Im Krisenmodus· Folge 122

Gaza in der Waffenruhe: Ärzte und Experten über die echte Lage

Mittwoch, 19. November 2025 · 29 min

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Shownotes

Was passiert wirklich im Gazastreifen seit der Waffenruhe? Warum sterben weiterhin Menschen – trotz Pause, trotz Hilfslieferungen?
FUNKE-Kriegs- und Krisenreporter Jan Jessen (nrz.de/autoren/jan-jessen) spricht in dieser Folge von „Im Krisenmodus“ mit zwei Menschen, die wissen, wie fragil die Situation ist:
Jan Wynands, plastischer Chirurg aus Bonn, der drei Wochen lang für Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen operiert hat
Jan Busse, Nahost-Experte an der Universität der Bundeswehr in München
Sie berichten über zerstörte Kliniken, Materialnot, politischen Druck – und die Frage, ob diese Waffenruhe überhaupt Leben retten kann.

🧭 Kapitelübersicht
1 – Ein Monat Waffenruhe
Was hat sich wirklich verändert – und was nicht?
2 – Diplomatie unter Druck
USA, Israel, Hamas: Warum der Waffenstillstand nur hält, solange die USA Druck machen.
3 – Die Frage der Entwaffnung
Warum dieser Punkt den Friedensplan zum Scheitern bringen könnte.
4 – Kliniken am Limit
Chirurg Jan Wynands über Versorgungsnot, Winterkälte und fehlende Medikamente.
5 – Trauma, Alltag, Überleben
Wie Menschen in Gaza diese Atempause erleben – zwischen Hoffnung und Angst.
6 – Was jetzt gebraucht wird
Zelte, Wärme, Wasser – und vor allem: eine politische Perspektive.
7 – Fazit
Warum diese Waffenruhe nur ein Anfang sein kann – wenn überhaupt.

🎧 Hör-Empfehlungen
Alle Geiseln frei – Was Trumps Nahost-Deal wirklich bedeutet (abendblatt.de/podcast/article410220917/alle-ge…)
Netanjahu in der Kritik – Israels Kriege an mehreren Fronten (abendblatt.de/podcast/article409631053/netanja…)

🤝 Unterstützungsmöglichkeiten
Welthungerhilfe
Ernährung, Wasser, Bildung – Hilfe zur Selbsthilfe.
🔗 Website: welthungerhilfe.de/spenden-sudan/hunger-und-ve…

Ärzte ohne Grenzen
Medizinische Unterstützung für Menschen im Gaza-Streifen – unabhängig und direkt vor Ort.
🔗 Website: aerzte-ohne-grenzen.de/presse/sudan-katastroph…

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Die Waffen schweigen, zumindest fast. Seit einem Monat gilt im Gazastreifen eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas. Und doch steht alles weiterhin auf der Kippe. Hilfskonvois kommen durch, aber nur wenige Menschen kehren in die Ruinen ihrer Häuser zurück. In den Tunnel unter Rafa im Süden des Gazastreifen sitzen weiter Kämpfer der Hamas, die sich weigern aufzugeben.

Seit dem Beginn der Waffenruhe sind bei israelischen Angriffen nach palästinändischen Angaben bis zu 200 Menschen getötet worden. Die Frage ist, was passiert eigentlich gerade im Gazastreifen? Wie realistisch ist der Friedensplan, den die US-Administration entwickelt hat? Und wie brüchig ist diese Waffenruhe, die wir derzeit erleben?

Und besonders wichtig ist, rettet diese Waffenruhe überhaupt Leben? Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen. Willkommen zu Im Krisenmodus. Ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter der Funke Mediengruppe. Meine Reportagen lest ihr unter anderem in der WAZ, der Berliner Morgenpost und im Hamburger Abendblatt und natürlich auch auf den Portalen der Funke Mediengruppe.

In dieser Folge versuchen wir zu verstehen, wie brüchig die Waffenruhe wirklich ist. Die Waffenruhe im Gazastreifen, die nach langem diplomatischen Gezerre ausgerufen worden war vor knapp einem Monat und wir versuchen auch zu erklären, was diplomatisch hinter den Kulissen passiert. Und natürlich auch, wie es den Menschen vor Ort geht, die seit Monaten zwischen Ruinen, Notunterkünften und Traumata versuchen zu überleben.

Gazastreifen ist für mich als Krisenreporter auch ein besonders schwieriges Pflaster, weil wir schlicht und ergreifend nicht in den Gazastreifen rein dürfen. Also ausländische Journalistinnen und Journalisten dürfen schon seit im Grunde genommen Beginn dieses Krieges nicht unabhängig in den Gazastreifen einreisen, obwohl wir das immer wieder verlangt haben.

Gefordert haben, um da Klarheit zu haben über das, was am Boden passiert. Also sind wir immer auf das angewiesen, was wir aus dem Gaza-Streifen hören, unter anderem auch von ausländischen Hilfsorganisationen, die da vor Ort aktiv sind. Gut, ein Monat Waffenruhe, das klingt auf der einen Seite nach Stabilität, aber auf der anderen Seite sieht die Realität ganz anders aus.

Wie gesagt, es sollen schon um die 200 Palästinenserinnen und Palästinenser nach palästinensischen Angaben jedenfalls bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen sein. Israel wiederum wirft der Hamas vor oder anderen bewaffneten Gruppen vor Ort, diese Waffenruhe zu verletzen. Und das ist ja ein Waffne, zumindest sehr fragile Waffenruhe, die wir da gerade sehen.

Es gibt zwar diesen Friedensplan, den die US-Administration entwickelt hat, federführend Jared Kushner, das ist der Schwiegersohn von Donald Trump, dem US-Präsidenten und Tony Blair, der frühere britische Premierminister. Das ist ein sehr ambitionierter Plan, den die da entworfen haben, eigentlich auch einer, der, wie ich finde, zielführend sein könnte, aber es gibt zur Zeit eben noch keinen wirklichen politischen Prozess, der das Ganze umsetzen lässt.

Es gibt keine verlässliche Kontrolle, keine gemeinsame Vision. Was wir jetzt im Gaza-Streifen erleben, also ich bin immer wieder mal im Kontakt mit einem Menschen, den ich schon sehr lange begleite im Gaza-Streifen. Mahmoud, von dem haben wir euch erzählt, immer wieder mal, wir packen euch ein paar Folgen der bisherigen Israel-Berichterstattung bzw.

Gaza-Berichterstattung in die Show Notes rein. Und ja, dieser Mensch, mit dem ich da immer wieder im Kontakt bin, der mir eigentlich sehr verlässliche, wie ich finde, Informationen immer geliefert hat und auch die Atmosphäre geschildert hat im Gazastreifen, der sagt, ja, einerseits gibt es jetzt deutlich weniger Bombardements, als das früher der Fall war vor Beginn der Waffenruhe.

Auf der anderen Seite sagt er, dass die humanitäre Situation immer noch grauenhaft sei. Zehntausende von Menschen leben immer noch in Zelten. Jetzt gerade kurz bevor wir diesen Podcast aufnehmen, gab es wohl massiven Regen. Viele, viele Zelte sind überschwemmt worden und die Lebenssituation der Menschen muss eben ziemlich prekär sein.

Und Wasser, Strom gibt es für diese Leute, die in den Zelten wohnen, in diesen Evakuierungsregionen im Gazastreifen zurzeit auch nicht. Was umgesetzt worden ist von diesem Abkommen, von dem ich gerade schon gesprochen habe, das ist sozusagen eigentlich ein 20-Punkte-Plan. Und im Grunde genommen haben wir nur den ersten Punkt, also Waffenschildstand und wir haben einen Austausch von israelischen Geiseln und einigen hundert palästinensischen Gefangenen.

Das ist erfolgreich gelaufen. Aktuell wird gesucht noch nach drei israelischen Geiseln, die gestorben sind im Gaza-Streifen, die entweder ermordet wurden oder bei israelischen Luftangriffen ums Leben gekommen sind. Das weiß man nicht so genau. Jedenfalls hat die Hamas zugesagt, auch diese Toten noch zu übergeben.

Aber wie gesagt, das zögert sich noch hinaus. Stand jedenfalls Zeitpunkt der Aufnahme dieses Podcasts. In Rafa wiederum im Süden des Gazastreifen sitzen noch 200, vielleicht auch mehr Hamas-Kämpfer in Tunneln fest, die sich nicht ergeben wollen. Also die Israelis haben ihnen gesagt, naja gut, dann werden wir die einfach zuschütten, die Tunnel.

Auf der anderen Seite weigern sich eben die Hamas-Kämpfer, ihre Waffen abzugeben, zu kapitulieren. Und das ist, glaube ich, so einer der wesentlichen Knackpunkte, da werden wir gleich auch drüber sprechen, einer der wesentlichen Knackpunkte, warum diese Waffenruhe möglicherweise eben nicht halten wird.

Denn dieser Friedensplan, den Kushner und Blair entwickelt haben, der sieht vor allem die Entwaffnung der Hamas vor und auch die Abgabe ihrer politischen Macht und danach sieht zurzeit nichts aus. Israel droht deswegen schon wieder mit neuen Angriffen, falls diese Entwaffnung der Hamas nicht klappt. Die USA wiederum drängen, Trump will seinen Friedensplan umgesetzt bekommen, seine vollmundigen Ankündigungen sozusagen einen ewigen Frieden zu schaffen in der Region.

Dann sind aber wiederum in Israel Hartleine die Rechtsextremisten im Kabinett Netanyahu, die überhaupt nicht zu Zugeständnissen bereit sind. Ja und die Bevölkerung, die sagt natürlich wie unser Freund Mahmoud, wir wollen endlich Frieden, wir wollen Perspektiven haben, aber im Grunde genommen trauen sie keinem.

Um zu verstehen, wie fragil diese Lage ist, sprechen wir zuerst mit Jan Busse. Er ist Politikwissenschaftler und arbeitet an der Universität der Bundeswehr in München. Und der Vorstadt Jan zum Nahen Osten hat auch mehrere Wochen schon insbesondere im Westjordanland verbracht und beobachtet sehr genau, wie diese Waffenruhe funktioniert.

Ich habe ihn gefragt, ob diese Waffenruhe ein Schritt Richtung Frieden ist oder nur ein taktisches Innehalten. Also ich glaube, es lohnt sich anzufangen mit einer ganz wesentlichen Unterscheidung, dass nämlich Donald Trump einen sogenannten Friedensplan präsentiert hat, der aber eigentlich bisher nur ein Waffenstillstandsabkommen ist.

Und das ist ein ganz, ganz wesentlicher Unterschied, weil Waffenstillstand erstmal nur sehr kurzfristige Faktoren betrifft und um es wirklich zu einem nachhaltigen Frieden zu transformieren, ist es eben noch ein langer Weg. Also Buster sagt, beide Seiten halten sich offiziell daran, aber nur, weil die USA massiven Druck ausüben.

Aber wenn wir uns jetzt nur den Waffenstillstand anschauen, dann würde ich sagen, die Situation ist schon angespannt, weil wir eben von beiden Seiten Verstöße gegen diesen Waffenstillstand entsprechend beobachten konnten. Aber gleichzeitig, und ich glaube, das ist das Wichtigste, sehen wir auch, dass sich die Führungen beider Seiten immer noch zu diesem Waffenstillstand bekennen. Und das ist, glaube ich, elementar.

Und gleichzeitig können wir eben auch beobachten, dass die US-Administration weiterhin den Druck hochhält, auch sehr präsent ist in der Region. Also Busse sagt ihm ganz klar, dieser Waffenstellstand hält nicht, weil die Konfliktparteien, also in diesem Fall Hamas und Israel das wollen. Sondern weil ihn Washington erzwingt.

Und selbst das ist auch nur begrenzt stabil, denn die Interessen der Hamas, Israels und der USA driften inzwischen wieder auseinander. Was so oft untergeht, ohne die arabischen Vermittler gäbe es diesen Waffenstillstand nicht. Sie sprechen mit den Hamas-Vertretern, die Israel nicht einmal trifft und sie haben eigenen Druck aufgebaut aus politischen oder sicherheitspolitischen Gründen.

Und das sind eben nicht nur Vermittler, also Ägypten in diesem Fall ist Vermittler, aber die Türkei und Katar, die auch vermittelnd in dem Prozess aktiv sind, sind auch die größten Unterstützer der Hamas. Und jetzt haben Katar und die Türkei, hatte man so ein bisschen den Anschein in den vergangenen Monaten so das Interesse verloren, daran die Hamas zu unterstützen.

Und Busse erklärt, wie Katar, die Türkei und Ägypten die Hamas unter Druck setzen könnten. Ja, also ich denke, die Rolle von Katar und der Türkei, die war beim Zustandekommen dieses Abkommens sehr, sehr elementar. Aber wir dürfen auch Ägypten nicht unterschlagen. Ägypten spielte dabei die ganze Zeit eigentlich auch eine wichtige Rolle und tut es jetzt auch weiterhin aus verschiedenen Gründen. Offenkundig natürlich, weil der Gazastreifen die einzige Außengrenze, die es nicht mit Israel teilt, zu Ägypten hat, im Sinai, dabei Rafa.

Und gleichzeitig, weil erwartet wird, dass Ägypten tatsächlich auch eine Führungsrolle spielen soll im Zuge dieser internationalen Stabilisierungstruppe, die Anfang 2026 geplant sein soll, in den Gazastreifen entsandt zu werden. Ja, also diese Stabilisierungstruppe, von der Busse da gerade spricht, das ist nur eine Idee in diesem Friedensplan, dass also...

Ausländische Soldaten, möglichst aus dem, zumindest islamischen, am besten auch aus dem arabischen Raum kommend, die für die Sicherheit im Gazastreifen nach der Entwaffnung der Hamas zuständig sein könnten. Da hat Indonesien sich jetzt kürzlich zu Wort gemeldet, hat gesagt, sie würden 20.000 Soldaten zur Verfügung stellen.

Wie realistisch das ist, macht man mal ein Fragezeichen dran. Jedenfalls, das ist wie gesagt diese internationale Stabilisierungstruppe von der Busse, der gerade gesprochen hat. Und wie gesagt, also Katar und die Türkei sind für die Hamas elementar wichtig, also ihre Leute, ihre Führungskräfte sitzen in der Türkei, sitzen in Katar und die ganze Organisation wird finanziell von diesen beiden Ländern unterstützt, ist auch unterstützt und aufgerüstet worden vom Iran, aber der Iran spielt aktuell da eine sehr untergeordnete Rolle.

Die haben innenpolitische Probleme, insbesondere Trockenheit, aber das ist ein riesen anderes Thema. Also insofern sind die Iraner aus diesem ganzen Verwicklungsprozess, Friedensprozess ohnehin raus. Und trotzdem auch, wenn die Vermittler erfolgreich sein sollten und wenn das irgendwie hält, ohne eine politische Perspektive, sagt Busse, kann das alles jederzeit wieder zusammenbrechen.

Die heikelste Frage der kommenden Monate wird aber erstmal sein, wird die Hamas ihre Waffen abgeben und was passiert, wenn nicht? Ja, ich glaube, dass da tatsächlich ein Knackpunkt liegt. Das war von Anfang an klar und die zentrale Frage ist tatsächlich, wie eine solche Entwaffnung aussehen kann. Also ich glaube, dass es äußerst unrealistisch erscheint, dass die Hamas einfach von einem auf den anderen Tag alle Waffen abgeben wird.

Das würde aus Sicht der Hamas einer Kapitulation gleichkommen und die Hamas hat immer wieder erklärt, wir würden, wenn dann unsere Waffen nur an eine palästinensische Autorität abgeben und das bringt uns eigentlich auf einen ganz zentralen Punkt, denn ich glaube, dieser ganze Plan, sei es dieses Element des Waffenstillstands, aber auch alle weiteren Schritte, die können aus meiner Sicht nur Erfolg haben, wenn sie wirklich an eine politische Perspektive gekoppelt sind.

Und zwar zum einen, weil die Hamas dadurch überhaupt erst bereit wäre, ihre Waffen abzugeben, aber zum anderen vor allem auch, weil ich glaube, dass man nur auf diese Art und Weise der Hamas und anderen radikalen Kräften tatsächlich die Unterstützung entziehen kann. Und da sind wir wieder bei der politischen Perspektive.

Busse macht also klar, ohne Aussicht auf einen eigenen Staat wird die Hamas nie völlig verschwinden. Also kein Hamas-Staat, aber ein Staat für die Palästinenserinnen und Palästinenser, die berühmte Zwei-Staaten-Lösung, von der seit vielen, vielen Jahrzehnten gesprochen wird, die ab und an mal beispielsweise durch den Oslo-Prozess zum Greifen nahe schien, aber jetzt wieder in ganz weite Ferne gerückt ist.

Aber ohne diesen eigenen Staat, sagt Busse, jedenfalls der Politikwissenschaftler. Wird die Hamas nicht verschwinden und weitere radikale Gruppen, beispielsweise der islamische Dschihad, die werden dann nach Ansicht von Busse weiter Zulauf haben, wenn da nichts passiert. Wenn Politiker und Diplomaten verhandeln, versuchen auf der anderen Seite medizinische Dschihad.

Teams und andere humanitäre Organisationen, das Unmögliche zu schaffen. Einer von ihnen ist Jan Wienanz. Er ist plastischer Chirurg am Universitätsklinikum Bonn. Und der ist gerade zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Podcasts aus Gaza zurückgekehrt und hat dort drei Wochen lang in überfüllten Kliniken operiert für Ärzte ohne Grenzen.

Das ist eine Riesen-NGO, die in Krisen- und Konfliktgebieten arbeitet und da medizinische Hilfe leistet. Und ich habe ihn gefragt, warum er überhaupt in den Gazastreifen gefahren ist. Was mich in den Gazastreifen gebracht hat, schlussendlich die Notwendigkeit, was tun zu müssen. Und da sind wir schon bei einem der Kernfragen.

Ist da jetzt ausreichend Hilfe? Es ist, glaube ich, nie genug Hilfe, die zu leisten ist. Auch wenn jetzt seit einem Monat diese Waffenruhe oder dieser Waffenstillstand besteht, So mangelt es den Menschen nach wie vor noch an dem Allernötigsten, an grundlegendem Hygienematerial, an Wärme. Ja, so eine Waffenruhe, das sagt ja ganz klar, das heißt nicht unbedingt, dass genug Hilfe vor Ort ist.

Im Gegenteil, die Waffen schweigen, aber die Not bleibt. Aber man muss nochmal klar machen, dass tatsächlich jetzt mittlerweile Hunderte von Hilfstrucks in den Gazastreifen reinfahren können. Aber das ist nach Ansicht sämtlicher Hilfsorganisationen, die sich in diesen Tagen zu Wort melden, ist das definitiv nicht ausreichend, um die Not der Leute zu lindern.

Und man darf nicht vergessen, auch im Gazastreifen fängt jetzt der Winter an. Ich habe ja gerade schon davon gesprochen, dass es eine große Regenflutkatastrophe gab im Gazastreifen. Da gab es jetzt keine Toten, dabei sind also keine Leute ertrunken, aber eben diese ganzen Zelte sind abgesoffen, in denen die Leute leben und das ist natürlich schwierig, in solchen Umständen dann leben zu müssen.

Bidens beschreibt, wie schnell das humanitäre System auch wieder zusammenbrechen könnte. Es ist trügerig zu sagen, dass das reicht, das passt. Das hatte ich schon in manchen Gesprächen so dargestellt, dass wir eine solide chirurgische Versorgung vornehmen konnten. Aber all das Material kommt halt von außen, kommt über die großen Organisationen, wie zum Beispiel Ärzte und Grenzen, mit denen ich ja jetzt da war und alles hängt so an der Nabelschnur.

Meint, ob das medizinisches Equipment ist oder andere Sachen, Lebensmittel etc., wenn da der Knopf oder der Hebel umgeschaltet wird, dann ist sowas auch schnell wieder erschöpft und Versorgungen nicht mehr in der Art möglich, wie ich sie jetzt durchaus finde. vornehmen konnte. Das lag jetzt an der Waffenruhe, dass gar nicht so viele Patienten mehr mit akuten Schwerstverletzungen kamen und man somit dann auch ausreichend Material hat.

Und das ist eben auch das Problem. Also das, was jetzt irgendwie so... Ein bisschen Hoffnungsschimmer ist, also es kommt mehr Hilfe rein. Das Bomben hat aufgehört, aber all das kann natürlich von einem Tag auf den anderen, sollte die Gewalt wieder eskalieren, erneut kollabieren können und jeder weiß das, auch die Menschen in Gaza.

Und Bielertz erzählt eben auch, was in Gaza derzeit medizinisch überhaupt noch möglich ist. Es sind von den 34 Krankenhäusern, die es mal in Gaza gab, sind nur noch wenige operationsfähig, sind noch wenige intakt. Er war im Nasser Krankenhaus im Süden des Gazastreifens, hat dort gearbeitet. Das scheint noch okay zu sein und noch einigermaßen zu funktionieren, aber auch das unter Einschränkung, das beschreibt er eben.

Aber wiederum wahrscheinlich auch nochmal eine Frage, was das jetzt für Fälle waren, wenn man für verbrannte Kinder zum Beispiel Eingriffe macht oder Verwandtswechsel vornimmt, sind da die Ressourcen schnell aufgebraucht. Also grundlegende Chirurgie, was meint das? Das Anbauen eines externen Fixateurs zum Stabilisieren eines Knochenbruches oder das Reinigen von Wunden oder das Absetzen einer Gliedmaße bei nicht mehr erhaltungswürdigen Verletzungen der Extremitäten, das ist alles möglich, aber gerade was so die...

Verbrauchsgegenstände angeht und auch Schmerzmittel und Antibiotika, das ist durchaus limitiert. Ja, das ist also eine Versorgung, die jetzt schon am Limit ist. Es gibt natürlich sehr, sehr viele Kriegsversehrte im Gazastreifen. Menschen, die schwere Verletzungen erlitten haben bei den Kampfhandlungen im Gazastreifen.

Und jetzt aktuell, das hat er auch beschrieben, was interessant hört sich zynisch an, aber auch eine Folge eben dieses Konfliktes ist, Kinder beispielsweise, die schwere Verbrennungsmuster haben, Weil die jetzt in diesen Zelten, wo sie jetzt untergebracht sind, die Menschen an offenen Feuerstellen heizen und kochen.

Und deswegen gibt es jetzt irgendwie viele Verbrennungen und andere Probleme, die es während dieser Kriegshandlung in diesem Maße nicht gegeben hat. Aber auch damit müssen sie eben zurande kommen, die Ärzte. Gleichzeitig sagt Minanz aber auch, dass es schon spürbare Auswirkungen dieser Waffenruhe gibt im Positiven.

Das ist eine Ernüchterung, ein Durchatmen. Und das habe ich auch so wahrgenommen, begonnen werden kann, jetzt zumindest wieder besser heute als morgen damit zu beginnen, wieder zumindest dahin zurückzukehren, wo mal ein Haus stand oder überhaupt zu dem Grund und Boden zurückzukehren, mal zu sehen, was ist möglich für die Zukunft.

Also es ist auf der einen Seite sicherlich eine Art Erleichterung da, aber auch gepaart mit einem klaren Realismus. Es sind Menschen in meinem Alter, die schon mehrere Kriege erlebt haben. Ich bin Mitte 40 und auch deren Kinder haben schon drei Kriege erlebt, wenn sie zehn Jahre alt sind. Und also ich denke, es ist ja ein bisschen auch Aufbruch da und erneut, man nimmt es auch eher heute als am nächsten Tag in die Hand.

Das finde ich wahnsinnig bewundernswert. Es ist aber auch eine tiefe Verletzlichkeit gerade jetzt da, wo man anfängt, vielleicht sich mit all dem Schaden, dem physischen, dem psychischen, dem Verlust an Menschen, die man erlitten hat, auseinandersetzt. Und ich glaube, das ist auch eine wahrnehmbare Belastung.

Auch vieler Kollegen, denen ich im direkten Gespräch begegnet bin. Das Problem ist, wenn Konflikte enden, wenn die Leute aus Stresssituationen rauskommen, das habe ich ganz häufig erlebt in anderen Kriegssituationen auch. Also wenn der Krieg vorbei ist, wenn die akute Gefahrensituation vorbei ist, dann brechen plötzlich die Traumata auf, die Menschen erlitten haben, weil man einfach die Zeit hat, sich sozusagen zu reflektieren, in sich rein zu horchen.

Und da bricht dann ganz oft eben, brechen die Verletzungen auf, die seelischen Verletzungen, die man während solcher Konfliktsituationen erlitten hat. Und das stellt Gesellschaften vor enorme Herausforderungen. Das gilt eben nicht nur vor Gazastreifen, sondern eben auch bei allen anderen Kriegs- und Konfliktregionen dieser Welt.

Und zudem beschreibt Wienerz ja auch so eine Gesellschaft im Schwebezustand. Also es gibt jetzt den Moment des Durchatmens und die bange Angst davor, was passiert als nächstes. Also auch Mahmoud, mein Freund, mit dem ich da immer wieder in Kontakt bin, der beschreibt eben genau diese Situation. Dass man sehr, sehr misstrauisch sei, wie es jetzt weitergeht, dass man zwar jetzt froh ist, dass man mehr zu essen hat, dass man irgendwie durch die Gegend laufen kann, ohne Gefahr zu laufen, bombardiert zu werden.

Dass die Freude natürlich auch darüber, im Fall von Mahmoud, der hat sechs Kinder, dass seine Kinder überlebt haben. Und all das, aber auf der anderen Seite eben auch diese wange Furcht, geht das möglicherweise wieder weiter und wie verhalten sich die Konfliktparteien. Und auch für Helferinnen und Helfer wie Jan Wienerns ist so eine Situation, also Wienerns war auch im vergangenen Jahr im Gazastreifen jeweils sechs Wochen, hat da gearbeitet für das internationale Rote Kreuz seiner Zeit und hat da dann eben auch operiert und hat gestorben.

Ganze eben auch nicht komplett aus den Klamotten rausgekriegt. Also insbesondere sind ihm die Gespräche in Erinnerung geblieben, die haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt, die er da geführt hat. Ich glaube, was mich nachträglich bewegt, und ich würde nicht sagen belastet, denn es ist einfach die Welt, in der wir leben, es ist einfach so, es ist eine Realität, was mich bewegt, sind diese Gespräche, die ich hatte, vor allem mit den Kollegen, wo dann wirklich mir einer zeigte, wie nach unmittelbar erfolgten Explosionen oder Raketenangriff sein achtjähriger Sohn gestorben ist.

Und das sind auch Begegnungen, Gespräche, wo man selber ja auch keine Worte hat. Ja, das sind Geschichten, die während dieses zweijährigen Krieges, den die Hamas mit ihrem Terrorüberfall am 3. Oktober 2023 ausgelöst hat, provoziert hat. Das sind Geschichten, die natürlich Tausende oder vielleicht sogar Zehntausende Menschen erlebt haben im Gazastreifen.

Und sie zeigen, diese Waffenruhe ist kein Reset, sie ist im Moment, in dem die Menschen erst realisieren, was sie verloren haben. Ich habe Jan Bienen zum Schluss gefragt, was aus seiner Sicht denn jetzt am dringendsten notwendig wäre, was wird einem Gazastreifen am meisten gebraucht und seine Antwort ist erschütternd klar. Die Liste ist lang.

Gaza braucht Frieden an erster Stelle. Gaza braucht, die Menschen brauchen Frieden. Ein menschenwürdiges Leben. Die brauchen jetzt, wenn ja schon nicht Häuser aufgebaut werden können über Nacht, zumindest mehr Zelte, mehr Decken, mehr Wärme, mehr Grundhygienemittel, noch mehr Nahrung. Ja, man merkt, dass es in den letzten zwei, drei Wochen ein bisschen mehr geworden ist.

Man merkt aber auch, dass nach wie vor alles andere als normal ist. Und insofern braucht es alles, um menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen. Und also ganz konkret braucht es wirklich jetzt, wo der Winter kommt, Wärme und Lebensmittel und ein Dach über dem Kopf. Wir reden oft über Gaza, als wäre es ein Ausnahmezustand. Das ist natürlich für uns und es gibt ja glaube ich keinen Konflikt, der emotional so dermaßen aufgeladen ist, war wie auch immer, wie dieser Gaza-Krieg.

Also was mich immer wieder so erschüttert hat, muss ich sagen, bei diesem Krieg, ist die Empathielosigkeit beider Seiten. Also man hatte irgendwie, das habe ich auch bei mir in sozialen Medien gesehen, wenn ich Dinge da über Facebook publiziert habe und geschrieben habe über den Gaza-Konflikt und dann, man hatte irgendwie so den Eindruck, es gibt so eine, fast wie bei einem Fußballspiel, Team Palästina und Team Israel und beide Seiten hatten, Also null Empathie für die jeweilige andere Seite und sind eben mit einer unglaublichen Aggression aufeinander losgegangen.

Also ich bin wahlweise für denselben Post, für denselben Artikel, den ich geschrieben habe, von Leuten als Antisemit beschimpft worden und auf der anderen Seite als zionistischer Schreiberling. Das fand ich bemerkenswert. Und wie gesagt, also für mich gibt es eben keinen Konflikt, der so emotional aufgeladen ist wie dieser Konflikt.

Und insbesondere eben jetzt konkret dieser Gaza-Krieg. Und ja, also wie gesagt, Ausnahmezustand, auch hier emotionaler Ausnahmezustand. Aber für die Menschen im Gaza-Streifen ist dieser Krieg jetzt seit zwei Jahren Alltag. Und auch die Auswirkungen dieses Krieges machen ihnen eben immer noch das Leben schwer.

Dieser Waffenstillstand, so brüchig er ist, zeigt auch, selbst das Minimum, was jetzt erreicht worden ist, das muss ständig verteidigt werden, humanitär, politisch und diplomatisch. Und das ist noch ein ganz, ganz weiter Weg, bis es tatsächlich zur Umsetzung dieses Friedensplanes kommen kann. Wie gesagt, der ist unglaublich ambitioniert.

Da geht es um den Wiederaufbau. Es geht darum, dass die Hamas ihre Waffen abgibt, eine Technokratenregierung installiert wird. Auf der anderen Seite soll es ein Board geben, dem Donald Trump vorsitzen soll, was sozusagen dann die Arbeit dieser Technokratenregierung als eine Art Aufsichtsrat beaufsichtigen soll.

Also ob das alles irgendwie umgesetzt werden kann, ist für mich eben eine riesengroße Frage. Und für mich ist auch die Frage, wie nachhaltig ist das eigentlich alles, insbesondere weil Trump ja so eine Aufmerksamkeitsspanne hat, die jetzt nicht gerade super groß ist. Und ich mir gut vorstellen könnte, dass wenn das irgendwie jetzt nicht schnell genug geht aus so einer Sicht, dass er da schnell das Interesse daran verliert und dann eben auch der entsprechende Druck nicht mehr da ist auf die israelische Regierung beziehungsweise auch auf die Hamas und das wird natürlich dann ein Problem werden.

Und was wirklich völlig offen ist, ist die große Frage, das wird in diesem Friedensplan völlig ausgeklammert, Und wie geht es eigentlich im Westjordanland weiter? Also dort, wo es seit dem 7. Oktober 2023 auch immer wieder zu Übergriffen gekommen ist von radikalen jüdischen Siedlerinnen und Siedlern, wo es erst kürzlich noch Angriffe von Siedlern gab auf Journalisten von Reuters, seiner Nachrichtenagentur.

Und wo die Situation eben sehr, sehr problematisch ist, weil Israel immer mehr Siedlung dort genehmigt, immer mehr Siedlung ausbaut und das natürlich eine Zweistaatenlösung in der Perspektive völlig behindert. Und deswegen ist die große Frage, ob das alles tatsächlich auf Sand gebaut ist, was wir da jetzt sehen oder ob das eine Perspektive hat.

Ich kann den Leuten natürlich nur wünschen im Gazastreifen, aber auch auf israelischer Seite, dass es irgendwie zu einem friedlichen Miteinander kommt. Am Ende geht es doch um Menschen und es geht um die Zukunft von Kindern im Gazastreifen, aber auch in Israel und darum, dass Leute irgendwie friedlich koexistieren müssen.

Anders geht es ja im Prinzip nicht. Aber bis es soweit ist, glaube ich, wird es noch ein sehr, sehr weiter Weg. Bis es zu einer solchen friedlichen Koexistenz kommt. Ich habe übrigens auch von Menschen, und deswegen machen wir diese Folge auch, in Kriegsgebieten gehört. Es hilft uns schon, wenn ihr erzählt, was hier passiert. Das haben wir mit dieser Folge versucht.

Wie gesagt, es ist für uns als Journalistinnen und Journalisten schwer, aus dem Gaza-Streifen zu berichten, beziehungsweise unmöglich. Wir dürfen immer noch nicht rein, weil die israelische Seite das nicht erlaubt. Das ist bitter für uns. Das ist schwierig, einfach anders als beispielsweise in der Ukraine.

Da kommt man ja in Kampfzonen rein und kann da auch mit Menschen sprechen. Das ist im Gazastreifen für ausländische Journalistinnen und Journalisten noch nicht möglich. Insofern sind wir auf Menschen wie Jan Wienhans angewiesen, der vor Ort war oder auf Menschen wie Machmut, mit dem ich immer wieder spreche oder auch auf andere Leute, denen man vertrauen kann, auf die man sich verlassen kann.

Wir haben es jetzt versucht, über diesen Weg zu machen, über die fachliche Einschätzung, die politische Einschätzung von Jan Busse, dem Politikwissenschaftler, Jan Bienhans, dem humanitären Helfer. Ich hoffe, das war für euch eine hilfreiche Folge, um zu sehen, wie ist der Stand aktuell im Gaza-Konflikt.

Und ja, ich sage einfach mal, danke, dass ihr wieder dabei wart. Ich freue mich darauf, wenn ihr uns weiterempfehlt und möglicherweise auch abonniert auf den gängigen Formaten. und danke, dass ihr zugehört habt. Das war im Krisenmodus der Podcast der Funke Mediengruppe. Diese Folge wurde produziert von Alexander Baumeister.

Er ist auch Journalist bei einem Radiosender der Funke Mediengruppe. Und wie gesagt, wenn euch unsere Arbeit gefällt, folgt uns, bewertet uns, schreibt uns gerne eure Fragen und Themenwünsche an krisenmodus.funkemedien.de. Vielen Dank fürs Zuhören. Passt auf euch auf. Bis zur nächsten Folge. Ciao, ciao. Macht's gut. Musik.

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