schwarze Quadrat und dann der Aufbruch in die malerische, expressive Ungegenständlichkeit finden so ab 1907 statt.

Kandinsky ist der Erste, der dann quasi musische Bilder malt. Und das begreifen wir als modern. Das begreifen wir aber auch als gegenwärtig. Weil bis heute kommt ja die Diskussion um, ist dann jetzt da was dargestellt? Kann ich was sehen? Ist da ein Baum? Oder wie eben hier, ist da Malerei, die was ausdrückt?

Und da gerät man schnell durcheinander. Und das versuche ich in diesem Raum so ein bisschen spielerisch zu ergründen, indem ich eben Bilder aus den 1920er Jahren, in den 2020ern gegenüberstelle. Hier die Information, dieses Bild ist von 2023. Den Titel, den es hat, ist ohne Titel, in Klammern 030323.

Und ich weiß zufällig von der Künstlerin, dass das in einer Rekordzeit von rund sechs Wochen entstanden ist. Und weil es so riesig ist, ist das wirklich Rekordzeit. Denn man muss ja zwischendurch immer mal ein Bild ruhen lassen, trocknen lassen und sowas. Also das ist ein modernes Bild und ein gegenwärtiges Bild.

Und 3,80 Meter hoch, hast du gesagt, da halte ich ja von unter Mochen. Und wieso einfach, warum hat sie es dann einfach nach dem Datum, an dem sie angefangen hat oder an dem sie fertig war, hat sie es benannt? Das ist jetzt sehr grob gemacht. Das ist ja März, achso, der dritte März. Also 0303 ist vielleicht auch eine Zählung, das weiß ich gar nicht.

Also das war jetzt meine Interpretation. Das Bild weiß ich es von 2023 und ich habe irgendwie automatisch gedacht, der dritte März 2023 hat das Datum 030323. Da muss ich sie nochmal fragen, wo ich denn da liege. Vielleicht ist das der Moment, wo sie gesagt hat, so ist gut, hier enden wir. Das ist ja auch das Wesen von dieser Art von Kunst, das ist geschüttete Farbe auf eine Leinwand, wo sie zum einen schüttet, zum anderen die Leinwand hebt und fließen lässt.

Da ist ja wahrscheinlich ein wichtiges Datum, der Tag, an dem die Künstlerin beschließt, jetzt ist gut. Und vielleicht sagt sie, wird es hinter 23. Und ich habe das vorhin ja so ein bisschen lapidar mit so, in meiner Sprache mit Plastiktüten, die von ganz oben geworfen werden. Aber tatsächlich ist das eher so eine Spritz, so eine Schmeißtechnik und nicht so sehr, Hat nichts zu sehr mit Pinsel zu tun? Es ist fast gar nicht.

Ich glaube, an diesem Bild ist kein Pinsel gewesen. Also es ist geschüttet. Es gibt auch Bilder von ihr, wo sie tatsächlich Farbe wirft. Dann entstehen so, solche Bilder habe ich auch schon gesehen, dann entstehen so wie Feuerwerkserlebnisse. Dann spritzt nämlich die Farbe gegen Leinwand und verteilt sich zur Seite.

Hier ist es auf die am Boden liegende Leinwand geschüttetes Pigment. Also sie grundiert erst mal, das ist ja auch schon bei dieser Größe, Da ist man ganz schön am Grundieren. Ich glaube, mich zu erinnern, dass sie gesagt hat, sie hat hier mit Ultramarin, also blau, grundiert und darauf entsteht dann so ein, ja, das, was diese Lava-Explosion irgendwie so ein bisschen Füber macht, so ein Exzess an Tanz auf der Leinwand.

Und du siehst, wenn du näher, ganz, ganz viele Sachen. Das eine ist, mal hat sich Farbe mit dem Untergrund verbunden. Dann ist das Decken und Binden und mal wurde sie abgestoßen, dann sind so komische Rinnen entstanden. Und sie ist eine große Technikerin, die macht ihr Pigment selber, also die mischt da ganz viel selber an und sie weiß, wie die miteinander oder sie experimentiert damit, wie die miteinander agieren.

Und da entsteht dann eben so eine Landschaft, so eine Frühlingslandschaft, wobei es ist nichts Grünes drin für alle, die jetzt auf Frühling und Grün gehofft haben. Es ist vor allem mal leuchtend orange und lila und alt rosa. Muss man das dann so machen, dass man grundiert das erst und damit sich das vermischt, muss man dann gleich mit den anderen Farben danach kommen, damit die Farbe noch nicht getrocknet ist?

Und naja, also die reine Lehre sagt, du grundierst und dann ist es trocken und auf die trockenen Grund trägst du auf. Wenn das noch ungetrocknet ist und du was drauf schüttest, dann passiert was anderes. Das weiß ich jetzt nicht so genau, welche Farbe hier womit reagiert. Ich hätte mal fast vermutet, sie hat erst mal grundiert, trocknen lassen und dann die anderen draufgeschütteten Farben sich miteinander verbinden oder voneinander abstoßen lassen.

Weil wir sehen ja von dem Ultramarin, wenn es denn der Grund ist, sehen wir relativ wenig. Es hat mehr so eine lila Tönung, die eben durch die späteren Farbschichten entstanden ist. Also es ist ein dynamisches Bild, wie du das beschrieben hast. Hier ist wirklich so die Explosion. Ich denke so ein bisschen, wo ist das?

Der Titan, Mahlers erste Symphonie. Das ist der Aufbruch des Frühlings. Das ist ein ziemlich brutaler Aufbruch. Das explodiert alles. Und so ist das hier auch. Dieser Frühling krämt. Und interessant finde ich, dass ja man, wenn man im Internet guckt, in Sachen Kunst unterwegs ist, bei YouTube, dann findet man ganz viele so Tutorials, wo Maler genau das zeigen.

Die haben natürlich da eine große Fläche, dann siehst du nur und dann schmeißen die so mit Farben um sich. Und ich hätte jetzt bis heute gedacht, naja, siehst du, das ist eine Variante, mit der man ein Bild erzeugen kann, was dann irgendwie auch ganz toll aussieht. Aber wenn man sich das anguckt, stellt man fest, es gibt eben doch noch einen Unterschied zwischen einfach mal Farbe auf die Leinwand knallen und dabei schon irgendwie eine Idee hinterher haben.

Weil allein schon die Zusammenstellung der Farben oder Pigmente zeigen natürlich, dass sie eine Idee von dem Bild gehabt hat. Das ist nicht einfach so entstanden. Das sind nicht bestimmte Herangehensweisen. Also sie sprayt auch manchmal, wie gesagt, sie schüttet, sie wirft, glaube ich, nennt sie das, sie gießt.

Manchmal gibt es auch den Pinsel, so ist es nicht, hier eben nicht. Und ihr Arbeitsprozess ist ein Teil des Konzeptes, das sich auf dem Bild niederschlägt. Früher hätte man noch gefragt, kann man das nicht selber machen? Zunehmend lerne Menschen, wenn sie es probieren, werden sie feststellen, wie viel sie davon selber können.

Das ist eine gewachsene Technik und technische Möglichkeiten, die sie anwendet, um Bilder zu erzeugen, die eben bei uns das erzeugen, wie du es beschrieben hast. Also dieses Bild hat ja eine unglaubliche evokative Wirkung. Das schreit einer, nein, das ruft einen an, das lacht einen an. Wann weiß man denn als Künstlerin bei so einem Bild, bei so einem Projekt, wann es zu Ende ist?

Weil theoretisch könnte man es ja jetzt wieder nehmen und nochmal was drauf machen. Das kannst du ja... Man muss dann einfach irgendwann sagen, so, das war's. Naja, man hat eine Bildvorstellung oder, das habe ich auch mit vielen Künstlern natürlich besprochen, ganz oft ist es so, man hat eine Bildvorstellung, es kommt was anderes dabei raus und dann findet man sich damit ab, aber man hat genügend Erfahrung zu sagen, so, besser wird's nicht mehr, ab jetzt Finger weg davon.

Das ist halt eben auch, also Maler sind Maler, weil sie viele Übungen haben, die tun ja den ganzen Tag nichts anderes und ich weiß nicht, wie groß der Ausschuss bei ihr ist, ich glaube, da ist schon einiges an Ausschuss. Also ganz viele Sachen, ich weiß nicht, in welcher Prozentsaal, werden auch nichts, weil es missraten ist an einer Stelle, weil eine Entscheidung falsch war.

Hier ist, das ist schon fantastisch, diese Lagen führen ja zu so einer gewissen Tiefe. Dieses Bild erinnert mich auch so ein bisschen an Fotos aus dem Kosmos, wo das Leuchten von Sternen, von so Milchstraßen und ähnlichen. Dass irgendwas zwischen Lava und Kosmos dieses Bild vibriert so richtig und hat eine große Tiefe, Das muss man richtig hinbekommen. Hast du ja den Eindruck, ich habe gerade neulich mit meinen Kindern Harry Potter den letzten beiden Teile gesehen, da gibt es auch immer so Szenen, wo die dann so irgendwo reingezogen werden oder so reinfallen, in so Tiefen, wo du nicht weißt, wo geht es hin.

Und wenn du jetzt lange genug auf diesen Mittelpunkt guckst, dann denkst du so, da möchte ich nicht reinfallen. Das ist ja so, das geht so unendlich. Das Lilane ist ja so eine Begrenzung, aber in der Mitte ist ja nur rot Und es zieht dich so da rein und man hat den Eindruck, da könnte man reinfallen.

Das ist ein Bild, was eigentlich fast schon so eine 3D-Komponente hat. Ja, genau. Und es ist interessant, die Bilder, die ab dem Zweiten Weltkrieg entstehen, ja entsteht eine Malerei, die aus der Bewegung heraus gemacht wird. Und die hat notwendigerweise, die Technik, die meistens angewandt wird, nennt sich All-Over.

Das heißt, das Ding liegt auf dem Boden und es gibt keine Mitte, es gibt kein Oben, es gibt kein Unten. Und hier ist es so, dieses Bild hat schon eine Mitte, aber keine aufdringliche. Also es ist schon eine Komposition, die man als solche versteht, weil eben die Art und Weise, wie sie die Farbe über das Bild laufen lässt, immer von den vier Seiten des Bildes herkommt und deswegen führt das notwendigerweise mit der Komposition zu einer Konzentration in der Mitte.

Aber es eben tatsächlich... Auf einmal erzählt die Tat, oder dieses Bild erzählt die Tat des Malens und daraus entsteht eine eigene Geschichte. Das hast du schon wieder narrativ. Genau, und wenn man so hinguckt, dann kann man natürlich jetzt, ich könnte sagen, guck mal da oben rechts, da sind vielleicht so, das hat so wie zwei kleine Dacke oder zwei kleine Hunde, die nach oben gucken.

Oder in der Mitte ist irgendwie so ein Fisch, der hat so kleine Flossen und oben hat er so einen Kopf. Oben links, nee, in der Mitte oben rechts sozusagen, schwer zu beschreiben, also je weiter man guckt, desto mehr Figürliches erkennt man doch, obwohl ja bei so einer, was ist das zum Beispiel da unten, unten links, da ist so ein ganz, ganz bisschen dunkelgrün dann doch, oder?

Weißt du, das ist wie so ein Stück Rasenfläche, wo so ein paar Blumen, da kommt so was Gelbes auch auf einmal raus. Das ist halt unglaublich, es hat unglaublich schlichtig, das Bild. Es ist wie los. Und doch weißt du, wenn ich jetzt hingucke, desto grün, guck mal da unten rechts auch so, ich habe schon so ein paar grüne Stränge, also es ist schon so dieses, grün-graue sozusagen als das, was übrig bleibt vom Winter und dann plötzlich kommt der Frühling und bam!

Oder? Ja, genau, das ist alles sehr frisch durch die Farbmische und durch die Kraft, die da drin ist. Ja, also dieses Bild ist ein großes Vergnügen anzusehen. Im Übrigen, sie malt jetzt nicht immer nur so groß, aber sie arbeitet meistens sehr groß, was auch eine gewisse Schwierigkeit ist, weil eben nicht jeder sich diese Bilder also das ist schon ein bisschen eine Entscheidung gegen den Markt, wenn man so groß arbeitet.

Ist auch ganz interessant, das ist so. Eigentlich gibt es so eine Evolution von Malerei. Die meisten Künstlerinnen fangen eher klein an, weil das Atelier noch klein ist und dann je mehr sie an Prestige gewinnt, desto größer wird es. Und irgendwann ist man dann wie Baselitz so weit, dass das Ding halt eben vier Meter groß ist.

Die Sabrina Hornsberg hat glaube ich gleich und sofort groß angefangen, was während des Studiums durchaus Schwierigkeiten bereitet hat. Das ist sehr widrig, was sie da macht. Deswegen freue ich mich auch so, dass wir so als Museum da etwas können, was viele nicht können, nämlich solche Bilder, wie sagt man, akkommodieren, aufnehmen, zeigen bei uns.

Also sie kann auch kleiner, ihre Bilder sind auch schön, wenn sie nur 2,50 Meter groß sind. Wir hatten übrigens mal in der Kunsthalle vor ein paar Jahren hier ganz kleine Bilder von ihr, die sie im Andenken an die gerade freigenassene belarussische Dissidentin gemalt hat, also die Kalesnikofer heißt sie.

Das geht schon auch klein. Das Interessante ist, wenn man sie abbildet im Buch, wirken sie immer monumental. Und an der Wand sind diese kleinen Bilder auch nicht schlecht. Also. Ich kann dich ja mal nach Düsseldorf vermitteln, wenn du Lust auf einen Ateliergang hast. Wenn du nächstes Mal in Düsseldorf bist, kannst du mal vorbei.

Aber ich finde, ich spreche ja auch für sie, oder ich muss ja für jeden Künstler sprechen, dass er das macht, was er machen möchte, ohne jetzt zu gucken, was verkauft sich gut. Weil auch übrigens meine Erfahrung, wie ich mich ja immer ein bisschen besser auskenne, im Buchbereich ist, wenn du versuchst, einen Bestseller zu schreiben und so, dass in einem von tausend Fällen gelingt das, es wird nichts.

Aber wenn es rausgeht, dann ist es halt so. und dann kauft es vielleicht keiner, weil es zu groß ist. Aber es ist halt das, was du machen wolltest. Und ich glaube, du musst immer das machen, was du machen willst. Da ist die Chance, dass es jemand anderem gefällt, deutlich größer. Und wenn es niemandem anderen gefällt, gefällt es wenigstens dir.

Weil das Schlimmste ist doch, wenn du was machst, weil du denkst, es gefällt anderen, und dann gefällt es anderen nicht, und dann gefällt es nicht mal dir. Das ist doch irgendwie, dann kannst du es doch gleich sein lassen, oder? In dem Sinne ist sie sehr radikal. Sie macht das so, wie sich das vorstellt.

Also sie hat auch eine durchaus loyale Sammlerinnenschaft, die, also ihre Fanbase ist groß genug, dass sie gut als Künstlerin arbeiten kann. Aber es sind natürlich immer sehr unkommerzielle Entscheidungen, die sie trifft. Das muss man schon sagen. Aber es macht schöne Bilder, es macht tolle Bilder. Aber ist das nicht bei Künstlern eigentlich immer so, dass eigentlich der Künstler an sich, ist jemand, der kommerziell denkt, kann der, darüber sprechen wir nächste Woche nochmal, Die Zeit rennt uns davon.

Da habe ich noch ein schönes Beispiel für die nächste Woche. Nächste Woche nochmal Frühling. Nochmal so eine... Nee, ich kenne... Komm, lass mich noch mal Frühling machen. Und ich ahne jetzt, dass dieses Bild, dass ich finden werde, dass dieses Bild das andere überhaupt nichts mit Frühling zu tun hat, nach dem, was ich heute gesehen habe.

Wir danken fürs Zuhören und freuen uns auf nächste Woche. Bis dahin. Tschüss. Bis dann. Ein Podcast von Funke Weitere Podcasts vom Hamburger Abendblatt finden Sie in unserer Abendblatt-Podcast-App und auf abendblatt.de slash podcast.

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