Im Krisenmodus· Folge 119

Alcatraz – Wie Ex-Häftlinge in der Ukraine zu Soldaten werden

Mittwoch, 5. November 2025 · 26 min

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Shownotes

Was bringt Männer aus ukrainischen Gefängnissen dazu, in den Krieg zu ziehen?
Jan Jessen (nrz.de/autoren/jan-jessen), Politikchef der NRZ und Kriegsreporter der FUNKE-Mediengruppe, trifft ehemalige Häftlinge, die im Bataillon „Alcatraz“ kämpfen.
Sie trainieren hart – um ihre Schuld zu sühnen, um zu überleben und vielleicht eine zweite Chance zu bekommen. Oleksandr, Tovy und Koshmar erzählen in unserem Podcast „Im Krisenmodus“ , warum sie an die Front gehen, was sie antreibt – und ob es für sie wirklich einen Neuanfang gibt.

Interviewte:
„Oleksandr“, 39 – Ex-Häftling, Kiewer Region
„Koshmar“ („Nightmare“), 30er – Ex-Soldat und Ex-Häftling, Vater von zwei Kindern
„Tovy“, Funkname Fortovy („Lucky“), 24 – Ex-Häftling, aus Riwne
Feldwebel „Armin“ – Ausbilder im Bataillon „Alcatraz“

🧭 Kapitelübersicht

1 | Einleitung & Armee der zweiten Chancen
Warum die ukrainische Regierung Strafgefangenen erlaubt, an die Front zu gehen – und was hinter dem Programm steckt.
2 | Im Trainingslager von „Alcatraz“
Jan Jessen begleitet ehemalige Häftlinge beim Drill – zwischen Schüssen, Schlamm und Selbstabbindesystemen.
3 | Feldwebel Armin – Disziplin statt Gefängnisregeln
Der Ausbilder erklärt, wie er 150 Männer trainiert – mit Härte, aber auch Respekt.
„Alles basiert auf Disziplin. Von Anfang an.“
4 | Oleksandr – Schuld und zweite Chance
Der 39-Jährige war schon einmal Soldat, dann im Gefängnis. Jetzt kämpft er wieder.
„Ich kann nicht eingesperrt bleiben. Ich will frei sein – auch wenn das Krieg bedeutet.“
5 | Zwischen Front und Familie
Wie Oleksandr über seine Kinder, seine Mutter und das Leben nach dem Krieg spricht – einfache Träume und leise Reue.
6 | Tovy alias „Lucky“ – der Neuanfang
Ein junger Ex-Häftling erzählt, warum er hier wieder Mensch werden will.
„Ich wollte zu ihnen gehören. Ich wollte ein anderer Mensch werden.“
7 | "Koshmar" – Albtraum für die Russen
Der Veteran spricht über Bachmut, über Adrenalin, Schuld und seine vier Kinder.
„Was kann ich schon im Gefängnis erreichen? Nichts. Ich will wieder kämpfen.“
8 | Sühne, Motivation und Moral
Armin über Drogen, Disziplin und das Prinzip „keine Vergangenheit“.
Jan zieht Bilanz: Zwischen Verzweiflung und Hoffnung – was diese Männer wirklich antreibt.

🎧 Hör-Empfehlungen
Zwischen Training und Albtraum - Junge Rekruten in der Hülle des Krieges (nrz.de/podcast/article409179216/zwischen-train…)

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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe

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Synchron, schreit die Ausbilderin. Alexander zieht das Tonike über den Arm. Einer kontrolliert, ob es hält. Diese Selbstabbindesysteme könnten ihm das Leben retten, wenn er in der Schlacht einen Treffer abbekommt. Das ist kein normales Training. Diese Männer sind keine Freiwilligen, sie sind ehemalige Häftlinge.

Jetzt trainieren sie für die Front in der Ukraine in einer Einheit, die sich selbst Alcatraz nennt. Warum entscheiden sich Männer, die gerade erst aus dem Gefängnis kommen, dafür in den Krieg zu ziehen? Und was passiert, wenn aus Tätern plötzlich Verteidiger werden? Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt.

Mit Journalist Jan Jessen. Ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe. Meine Berichte lest ihr in der NRZ, der WAZ, dem Hamburger Abendblatt und der Berliner Morgenpost. Ich war auf meiner jüngsten Reise in die Ukraine, nahe der Front im Osten. Und ich habe Männer gesprochen, die im Gefängnis waren und nun an die Front gehen.

Das sind Männer, die an einem ganz speziellen Programm der ukrainischen Regierung teilnehmen. Die ukrainische Armee leidet, das wissen viele von euch, unter enormem Personalmangel und so muss man dann einigermaßen kreativ sein. Und die Verwendung von Ex-Häftlingen für den Armeedienst ist eben eine dieser kreativen Möglichkeiten, um gegen den Personalmangel vorzugehen.

Als wir dort hingekommen sind, an diesem Platz, der Standort darf nicht genannt werden, aus Sicherheitsgründen natürlich, das sind Übungsgelände. Übungsgelände werden immer wieder zu zielen. Russische Angriffe immer wieder schlagen ballistische Raketen auch in solchen Trainingszentren ein. Immer wieder kommt es da zu erheblichen Verlusten auch unter ukrainischen Soldatinnen und Soldaten.

Insofern darf der Standort nicht genau genannt werden, aber es ist auf jeden Fall im Süden der Ukraine gewesen. Und wir sind da früher am Morgen hingekommen. Der Nebel hat noch zwischen den Bäumen gehangen. Es war einigermaßen sportlich, mitten im Wald, dieses Training. Wir sind Also auch einiges gelaufen, um da hinzukommen.

Und das war schon eine interessante Soundkulisse, die uns da erwartet hat. Also es sind Granaten explodiert, ihr habt am Anfang schon gehört. Schüsse, die da in der Ferne waren. Und dann sind wir eben auf diese Soldaten gestoßen, die zwischen den Bäumen trainiert haben. Die Männer vom Bataillon Alcatraz, die sind jetzt seit zwei Wochen schon im Training gewesen.

Sie laufen da, sie kriechen, sie schießen und sie lernen, wie man sich selbst das Leben rettet. Der Mann, der sie drillt, heißt Armin. Das ist sein Funkname, das ist nicht sein richtiger Name. Die richtigen Namen von Ausbildern darf man auch nicht nennen, wiederum aus Sicherheitsgründen. Und Armin, wie gesagt, das ist sein Funkname und das ist ein Feldwebel.

Und der hat uns erzählt, das ist ein Feldwebel und das war so ein typischer, also wie man sich eigentlich so einen Sergeant aus dem Film vorstellt. Also sehr drahtig, 50 plus würde ich mal sagen und trotzdem eben sehr, sehr sportlich. Also der ist vor uns immer hergelaufen und hat dabei geredet und geredet und geredet, während ich noch dann irgendwann gekeucht habe, weil ich nicht mehr so wirklich konnte. Ich bin jetzt nicht der Sportlichste.

Aber Armin war schon ein sehr drahtiger und auch sehr sportlicher Mensch. Und der, wie gesagt, ist der Feldbielder Ausbilder, der Chefausbilder eben dieser Einheit, die zur 93. Brigade gehört. Er hat mir erzählt, dass er jeden Tag um 6 Uhr mit diesen Männern und in seiner Betreuung arbeitet. Die physische Kondition. Ich sage es jeden Tag. Jeden Morgen erstmal drei bis fünf Kilometer gehen.

Danach geht es weiter um die physische Vorbereitung, um mit dem eigenen Körper zu arbeiten. Das heißt Sit-Ups, Planks, Push-Ups, Pull-Ups und so weiter. Das hier ist keine Schonzeit, hat Armin später gesagt. Wir behandeln sie wie Soldaten, nicht wie Häftlinge. Er meint das ernst. Man muss ein bisschen in die Geschichte zurückzugehen, um zu verstehen, wie diese Einheit überhaupt zustande gekommen ist.

Im Mai 2024 hat die ukrainische Regierung erstmals erlaubt, dass Strafgefangene sich freiwillig zum Kriegsdienst melden. Wer sich ein Jahr lang an der Front bewährt, der bekommt Amnestie und eine zweite Chance. Allerdings muss man auch dazu sagen, dass diese Leute, wenn sie sich denn freiwillig melden, auch in den heftigsten Abschnitten der Front eingesetzt werden.

Die Überlebensrate für diese Leute, die dann in der Infanterie eingesetzt werden, die ist relativ überschaubar. Also da ein Jahr zu überleben, im vierten Jahr des Krieges mittlerweile, in einem Krieg, der von Drohnen geprägt ist, das ist einigermaßen schwierig und insofern ist die Überlebensrate für diese Männer, das gehört so weiter, zu relativ gering.

Trotzdem haben viele von ihnen, mittlerweile sind es um die 10.000, die sich da gemeldet haben, das Angebot angenommen haben, die Hoffnung darauf, dass ihre Strafakte gelöscht wird, wenn sie sich eben ein Jahr bewährt haben und da lebend rauskommen. Das ist eben für die meisten eben auch ein Grund gewesen, sich für dieses Programm zu entscheiden.

Ausgenommen von diesem Programm sind Sexualstraftäter, sind Mehrfachmörder, sind Verräter oder Leute, die sich der Korruption schuldig gemacht haben. Das ist ein bisschen anders als in der russischen Armee. Die haben das als erste aufgesetzt, so ein Programm. Ihr könnt euch möglicherweise daran erinnern, als die Schlacht um Bachmut tobte 2022, 2023.

Da waren eben sehr viele ehemalige Sträflinge bei dieser Söldnertruppe Wagner eingesetzt. Da waren dann eben auch Serienmörder, Mehrfachmörder, auch Vergewaltiger und so weiter waren alle dabei. Das macht die Ukraine ein bisschen anders, weil man eben meint, gerade auch Vergewaltiger oder so sollten eben definitiv nicht im Krieg eingesetzt werden.

Diese Einheit ist sozusagen eine Armee der zweiten Chancen. Armin hat bislang rund 150 dieser Männer trainiert. Alcatraz ist nicht das einzige Bataillon, was solche Männer in ihren Reihen hat. Also es gibt andere Brigaden, die auch dieses Programm machen. Aber wie gesagt, für Alcatraz hat Armin bislang 150 Menschen trainiert und ich habe ihn natürlich gefragt, wie funktioniert das?

Es funktioniert. Diese Kategorie ist sehr motiviert, weil sie interessiert sind. Ihr versteht, jeder hat so seinen eigenen Zeitraum. Wenn sie hierher kommen, dann werden sie Soldaten. Es gibt bestimmte Bedingungen, sie müssen ein Jahr bleiben. Wenn alles gut ist, dann werden sie normale Soldaten. Sie haben alle Rechte, wie die anderen Soldaten auch. Und sie kämpfen sehr gut.

Das ist ein Fakt. Ja, es klingt zunächst erstmal ein bisschen paradox, aber viele dieser Männer wirken, sagt Armin, entschlossener als die, die noch nie im Gefängnis waren. Hängt auch damit zusammen natürlich, dass sie sich zum einen freiwillig gemeldet haben und viele der Soldaten, die jetzt nach vorne gebracht werden, Leute sind, die mobilisiert worden sind, die also eingezogen worden sind und Und da ist natürlich bei solchen Leuten die Motivation deutlich geringer als bei Leuten, die sich freiwillig gemeldet haben, wie jetzt eben diese Sträflinge oder Ex-Sträflinge, die auf eine Amnestie hoffen.

Alexander ist 39, der stand also auch neben mir, hat schwer geatmet. Die hatten gerade diese Toniquet-Übung gemacht. Also nochmal, Toniquets, das sind Selbstabbindesysteme, das ist eigentlich so ein kleiner Gürtel, den man sich um den Arm, um das Bein schnallt, zuzieht und damit Blutung stoppt. Das ist absolut überlebenswichtig an der Front.

Viele, viele Soldaten sterben eben durch Blutungen, die nicht gestoppt werden. Die meisten Verletzungen, die es mittlerweile an der Front gibt, das sind keine Schussverletzungen, also dass man sozusagen, wie man das vielleicht aus früheren Kriegen kennt, ein Soldat schießt auf den anderen und dann hat man die entsprechenden Verletzungsmuster.

Nein, also die meisten, allermeisten Verletzungen, 95 Prozent, 99 Prozent sind mittlerweile Schabnellverletzungen, das heißt Splitter, die durch die Gegend fliegen, nachdem es irgendeinen Einschlag gegeben hat. Und die reißen relativ große Löcher. Das führt zu starken Blutungen und dafür gibt es dann eben diese Selbstverbindesysteme, die man sich umlegen muss und zuziehen muss, um die Blutung zu stoppen, bis man dann eben raus evakuiert wird und in Sicherheit gebracht wird.

Das rettet Leben und so wird das eben ständig geprobt und geübt, damit man dann das Ganze auch quasi automatisiert machen kann, wenn es einen erwischt. Und Alexander hatte eben gerade eben diese Toniquet-Übung gemacht mit einer Ausbilderin, die davor im Stand und die kleine Truppe da immer wieder angeschrien hat.

Sie haben sich da auf den Boden geworfen, haben sich auf den Boden gewälzt, haben sich diese Toniquets umgezogen und das Ganze war relativ anstrengend für sie. Deswegen hat er auch ziemlich schwer geatmet und gekeucht. Und Alexander, für den war das jetzt nicht wirklich was Neues, denn er war schon mal Soldat und zwar vor zehn Jahren im Donbass.

Der Krieg in der Ukraine hat ja eigentlich nicht 2022 begonnen mit dem russischen Überfall. Sondern schon 2014, als es diesen Ausstand im Osten des Landes gab, als die Krim besetzt wurde und dieser Ausstand im Osten militarisiert worden ist sozusagen von russischen Freischärlern, die da im Einsatz waren.

Und seitdem tobte da eben so ein Krieg, der irgendwann auch nicht mehr bei uns groß in den Medien aufgetaucht ist, aber der die ganze Zeit da unterschwellig vor sich hingekocht hat. Und Alexander war eben damals auch schon im Osten. Insofern wusste er schon, auf was er sich eingelassen hat, nachdem er sich entschlossen hat, aus dem Gefängnis rauszugehen und sich wieder zur Armee zu melden.

Und Alexander, der hat im Gefängnis gesessen. Das hat er so ein bisschen technisch ausgedrückt, mit so einem etwas entschuldigenden Lächeln. Körperverletzung mit Todesfolge. Dafür hat er acht Jahre Haft bekommen, fünf Jahre davon hat er schon abgesessen. Und ja, jetzt ist er wieder zurück, jetzt trägt er wieder eine Uniform und ich habe ihn gefragt, warum.

Ich bin hier, weil ich es fühle, tief im Herzen. Ich war schon Soldat. Wenn ich nicht im Gefängnis gewesen wäre, wäre ich ohnehin wiedergegangen. Es geht nicht um Geld, ich kann einfach nicht rumsitzen, während andere sterben. Ich will kämpfen für meine Kinder, für mein Land. Und möglicherweise war Patriotismus nicht unbedingt das vorrangige Ziel oder den vorrangigen Beweggrund, den er da hatte. Aber wie gesagt, man muss das einfach stehen lassen.

Er macht da jedenfalls den Eindruck, dass er sehr, sehr motiviert ist. Hat allerdings auch gesagt, dass seine Familie nicht wirklich besonders begeistert ist von seiner Entscheidung. Meine Mutter wollte nicht, dass ich gehe. Meine Tochter auch nicht. Mein Bruder sagte, ich spinne. Aber das ist meine Entscheidung.

Ich kann nicht eingesperrt bleiben. Ich habe immer gesagt, ich bin gegen das Gefängnis. Ich will frei sein, auch wenn das bedeutet, in den Krieg zu gehen. Alexander, das war ganz spannend, den zu sehen. Er hat, wie gesagt, immer so ein bisschen gelächelt, ein bisschen entschuldigend, hat auch mit nicht wirklich lauter Stimme gesprochen. Also der wirkte schon so ein bisschen reflektiert, aber war auch ein ganz einfacher Mann.

Also wie viele, die da gesprochen haben, Leute, die keinen akademischen Hintergrund hatten, der hat gearbeitet als Handwerker, auf Baustellen und so weiter, Tagelöhner quasi und hat auch relativ simple Vorstellungen gehabt und einfache Vorstellungen gehabt von dem, was er sich wünscht für sein Leben, wenn er diesen Krieg überlebt.

Er hat also erzählt, dass er Autos reparieren kann, das hätte er gelernt beim Zusehen, weil sein Nachbar eben auch Autos repariert habe und er fände Autos eben toll und hat dann überlegt, könnte der nach dem Krieg möglicherweise auch Autos reparieren oder Autos lackieren. Auch das war was, was er irgendwie ganz toll fand.

Oder er hat gesagt, naja, vielleicht will ich auch einen Traktor einfach haben, ein kleines Stück Land bestellen. Also ein ganz einfaches Land fern von der Schuld und von der Front führen. Und er sagt auch im Grunde genommen, ja, vielleicht ist es auch so eine Art Sühne für das, was ich getan habe, wenn ich hier vorne arbeiten muss.

Zwischen den Übungen macht Armin, der Feldwebel der Ausbilder, kaum Pausen. Also es wird dann geübt, so taktisches Training, das ist einmal taktische Medizin, also dieses Anziehen der Selbstabbindesysteme, die bekommen dann auch beigebracht, wie sie verletzte Soldaten evakuieren können, wie sie große Bauchwunden abdecken müssen, wie sie überhaupt kontrollieren können, ob jemand neben den sichtbaren Verletzungen auch noch andere hat.

Also man guckt dann in die Stiefel rein, man guckt in die Handschuhe rein. Oder man muss auch eben gucken, dass man die Klamotten möglichst auszieht oder aufschneidet, dass diejenigen, der da verletzt ist, um einfach zu schauen, gibt es da noch andere Blutungen. Also das lernen die alles bei diesem taktischen Training, bei diesem taktischen Medizintraining.

Und natürlich lernen sie auch, wie verhalte ich mich im Gefecht. Also wenn ich in einer unbequemen Stellung bin, wie kann ich da trotzdem noch in der Deckung bleiben und aus der Deckung herausschießen. Sie lernen dann natürlich auch Schafe schießen, da kommen wir gleich noch drauf. Also all das gehört zu diesen Ausbildungsinhalten und das Wichtigste allerdings ist, Sport, also Sport, damit sie fit werden. Armin, der Ausbilder hat gesagt, naja, diese Leute waren vorher in einem Kontext unterwegs an einem Ort, wo sie eben wenig Sport gemacht haben.

Deswegen sind sie in einer physisch nicht besonders guten Verfassung und deswegen sei Sport das Wichtigste. Und deswegen machen die auch ständig zwischen diesen taktischen Übungen, die sie da machen, sportliche Übungen, also liegestützten Planks, sie marschieren. Und ja, dann gibt es eben auch diese Zielübungen mit Scharfer-Munition.

Das war ganz am Rande dieses Waldstückes. Da war dann eben so ein Skistand aufgebaut und da haben sie dann geschossen. Das ist ein wichtiger Punkt. Wir sagen den Männern gleich am Anfang ganz deutlich, dass sie jetzt Soldaten sind. Sie müssen verstehen, wo sie hier sind. Und wie es in einer Armee funktioniert.

Wir behandeln sie nicht anders als die anderen. Alles basiert auf Disziplin von Anfang an. Die Männer hören zu. Ich fand den Umgang, muss ich sagen, sehr respektvoll. Ich hatte mal vor einem Jahr schon, als das Programm losging, mit einem englischen Ausbilder gesprochen, der früher bei der britischen Armee war.

Und der Mann hat mir erzählt, dass er eben auch in einer anderen Einheit Leute ausgebildet hatte und da etwas entsetzt war, wie die ukrainischen Ausbilder mit den Leuten umgegangen sind. Also er hat davon gesprochen, dass die wirklich mit sehr viel Verachtung und Häme und also ganz negativen Dingen auf die Leute zugegangen sind, die behandelt haben wie Dreck und dann teilweise auch in Selbstmordkommandos reingejagt haben, nachdem sie mit dem Training fertig waren.

Also dieser englische, britische Ausbilder, der war da einigermaßen entsetzt, aber bei dieser 93., wo ich war, Bei dem Bataillon Alcatraz war es zumindest, als wir da waren, irgendwie ein anderer Umgangston. Also dieser Armin hat sehr respektvoll mit den Leuten gesprochen, hat ruhig mit den Leuten gesprochen, hat die nicht angeschrien oder so und insofern fand ich eben einen relativ positiven Umgang.

Und was dieses körperliche Training mit den Leuten macht, das hat Armin ja auch erzählt, er sagt am Anfang, er hätte mal einen gehabt, der konnte kaum in die Hocke gehen und jetzt sei eben genau dieser Mensch einer, der da fünf Kilometer ohne Probleme laufen kann, also innerhalb von zwei Wochen hat er sich dann körperlich fit gemacht.

Der nächste, den ich dann getroffen habe, der nannte sich Tovi, das heißt Lucky auf ukrainisch, also glücklich. Der ist 24 Jahre alt, kommt aus Rivne im Westen des Landes und er hat wie alle nicht so wirklich genau darüber gesprochen, was er getan hat. Er sagte nur, er sei wegen Diebstahls eingefahren, hat ein Jahr im Gefängnis gesessen und jetzt will er ein anderer Mensch werden. Ich bin hier in einem Ort.

Ich bin hier in einem Ort. Ich war an einem verlassenen Ort, vergessen von der Welt. Dann kamen Soldaten von dieser Brigade. Sie erzählten, wie sie kämpfen, wie sie leben. Ich wollte zu ihnen gehören. Ich wollte ein anderer Mensch werden. Sie haben mir diese Möglichkeit gegeben. Hier kann ich mich verändern, stärker werden.

Vielleicht einfach wieder ein normaler Mensch sein. Die Ausbilder behandeln uns mit Respekt. Sie geben uns ihr Wissen weiter. Dafür bin ich dankbar. Ich will, dass unsere Armee, unser Land sicher ist. Ja, das war ein ganz junger Typ, der, wie gesagt, da so ein bisschen auch verschlossen war. Ich habe da ein bisschen weiter noch insistiert, ihn gefragt, weswegen er genau gesessen hat und andere Sachen. Aber da wollte er nicht drauf eingehen, er wollte einfach nur das loswerden, was er mir da gesagt hat.

Also insbesondere zu sagen, dass die Ausbilder einen da mit Respekt behandeln und dass er seinen Beitrag leisten will, dass die Ukraine sicher sein wird. Das klang so ein bisschen, ich weiß es nicht, manchmal hat man den Eindruck, das ist ein bisschen auswendig gelernt, die hatten wir jetzt aber so randommäßig ausgesucht, die Leute, also insofern, vielleicht hat er sich das vorher im Kopf überlegt oder was weiß ich, aber auf jeden Fall ist er dann eben nicht auf andere Sachen eingegangen.

Er sagt, also ich danke meinem Kommandeur, ich danke allen, die uns diese Chance geben. Wie gesagt, möglicherweise ein bisschen naiv, wie er gerade gesagt hat, die Leute, die, wenn die fertig sind mit ihrer Ausbildung, die dauert drei Monate und wenn die dann fertig sind, dann werden die eben ins Gefecht geworfen oder wirklich an Frontabschnitte, wo es sehr, sehr blutig ist und sehr problematisch.

Sie werden als sozusagen so Feuerwehreinheiten auch benutzt. Ja, die Frage ist eben, wie viel davon wirklich unbeschadet rauskommt. Mittlerweile sagt man in der Ukraine, dass an den heißen Frontabschnitten, also beispielsweise bei Konstantinivka oder Pukovsk in der Region Donetsk, dass da Leute, die ganz nach vorne gehen, in die Nulllinie, die vorderste Frontlinie geschickt werden, dass von denen 70 Prozent nicht unbeschadet da rauskommen, also entweder sterben oder verletzt werden.

Aber in dieser Einheit ist es im Prinzip den Leuten egal. Hier zählt, wer den nächsten Tag einfach erlebt und überlebt. Dann ist beispielsweise noch Koschmar. Koschmar, das ist auch ein Funkname und der bedeutet auf Deutsch Albtraum. Und das war ein Typ, wenn man den gesehen hat, das war so ein gemütlicher, stämmiger, mit so einem doch relativ großen Bauch.

Guckte auch ganz freundlich und hat auch viel gelacht. Und der war, bevor er zum Bataillon Alcatraz gekommen ist, Maschinengewehrschütze in der 24. Brigade und der hat schon die Hölle erlebt. Der war neun Monate an der Front, bei Bachmut unter anderem, bei Chazivya und das waren eben auch Schlachten, die da geschlagen worden sind, die das Grauen gewesen sind.

Und ja, er ist dann angeblich, sagt er, ins Gefängnis gekommen, verurteilt worden zu fünf Jahren Haft oder fünf Jahren und vier Monaten Haft, weil er ein Telefon gestohlen hat. Er hat gesagt, er hätte sich ein Telefon genommen, als er irgendwie bei einer medizinischen Untersuchung war und habe das dann nicht dem Besitzer rechtzeitig mitgeteilt. Das klang alles ein bisschen seltsam.

Ich habe meinen Fixer, den Übersetzer, mit dem ich da unterwegs bin, Atem auch gefragt, also fünf Jahre Knast für einen Diebstahl eines Telefons, ist ja ein bisschen seltsam. Sagt er, nee, nee, das kann gut sein, also weil er eben im Militär war und dass er dann besonders hart bestraft worden ist. Ja, but anyway, also fünf Jahre und vier Monate Haft hat er bekommen, Koschmar und hat sich dann aber direkt freiwillig für dieses Programm gemeldet und bei Alcatraz gemeldet.

Was kann ich schon in einem Gefängnis erreichen? Nichts. Ich habe zwei Kinder, für die muss ich aufkommen. Und ich war schon mal an der Front. Ich hatte das Adrenalin und ich vermisse es. Ja, das klingt natürlich auch schräg. Er hat dann auch im Gespräch davon gesprochen, naja, also das seien schon interessante Erlebnisse gewesen oder Erfahrungen gewesen, die er da gemacht habe bei Chazibir und Bachmut.

Das klingt deutlich anders, als das viele andere Soldaten erzählt haben, die da vor Ort waren, die einfach gesagt haben, das war definitiv die Hölle, die wir da erlebt haben für Koschmar, wie gesagt, interessante Erlebnisse, der jetzt unbedingt wieder an die Front zurückkommen will, der mir dann auch gesagt hat, natürlich will ich wieder ein Albtraum sein für die russischen Soldaten.

Möglicherweise ist das auch so ein Verarbeitungsprozess, ich habe keine Ahnung, es ist auf jeden Fall, das was so sehnsüchtig klingt, ist natürlich auch so eine gefährliche Art von Erlösung. In diesem Trainingslager herrscht militärische Ordnung, keine Drogen, kein Alkohol, keine alten Gefängnisregeln.

Die Tage sind allerdings auch durchgetaktet, jede Stunde Training, jede Minute Disziplin. Ich habe Armin natürlich auch danach gefragt, weil Drogenkonsum in ukrainischen Gefängnissen eine Tagesordnung ist, so wie in allen Gefängnissen im Grunde genommen, also ob sie damit Probleme haben und das hat er dann auch so ein bisschen eingeordnet.

Ja, wir sind, wir kämpfen, wir kämpfen. Von Anfang, wenn jemand in den, Natürlich gibt es Probleme. Manchmal mit Alkohol oder auch mit Drogen. Aber wir führen Gespräche mit ihnen und sagen ihnen, hör zu, wir haben hier keine Gefängnisregeln und wir versprechen dir, von unserer Seite wird es keine Vorurteile geben, bezogen auf die Vergangenheit.

Und das Nächste ist, die sind hier 24 Stunden beschäftigt. Da gibt es wenig Zeit, über irgendwas anderes nachzudenken. Bis 6. und 7. Uhr. Das geht immer so. Vielleicht ganz wichtig war Armin auch zu sagen, dass die Soldaten, die er da ausbildet, keine Vergangenheit haben. Diese Regel, don't judge, Urteile nicht, die sei für diese Einheit sehr, sehr wichtig.

Sie haben also keine Vergangenheit, sie werden nicht beurteilt nach dem, was sie getan haben, sondern bei diesem Bataillon Alcatraz sind diese Männer einfach Soldaten. Und diese Männer, die kämpfen oder werden natürlich nicht nur gegen Russland kämpfen, gegen die russischen Soldaten auf der anderen Seite, sie kämpfen gegen ihr altes Leben, gegen das, was sie waren und viele von ihnen haben eben gesagt, sie wollen etwas gut machen.

Ich habe ja gerade gesagt, dass Alexander auch davon sprach, dass es irgendwie so eine Art Sühne sei und ja, einfach möglicherweise wollen sie sich irgendwie rehabilitieren durch das, was sie da vor Ort machen. Und ob das geht, das weiß niemand. Wer hier überlebt, der bekommt zwar die Strafakte gelöscht, ist also wieder ein weißes Blatt, aber manchmal reicht das wahrscheinlich nicht, um weiterzumachen und das abzuschütteln.

Und wie gesagt, ich habe mich bei denen auch gefragt, wie viele da tatsächlich überhaupt eine Chance haben werden, in ein normales Leben zurückzukehren, weil das, was sie erwartet, einfach sehr, sehr blutig ist. Und natürlich kann man auch darüber diskutieren, darf man das, Leute, die sowieso unter Druck stehen im Gefängnis sind, da raus wollen, darf man die sozusagen damit ködern, dass ihre Strafakten gelöscht werden, dass sie ein neues Leben anfangen können, indem man sie dann in die Armee integriert und dann an die Front schickt.

Ja, das ist so eine Frage, die ist natürlich schwierig. Aber auf der anderen Seite braucht die ukrainische Armee dringend Soldaten, um den russischen Pormarsch aufzuhalten. Die Russen rücken an vielen Frontabschnitten nach vorne und es braucht immer ein paar Personal, um das zu stoppen. Und insofern ist es glaube ich nachvollziehbar, dass die ukrainische Regierung da alles versucht, was möglich ist.

Wir haben ja in einer der Folgen unseres Podcasts darüber gesprochen, dass so ganz Junge jetzt auch animiert werden einzutreten als Freiwillige 18- bis 24-Jährige. Die Folge packen wir euch in die Show Notes. Auch das ist natürlich Teil dieser Versuche, diesen Personalmangel zu stopfen. Es ist möglicherweise auch die Frage, wie reagiert die ukrainische Gesellschaft darauf? Honoriert sie das? Gibt sie solchen Leuten eine neue Chance?

Ich hoffe, dass natürlich für Leute wie Koschmar, wie Alexander oder wie Torev, dass sie das einmal überleben, diese anstehenden Kämpfe, in die sie jetzt reingeworfen werden und dass sie dann auch wirklich ein neues Leben anfangen können und irgendwie eine Zukunft haben für sich und ihre Familien. Ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegsreporter für die Funke Mediengruppe.

Diese Folge wurde produziert von Alexander Baumeister. Er ist auch Journalist beim Radiosender der Funke Mediengruppe. Wenn euch der Podcast gefällt, folgt uns, bewertet uns oder schreibt uns eure Fragen und Themenvorschläge. So verpasst ihr auch keine unserer Sonderfolgen, die wir ab und an machen, jenseits dieses Zwei-Wochen-Rhythmus, in dem der Podcast erscheint, wo wir dann mal mit Expertinnen und Experten über aktuelle Geschichten sprechen.

Das war es auf jeden Fall für heute. Ich danke euch, dass ihr zugehört habt. Macht's gut, auf bald und tschüss.

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