Kinder sind auch Menschen· Staffel 1· Folge 7

Neurodivergenz: Diagnostik

Mittwoch, 7. Januar 2026 · 27 min

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Shownotes

Warum eine Diagnose so wichtig ist

Wie läuft die Diagnostik ab?

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Kinder sind auch Menschen. Ja, Kinder sind auch Menschen. Yeah, yeah, yeah. Kinder sind auch Menschen. Yeah, Kinder sind auch Menschen. Yeah. Ne, Leute, es erklärt sich, warum ich Pädagogin bin und nicht Musikerin, ne? Also gut, ich könnte natürlich auch, bevor ich so eine Aufnahme starte, einfach mir kurz einen Song überlegen. Einfach kurz mal hinsetzen.

Also wirklich einfach nur so einen Moment mal innehalten und überlegen, was könnte eine Melodie sein? Nö, ich denke mir immer so, zack, auf den Knopf gedrückt, los geht's. Mir wird schon irgendwas einfallen. Gut, jeder hat Stärken und Schwächen, was soll's. Wisst ihr, was meine Stärke ist? Dass ich unheimlich gerne mit euch über diese Podcast-Themen rede. Wirklich, das macht mich ganz glücklich. Ich danke euch sehr, dass ihr so mit dabei seid. Wir sind jetzt schon in Woche sieben. Ich finde das total verrückt.

Ich liebe das, mit euch über diese Themen zu sprechen. Und ich freue mich so sehr über all eure Rückmeldungen, eure kritische Auseinandersetzungen, eure Komplimente, die ihr mir gebt zu den Podcast-Folgen. Das ist so schön. Wirklich, das ist die beste Form von Medien. Ich kann es nicht anders sagen. Und heute geht es darum, was ich schon vor einiger Zeit angekündigt habe.

Ich werde nach und nach immer weitere Neurodivergenzfolgen aufnehmen, weil dieses Thema so groß ist, dass ich das niemals in eine halbe Stunde packen kann. Neurodivergenzgrundlagenwissen, also die ganzen Basics, das habe ich schon aufgenommen vor ein paar Wochen. Hört da gerne noch mal rein, falls ihr das nicht gehört habt.

Damit würde ich starten an eurer Stelle. Solltet ihr das schon gehört haben oder auch einfach schon ein bisschen tiefer in dem Thema drin sein, dann dürft ihr jetzt einfach hier mit dieser Folge starten. Ich habe noch keinen Titel für die Folge. Ich weiß nicht, wie ich das griffig nennen soll, sodass man das vielleicht auch findet, wenn man das sucht bei Spotify oder bei anderen Podcast-Plattformen. Das weiß ich gerade noch nicht.

Aber wenn ihr es hört, dann wisst ihr es schon, weil dann habe ich mich schon entschieden. Zukunfts-Almut wird was Kluges einfallen. Heute in dieser Neurodefizienz-Folge geht es darum, sollten wir mit der Diagnostik starten. Also braucht denn mein Kind überhaupt eine Diagnose? Ist es sinnvoll oder nicht vielleicht sogar auch schädlich oder hinderlich?

Was sind Pro und Contra dafür? Und darum geht es heute. Einfach nur, nur um das Thema Diagnostik oder Diagnose. Und so starten wir jetzt auch in das allererste Kapitel. Und dieses Kapitel heißt Angst vor dem Label. Denn das ist etwas, was verständlicherweise die meisten Erwachsenen, die meisten Eltern haben.

Dieses, das ist doch mein Kind, mein perfektes Kind. Ich weiß, was an diesem Kind schwierig ist. Ich weiß, was an diesem Kind toll ist. Ich kenne diese Verhaltensweisen und so weiter. Warum muss da ein Stempel drauf, ein Stigma, ein Label? Warum müssen wir das überhaupt labeln? Warum können wir nicht einfach sagen, jeder Mensch ist doch frei, ja, ich bin doch so bewusst gewesen in meiner ganzen Erziehung bisher, dass ich mein Kind eben nicht labele als irgendwas, ja. Können wir nicht einfach, ja, einfach Fokus auf Individualität legen und so und das mit diesen Labels lassen? Ja, das ist eine schöne Vorstellung, aber so funktioniert ja unsere Gesellschaft leider nicht. Also vielleicht passiert das

irgendwann mal, vielleicht gehen wir da in die richtige Richtung und brauchen für gar nichts mehr Labels. Aber aktuell ist es so, dass unsere Gesellschaft voll damit ist, völlig unabhängig auch von Neurodivergenz. Und dazu kommt, dass wir zwar das offizielle Label, also die Diagnose, die können wir verhindern, indem wir gar keine Diagnostik starten. Aber was dabei leider vergessen wird, ist, dass neurodivergente Kinder, die haben schon Labels.

Und zwar eine Menge, also wirklich eine unglaublich riesige Menge an Eigenlabels und Fremdlabels. Also ich arbeite ja seit vielen Jahren mit Familien zusammen als Pädagogin und da Neurodivergenz eines meiner Schwerpunktthemen ist, sind da logischerweise sehr viele neurodivergente Familien dabei. Und schon die kleinen Kinder und damit meine ich Kinder im Kita-Alter, Die sagen von sich sowas wie, ich bin faul, ich bin komisch, ich raste ständig aus, ich komme irgendwie nicht klar, ich bin anstrengend, ich bin zu empfindlich. Überhaupt dieses zu.

Leute, ihr glaubt gar nicht. Nervigente Menschen, die sind immer zu, zu von allem, zu empfindlich, zu laut, zu viel, zu anstrengend. Und diese kleinen Kinder sagen schon über sich, ich bin falsch. Ich bin weird, ich bin komisch, ich bin anders im negativen Sinne, nicht im wertneutralen Sinne. Ich bin verpeilt.

Ich kriege das einfach nicht hin. Das heißt, ihr seht schon, neurodivergente Kinder sind schon voll mit Labels, selbst wenn sie noch so klein sind. Und da gibt es übrigens auch sehr spannende Studien zu, dass neurodivergente Kinder ein Vielfaches mehr an negativer Rückmeldung erhalten von Anfang an.

Also nicht nur im Schulsystem, da besonders häufig, sondern einfach im sozialen Umfeld und auch schon in der Kita. Neurodivergente Kinder haben so viele negative Affirmationen um sich herum, durch ihr nicht neurotypisches Verhalten, durch ihr nicht neurotypisches Nervensystem, ihre Art zu denken, sich zu verhalten, die Wahrnehmung zu sortieren, zu strukturieren, zu verarbeiten und so weiter.

Das heißt, das Label ADHS oder Autismusspektrum oder Hochbegabung oder was auch immer, das ist ehrlich nicht das Problem. Sondern genau das Gegenteil. Also wenn ich sozusagen weiß, was es ist, dann kann ich mir das auch angucken. Alles, was einen Namen hat, kann man sich angucken. Und das ist gut und wahnsinnig wichtig, weil, und da werden mir jetzt erwachsene Menschen, die selbst neurodivergent sind, zustimmen können.

Neurodivergente Menschen schämen sich ganz oft. Oder sind auch einfach ein bisschen, ich sag mal irritiert. Warum bin ich so komisch? Warum ist das bei mir so anders? Sie schämen sich so viel für ihr Verhalten, für das, was sie nicht hinkriegen. Also fragt mal erwachsene Menschen mit ADHS, was das Thema zum Beispiel Organisation und sowas angeht. Ich sag nur offene Rechnungen und so weiter. Da ist so viel Scham.

Und wenn ich einen Namen dafür habe, dann hilft das. Und Eine Diagnose, welche auch immer das sein möge, ich nehme jetzt mal ADHS, damit es nicht so kompliziert ist, eine ADHS-Diagnose ist keine Pathologisierung, sondern Identitätsentlastung. Und genau das ist es. Ihr gebt nicht einem unbedarften Kind dann aus dem Nichts so einen Stempel auf die Stirn, ein Label, Sondern das ist eine Entlastung, eine Identitätsentlastung, die bestenfalls dafür sorgt, dass diese andere Narrative, diese anderen Label gehen dürfen. Und Kinder, die psycho-edukativ gut aufwachsen, die von ihren Neurodivergenzen wissen, die können sich auch Sätze zurechtlegen, schützende Sätze.

Sätze, die ihnen nicht nur in der sozialen Interaktion mit anderen Menschen helfen, sondern auch einfach ihren Selbstwert schützen. So was wie, mein Gehirn arbeitet anders. Ich bin nicht falsch, ich brauche andere Bedingungen. Also gut, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen gestöllt, vielleicht Kinder würden das wahrscheinlich anders sagen, aber ich glaube, ihr wisst, was ich meine. Also sie können sozusagen Dinge üben, zu sagen, was hilft, was sie brauchen, und das können sie nur, wenn sie Worte dafür haben. Aber ja, ich möchte das jetzt auch nicht schönreden. Ich weiß, dass das Label, dass die Diagnose ADHS oder Autismospektrum oder Hochbegabung oder was auch immer, Dyskalkulie, Dyslexie und

so weiter, die sind immer noch voller Stigmata, voller Vorurteile. Die bieten immer noch ganz viel Mobbingfläche. Das ist mir völlig klar. Ich bin aber der Meinung, dass gerade wenn wir das wegkriegen wollen, Diagnosen helfen. Also wenn alle Menschen erleben, dass sie Menschen in ihrem Familien- und Freundeskreis oder Arbeitskontexten haben, die diagnostiziert sind und damit ganz entspannt transparent umgehen, dann haben wir die Möglichkeit, dass nach und nach diese Stigmata verschwinden, dass die Vorurteile kleiner werden, dass die Mobbingfläche weniger wird. Deswegen glaube ich, es ist kein Gegenargument, sondern eher sogar noch ein Pro-Argument.

Da muss ich übrigens unbedingt mal eine Anekdote erzählen. Letztens auf dem Schulhof erlebt meine Tochter, ich war auf der Suche nach ihr, um sie abzuholen. Und dann höre ich, wie ein Kind, ich kannte das nicht, ich schätze, es wird so in der vierten Klasse gewesen sein, das hat sich mit einem anderen Kind gestritten und Dieses Kind schrie das andere Kind an und sagte, du hast doch ADHS oder so. Also ganz klar abwertend als Beschimpfung genommen, wo auch immer das für stellvertretend stand. Das angeschriene Kind sagte gar nichts, weil folgendes passierte.

Ein paar Meter weiter rief ein anderes Kind. Du hast ADHS? Cool, ich auch. Und dann rannte dieses Kind auf das eben angeschriene, beschimpfte Kind zu und nahm es in den Armen. und hüpfte fröhlich mit dem Kind weg. Das finde ich eine so schöne Anekdote, wenn man da den aktuellen Zustand sieht bei unseren Kindern. Es gibt die, die da immer noch logischerweise, weil es auch so in unserer Gesellschaft ist, immer noch Vorurteile haben, die das als Schimpfwort benutzen und so weiter und so fort, als Beleidigung.

Und dann gibt es die, die damit aufwachsen, als einfach nur eins ihrer Puzzlestücke, ganz wertfrei. Das macht keine Superkraft und das ist aber auch nicht das Schlimmste der Welt, es ist einfach nur eins ihrer Puzzleteile und das war so schön in dieser Situation selber, Wahnsinn. Warum ist eine Diagnose doch auch noch wichtig? Sie bietet nachweislich, also wirklich nachweislich, Leute, da gibt es Studien zu, sie bietet Schutz vor Folgeproblemen. Ja, also weil ich könnte mir vorstellen, dass jetzt einige von euch diese Folge hören und sagen, aber bei uns ist alles gut.

Also wir haben unser Leben gut eingerichtet und so. Mein Kind geht gerne in die Kita, kommt da gut klar, alles ist in Ordnung. so ist ja alles stabil und das glaube ich euch also und auch an dieser stelle wirklich ganz ehrlich und unironisch starke leistung stark dass ihr das geschafft habt euer leben an das kind und an eure nervensysteme anzupassen und nicht andersrum das passende leben zu finden ist ja ist sozusagen die die goldkategorie herzlichen glückwunsch an der stelle Und trotzdem möchte ich hinweisen darauf, dass es nicht so stabil bleiben muss. Also tatsächlich ist es so, dass bei vielen neurodivergenten Menschen das Problem auftritt ab Schule. Das Schulsystem ist wie so ein

Trennglas oder aber auch Schulwechsel. Vielleicht ist in der Grundschule noch alles okay, aber dann, wenn es auf die obere Schule geht, wird es schwierig. Pubertät, zunehmender Leistungsdruck, soziale Vergleiche, die stärker werden, Mücken größer werden. Also all das sind einfach Themen, die noch kommen.

Und da kann es sinnvoll sein, frühzeitig Aufklärung und Verständnis zu schaffen. Außerdem verhindert eine Diagnose auch Schuldumkehr. Weil sie eben wissen, ich bin nicht schuld, ich bin falsch, sondern sie wissen, warum da was in ihrem Gehirn eben wertfrei anders funktioniert, warum ihr Nervensystem andere Dinge braucht und so weiter.

Außerdem können Kinder mit einer frühen Diagnose schlichtweg bewusst Werkzeuge sammeln, die sie brauchen ihr ganzes Leben lang. Auch da muss ich unbedingt erzählen, dass einfach aus den Gesprächen mit den ganzen Erwachsenen, mit den Neurodivergenten Erwachsenen, mit denen ich seit Jahren Gespräche führe, ihr glaubt gar nicht, wie oft diese Erwachsenen Menschen sagen, hätte ich das mal früher gewusst, dann hätte ich mir so viel Selbsthass erspart. Und ja, Hass ist ein dolles Wort. Hass ist ein Wort, das uns Angst macht, wenn wir daran denken, dass unser Kind sowas fühlen könnte. Und trotzdem muss ich das sagen.

Das ist ein Ding, Leute. Und da hilft es eben auch, eine Diagnose zu haben. Und wenn wir jetzt auch mal wirklich an ein bisschen größere Kinder denken, also Richtung Jugendliche, Teenager, auch da ist es toll, ein Wort zu haben, weil ich mich dann zugehörig fühlen kann. Ich habe endlich eine Bubble. Ich habe da Menschen, mit denen ich mich normal fühle. Da bin ich normal.

Also da endlich mal sozusagen nicht normabweichend, also Neurodivergenz, sondern da bin ich normal. Und gerade in Bezug auf Social Media, deswegen eben für Teenies, ist das toll, weil sie haben dann die Worte, nach denen sie suchen können. Und dort können sie ihre Babel finden und Aufklärung und Sensibilisierung und Werkzeuge.

Also ihr glaubt gar nicht, wie viele Reels und TikToks es gibt, wirklich zu ganz praktischer Hilfe für neurodivergente Menschen. An die kämen wir doch nicht ran, wenn wir nicht explizit danach suchen könnten und dafür brauchen wir Worte. Und jetzt auch nochmal aus Sicht von mir als Mutter. Die Diagnose validiert dein Gefühl. Ihr glaubt gar nicht, wie viele Eltern mir immer gegenüber sitzen und sagen, ich habe von Anfang an gespürt, da ist was anders.

Ja, also wirklich teilweise wirklich schon in Bezug aufs Babyalter. Ja, ihr wisst schon die ganzen High-Need-Babys und so weiter. Eltern spüren das. Die spüren irgendwas ist da anders. Und gleichzeitig spüren sie nicht nur, dass da was anders ist, sondern die Elternschaft von neurodivergenten Kindern, die hittet anders. Das ist pflegende Elternschaft.

Das ist krass. Und das können sich Eltern mit neurotypischen Kindern nicht vorstellen. Diese Heftigkeit und diese oft auch Überlastung durch die Neurodivergenz, die ist krass und die ist von Anfang an da. Denn Kinder werden neurodivergent geboren. Das wird nicht anerzogen. Das habe ich ja schon in der ersten Folge gesagt, aber hier nochmal, weil ich es so wichtig finde. Und eine Diagnose validiert das, was du erlebst als Mutter und als Vater.

Und das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl. Und jetzt auch ganz pragmatisch, Leute. Ohne Diagnose gibt es keinen Nachteilsausgleich, zum Beispiel in der Kita oder der Schule. Es gibt keine Anpassung. Also wenn ihr da einfach zufällig auf tolle PädagogInnen stößt und nette Menschen, dann gibt es trotzdem eine Anpassung.

Und so sollte es auch sein. Aber so ist es natürlich einfach de facto nicht. Und ohne Diagnose habt ihr eben kein Recht auf Nachteilsausgleich. Ihr habt auch schlichtweg weniger Verständnis zum Beispiel im Schulsystem und dadurch einfach auch mehr individuelle Rechtfertigungspflicht von uns als Eltern.

Wir müssen das ständig erklären, wir müssen ständig darum bitten, wir müssen ständig sensibilisieren. Das ist Arbeit, das ist richtig Fakt. Arbeit. Das ist Mental Load, das ist emotionale Arbeit und auch wirklich einfach richtige, richtige Arbeit durch Schreiben, durch Telefonate, durch Erklärung, durch Recherchieren. Es ist unfassbar anstrengend.

Also um es hier nochmal ganz klar zu sagen, ja, also wenn ihr eine Diagnose habt, dann habt ihr das sozusagen offiziell schwarz auf weiß, da steht dann im übertragenen Sinne, diese Eltern sind nicht helikopterisch, sondern das Kind hat einen anerkannten Bedarf. Stempel. Und das macht mich ganz traurig, euch das zu sagen, weil ich wünschte, dass wir das nicht bräuchten.

Also ihr wisst glaube ich komplett, was ich meine. Aber so läuft es eben aktuell. Also ohne geht es nicht. Oftmals zumindest. So und deswegen Teil 2. Ich habe jetzt verstanden, warum eine Diagnose wichtig ist. Dass es vielleicht gut sein kann, mal zu recherchieren, ob ich in die Diagnostik gehen sollte mit meinem Kind.

Und trotzdem muss ich hier an dieser Stelle sagen, nein, ich empfehle es nicht, immer und überall in eine Diagnostik zu gehen. Und das liegt unter anderem daran, dass es leider nicht klar ist, dass die Diagnostik gut klappt, dass ihr da wirklich Hilfe bekommt, dass ihr da Validierung erfahrt und so all das, was ich gerade gesagt habe.

Warum nicht? Dazu kommen wir gleich. Jetzt fange ich nämlich erst mal dazu an, euch zu erzählen, wie läuft denn eine Diagnostik ab? Also was genau passiert denn da, was heißt denn ich melde mich an? Da muss man nämlich auch schon sagen, wenn ihr zum Beispiel wie ich in Berlin lebt, dann meldet ihr euch nicht einfach zu einer Diagnostik an, sondern ihr schreibt euch auf Wartelisten.

Und zwar auf ungefähr 10 bis 20. Und da wartet ihr ungefähr ein Jahr lang. Also so mal eben Diagnostik starten, ein bisschen schwierig. So und wie läuft es dann ab? Und zwar nach der ICD-11, wisst ihr alle, ist das Klassifizierungssystem, gibt es da Vorgaben zu, wie die Diagnostik zum Beispiel bei ADHS und bei Autismus und so weiter abläuft. Sie haben natürlich große Ähnlichkeiten, deswegen versuche ich es euch runterzubrechen.

Also es gibt eine klare strukturierte klinische Anamnese. Wenn das Kind groß genug ist, also alt genug ist, meine ich natürlich, wird das mit dem Kind selber gemacht, ansonsten mit den Eltern. Es geht da wirklich auch um Bezug der ganz frühen Kindheit, Schule, soziale Beziehungen, Belastung und so weiter.

Das wird sich sehr genau angeguckt. Dann werden Berichte, also genau genommen auch standardisierte Befragungsbügen, ausgehändigt nicht nur an die Eltern, sondern auch an Lehrkräfte oder an ErzieherInnen, wenn es in der Kita-Zeit ist. Und die werden dann natürlich eben auch ausgewertet. Und es werden Komorbiditäten geprüft. Ich weiß nicht, ob ihr mit diesem komischen Wort was anfangen könnt.

Das ist sozusagen, das sind gleichzeitig vorliegende weitere Diagnosen, also neben der Hauptdiagnose. Ganz klassisch ist das bei Neurodivergenz sowas wie Angststörung, Depression, bei erwachsenen Menschen ganz wahnsinnig starke Sucht. Schlafstörungen, Zwangsstörungen und so weiter. Also sowas wird dann sich auch genau angeguckt und mitgeprüft. Also das nennt sich Differenzialdiagnostik. Dann machen viele noch eine IQ-Testung oder einen Aufmerksamkeitstest oder beides.

Ich sage, ihr seht schon, ich sage, ja, viele machen das, manche machen das. Ja, warum genau, das erkläre ich gleich noch. Dann werden Verhaltensbeobachtungen gemacht. Also zum Beispiel in einer Spielsituation, in einer Rollenspielsituation. als auch zum Beispiel das Kind darf was malen oder kneten und dabei wird gesprochen und beobachtet, sehr genau hingeguckt.

Das ist natürlich total wichtig, dass der Mensch, der diagnostiziert, das sind meistens ausgebildete PsychologInnen oder TherapeutInnen, die da sozusagen extra für ausgebildet sind und ansonsten machen das PsychiaterInnen. Die gucken da sehr genau hin während dieses Gesprächs, um selbst auch eine Einschätzung zu kriegen und nicht nur durch die Erzählung der Eltern oder Lehrkräfte und so weiter. Und hier sind wir auch schon an einem Knackpunkt, wenn da nicht so genau hingeguckt wird oder auch schlichtweg nicht so viel Wissen da ist.

Das klingt jetzt so arrogant, aber ich hoffe, ihr wisst, was ich meine. Dann kann diese Verhaltensbeobachtung ziemlich nach hinten losgehen. Ich erzähle euch hier einfach mal kurz kleinste Dinge, die ich erlebt habe mit den Familien, die ich begleitet habe während der Diagnostik. Das ist dann sowas wie, dass die diagnostizierende Person gesagt hat, ja Autismus ist ausgeschlossen, weil ihr Kind hat beim Gespräch Augenkontakt gehalten. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich würde am liebsten meinen Kopf hier gegen eine Wand hauen ganz kurz.

Also das sind halt einfach dann genau diese Punkte, wo ich wirklich verzweifelt werde, weil wir eigentlich wissen müssten, dass das eine nicht mit dem anderen zu tun hat. Kleines Zitat hier von einem autistischen Mensch in meinem ganz nahen Umfeld. Dem habe ich darüber gesprochen, von wegen Augenkontakt und Autisten, ist ja so ein Klassiker, AutistInnen können keinen Augenkontakt halten.

Und dann sagte dieser Mensch, doch kann ich total siehst du ja, meinte ich, ja ja genau sehe ich, du hältst Augenkontakt. Kannst du mir was dazu sagen? wie du Augenkontakt hältst. Und da sagte mir dieser autistische Mensch, ja, ich gucke immer auf die Nase zwischen den Augen, also so den Anfang der Nase, und dann zähle ich.

Fünf Sekunden, dann gucke ich weg, ungefähr nochmal fünf Sekunden, dann gucke ich wieder hin, ein bisschen länger Augenkontakt, sagen wir mal so zehn Sekunden, dann gucke ich auf den Boden, dann gucke ich wieder in die Augen. Dieser Mensch hat mir minutenlang erzählt, was er sich für ein System zurechtgelegt hat, um Augenkontakt zu halten, damit er normal wirkt. Ihr versteht, was das Problem ist, wenn ich sage, das Kind hat mir in die Augen geguckt.

Das kann nicht Autist sein. Ich hoffe ja. Oder auch schon erlebt, das Kind hat sich beim IQ-Test ja konzentrieren können. Das kann kein ADHS haben, weil ADHS ist ja eine Aufmerksamkeitsstörung. Null bedacht, dass da Dopamin gekickt hat und dass unter Druck Menschen mit ADHS oft sehr gut funktionieren.

Oder was das Thema Anpassungen angeht oder auch schon erlebt, auch sehr schön. Wir haben einen IQ-Test gemacht. Ihr Kind hat einen sehr hohen IQ. Dadurch ist ADHS ausgeschlossen. Was? Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich könnte weinen. Das sind keine Randanekdoten. Das erlebe ich ganz, ganz häufig.

Und das ist so fürchterlich. Und überhaupt, dass so oft vergessen wird, wie stark Kinder schon in der Anpassung sind. Gerade übrigens auch Mädchen. Wie viel Masking die schon betreiben. Dann haben diese PsychiaterInnen diese Bögen von den Lehrern, von den Lehrkräften, die sagen, das Mädchen kommt in der Schule super klar.

Und die Eltern sitzen da aber und sagen, ja, aber zu Hause, zu Hause, es eskaliert jeden Tag. Mein Kind hat jeden Tag mehrere Meltdowns. Dem Kind geht es körperlich und mental nicht gut. Und daneben ist aber der Bogen, der Lehrkraft, wo draufsteht, das Kind kommt super klar, schreibt super Noten. Wo ist das Problem?

Und da brauchen wir jetzt eben diagnostizierende Menschen, die gut hingucken, die zum einen dann den Eltern sagen, erstmal herzlichen Glückwunsch für dieses gute Zuhause, das sie ihrem Kind schaffen. Also ich sitze da als Pädagogin immer und schaue diese Eltern an und denke, oh man, guckt mal, wie gut ihr das macht. Wisst ihr, was für ein gutes Zeichen das für eure Bindung ist, dass euer Kind zuhause so sein darf, dass es da eben nicht maskieren muss, dass es da nicht in der Überanpassung gehen muss, sondern dass es da so sein darf.

Und ja, wie anstrengend das ist das. Aber wie gut ist das auch? Und ich habe es übrigens auch andersherum erlebt, also dass Lehrkräfte mit Eltern sprechen und sagen, es wäre wirklich gut, wir würden da mal hingucken. Ja, also ich sehe, dass ihr Kind wirklich auch hier Schwierigkeiten hat mit unserem System und so.

Wir könnten vielleicht mal Richtung Diagnostik überlegen. Und dann gibt es Eltern, die sagen Nein, nein, auf keinen Fall. Eben aus Grund von Unwissenheit oder eben auch Angst vor dem Label. Da sind wir wieder am Anfang der Podcast-Runde. Also eine falsche oder eine oberflächliche Diagnose ist schlimm. Die verunsichert natürlich massiv das Kind und die Eltern. Außerdem, was verunsichert ist fast schon viel zu schwach, sie deprimiert.

Also eine falsche Diagnose oder eine oberflächlich verlaufende Diagnostik, die deprimiert. Wir Eltern haben doch dann keine Kraft mehr. Wir haben keine Kraft mehr, nachdem wir monatelang auf Wartelisten standen, für diesen scheiß Platz gekämpft haben und dann kommt sowas. Das Kind hat ja zur Begrüßung die Hand geschüttelt, kann nicht Autist sein. Das ist so fürchterlich und auch für die Kinder ist das so fürchterlich.

Das ist ein Strohhalm. der oft wegen Leidensdruck am Ende einer langen Reise steht. Und dann kommt sowas, das ist so hart. Außerdem beschädigt es Vertrauen in Fachstellen. Nachhaltig. Und es befeuert das Narrativ von diesem Bullshit von, ja, alle wollen doch ADHS haben. Da gehen die Eltern doch jetzt von Diagnosestelle zu Diagnosestelle, nur um endlich dann diese Diagnose haben zu wollen.

Was ja wirklich auch eine fürchterliche Erzählung ist. Und deswegen, ich weiß gar nicht so richtig, wie ich es euch zusammenfassen soll. Ich hoffe einfach, dass das hier rüberkam in dieser halben Stunde. Ja, ich bin ganz doll für Diagnosen. Ganz doll. Aber halt wirklich nur bei fachlich guten Stellen. Bei Stellen, die aktuelles Wissen haben. Die wissen, dass man da differenzierter und genauer und sensibler hingucken muss.

Und das ist das Problem. Ich würde euch jetzt so gerne hier in die Shownotes eine Liste packen mit Stellen, wo ich sagen kann, safe, da seid ihr wirklich zu 100 Prozent gut aufgehoben. Habe ich aber nicht. Ich habe eine ganz lange Liste mit Stellen, die mir immer wieder weiterempfohlen wurden. Wo es aber eben auch mal so und mal so ist, mal schwieriger, mal einfacher gewesen. Und ich möchte gar nicht, dass Diagnosen hinterhergeschmissen werden.

Ich finde eine differenzierte Diagnose ganz wichtig, damit es nicht verwässert. Und trotzdem ist es eben sehr komplex und sehr schwierig. Ja, es wird auch oft viel zu wenig eben auf die genetische Disposition geguckt. Ja, also da sitzen dann Eltern und erzählen Ja, wir selber diagnostiziert Neurodivergent Großeltern auch und so weiter.

Und dann ist das Kind aber so unauffällig und hoch angepasst in dieser Diagnostik Situation. Und dann hören die Eltern Ja, kann nicht sein. Und das ist halt echt schwierig. Ja und deswegen, was ist das Fazit? Sprecht mit anderen darüber. Also Menschen, die schon diagnostiziert sind und die selber vielleicht auf dem Weg gerade sind. Mundpropaganda ist alles A und O. Hört auf, Empfehlungen und informiert euch selbst. Stellt euch gut auf, indem ihr zum Beispiel hier sowas wie diesen Podcast hört.

Sprecht mit anderen, verbindet euch, bildet Banden. Ihr wisst, wie wichtig das ist. Das ist wahrscheinlich das Fazit. Puh, danke für diesen Ritt durch die halbe Stunde. Ich freue mich total auf die Rückmeldung von euch über eure Gedanken und Gefühlen dazu. Schreibt gerne Kommentare auf Spotify, schickt mir gerne Nachrichten bei Instagram, kommentiert da gerne unter den Videos, unter den Zitaten, die ich dann von den Podcastfolgen teile, sodass wir auch einfach miteinander in Kontakt kommen können. Denn das Bildet Banden gilt natürlich auch für die digitale Welt.

Schön, dass ihr hier mit im Bötchen seid. Das Bötchen, das heißt Kinder sind auch Menschen und ich freue mich ganz doll auf nächste Woche. Bis dann!

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