Kinder sind auch Menschen· Staffel 1· Folge 3

Nachgehört: Neurodivergenz Grundlagen

Sonntag, 14. Dezember 2025 · 10 min

MP3

Shownotes

Gibt es schon erste Anzeichen im Baby- und Kleinkind-Alter, dass mein Kind neurodivergent sein könnte?

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Hallo und herzlich willkommen zur Nachgehört-Folge. Nachgehört-Folgen sind immer kleine Recap-Folgen zu den Mittwochsfolgen, wo es immer noch mal um einen spezifischen Aspekt geht oder etwas, wo ihr nachgefragt habt oder wo ich das Gefühl habe, das möchte ich auch gerne hinterher schieben. Das ist Sinn und Zweck der Nachgehört-Folgen und ich grüße eure Ohrmuscheln heute live aus einem Berliner Kiez, wo ich gerade spazieren bin. Das heißt, ihr habt hier drumherum eine andere Akustik als sonst.

Ihr werdet hören, wir sind draußen. Es kann ja sein, dass hier Sirenen an uns vorbeifahren. Vielleicht kommt auch jemand random und sagt, hey, I like your style and your outfit. Oder jemand kommt und fragt mich nach Koks. Es ist alles möglich und ihr seid live dabei. Das ist doch schön. Also, die Nachgehörfolge zum Thema Eurodivergenz.

Da kamen natürlich viele Nachfragen bei euch. In ganz viele verschiedene Richtungen. Und ich möchte kurz sagen, dass ja die Mittwochsfolge erstmal nur die Basis, die Grundlagenfolge war. Das heißt, ich werde noch Folgen aufnehmen zum Thema, ist eine Diagnose überhaupt notwendig, brauchen wir dieses Label.

Und wenn ja, wann dann mit der Diagnostik starten? Wie ist es mit Neurodivergenz und Schule und Kita und so weiter? Also ihr habt in ganz viele verschiedene Richtungen gefragt, auch ob das nicht irgendwie vielleicht doch durch die Erziehung geprägt ist und so. Und das sind alles so wichtige Punkte gewesen und das werde ich alles nach und nach noch in weiteren Neurodivergenz-Folgen aufgreifen. Aber dafür brauchen wir ein bisschen mehr Zeit und so eine Nachgehört-Folge ist ja immer nur ein ganz kleiner Snippet für den Sonntag.

Deswegen eine Frage, die ganz häufig kam, war, Mut, sag doch mal bitte, was sind denn die ersten Anzeichen, die ersten Signale, die ersten Merkmale, an denen wir vielleicht sogar schon im Babyalter oder Kleinkindalter erkennen können, dass unser Kind vielleicht neurodivergent ist. Und das ist natürlich eine völlig berechtigte Frage. Ich verstehe sehr, woher sie kommt. Und gleichzeitig ist das ein wenig schwierig zu beantworten. Ich würde natürlich am liebsten sagen, woran ihr erkennen könnt, dass euer Kind wahrscheinlich neurodivergent ist, ist vor allem, dass ihr selber neurodivergent seid. Deswegen würde ich euch alle, die ihr mit dem Thema sozusagen gerade liebäugelt, vor allem dazu einladen, erst einmal auf euch selber zu schauen und zu

gucken, ob bei euch vielleicht, bei euch oder eurem Beziehungspersonen und so weiter, ob da vielleicht Neurodivergenzen unterwegs sind. Und das ist doch auch schon mal ein guter Starter. Aber ich glaube, das war nicht das, was ihr hören wolltet. Also, es ist ein bisschen komplex. Einfach deswegen, weil wenn wir uns jetzt zum Beispiel mal eine Neurodivergenz rauspicken, wir picken uns mal ADHS raus, Da kamen auch die meisten Nachfragen zu, was auch klar ist, weil das gerade medial ein ziemlich präsentes Thema ist, worüber ich mich sehr, sehr freue. Ganz viel Aufklärung, ganz viel Sensibilität, ganz viel Awareness und Aufmerksamkeit.

Das finde ich toll. Deswegen werden wir uns jetzt ADHS anschauen. Dann sind die ganz klassischen Grundmerkmale sowas wie Schwierigkeiten bei der Fokussierung, bei Aufgaben und Aufmerksamkeitslenkung und Bündelung als auch eine große äußere oder innere Hyperaktivität. Und solche Dinge, fehlende Planbarkeit und Impulsivität in den Handlungen, als auch Schwierigkeiten in der Emotionsregulation.

Also so diese klassischen Merkmale, die, keine Ahnung, jede KI auch ausspuckt, wenn man fragt, woran erkenne ich den ADHS. Das sind vor allem alles Merkmale für jedes Kleinkind. Also da seht ihr schon, warum das so schwierig ist. Es ist quasi nicht möglich, bei einem dreijährigen Kind zu sagen, ja, das hat safe ADHS und das nicht. Weil ein absolut normtypisches Kleinkind hat natürlich keine Impulskontrolle, sitzt natürlich nicht stundenlang konzentriert an einem Tisch, sondern springt.

Und auch wortwörtlich, also ist auch körperlich aktiv, hat natürlich auch Probleme mit der Emotionsregulation. Also das ist ja einfach Ganz, ganz normale, entwicklungsgerechte Entwicklung in einem bestimmten Alter. Und deswegen seht ihr schon, alleine deswegen ist das ganz schön schwierig, bei kleinen Kindern zu sagen, ich denke, da ist ADHS. Bei Autismus-Spektrum ist das ein bisschen anders. Da ist es tatsächlich so, dass einige Eltern schon relativ früh gemerkt haben, irgendwas ist hier anders und, um dieses Wort mal in den Fokus zu setzen, komisch. Das ist tatsächlich etwas, was sich durch all meine Beratungen und Gruppen und Kurse so durchzieht. Ich habe so viele Ältere erlebt,

die schon im Babyalter und auch im Kleinkindalter zu mir kommen und sagen, das ist irgendwie komisch, was unser Kind tut und macht. Und das ist schon mal ein ganz spannender erster Hinweis. Und dann ist es natürlich wieder so, deswegen heißt es ja auch Autismus Spektrum, denn auch da ist es ja natürlich von bis. Also ich kenne sozusagen Familien, die berichten davon, dass ihre Babys schon nicht zurückgelächelt haben, wenn man sie angestrahlt hat, dass die sich dass sie solche Spielchen wie Kuckuck und so gehasst haben und immer geweint haben, dass sie Mimik und Gestik nie gespiegelt haben und so, wie zum Beispiel eben andere Kinder in dem Alter, wo man schon, also glaube ich, wenn man das schon

hört, merkt, ah ja gut, das finde ich auch ein bisschen auffällig. Das wäre mir, glaube ich, auch als anders ganz wertneutral anders aufgefallen. Aber das ist wahrlich nicht bei allen autistischen Babys der Fall. Und dann ist es tatsächlich bei den allermeisten Familien so, dass es wirklich erst auffällt, wenn diese Kinder das Familiensystem verlassen und in ein erweitertes äußeres System kommen.

Also in Krippe, Tagesmutter, Kita und Grundschule. Und dort wird dann entweder auch von der Außenwelt gespiegelt, so weiß ich auch nicht. Alle freuen sich auf den Weihnachtsmarkt und dein Kind versteckt sich unterm Tisch und findet das ganz fürchterlich oder so. Und nein, wenn das dein Kind macht, heißt das nicht, ach so, alles klar, das Kind ist neurodivergent.

So ist das eben grundsätzlich auch nicht zu sehen. Ich würde sagen, die meisten Eltern kennen neurodivergente Verhaltensweisen und das heißt aber nicht, dass all diese Kinder neurodivergent sind. Da seht ihr, deswegen ist das komplex. Deswegen macht man da auch eine genaue und teilweise sehr lange Diagnostik bei Menschen, die dafür ausgebildet sind, bei PsychiaterInnen zum Beispiel.

Wenn man das einfach so an sowas erkennen könnte, dann wäre das ja alles viel leichter und dann bräuchte man dafür auch nicht so eine gute Form von Ausbildung und Weiterbildung und so weiter. Also das heißt tatsächlich ist es meistens, wenn das Kind das Familiensystem verlässt. Erstens, weil wir im Familiensystem bestenfalls unser Kind einfach so genommen haben, wie es ist. Also im besten Sinne einfach als, ja, so ist das Kind, ganz wertneutral.

Und ich passe all das, wie wir unser Familienleben leben, auch an bestimmte Dinge an. Also auf eine bestimmte, weiß ich nicht, Reitsensibilität oder dass das Kind eben viel Struktur braucht oder, oder, oder. Ich hinterfrage gar nicht, warum, weil es so ist, sondern ich merke einfach, meinem Kind tut das gut und deswegen passe ich so unser Familienleben an, dass das uns und dem Kind auch gut tut.

Und sobald es dann eben in ein erweitertes äußeres System geht, ist das deutlich schwieriger, weil eben die ErzieherInnen natürlich oder die LehrerInnen das nicht so individuell und differenziert machen können. Es wäre so schön, wenn es so wäre, aber das ist ja nicht der Fall. kommt es logischerweise schnell dazu, dass dieses Kind dann doch Leidensdruck entwickelt oder einfach aus dem Rahmen fällt, sodass Menschen von außen eben sagen, wollen wir da mal drüber sprechen oder wollen wir uns das mal genauer angucken.

Übrigens auch noch so einen witzigen Aspekt, warum viele Eltern, erst wenn das Kind größer ist, merken, Achso, echt? Das ist nicht normal, das machen nicht alle. Das ist insofern ja witzig, weil wir ja wissen, dass Neurodivergenzen eine ganz hohe genetische Disposition hat. Sehr, sehr hoch. Das bedeutet, wenn ich als neurodivergente Mutter ein Kind bekomme, dann kann es gut sein, dass dieses Kind durch die Neurodivergenz mir in vielen Punkten einfach ähnlich ist. Also das, weiß ich nicht, ich habe vielleicht Probleme mit großen Menschenmengen und so weiter oder mit einer gewissen Reizsensibilität und so und mein Kind auch, dann ist das für mich ja komplett normal, weil so bin ich ja auch. Und wenn ich selber aber gar

keine Ahnung von meiner Neurodivergenz habe und nicht diagnostiziert bin oder was weiß ich, dann merke ich ja gar nicht, ah, mein Kind ist auch neurodivergent. Sondern ich merke vor allem, ja, mein Kind ist ja so wie ich und meine Partnerperson ja auch. Und deswegen ist ja alles wie immer. Also normal.

Und das ist, finde ich, eben auch so ein witziger Aspekt daran, dass das eben auch immer schon ein Zeichen ist, dass wir beim Neurodivergenz-Thema auch auf uns gucken dürften. Ach du meine Güte, jetzt sind schon zehn Minuten um. Danke, dass ihr bei meinem Walk and Talk dabei wart. Ich bin ganz gespannt, was ihr noch dazu denkt und fühlt und so weiter. Lasst mich das gerne wissen und dann wünsche ich euch noch einen wunderschönen dritten Advent.

0:00 / 0:00