
Kinder sind auch Menschen· Staffel 1· Folge 3
Neurodivergenz: Grundlagen
Mittwoch, 10. Dezember 2025 · 28 min
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Shownotes
Was ist Neurodivergenz und welche Merkmale gehören dazu
Wie fühlt es sich an, neurodivergent zu sein und neurodivergente Kinder zu begleiten
Was sind die ersten Schritte, die ich machen kann, wenn ich ahne, dass mein Kind (oder ich…) neurodivergent ist
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Kinder sind auch Menschen. Kinder sind auch Menschen. Ist überraschend, aber wahr. Kinder sind Menschen. Wunderbar. So Leute, herzlich willkommen zur dritten Folge. Heute geht's um das Thema Neurodivergenz. Leute, ganz ehrlich, ich bin wirklich wahnsinnig. Nee, keine Sorge. Ich denke nicht, dass ich in 30 Minuten es schaffe, euch alles zum Thema Neurodivergenz zu erzählen.
Nee, nee Leute, also damit kommen wir nicht hin. Deswegen ist der Plan, dass hier diese Folge, die ihr jetzt hört, das ist quasi die Basic-Folge. Also die Grundlagenfolge. Was ist Neurodivergenz überhaupt? Woran können wir das eigentlich erkennen? Außerdem wird es hier ganz, ganz authentische Einblicke geben in neurodivergente Köpfe und Ideen so für die allerersten Schritte.
Wie immer untergliedert ein Kapitel, ihr wisst doch, wie es läuft. Und das probieren wir jetzt mal. Ganz ehrlich, ich bin ein bisschen aufgeregt. Das erste Mal, dass ich bei einer Podcast-Folge ein bisschen aufgeregt bin, weil mir das Thema so, so sehr am Herzen liegt. Nicht nur pädagogisch, weil ich seit vielen Jahren Familien berate und begleite zu dem Thema Neurodivergenz, sondern auch einfach ganz persönlich.
Ich bin in einer Neurodivergenten-Familie groß geworden, bin selber Neurodivergent und habe überraschenderweise eine kleine eigene Neurodivergente-Familie gegründet. Also das ist ein Thema, das ist wichtig für mich selber und ich weiß auch für ganz viele von euch. Ach wisst ihr, pass auf, ich hab folgende Idee. Checkt doch die Folge mal an Menschen, die was über Neurodivergenzen lernen dürfen, die vielleicht so Klischees und Mythen im Kopf habt und so, wisst ihr? So die, die von diesem Trend sprechen und so. Macht das doch mal.
Warte. Macht doch einfach mal kurz. Nee, kein Stress. Wir haben Zeit. Geschafft? Okay. Hey, hallo, schön, dass du da bist. Weißt du was, das ist ein Kompliment, dass du diese Folge hier geschickt bekommen hast, weil der Mensch, der dir das geschickt hat, der traut dir zu, dass du dich zugewandt diesem Thema öffnest. Und offensichtlich bist du auch irgendwie wichtig im Leben dieser Person und das ist ja noch ein Kompliment. Und du brauchst auch wirklich nur offene Ohren und ein offenes Herz.
Und dann geht das alles schon. Mehr brauchst du gar nicht. Wirklich nicht. Einfach zuhören und das Herz ein bisschen öffnen. Weil die meisten neurodefizienten Menschen haben einen ganz schönen großen Leidensdruck in ihrem Leben. Sowohl die kleinen als auch die großen Menschen. Und Leidensdruck ist gar nicht hype-tauglich. Es ist gar nicht was, was richtig cool ist und wir uns wünschen und trendy und so.
Also auf die Frage, haben nicht gerade irgendwie alle ADHS oder Autismus? Antworten wir ganz entspannt. Als das Teleskop erfunden wurde, hat man plötzlich ja auch mehr Sterne gesehen. Sind wir bereit? Wir starten. Okay, was heißt Neurodivergenz überhaupt? Neurodivergenz ist erstmal einfach eine neurobiologische Varianz.
Ja, einfach innerhalb dieser großen Vielfalt ist das eine Variante. Das heißt, man könnte auch sagen, es ist eine ganz natürliche Form von kognitiver oder emotionaler und sensorischer Vielfalt. Wir wollen auch gar nicht so sehr davon sprechen, dass es ein Defizit ist, sondern eher eine andere Art. um Informationen zu verarbeiten, um die Welt um mich herum wahrzunehmen und ehrlich gesagt auch um Energien zu regulieren.
Das ist nämlich auch echt ein Punkt. Also Neurodivergenz ist erstmal ein Sammelbegriff. Ein Sammelbegriff für Menschen, deren neurologische Muster spürbar von der Norm abweichen. Deswegen haben wir neurotypische Gehirne und neurodivergente Gehirne. Und die gemeinsam, zusammengenommen, das nennt man dann Neurodiversität. Das heißt, Neurodivergenz ist ein Begriff, der Unterschiede beschreibt und zwar erstmal ohne sie zu bewerten. Und die spannende Frage, was alles zum Thema Neurodivergenz dazugehört, ist gar nicht so klar und trennschaft zu beantworten.
Einfach, weil dieses Thema noch relativ neu im wissenschaftlichen Diskurs ist. Da müssen wir noch ganz viel lernen. Und ihr glaubt gar nicht, seit vielen Jahren beschäftige ich mich als Pädagogin mit diesem Thema. Und was habe ich ich da in den letzten Jahren immer und immer und immer wieder Neues dazugelernt. Auch Dinge wirklich komplett aus meinem Wissensrepertoire gestrichen einfach, weil wir mittlerweile wissen, dass das doch gar nicht so ist.
Ich habe mein Vokabular verändert und so weiter. Darüber werde ich auch nochmal eine Podcast-Folge aufnehmen, in den weiteren Neurodivergenz-Teilen, warum wir zum Beispiel nicht mehr von ADS sprechen, also ohne H oder warum wir bitte nicht mehr Asperger sagen, sondern Autismus-Spektrum. Lauter solche Sachen, da durfte ich auch ganz viel dazu lernen und deswegen dürft ihr das nach und nach mit mir natürlich auch alles lernen.
Also was gehört zu Neurodivergenz? Was die allermeisten Menschen meinen, wenn sie von neurodivergentem Gehirn sprechen, ist, habe ich eben schon gesagt, ADHS, Autismusspektrum, aber auch Dyspraxie, Dyskalkulie, Legasthenie, aber auch sowas wie Tourette und solche Vielfaltsgeschichten. Also wir haben da eine Menge Themen, die wir darunter sammeln und daran sieht man auch schon, was sind denn das für, was sollen denn das für Gemeinsamkeiten sein?
Das sind ja unglaublich unterschiedliche Themen. Ja, und das ist zum einen ganz doll schön, weil wir vielleicht auch gar nicht immer so sehr differenzieren müssen, sondern auch eher gucken können, was ist vielleicht die Gemeinsamkeit, was ist der rote Faden. Und zum anderen sieht man auch, da muss einfach auch noch viel passieren.
Also, das Gefühl, dass das ja gerade so trendy ist, liegt ja auch daran, weil diese Themen gerade groß werden. Weil sowohl individuelle Menschen im Internet sich diesen Themen widmen, als auch natürlich der wissenschaftliche Diskurs. Und deswegen können wir da noch gar nicht so trennscharf und ganz genau das alles erklären.
Aber wir versuchen uns mal ranzutasten, gemeinsam. Nehmt meine Hand, wir gehen hier mal Schritt für Schritt ran. Ich probiere das jetzt mal aus. Ich sag mal vielleicht so sechs Punkte aufzuzählen, die neurodivergente Gehirne gemeinsam haben. Auch da muss ich erstmal ganz kurz sagen, unsere Gehirne, liebe Leute, die sind so individuell wie unser Fingerabdruck, ja?
Das Gehirn ist ja einfach nur Magic. Also jeder Mensch, der behauptet, das Gehirn verstanden zu haben, also das, nee, das kann man so nicht sagen. Es ist natürlich auch innerhalb des Neurodivergenz-Spektrum super individuell, aber ich probiere es mal, okay? Um es ein bisschen greifbarer zu machen.
Punkt Nummer eins ist, neurodivergente Gehirne filtern Reize anders. Das heißt, sie haben oft einfach eine höhere Sensibilität und Sensitivität für Geräusche, Licht, Gerüche, auch soziale Signale und so weiter. Und zwar gar nicht unbedingt nur eine höhere, sondern manchmal auch eine geringere. Also auch da wieder, das Verbindende ist quasi die Abweichung vom neurotypischen Reizfilter. Das zweite Thema sind Exekutivfunktionen. Jetzt fragt ihr euch, was soll das sein? Das ist sowas wie planen, priorisieren, Handlungsstränge, Start, Impulskontrolle, das Arbeitsgedächtnis. Und all diese klassischen Exekutivfunktionen, die verlaufen häufig anders.
Nicht unbedingt schwächer, sondern anders strukturiert und auch sehr abhängig vom Kontext, von der Situation, von der grundsätzlichen Kapazität. Der dritte Punkt ist die Energie- und Belastungsregulation. Also habe ich ja eben im Intro schon angemerkt, neurodivergente Menschen erleben Belastung, Stress und Erholung anders.
Also auch Aktivitäten, die viele Menschen ganz doll schön finden, die können neurodivergente Menschen deutlich stärker fordern und auch belasten oder auch viel stärker beflügeln als bei neurotypischen Menschen. Ihr seht, es geht immer in beide Richtungen, ne? Sonst wäre es ja auch langweilig. Der vierte Punkt ist das andere Muster in der Informationsverarbeitung, würde ich das mal nennen. Also das heißt, das Gehirn verbindet Eindrücke oft ungewöhnlich, sehr schnell oder auch einfach nicht linear. Also das zeigt sich in Form von Kreativität oder auch in Hyperfokus, Mustererkennung oder sehr starken, deutlichen Gedankensprüngen.
Der fünfte Punkt ist die soziale Wahrnehmung und damit einher geht natürlich auch die Kommunikation. Also das ist sowohl die Interpretation von sozialen Signalen als auch die ganz eigene Kommunikation und Ausdrucksweise. Auch das wieder nicht schlechter, sondern anders. Das Wort anders kommt oft vor hier im Podcast. Ich bin mal gespannt.
Macht doch ein lustiges Trinkspiel draus. Mit Kakao meine ich, weil wir befinden uns in der Weihnachtszeit, trinkt Kakao bei dem Trinkspiel. Und der sechste Punkt, der letzte, ist dieser spicy Tanz auf dem Vulkan zwischen Stärken und Herausforderungen. Also, neurodivergente Menschen haben durch ihre neurobiologische Varianz, durch ihre Hirnstruktur, ganz doll ausgeprägte Stärken in bestimmten Bereichen und gleichzeitig aber Diese riesigen Hürden in anderen Bereichen.
Also es ist, wie soll ich sagen, viel weniger gleichmäßig als bei neurotypischen Menschen. Und deswegen möchte ich auch gar nicht platt von der Superkraft sprechen oder so, will es aber auch nicht komplett als Defizit darstellen. Weil ich glaube, das habt ihr jetzt schon ganz gut mitgekriegt. Es ist irgendwie auch immer beides. So, da sind wir jetzt durchgerauscht, Leute, oder? Ich hoffe, ihr konntet mir halbwegs folgen. Ihr könnt immer natürlich auch nochmal anhalten, Pause machen, nachdenken, nochmal zurückspulen. Und denkt dran, wenn ihr vertiefende Fragen dazu habt oder Nachfragen oder wenn ich irgendwas nicht verständlich erklärt habe, dann meldet euch bei mir, also kommentiert unter den Podcast-Folgen, schreibt mir
auf Instagram oder, oder, oder. Bei YouTube könnt ihr auch kommentieren, ganz eben, welche Plattform ihr nutzt. Das war Kapitel Nummer eins. Und nun kommt Kapitel Nummer zwei. Und darauf freue ich mich am allermeisten. Es ist wirklich so. Und zwar habe ich drei diagnostiziert neurodivergente Menschen in meinem Leben gefragt, ob sie für euch Texte schreiben würden. Und zwar einfach ganz persönliche, auch vulnerable Texte, mit denen wir in ihre Köpfe gucken dürfen. Wie geht es euch als neurodivergente Person, wenn ihr etwas erlebt, was für nahezu alle Menschen einfach normal ist?
Alltag. Und zwar ist es das Thema mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, mit Kindern, wir sind ja immer noch ein Familienpodcast hier, hallo. Das zweite Thema ist Einkaufen gehen und das dritte Thema ist Ausflüge planen und durchführen. An dieser Stelle auch nochmal einen riesigen Dank an euch drei.
Ich weiß das ganz doll zu schätzen, dass ihr euch hier öffnet und dass wir in euren Kopf und euer Herz reingucken dürfen. Das ist ganz großes Glück. Danke. Ganz, ganz doll danke. Okay Leute, setzt euch hin, macht es euch gemütlich und lauscht, was in Neurodivergenten-Gehirnen so passiert. Wir fangen an.
Der erste Text ist von einem Neurodivergenten-Vater und es geht darum, wie das so ist, wenn man mit den Öffis unterwegs ist, was da alles so passiert. Ich lese vor. warum die BVG mein persönlicher Endgegner ist. In meinem Kopf und in meiner App gibt es einen Plan. Dieser Plan ist sakrosant. Er gibt mir Sicherheit. Wenn die App sagt, U7 Richtung Rathaus Spandau Abfahrt 14 Uhr 3?
Dann ist das ein Versprechen. Kommt die Bahn um 14 Uhr 4? Dann ist das für neurotypische Menschen eine Minute Verspätung, was soll's. Für mich fühlt es sich aber so an, als hätten sich das Universum, der Berliner Senat und der Bahnfahrer persönlich gegen mich verschworen, um mein fragiles inneres Gleichgewicht zu zerstören.
Jede Abweichung ist kein logistisches Problem, es ist ein persönlicher Affront. Draußen sind es zwei Grad. Ich trage Schichten. Dicke Jacke, Schal, Mütze. Dann betrete ich die U-Bahn. In Temperatur 45 Grad gefühlt. Luftfeuchtigkeit wie im Amazonas, nur dass es nach Döner und altem Schweiß riecht, statt nach bunten Blüten.
Mein Körper kann Temperaturregulation etwa so gut wie die BVG-Pünktlichkeit. Mir läuft sofort der Schweiß den Rücken runter. Ich will mir die Jacke vom Leib reißen, aber es ist ja kein Platz, weil ich zwischen einem Rucksack-Touristen und der Tür eingeklemmt bin. Ich schmelze panisch vor mich hin, während alle anderen scheinbar völlig entspannt sind. Man könnte denken, man gewöhnt sich an die Fahrt. Falsch.
Alle zwei Minuten hält das Ding. Zisch. Tür auf. Die Situation ändert sich komplett. Neue Menschenströme reinbringen neue Gerüche und neuen Lärm und neue Energien mit. Piep, piep, piep, piep. Tür zu. Rückeln. Mein Gehirn muss alle 120 Sekunden die komplette Gefahrenlage neu bewerten. Wer steht hinter mir? Warum hustet er?
Wer telefoniert denn da auf Lautsprecher? Es gibt keinerlei Konstante, an der ich mich festhalten kann. Es ist ein permanenter Reset meiner Wahrnehmung. Wenn ich alleine bin, dann habe ich eine Überlebenschance. Die heilige Dreifaltigkeit aus Airpods, Neues-Kind-Sling auf Maximum, iPhone und Resting-Bitch-Face.
Ich baue mir eine Blase, ich bin physisch anwesend, aber ich dissoziiere mich weg, bis ich mein Ziel erreicht habe. bin ich ja mit Kindern unterwegs. Dissoziation gestrichen. Ich muss präsent sein. Ich muss aufpassen, dass die eine mit ihren dreckigen Schuhen nicht die Sitze dreckig macht oder jemanden tritt, wenn die Beine von der Bank in den Gang baumeln und dass die andere währenddessen nicht von diesem Idioten mit dem Rucksack umgehauen wird.
Und das Problem? Mein Stress ist natürlich ansteckend. Die Kinder sind wie Geigenzähler für elterliche Anspannung. Sie spüren, dass ich kurz vor der Kernschmelze stehe und sie reagieren darauf. Sie werden lauter, zappeliger, fordernder. Ich versuche also, noch mehr Kontrolle auszuüben. Ich werde zum Mikro-Manager. Steh hier!
Fass das nicht an! Komm da jetzt weg! Ich versuche das Chaos im Außen zu kontrollieren, um das Chaos in meinem Inneren zu beruhigen. Spoiler, es funktioniert nie. Und über all dem liegt die bleiernde Decke des Maskings. Ich bin 1,90 Meter groß. Ich bin ein erwachsener Mann, ein Familienvater. Ich darf hier doch jetzt nicht zusammenbrechen, einfach nur weil es mir zu laut ist oder die Bahn zwei Minuten zu spät kommt. Also setze ich meine Alles-ist-cool-Maske auf. Ich wirke vielleicht ruhig, vielleicht bisschen genervt, so wie jeder Berliner, aber innerlich läuft eine Simulation auf Hochtouren, die mehr Rechenleistung frisst als jede fucking künstliche Intelligenz.
Ich analysiere jede Bewegung, jeden Blick, jeden Luftzug, nur um bloß nicht negativ aufzufallen. Angekommen bin ich nicht einfach da. Ich bin fertig. Mein Akku ist leer. Alle aussteigen bitte. Einmal neu starten bitte. Und nun kommt der Bericht einer neurodivergenten Mutter zum Thema Einkaufen mit Kindern dabei.
Auch da werdet ihr, wie bei dem Bericht eben, merken, das sind Situationen, die sind auch für neurotypische Menschen stressig. Also ich glaube, jetzt die wenigsten denken sich, ja, einkaufen mit Kindern, das ist ja toll, oder in einer überfüllten U-Bahn mit Kindern sitzen, super. Das ist völlig klar, das teilen sich neurodivergente Menschen mit neurotypischen Menschen. Aber ich glaube, ihr habt schon beim ersten Bericht gemerkt, das ist eine andere Schärfe, was da im Nervensystem gespürt und erlebt wird.
Zweite Geschichte. Mit großem inneren Wiederwillen betrete ich Baggieschieben, den Supermarkt, nachdem ich es nach langen Kämpfen irgendwie geschafft habe, meine beiden Kinder in die Schneeanzüge rein- und aus der Kita rauszubekommen. Ich fange direkt an zu schwitzen, in meinem viel zu warmen Wintermantel, meine Brille beschlägt.
Ich hasse das beides am Winter. Umständlich ziehe ich den Kindern zumindest ihre Wintermützen aus, wobei mir eine runterfällt, was mich extrem nervt und stresst. Also so eine schlechte Luft hier drin und viel zu viele Menschen. Kind Nummer 1 zerrt mich zu den kleinen Kindereinkaufswagen. Gott sei Dank steht noch einer da, sonst gäbe es jetzt ein riesengroßes Problem. Währenddessen klettert Kind Nummer 2 aus dem Buggy und fängt an, in Richtung Supermarktgänge zu tapsen. Klar.
Ich bin jetzt schon sowas von genervt und angespannt. Ach, was war das denn jetzt nochmal, warum wir hierher mussten? Was musste ich denn so dringend einkaufen? Mich darauf zu konzentrieren fällt mir unglaublich schwer, während ich versuche, Kind Nummer 1 mit dem Einkaufswagen zu helfen und gleichzeitig Kind Nummer 2 im Blick zu behalten. Und überhaupt, mein Kopf ist gerade viel zu sehr damit beschäftigt, das Gespräch vorhin mit der Erzieherin wieder und wieder und wieder durchzugehen.
Einfach irgendwie schnell nach hinten zu den Milchprodukten, weg von diesem fürchterlichen Eingangsbereich. Es kostet mich unfassbar viel Kraft, die Kinder dorthin zu dirigieren, ohne dabei gegen etwas oder jemanden zu stoßen, während mir die viel zu vielen verschiedenen Supermarktgerüche in die Nase steigen. Ich merke, wie sich alles in mir zusammenzieht und ich Kopfschmerzen bekomme.
Wirklich nicht gerade leicht, mich an diese scheiß vergessene Einkaufsliste zu erinnern, wenn ich immer wieder abgelenkt werde von den viel zu vielen bunten Lebensmitteln und Produkten links und rechts neben mir an den Regalen, die natürlich auch die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich ziehen. Erschwerend kommt hinzu dieses ständige MAMA von Kind Nummer 1, was viele Ideen dazu hat, was wir doch kaufen könnten und mir nebenbei noch von dem Kita-Ausflug erzählen möchte.
Ich merke, wie mir der Schweiß den Rücken runterläuft. Und dann passiert, was passieren musste. Meine Nachbarin läuft uns mit ihrem Einkaufswagen entgegen und fängt an, in einem wirklich freundlichen Smalltalk mit mir einzusteigen. Es überfordert mich komplett. Mit höchster Anstrengung versuche ich halbwegs sinnvoll und freundlich auf ihre Fragen zu antworten und dabei möglichst entspannt zu wirken, was mir wohl kaum gelingt, während Kind Nr. 1 ungeduldig an mir zieht und Kind Nr. 2 schon um die Ecke des nächsten Ganges verschwunden ist. möchte einfach nur hier raus. So, das lassen wir auch mal kurz sacken und kommen jetzt zur dritten Geschichte.
Auch hier berichtet eine neurodivergente Mutter. von einer Alltagssituation mit Kindern, in dem Fall geht es um einen Wochenendausflug. Ein Ausflug am Wochenende. Und in dieser dritten Geschichte gibt es auch einen Fokus darauf, wie es ist, mit neurodivergenten Kindern so eine Alltagssituation zu gestalten. Das war jetzt ja nicht der Fokus in den ersten beiden Geschichten, deswegen ist das ganz schön, dass das jetzt in Geschichte Nummer drei ein bisschen mehr auftaucht. Los geht's.
Ans Meer. Das ist das Ziel an diesem Wochenende. Es ist doch so schön am Meer. Und es ist auch nur 25 Kilometer entfernt. Das geht doch. Das Wetter passt. Es ist nicht zu heiß. Und wenn wir Glück haben, dann regnet es sogar, dann sind nämlich weniger Menschen am Strand. Okay, ich packe für die Kinder also einmal komplette Ersatzklamotten ein, falls wir nass werden. Besser wären zwei komplette Sets, aber von der einzigen akzeptierten Hose in der einzigen akzeptierten Farbe haben wir nur zwei.
Und die ist überall aufverkauft und auch nach stundenlanger Suche auf Vinted bin ich noch nicht fündig geworden. Also einmal Ersatzklamotten, denn wasserdichte Regenbekleidung ist Lava. Zumindest wenn man von den Geräuschen ausgeht, die die Kinder gemacht haben, als sie sie einmal anprobiert haben. Wir müssen direkt nach dem Frühstück los, um das kurze Zeitfenster zu erwischen, in dem alle satt sind und niemand im Auto einschläft.
Aber zum Glück können wir überhaupt wieder Autofahren. Denn fast ein Jahr lang war es für beide Kinder kaum auszuhalten, weshalb wir in unserer gesamten Familie nach Geld fragen mussten, um uns ein Lastenrad zuzulegen. Und damit sind wir sogar zweimal ans Meer gefahren. Zwei Stunden pro Fahrt. Und auf dem Rückweg gab es so schlimme Zusammenbrüche, dass wir nicht sicher waren, wie wir wieder nach Hause kommen. Aber jetzt, jetzt geht das Auto wieder. Wir sind mobil.
Also ans Meer. Es ist so schön am Meer. Wir packen genug Essen ein. Wir waren extra einkaufen, damit genug Safe-Food im Haut ist. Also schleppen wir das Eigengewicht der Kinder in Nahrung zum Auto. Zusätzlich Sahnenspielzeug. Autos, Bälle, Badesachen, Taucherbrillen, Neoprenanzüge. Wenn wir eine Sache in den letzten Jahren gelernt haben, wir müssen vorbereitet sein.
Jede vergessene Sache, jede Lücke im Plan, jede falsche Bewegung kann zum Abbruch führen, kann dazu führen, dass wir im Haus bleiben und stundenlange Zusammenbrüche begleiten. Hat hier sogar einmal zu Essensverweigerungen bis zur Ohnmacht geführt. Das prägt. Und nun sind wir immer vorbereitet, haben jeden Schritt im Kopf und laufen auch auf Hochtouren. Denn wir wollen ans Meer.
Dort ist es so schön. Ich will wirklich ans Meer. Nachdem vier Menschen noch elfmal auf dem Klo waren, sitzen wir irgendwann endlich alle im Auto. Habe ich eigentlich noch mein Schlafanzug drunter? Habe ich heute schon was getrunken? An mich denken, mache ich dann nächste Woche wieder. Vielleicht. Immerhin sparen wir das Schuhe-Anziehen bei den Kindern, denn Schuhe sind auch Lava.
Die Fahrt läuft gut, dank Heavy-Metal-Musik, die auf uns alle eine äußerst beruhigende Wirkung hat. Und dann kommen wir auf den Parkplatz an. Tatsächlich nieselt es ein bisschen. Jackpot! Keine Menschen, keine Blicke, keine Kommentare, kein zusätzlicher Druck. Wir klemmen uns unseren halben Hausstand unter die Arme und gehen zum Strand. Wir suchen uns einen Platz an der perfekten Stelle zwischen Spülsaum, Steine sammeln und Gebüsch aufs Klo und breiten die Decken aus.
Wir holen Spielzeuge und Essen raus, machen begeistert Vorschläge, was wir jetzt machen können. Leute, wir sind am Meer! Und da, da ist der Fehler. Wir haben kurz nicht aufgepasst. Wir haben uns kurz von unserer eigenen Freude hinreißen lassen. Waren euphorisch und haben nicht genug Zeit zum Ankommen, zum Verarbeiten und Regulieren gelassen. Haben den Plan verlassen.
Unsere Emotionen ohne Filter herausgelassen. Wir sehen die Welle auf uns zu rollen. Es folgt ein Zusammenbruch. Einer, den wir nicht vor Ort begleiten können. Einer, der Gefahr birgt. Also packen wir alles wieder ein und wir fahren nach Hause. Unser Leben ist oft sehr kompromisslos. Auch das haben wir gelernt. Es wäre so schön am Meer.
Das waren die drei Erfahrungsberichte von neurodivergenten Menschen. Und die hatten echt Wucht, findet ihr nicht? Ich möchte an der Stelle noch mal kurz betonen, das sind keine übertriebenen Berichte. Das sind nicht punktuell rausgegriffene Geschichten, wo es besonders doll oder schlimm war. Nee, liebe Leute, das ist Alltag für neurodivergente Menschen.
Und nun Teil drei. Was machen wir denn jetzt mit diesen ganzen Informationen, mit all dem, was jetzt vielleicht auch verschiedenste Gefühle in uns ausgelöst hat, ja? Vielleicht hat sich der ein oder andere wiedererkannt, sich selbst. Vielleicht hat der ein oder die andere auch eure Kinder wiedererkannt, könnte auch sein, oder andere Menschen in eurem nahen Umfeld.
Ich könnte mir vorstellen, dass das jetzt gerade ganz viel mit euch macht. Und deswegen ist das Wichtigste jetzt am Ende, Ruhe und Pause. Das ist kein Thema, das jetzt sofort den riesigen Drive lostreten muss. Ihr müsst jetzt nicht mitten in der Weihnachtszeit im Dezember in Aktionismus verfallen. Diese Folge dient vor allem erstmal zur Orientierung und nicht zur Tiefe.
Zu den ganzen tiefen Themen kommen wir noch. Was sind die Mythen rund um Neurodivergenz? Ist Neurodivergenz nicht vielleicht doch durch die Erziehung geprägt? Haben wir uns das nicht vielleicht selber verkackt, wenn unsere Kinder Neurodivergenz sind? Sind Diagnosen wichtig? Wie kommt man zu einer Diagnose? Ist eine Diagnose nicht irgendwie ein Label, eine Stigmatisierung, die wir vielleicht gar nicht haben wollen?
Worunter unterscheiden sich denn jetzt tatsächlich doch die einzelnen Neurodivergenzen und so weiter? Das kommt alles noch, okay? Step by Step. Diese Folge erstmal nur Basic-Orientierung. Und wenn ich euch jetzt einen Satz mitgeben darf, wenn ihr spürt, dass das was in euch auslöst, wenn ihr vielleicht aber auch schon voll in dem Thema drin seid, möchte ich euch einen Satz dazu sagen. Neugier statt Panik.
Geht mit Neugierde erstmal an das Thema ran. Sprecht mit Menschen darüber, von denen ihr denkt, für die ist das Thema vielleicht auch interessant oder haben sie da nicht schon mal drüber gesprochen oder vielleicht gehen die auch offen mit ihren Neurodivergenzen um. Geht mit diesen Menschen ins Gespräch und nutzt auch Social Media. Also es gibt so viele Reels und TikToks und Podcasts zum Thema Neurodivergenzen, zum Thema Autismus Spektrum, ADHS und so weiter und so fort.
Hochbegabung, alles was da noch so drunter fällt. Hört euch das an, schaut euch das an. Und ja, rein wissenschaftlich gesehen sind viele dieser Reels und TikToks nicht richtig tragfähig und haltbar. Aber die anekdotische Evidenz ist eben total hilfreich, um sich diesem Thema zu öffnen. Ihr seht da einfach Menschen, die von ihren Neurodivergenzen erzählen und könnt euch daran reiben und könnt sagen, nee, das sehe ich ja bei mir oder bei meinem Kind gar nicht oder huch, das kommt mir ja bekannt vor.
Also ich finde, genau dafür ist das ein perfekter Öffner, um sich langsam diesem Thema zu widmen. Es gibt auch Bücher rund um das Thema. Schaut euch das an, leitet euch das in Bibliotheken aus. Oder wie wir hier im Podcast sagen, in Apotheken. Haha, kleiner Insider. Also öffnet euch ganz in Ruhe und mit Neugierde diesem Thema. Step by Step, okay?
Das ist kein rauschender Zug, in dem ihr jetzt sitzt. Ihr dürft Baby-Steps machen. Ihr dürft auch zwei Schritte vor und einen Schritt zurück machen. Atmen, wie es eh so wichtig ist in der Elternschaft. Ihr wisst, Also, vielen Dank, dass ihr dabei wart, dass ihr euch diesen Geschichten geöffnet habt und diesem Thema. Und ich freue mich schon ganz doll auf die nächsten Folgen zum Thema Neurodivergenz, um mit euch da noch ein bisschen mehr in die Tiefe zu gehen.