Im Krisenmodus· Folge 108

Reha nach dem Krieg – Leben mit bionischen Prothesen

Mittwoch, 27. August 2025 · 25 min

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Shownotes

Wie lebt man weiter, wenn der Krieg den eigenen Körper zerstört hat? In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ trifft FUNKE-Kriegs- und Krisenreporter Jan Jessen (nrz.de/politik/article409680389/ukraine-krieg-…) auf schwer verletzte Ukrainer – Soldaten und Zivilisten, die durch Raketen, Drohnen und Explosionen Gliedmaßen verloren haben. Sie sprechen über Operationen, bionische Prothesen, Hightech-Reha – und über die Frage, wie man zurück ins Leben findet.

Mit Stimmen von Yaroslav, Oleksander, Glib, Ihor, Roman und Vladym – Männer, deren Körper gezeichnet sind – die aber nicht aufgeben.

🧭 Kapitelübersicht
1 | Verwundet im Krieg – erste Eindrücke im Tytanovi-Reha-Zentrum
2 | „Ein zweiter Geburtstag“ – Glib überlebt den Drohnenangriff
3 | Psychologie und Hoffnung – Ihor nach den Brandverletzungen
4 | Leben mit Amputationen – Roman und Vladym kämpfen sich zurück
5 | Ein Ort voller Energie – Gemeinschaft und Zukunft

🎧 Hör-Empfehlungen
Podcast-Folge: "Leben unter Beschuss: Stimmen aus Cherson" (nrz.de/podcast/article409068822/leben-unter-be…)
Podcast-Folge über die "Bundeswehr in Litauen" (nrz.de/podcast/article409727684/bundeswehr-in-…)
Podcast-Folge über "Minen in der Ukraine" (nrz.de/podcast/article408478745/minen-jeder-sc…)

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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe

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Im Krieg in der Ukraine sind bereits hunderttausende Menschen verwundet worden. Im vierten Kriegsjahr toben Kämpfe im Nordosten, im Osten und Süden der Ukraine weiter mit gnadenloser Härte. Jeden Tag sterben Soldaten, jeden Tag werden Soldaten schwer verletzt. Die wenigsten treffen Schüsse des Feindes. Die meisten Verletzungen sind Folge von Explosionen durch Granaten, Raketen oder Drohnen. Diese Verletzungen sind furchtbar.

Andere Soldaten werden bei Raketentreffern in ihren Fahrzeugen zu essen. Wir wurden von Kamikaze-Drohnen getroffen. Meine Freunde sind gestorben. Ich habe überlebt. Im Krisenmodus. Der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt. Music. Mit Journalist Jan Jessen. Ich bin Jan Jessen, Politikchef der Neue Ruhe, Neue Rhein-Zeitung und Kriegs- und Krisenreporter der Funke Mediengruppe.

Meine Berichte lest ihr in der NRZ, der WRZ, der Berliner Morgenpost, dem Hamburger Abendblatt und online in unseren Funkeblättern. In dieser Folge von Im Krisenmodus nehme ich euch mit zu Menschen, die schwer verletzt aus dem Krieg zurückkehren und trotzdem einen Weg nach vorne suchen. Ein Reha-Zentrum, das Titanovi-Zentrum in Kiew.

Das Titanovi-Zentrum ist auf Kriegsversehrte spezialisiert. Alle von ihnen haben Amputationen erlitten. Hier bekommen sie nicht nur Prothesen, sondern auch die Möglichkeit, damit zu trainieren. Das heißt, ihre Beweglichkeit wieder zu erlangen. Und sie bekommen die Gelegenheit, langsam in ein anderes Leben zurückzukehren.

Und ich bin in dieses Zentrum gekommen über unseren Fixer. Fixer, das sind diese Leute, die uns Termine organisieren in der Ukraine. Die für uns übersetzen und die uns eben Möglichkeiten eröffnen, Geschichten zu machen, die wir natürlich vorher geplant hatten. Also ich wollte immer mal eine Geschichte mit Kriegsversehrt machen.

Eine ähnliche Geschichte hatte ich schon vor zwei Jahren oder so gemacht. In einem anderen Reha-Zentrum, aber dieses Titanobi-Zentrum ist auch deshalb was Besonderes, weil die Prothesen, die da angefertigt werden, sehr spezielle Prothesen, sind bionische Prothesen. Und das hat mich sehr interessiert. Und dann hat Artem, unser Fixer, die Türen für uns aufgemacht in dieses Zentrum, hat die Leute da kontaktiert und dann sind wir dahin gefahren und haben uns umgeguckt und haben Geschichten gemacht mit den Leuten, mit Soldaten gesprochen, aber auch mit den Pflegenden und mit den Ingenieuren, die da vor Ort tätig sind.

Unter anderem ist das Jaroslav. Jaroslav ist Ingenieur in diesem Reha-Zentrum. Der hat mir erklärt, wie bionische Hightech-Prothesen funktionieren. Das sind Prothesen, die sehen erstmal super abgefahren aus. Das sind so schwarze Prothesen, gerade diese Armprothesen, die sind sehr beweglich. Also die haben irgendwie 27, 28 Funktionen.

Die Finger können einzeln bewegt werden. Mit Hilfe von KI-Muskelsignalen lernen die Patienten, ihre Bewegung wieder zu steuern. Also diese Prothesen sind tatsächlich direkt mit den Körperempfindungen der Verwundeten verbunden. Und die Prothese, die reagiert, auf Nervenimpulse hat er erklärt. Die Signale laufen vom Gehirn über die Nerven in die Muskeln.

Sobald die Muskeln aktiviert werden, lesen Sensoren diese Impulse aus und übersetzen sie in verschiedene Befehle für die Prothese. Die Sensoren können verschiedene Arten von Signalen unterscheiden und unterschiedliche Signale bedeuten unterschiedliche Bewegungen. Das basiert auf künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen.

Ja, wie gesagt, es ist wirklich Hightech, was da angeboten wird, was da getestet wird. Und sicherlich wird die Ukraine auch, wie in so vielen anderen Bereichen auch, gerade was die Waffentechnik angeht, Auch da ein Land werden, von dem die Welt wiederum lernen kann. Das wird sicherlich eines der Zentren weltweit werden, wo die Prothesentechnik mit am meisten entwickelt ist nach diesem Krieg und sicherlich wird das auch etwas sein, weil dieses Ausmaß an Verbundungen, Amputationen, das sehen wir natürlich bei uns in Deutschland nicht.

Wo aber auch hier unsere Prothesenhersteller lernen nicht umsonst, sind auch in diesem Zentrum, in diesem Titanovi-Zentrum, ist auch eine deutsche große Prothesenfirma aktiv, die da sozusagen Feldstudien macht und sich das anschaut. Und ich denke mal, dass durch diesen Krieg, so schlimm das auch ist, die Prothesentechnik einen neuen Schub bekommen wird.

Und das wird sicherlich auch Menschen helfen, die nicht durch militärische Auseinandersetzungen verletzt worden sind und Prothesen brauchen. Und mich muss ich sagen, hat das also schwer beeindruckt. Also Jaroslav, der hat das erstmal in der Theorie gezeigt und danach kam Alexander. Alexander, der arbeitet auch als Bioingenieur da.

Alexander ist vor neun Jahren schon verletzt worden. Der hat also schon, der Krieg in der Ukraine, das wisst ihr. Dauert ja eigentlich schon länger an, nicht erst seit 2022, seit dem Beginn des russischen Überfalls, sondern eigentlich schon seit 2014, als die russischen Streitkräfte die Region Donetsk und Luansk mit besetzt haben, wo ja bruch russische Separatisten den Aufstand geprobt hatten damals.

Damals ist auch die Krim besetzt worden von den Russen und seitdem tobte eigentlich gerade im Osten des Landes ein Krieg, der jetzt nicht vergleichbar war mit dem, was gerade aktuell in der Ukraine passiert, aber es war ein Krieg und Alexander, der hatte in diesem Krieg schon 2015, 2016 seinen Arm verloren und ist jetzt im Bioingenieur, arbeitet da vor Ort und der hat mir gezeigt, wie das funktioniert und das war wirklich abgefahren.

Also er hat dann die Prothese angezogen und hat mir dann die Hand gegeben. Und das war wirklich ein kräftiger Händedruck, den er kontrollieren konnte mit seinem Gehirn. Und er hat mir dann auch erzählt, dass das natürlich nicht so ganz einfach war, mit dieser Maschine umzugehen. Am Anfang musste ich daran arbeiten, meine Muskeln zu trainieren, damit die Prothese mich versteht.

Mit der Zeit aber werden diese Funktionen automatisch. Heute steuere ich die Prothese mit sogenannten Phantomgefühlen. Wenn ich zum Beispiel daran denke, meinen Ellenbogen nach unten zu bewegen, dann geht die Prothese automatisch mit, weil eben diese Gefühle genauso funktionieren wie das Anspannen einer echten Hand.

Am Anfang musst du dich stark konzentrieren, wenn du lernst, und die Prothese muss dich auch erst kennenlernen. Aber jetzt läuft es. Wenn ich meinen Ellenbogen nach unten drücken will, mache ich genau diese Bewegung im Kopf und die Prothese reagiert. Genauso, wie wenn ich meine Hand zusammendrücken will. Wie gesagt, für mich ist das, ich bin ja völliger Laie, was sowas angeht, aber ich fand es wirklich abgefahren, dass man es irgendwie schafft, mit dem, was du gerade denkst, also unsere Bewegungsabläufe, die wir so haben, sind ja völlig automatisiert, wie er das ja auch gerade erzählt hat.

Aber man denkt ja nicht darüber nach, wie bewege ich jetzt meine Hand, wie bewege ich meinen Arm. Und dass das möglich ist mit so einem künstlichen Arm, das fand ich schon sehr, sehr abgefahren. Und das ist sicherlich eine Technik, die jetzt noch in den Kinderschuhen steht. Aber mit Hilfe von künstlicher Intelligenz wird das mit Sicherheit sehr, sehr schnell noch wesentlich effektiver werden.

Und ich habe ja vorhin gesagt, 27 Funktionen hat so eine Hand mittlerweile. Das werden sicherlich in der Perspektive mehr werden. Also irgendwann wird das dann eben automatisiert. Die KI lernt sozusagen, die Gedanken zu lesen von Menschen. Und das, ja was soll ich sagen, das fand ich halt schon super interessant.

Einer der Soldaten, die ich da getroffen habe, war Glipp. Glipp ist sehr, sehr jung, Mitte 20 und Glipp war auch Soldat und hat einen Drohnenangriff überlebt, bei dem seine Freunde starben. Das habt ihr vorhin eingangs gehört. Und er hat sowohl seinen rechten Arm wie auch sein linkes Bein verloren. Trotzdem hat er mir gesagt, für ihn beginnt sein Leben nach dieser Verwundung quasi neu.

Ich sage, das war wie ein zweiter Geburtstag für mich. Aber ich habe beide Gliedmaßen verloren. Nachdem ich verletzt wurde, hatte ich eigentlich keine psychologischen Probleme. Ich hatte verstanden, ich werde eine Prothese bekommen und das ist alles. Aber als ich eine klassische Prothese ausprobierte, mit so einer Manschette, da habe ich gemerkt, dass es für mich nicht funktioniert.

Ich habe eine sehr hohe Amputation, nur 12 und 5 Zentimeter Knochenrest sind übrig. Das ist nicht viel. Dadurch habe ich Komplikationen, besonders beim Gehen, weil ich sehr viel Kraft aufwenden muss, um überhaupt einen Schritt zu machen, um ein Gleichgewicht zu halten, damit ich nicht falle. Außerdem habe ich Probleme mit starkem Schwitzen. Dadurch ist mir die Prothese immer wieder abgefallen. Das hat mich ziemlich deprimiert.

Ich bin ungefähr acht Monate so gelaufen. Dann habe ich gesagt, nein, ich werde nicht mein ganzes Leben so leiden. Ich mache das mit dem Titanimplantat. Ich träume von einer glücklichen Zukunft, weißt du? Ich habe mich mit dem Schraub und das ist, warum meine Prostetik ausfallen. Und ich war ziemlich depressiv.

Ich war so wie das, um acht Monate zu gehen. Und danach habe ich gesagt, nein, ich werde nicht mehr so leiden. Und ich gehe für die Integration und ich träume über einen hohen Zukunft. Ja, ich meine, wenn man da durch dieses Zentrum geht und man sieht wirklich so viele krass schwer Verletzte, also da sind Leute, die keine Beine mehr haben, wo die Beine direkt unterhalb der Hüfte abgenommen worden sind.

Da sieht man Leute, die keine Arme mehr haben. Da sieht man Leute, die wie glib Arm und Bein verloren haben. Und man hat in diesem... in dieser Einrichtung auch viel Lachen gehört. Also die Leute sind, die ich da getroffen habe, trotz dieser krassen Verbundung, zumindest die meisten, die ich da gesehen habe, sehr, sehr lebensfroh und hoffnungsfroh, dass es für sie weitergeht.

Und das, ja, wie gesagt, das fand ich halt auch total beeindruckend. Denn es zeigt dem auch, dass ich glaube, was wichtig ist, dieses Zusammensein, also dass diese Leute sehen, sie sind nicht die Einzigen, die davon betroffen sind. Das sind ja meist junge Leute, die es da erwischt hat, alle in ihren 20ern oder bis in 30 Jahre plus und, wo man ja normalerweise denken könnte okay, ich habe mein Arm verloren, mein Bein verloren ich sehe natürlich auch irgendwie krass aus, wenn ich dann durch die Straßen laufe und dass das die Leute sehr depressiv macht, Aber ich glaube, durch diese Gemeinschaft, die sie da erleben, helfen sie sich eben gegenseitig aus diesen Depressionen raus und aus diesen dunklen Stunden raus.

Und ein Beispiel dafür ist eben auch Ihor. Ihor ist jemand, der schon heftig aussieht. Ihor ist verbrannt. Und Mikolajev direkt am Anfang des Krieges, der war früher in der Militärakademie, Offizier, ist dann natürlich in die Kriegshandlung sofort von Anfang an eingebunden gewesen. Und dem Mikolajev hat er einen Treffer abbekommen, wo er in seiner Basis war.

Und sieht wirklich fürchterlich aus, muss man sagen. Also ganz, ganz schlimm. Das Gesicht ist verbrannt. Die beiden Hände sind ab, sind also auch verbrannt. Seine Lunge ist kaputt und auch seine Stimmbänder sind zerstört worden durch dieses Feuer, was er überlebt hat. Also sein Gesicht, das sieht aus, als sei es geschmolzen. Und der arbeitet jetzt als Psychologe in diesem Zentrum.

Igor war für mich so ein Beispiel eigentlich, so ein Symbol für diese Ukraine. Also dieses Land, was jetzt seit dreieinhalb Jahren Krieg erlebt. Viele Städte sind zerstört, viel ist kaputt. Viele, viele Soldaten sind gestorben. Zehntausende, Hunderttausende sind verletzt worden. Und trotzdem kämpft dieses Land weiter. Trotzdem gibt dieses Land nicht auf.

Und ich fand, Igor war ihm so ein Beispiel dafür. Und er hat also, nachdem er da verbrannt ist, Dutzende von Operationen überstanden, lag monatelang bewegungslos am Bett. Und trotzdem, wie gesagt, gibt er nicht auf. Natürlich sehe ich Verbesserungen. In den ersten drei Monaten lag ich einfach nur im Bett. Aber es ist ein sehr komplizierter und harter Prozess.

Trotzdem spüre ich Fortschritte. Ja, diese Stimme, die ihr hört, dieses Flüstern, das liegt einfach daran, dass seine Stimmbänder kaputt sind und seine Lunge kaputt ist. Er hat so eine Röhre im Hals und deswegen kann er leider nur flüstern. Das hindert ihn aber nicht daran, als Psychologe in dieser Einrichtung zu arbeiten.

Ja, und er hilft eben auch den anderen. Ich habe mich natürlich auch gefragt, wie ist das, wenn jemand vor dir sitzt, der so aussieht wie Igor, ob das dann nicht irgendwie auch erschreckend ist oder verstörend ist für diejenigen, die vor ihm sitzen, aber ganz offensichtlich hilft das und er hat auch eine gute Art, auf Leute zuzugehen.

Trotzdem muss ich sagen, also ich habe die Bilder von ihm von früher gesehen, wirklich junger, auch sehr hübscher Mann und wenn man ihn jetzt sieht. Ja, dann weiß man eben, wie grausenhaft und furchtbar Krieg sein kann. Das gleiche gilt auch für Roman. Roman, der ist auch relativ früh in diesem Krieg verletzt worden, im Oktober 2022.

Er hat seinen Panzerabwehrraketenangriff auf ein gepanzertes Fahrzeug gegeben, in dem er unterwegs war mit zwölf anderen Soldaten. Alle diese zwölf Soldaten sind gestorben, er hat überlebt. Ist aber wirklich krass schwer verletzt gewesen. Also seine gesamte rechte Körperhälfte war betroffen. Er hat also sein rechtes Bein verloren, seinen rechten Arm verloren.

Sein Kopf wird nur zusammengehalten durch eine Titanplatte, die sie ihm da eingebaut haben. Sein rechtes Auge ist kaputt und sein rechtes Ohr auch. Also er hört da nicht. Er ist mittlerweile 46 Jahre alt. Er war da mit seiner Mutter. Er hat in so Geräten geübt. Im Prinzip wie so ein Fitnessstudio. wo man Laufbänder hatte, damit die Leute wieder laufen lernen, wo man auch andere Geräte hatte zum Muskelaufbau.

Und da hat er dann eben trainiert, seine Mutter, wie gesagt, bei ihm. Der überlebte im Oktober 2022 am Panzerabwehrraketenangriff, bei dem alle seine Kameraden starben. Es war ein langsamer Anflug. Wir waren bei Kharkiv in Richtung Luhansk. Wir kamen mit unserem Schützenpanzer zurück und in dieser Gegend schlug eine Panzerabwehrrakete ein.

Von den 13 Soldaten, die dort waren, war ich der Einzige, der überlebt hat. Ja, bei Roman hatte man so ein bisschen das Gefühl, das war einer von den wenigen, die ich da getroffen habe, die nicht ganz so hoffnungsroh waren. Weil er sagte mir auch erzählt, dass sie irgendwie sein Bein falsch amputiert hätten. Jetzt müssen sie noch ein Stück davon abschneiden.

Und man hatte so ein bisschen den Eindruck, dass er in einem Loch sitzt. Aber wie gesagt, er hatte zumindest die Unterstützung seiner Mutter, die dabei war. und die gute Hoffnung war, dass es ihrem Sohn an irgendwen wieder besser geht. Wladim wiederum, der ist erst 25 Jahre alt und im Juli 2024 traf ihn eine Artilleriegranate bei Kobiansk im Osten der Ukraine.

Also der hatte eine vergleichsweise frische Verletzung, also ein Jahr alt knapp und ihm mussten beide Beine amputiert werden und zwar kurz unterhalb der Hüfte. Und Wladim, der leidet unter etwas, was man Tunikett-Syndrom nennt. Tuniketts, das sind Selbstabbindesysteme. Die hat jeder Soldat dabei. Die haben wir auch als Journalisten dabei, wenn wir an die Front gehen.

Das sind Selbstabbindesysteme, die davor bewahren sollen, dass man verblutet, wenn man verbundet wird. Ganz häufig ist das so bei Schrapnellverletzungen. Das sind, also wenn irgendwelche Geschosse explodieren, fliegen da so kleine Metallsplitter durch die Gegend oder Metallreste oder es werden irgendwie Betonteile fliegen durch die Gegend, jeweils Schrapnelle, die dann großflächige Verbundungen machen können, die unter anderem dann natürlich auch die Arterien verletzen können.

Und wenn man arterielle Blutungen hat, würde man, falls da keine Hilfe kommt, also relativ zügig verbluten. Also hat man diese Selbstabbindesysteme, das sind so Dinger, die kann man sich dann um den Arm bzw. Das Bein binden. und dann zieht man die zu, dreht die nochmal weiter ab und dann wird der Blutfluss gestoppt.

Das ist für den ersten Moment eine super Sache natürlich, man verblutet nicht. Auf der anderen Seite, dadurch, dass man den Blutfluss abdreht, wird das Bein irgendwann oder der Arm absterben, wenn man nicht sofort oder nicht schnell Hilfe bekommt. Also man kann maximal zwei, drei Stunden folgenlos abgewunden haben, die Arme oder die Beine.

Und ganz häufig ist es in der Ukraine aktuell so, dass die Soldaten sehr, sehr lange nach einer Verwundung in den Schützengräben liegen, weil die Sanitäter sie einfach nicht rausholen können. Denn sobald Sanitäter nach vorne fahren und versuchen, die Leute zu evakuieren, greifen russische Drohnen an.

Das ist auch völlig egal, ob man dann einen Ambulanzwagen gekennzeichnet hat oder was weiß ich was. Die werden angegriffen. Und das heißt, ganz häufig liegen Soldaten mittlerweile neun Stunden, zehn Stunden, manchmal sogar Tage in den Stellungen, bevor sie rausgeholt werden können. Und wenn die dann eben diese Selbsterbindesysteme um den Arm oder das Bein haben, dann sterben diese Gliedmaßen ab. Und das passiert eben immer mehr Soldaten und das ist auf Wladen passiert.

Er ist jetzt in diesem Zentrum, macht intensive Physiotherapie und glaubt genauso wie Glipp ihm auch daran, dass er mit modernen Prothesen wieder aktiv sein kann. Ich kann keine klassische Prothese tragen, weil ich eine sehr hohe Amputation habe. Ich muss zuerst den Knochen verlängern bzw. Wachsen lassen. Die Physiotherapie hilft mir dabei, dass ich mich nicht selbst zurückziehe, sondern Sport mache und weiterlebe.

Die Ärzte sagen, dass es Möglichkeiten zur Knochenverlängerung gibt und sie sind optimistisch, dass ich später eine passende Prothese bekommen kann. Ich selbst sehe das auch positiv. Ja, ich habe es ja schon gesagt. Also was mich überrascht hat in diesem Zentrum bei der Optimismus, den ich da erlebt habe und auch dieser Glaube daran, dass sie wieder, im wahrsten Sinne des Wortes, auf die Beine kommen bzw.

Dass sie neue Arme benutzen können, das fand ich sehr beeindruckend. Also dieses Vertrauen in die Möglichkeiten der Technik, der Prothetik und gleichzeitig eben auch dieser Optimismus, der mit einem gegengeschlagen ist. Das ist, wie gesagt, sehr bemerkenswert. Es liegt vielleicht auch daran, dass dieses Titanovi-Zentrum in Kiew ganz sich deutlich unterscheidet von Krankenhäusern, in denen ich in der Ukraine war oder von anderen Reha-Einrichtungen, in denen ich war.

Also die meisten Reha-Einrichtungen, die ich gesehen habe, die sind halt einfach, wie man sich so ein Krankenhaus vorstellt, es riecht halt Desinfektionsmittel, es riecht Nabonerwachs, es ist relativ nüchtern und kühl eingerichtet, am besten auch noch irgendwie so weißes Neonlicht, was das Ganze dann irgendwie noch schlimmer macht.

Und das ist in diesem Titanovie-Zentrum ganz anders, also wenn man da reinkommt hat man sofort so eine warme Atmosphäre, da stehen dann viele Blumen rum und grüne Pflanzen, da hängen bunte Bilder an den Wänden, Graffiti an den Wänden, da hört man die ganze Zeit Musik, die über irgendwelche Lautsprecher kommt es gibt Aquarien mit Fischen drin das Ganze ist also sehr sehr chillig eingerichtet, schön eingerichtet und es gibt dann.

So Aufenthaltsbereiche, wo man Schach spielen kann oder wo man sich einfach ein bisschen unterhalten kann und quatschen kann. Dann sehr viele Ehrenamtler, die da arbeiten, junge Leute, die den Verletzten dabei helfen, ihre Übungen zu machen und das Ganze in einer sehr, sehr familiären Atmosphäre. Und ich glaube, das hilft den Soldaten natürlich auch, in so einer Umgebung, ihre Reha-Maßnahmen zu machen.

Das ist auch so ein energiegeladener Ort. Also man sieht den Leuten natürlich an, was sie erlebt haben, was sie durchlitten haben. Viele von denen haben schon, wie Roman oder auch Glipp oder auch Igor, die haben schon viele Operationen hinter sich, leiden im Grunde genommen immer noch unter Schmerzen und natürlich unter massiven Bewegungseinschränkungen.

Trotzdem geht es eben für sie peu à peu nach vorne und das fand ich schon berührend, als ich da war. Die Atmosphäre hier ist inspirierend. Es ist nicht wie in einem Krankenhaus. Diese Atmosphäre hier inspiriert dich, am Leben bleiben zu wollen. Aber es ist natürlich ein beeindruckender Satz von Igor, dass er sich inspiriert fühlt, am Leben zu bleiben.

Gerade Igor, der noch auffälliger verwundet worden ist, oder noch schlimmer verwundet worden ist, als die anderen Soldaten, da einfach sein Gesicht weg ist. Und das natürlich auch, wenn er im Alltag dann unterwegs ist, werden die Leute ihn angucken und er wird natürlich auffällig sein. Und trotzdem sagt er, macht er weiter, will er weitermachen und das fand ich toll.

Er unterstützt auch andere Leute, er arbeitet als Psychologe in diesem Zentrum und trotzdem wird natürlich dieses ganze Land noch über Jahre, Jahrzehnte an diesem Krieg leiden. und nach diesem Krieg leiden werden. Man sieht mittlerweile in den Städten auch ganz viele Verwundete. Ganz am Anfang war das so, dass man irgendwie den Eindruck hatte, diese Leute würden quasi versteckt werden in irgendwelchen Einrichtungen.

Möglicherweise ging es dann ja auch darum, die Moral der Bevölkerung nicht zu schwächen. Aber mittlerweile haben die Leute sich daran gebürzt, einen Anblick von Leuten, die Amputationen hinter sich haben. Ganz viele der Verwundeten, der Versehrten, die tragen diese Prothesen auch ganz offen. Also die haben dann die Beine hochgekrempelt beispielsweise, dass man die Beinprothese sieht.

Und ich glaube, das ist jetzt so ein Anblick, den wir natürlich in Deutschland überhaupt nicht mehr gewohnt sind. Das gab es bei uns am ersten oder zweiten Weltkrieg, dass man diese ganzen Kriegsversehrten gesehen hat, aber in der Ukraine ist das mittlerweile Alltag. Und so sehr dieses Titanovi-Zentrum natürlich diesen Leuten hilft und so toll es ist, dass es solche Initiativen gibt, dieses Titanovi-Zentrum ist auch eine private Einrichtung, die ein ehemaliger Offizier gegründet hat, um den Verbundenen zu helfen und das von Spenden lebt, dieses Zentrum. Und so toll das alles ist.

Aber natürlich sieht man einfach, wie scheiße Krieg ist, wenn man mit diesen Leuten zusammen ist, wenn man mit denen spricht. Egal wie optimistisch sie sind, egal wie hoffnungsvoll sie sind. Es sind Leute, die durch einen Krieg verbundet worden sind, den Russland über die Ukraine gebracht hat. Es ist ein Krieg, der immer noch nicht endet, trotz dieser ganzen Friedensverhandlungen, die angeblich jetzt geführt werden oder trotz der ganzen Friedensverhandlungen, die aktuell geführt werden.

Wird dieser Krieg weitergeführt und es werden sicherlich noch viele, viele junge Menschen unter diesem Krieg leiden, in diesem Krieg verbundet werden. Junge Menschen, die definitiv anderes in ihrem Leben vor hatten, als Soldaten zu werden. Die meisten jedenfalls, es gab natürlich auch Berufssoldaten darunter, aber die allermeisten hatten sicherlich anderes in ihrem Leben vor Und ganz sicherlich wollten sie nicht ihre Beine oder ihre Arme verlieren in einem Kampf, der ihnen aufgezwungen worden ist.

Und die Frage ist natürlich auch, wie geht es mit diesen jungen Leuten weiter, die ich da getroffen habe oder mit diesen Leuten, mit den Verbundeten? Wie werden sie sich in der Perspektive, in den Alltag integrieren können? Wie ist das mit Jobs für sie? Werden da barrierefreie Möglichkeiten geschaffen werden in der Ukraine?

All das sind natürlich offene Fragen, die noch geklärt werden müssen. Aber vor allem muss eben dieser Krieg so bald wie möglich enden, um einfach zu verhindern, dass noch mehr Menschen wie Igor, wie Roman, wie Glipp oder wie Wladimir unter solchen schweren Verletzungen leiden und durch solche Reha-Einrichtungen durchmüssen.

Deswegen, wie gesagt, hoffe ich, dass das irgendwie bald vorbei ist, dass Russland wie auch immer gezwungen wird, diese Aggression zu stoppen und zu beenden und dass es eben keine Verbundeten mehr gibt. Natürlich auch auf russischer Seite, das gehört ja auch so weit dazu, dass auch unter den russischen Soldaten sehr, sehr, sehr, sehr viele verbundet werden, darunter auch sehr, sehr viele junge Leute, die sich genauso wie die Ukrainer wahrscheinlich ganz anders in ihrem Leben vorgestellt haben.

Das war im Krisenmodus. Diese Folge wurde produziert von Alexander Baumeister, er ist ebenfalls Journalist, beim Radiosender der Funke Mediengruppe. Folgt uns gerne, dann verpasst ihr auch unsere Sonderfolgen nicht, die wir immer wieder mal einschieben zu tagesaktuellen Themen. Normalerweise gibt es uns jeden zweiten Mittwoch und dazwischen auch immer wieder Folgen auf Englisch.

Lasst gerne eine Bewertung da, das hilft uns sehr, unsere Arbeit sichtbarer zu machen. Empfehlt uns auch gerne an eure Freundinnen und Freunde, bekannten Verwandten, falls euch im Krisenmodus gefällt. Ich freue mich, wenn ihr das nächste Mal wieder dabei seid. Bis zur nächsten Folge. Macht's gut. Bye, bye.

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