
Militär & Macht - die Analyse von ZDFheute live
Russland baut neue Drohnen-Abschussrampen - Ukraine weiter schutzlos gegen Luftangriffe
Freitag, 21. August 2026 · 31 min
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Shownotes
Russlands Luftangriffe treffen die Ukraine weiter hart. Insbesondere Angriffe mit ballistischen Raketen kann die ukrainische Flugabwehr quasi nicht abfangen. Nun zeigen Satellitenbilder, dass Russland (zdfheute.de/thema/russland-324.html) an den Grenzen zur Ukraine und zu Belarus weitere Abschussrampen errichtet, wohl auch für den neuen Drohnentyp Geran-5.
Während Putin die eigenen Kapazitäten ausbaut, greift die Ukraine mit Deep Strikes (zdfheute.de/politik/ausland/drohnen-angriffe-u…) Ziele tief im russischen Territorium an. Im Visier waren zuletzt Ölraffinerien, Lagerhäuser des Onlinehändlers Wildberries und die Produktionsstätte für Sojus-Raketen in Samara.
Bereitet Russland eine neue Drohnenoffensive vor? Was droht der Ukraine (zdfheute.de/thema/ukraine-198.html) jetzt? Und wie betrifft der Krieg aktuell die Bevölkerung beider Länder? Darüber spricht Alica Jung mit dem Militäranalysten Hendrik Remmel. Aus der Ukraine berichtet ZDF-Reporter Henner Hebestreit. Die Situation in Russland beobachtet ZDF-Korrespondent Felix Klauser in Moskau.
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Der letzte Winter in Kiew war schon ziemlich hart. Wenn es jetzt auch noch dazu kommt, dass ständig irgendwo Raketen einschlagen, wird die Stadt mehr und mehr für große Teile der Bevölkerung unbewohnbar. Was könnte der russische Präsident als nächstes in seinem Krieg gegen die Ukraine planen? In seinem Krieg in Europa?
Hey, ich bin Alisa Jung. Diese Frage habe ich dem Militäranalysten Hendrik Remmel gestellt. Denn auf Satellitenbildern entlang der russischen Grenze sind eine ganze Reihe neuer Stützpunkte mit Abschussrampen für Langstreckendrohnen zu sehen. Militäranalyst Remmel erklärt uns, warum sie und warum auch die neuen russischen Drohnen vom Typ Gerand 5 gefährlich für die Ukraine sind.
Weil sie der ukrainischen operativen Luftverteidigung und der taktischen Flugabwehr wesentlich geringere Vorwarnzeiten geben. Vor allem, wenn diese Drohnen in die nördlich gelegenen Großstädte und vor allem nach Kiew fliegen und dann dort einschlagen. Wenn wir uns die Karte anschauen, dann sehen wir, dass sich große Teile dieser neuen Einrichtung in unmittelbarer Grenznähe zu Ukraine befinden.
Und einen Großteil davon nördlich im Raum Belarus. Wenn Sie dort in Unglmacher Grenznähe diese Drohne abschießen, sie ist wesentlich schneller, weil sie jetbetrieben ist, als ihre Vorgänger, dann haben Sie eine Vorwarnzeit von nur wenigen Minuten. Und in Kombination mit den ballistischen Raketen und schnell fliegenden Marschflugkörpern, die sich auch immer mehr aus dem Norden in die Hauptstadt, annähern und auswirken, haben sie eine viel geringere Vorwarnzeit, nicht nur um die Bevölkerung zu wahren, sondern auch um ihre Flugabwehr um die Stadt herum und ihre operative Luftverteidigung adäquat zu planen.
Sie sprechen die ukrainische Hauptstadt Kiew an. Auch da gab es eben wieder letzte Nacht einen heftigen, massiven russischen Luftschlag mit vielen ballistischen Raketen, aber auch Drohnen, Marschflugkörpern usw. Was ist da die russische Strategie aktuell? Alle Raketen nach Kiew? Nicht alle Raketen nach Kiew. Das würde es dann tatsächlich zu einfach machen für die Verteidiger.
Es gibt eine leichte Anpassung in der Art und Weise, wie diese unterschiedlichen Flugkörper nach Kiew oder an andere Ziele gelenkt werden. Bis vor wenigen Monaten war es so, dass die Hauptidee die der Saturierung war. Das heißt, man hat vor allem mit billigen Drohnen Schahed oder dann die Weiterentwicklung Geran 2, Geran 3 in mehreren Hunderter Stückzahlen die ukrainische taktische Flugabwehr um die Städte herum überfordert.
Es gab einfach mehr Ziele zu bekämpfen, als man Munition hatte. Und es gab immer die koordinative Herausforderung, die billigen Flugkörper, vor allem die Drohnen, mit möglichst billiger Flugabwehr abzuschießen und dann vor allem im Bereich Patriot und Iris T, also teure Abfangraketen. Diese vorzuhalten, um dann die ballistischen Raketen und die schnell fliegenden Marschflugkörper abzuschießen.
Das Kalkül war, die Ukrainer dazu zu zwingen oder zu verleiten, möglichst viele ihrer, Hochtechnologiewaffensysteme für relativ günstige Ziele aufzuwenden, dadurch ihre Werfer und ihre Magazine in der Nacht leer zu schießen und dann am Ende mit den ballistischen Raketen und den schnell fliegenden Marschflückkörpern anzugreifen.
Jetzt ist es so, dass weite Teile dieser hochwertigen Abfangsysteme, vor allem Patriot, entweder komplett zur Neige gegangen sind oder nur noch letzte Reserven zur Verfügung stehen, um Regierungsgebäude zu schützen. Und das bedeutet, die Russen können nun mit den ballistischen Raketen und den Marschflugkörpern anfangen und oder simultan mit ihren Geran 4 und Geran 5 Drohnen angreifen, ohne Angst zu haben, dass sie ihre wiederum teuren Systeme, also vor allem ballistische Raketen und schnell fliegende Marschflugkörper, sinnlos in dieser.
Luftverteidigung, in dieser taktischen Flugabwehr verbrennen. Das führt wiederum dazu, dass es extrem kurze Vorwarnzeiten gibt. Diese Raketen, ballistische Raketen, erreichen in ihrem Endanflug Mach 6, Mach 7, Mach 8, also haben auch Hyperschallfunktionen. Und die schnell fliegenden Marschflugkörper, vor allem Zircon ist gerade ein Problem mit Mach 7 bis Mach 8, von Norden ausgefeuert, verschaffen maximale Vorwarnzeiten von zwei bis vier Minuten für die Bevölkerung, aber auch für die Soldaten, die mit der Flugabwehr betraut sind. Und das ist ein Problem.
Die hochwertigen Raketenabfangsysteme hätten nur noch letzte Reserven, um Regierungsgebäude zu schützen, meint Hendrik Remmel. Mein Kollege Henner Hebestreit ist gerade in Kiew und berichtet uns, wie er die massive Angriffswelle mit ballistischen Raketen erlebt, die immer wieder Ziele mitten in der Stadt trifft. Und immer öfter auch tagsüber.
Vor einer halben Stunde hat es hier etwa 10, 15 Kilometer entfernt eine starke Explosion gegeben, einen Einschlag gegeben. Hinter mir ist sehr starker Rauch, der von der Richtung durchzieht. Ich weiß nicht, mit der untergehenden Sonne kann man das jetzt wahrscheinlich nicht mehr sehen. Wir wissen nicht, was da getroffen ist. Aber solche Angriffe auf ein Ziel, was anschließend so stark brennt, zu dieser Tageszeit ist das ausgesprochen selten.
Normalerweise wäre das, untergebe ich dem Kollegen absolut recht, nicht an der Luftverteidigung vorbeigekommen. Wir haben nicht mal Luftverteidigung gehört, bevor die Explosion passiert ist. Also da verschärft sich gerade sehr viel. Heute Nacht war das ähnlich, kurz nach Mitternacht, massiver Beschuss, das hat etwa eine halbe Stunde lang angehalten.
Und auch heute den ganzen Tag über gab es im Norden, Nordosten von Kiew, wo die ganzen Logistikzentren sind, Lebensmittelversorgung und dergleichen mehr. Immer wieder bei helllichtem Tag, bei besten Sichtverhältnissen, Angriffe und auch Einschläge, auch da sind Menschen gestorben. Ihr habt darüber auch mit dem Bürgermeister der Stadt Kiew, mit Klitschko gesprochen, wir hören mal kurz rein.
Wir haben eine. Große Probleme und viele Gebäude zerstört in drei Teilen unserer Stadt. Auch. Ein großer Schaden für Kindergarten, Schule und eine Kinderklinik. Und zum Glück sind keine Kinder heute noch gestorben. Aber trotzdem, wir können sagen, zwölf Menschen, zwölf unserer Bürger sind ins Leben gekommen. Und wegen heutiger Anteil.
Und die Totenzahl, die steigt vermutlich auch, weil es wurden ja eben auch Menschen teilweise schwer verletzt. Man hörte im Hintergrund in eurem Interview auch wieder laute Generatoren. Also auch die Stromversorgung, die da jetzt wieder betroffen ist, beeinträchtigt ist, Henner. Der ukrainische Präsident Zelensky, der kann ja meist nicht mehr tun, als sich mit einem verzweifelten Appell irgendwie an die Welt wenden.
Wie ist die Reaktion heute von seiner Seite? Er ist heute Morgen direkt wieder vor die Presse getreten und hat sich geäußert oder hat das Statement veröffentlicht, dass er die Welt noch einmal nachdringlich um Nachschub bittet. Denn was passiert, wenn die Luftabwehr sich auf die wirklich allernötigsten Einrichtungen beschränken muss? Das erleben wir in diesen Tagen hier.
Wenn das nicht besser wird, dann werden hier bei Tag und bei Nacht künftig mit massiven Angriffen und Einschlägen zu rechnen sein. Also deutlich mehr als er sonst war. Es ist eine neue, dramatischere Lage für die Ukraine, die sich versucht zu wehren mit Drohnenangriffen gegen Ziele in Russland. Mit unserem Korrespondenten in Moskau, Felix Klauser, konnte ich über die Folgen der ukrainischen Angriffe sprechen.
Das waren gleich mehrere schwere Angriffe in den vergangenen Tagen auf Moskau. Du hast es gesagt, mit Drohnen. 620 waren es in der Nacht auf Dienstag. Das wäre dann der schwerste Angriff auf Moskau in den vergangenen zwei Jahren gewesen. Heute Nacht waren es 250. Zumindest ist das die Angabe vom Moskauer Bürgermeister.
Allerdings, und das muss man dazu sagen, größere Schäden, die scheint es nicht zu geben. Bislang gibt es jedenfalls keine Berichte darüber. Und das war ja in den vergangenen Wochen durchaus nicht immer der Fall. Wir haben beispielsweise größere Schäden bei russischen Raffinerien gesehen, bei russischen Öldepots und auch beim russischen Online-Händler Wildberries.
Das ist so etwas wie ein Amazon-Pendant. Also, diese Schäden, die gab es in den vergangenen Wochen durchaus. Wladimir Putin hat sich gestern dazu geäußert im Kreml. Er hat davon gesprochen, dass es ja offensichtlich sei, dass da Schäden entstehen würden. Aber er hat eben auch gesagt. Dass es keine schwerwiegenden Schäden sein. Also er hat sich eigentlich nach wie vor sehr siegessicher gegeben.
Grundsätzlich, und das, denke ich, fällt auf, hier spielen diese Attacken und diese Angriffe eine sehr geringe Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung, in der öffentlichen Diskussion. Die russische Presse berichtet fast gar nicht über diese Attacken. Also man versucht schon, soweit es geht, dieses Thema klein zu halten.
Es gibt einen Kommentar bei uns im Stream, ein User Andi, der kommentiert, woher Putin immer noch die kriegerische Power, So nennt er es. Ich dachte, sie wurden im Land, in Russland empfindlich getroffen. Hat Russland noch die Kraft? Felix, die Frage an dich, wie sehr spüren denn überhaupt russische Zivilisten die Auswirkungen der ukrainischen Angriffe?
Das hat sich in den vergangenen Monaten, würde ich sagen, schon verändert. Und das, was man momentan am meisten sieht und wo die Russinnen und Russen es auch am meisten spüren, das würde ich sagen, ist der Benzinmangel in Russland. Also hier in Moskau haben wir beispielsweise in den vergangenen Tagen lange Schlangen gesehen an den Tankstellen. Da gibt es Wartezeiten teilweise von mehreren Stunden.
Manche Tankstellen hatten gar kein Benzin mehr. Bei Diesel ist das Problem nicht ganz so groß. Und gestern wurden auch die Abgabemengen rationiert. Also das bedeutet, da ist die Benzinkrise in Russland jetzt mit voller Wucht zurückgekehrt. Und ich würde sagen, zwei Dinge daran sind interessant und fallen auf.
Zum einen, man hatte gedacht, dass man das Problem schon in den Griff bekommen hätte. Es gab vor wenigen Monaten schon mal eine Phase, da gab es Engpässe in der Benzinversorgung. Das war, nachdem die Ukraine angegriffen oder angefangen hat. Russische Raffinerien und Öldepots massiver anzugreifen. Darauf hatte man damals reagiert, hat beispielsweise Exporte verringert.
Und eigentlich dachte man damit, das Problem wäre mehr oder weniger im Griff. Das ist jetzt offenkundig nicht der Fall. Und zweitens, auch Moskau ist dieses Mal betroffen. Das war bisher auch nicht der Fall, weil man versucht hat, Moskau bei den Lieferungen zu priorisieren, weil man dieses Problem hier eigentlich nicht in der Hauptstadt haben wollte.
Auch das, und das zeigt, wie groß das Problem ist, gelingt jetzt nicht mehr. Russlands Vizeministerpräsident Nowak hat sich gestern zu dieser Situation geäußert und hat davon gesprochen, dass man jetzt auch damit angefangen habe, Benzin zu importieren. Ich glaube, das ist ein ziemlich vielsagendes Eingeständnis, wenn man bedenkt, wie rohstoffreich Russland ja eigentlich ist.
Du sagst lange Schlangen an den Tankstellen. Es gab jetzt einen Bericht eben diese Woche von der Washington Post. Der sprach auch von langen Schlangen an den Banken, also Russinnen und Russen, die da scheinbar Bargeld abheben wollten. Zum Schluss noch kurz an dich die Frage, was hat es damit auf sich?
Genau, diesen Bericht gibt es. Und es gibt aber auch vergleichsweise viele Ökonomen, die sagen, den muss man mit Vorsicht betrachten. Also es stimmt, dass in den vergangenen Monaten die Russinnen und Russen große Mengen Bargeld abgehoben haben. Gleichzeitig haben sie aber anscheinend auch relativ viel Geld eingezahlt bei den Banken, sodass insgesamt die Zuflüsse positiv waren.
Und ich glaube, um diesen Bericht etwas besser einschätzen zu können. Hilft ein Blick auf die Größenordnung. Also in diesem Bericht, und das sind Zahlen der russischen Zentralbank, ist die Rede gewesen von ungefähr 4 bis 7 Milliarden Dollar umgerechnet, die die Russinnen und Russen im Juni und im Juli abgehoben haben.
Wenn man sich aber anschaut, wie viel Geld auf den Banken insgesamt liegt in Russland von privaten Sparern, dann sind das 800 Milliarden US-Dollar. Also ich glaube, diese Größenordnung, die verdeutlicht dann doch ganz gut, wie groß oder eben nicht groß dieses Problem ist. Und ich glaube, es gibt auch einen relativ einfachen Erklärungsansatz, nämlich die Internetausfälle, die es ja in Russland in den vergangenen Monaten immer wieder gab.
Das hat dazu geführt, dass Kreditkarten und die Terminals dafür teilweise nicht funktioniert haben. Keine Kreditkartenzahlung oder Zahlung per Handy bedeutet, man braucht mehr Bargeld. Also ich glaube, das könnte ein Erklärungsansatz sein. Das bedeutet nicht, dass die russische Wirtschaft keine Probleme hätte.
Aber ein Bankrun oder wie man auch immer das dann beschreiben möchte, diese Situation, der ist, glaube ich, im Moment nicht auszumachen. Und wenn wir hier in der Stadt unterwegs sind, dann sehen wir keinerlei Schlangen an Geldautomaten, aber, und das habe ich ja schon berichtet, an Tankstellen. Mit Hendrik Remmel konnte ich noch einmal genauer auf die neuen russischen Rampen für die Langstreckendrohnen schauen und auf die Verteidigungsfähigkeit Russlands gegen die ukrainischen Angriffe.
Wie gut gelingt das Russland überhaupt? Ja, also vielleicht zunächst einmal zu Moskau. Was die Flugabwehr angeht. Sowohl taktisch als auch die operative Luftverteidigung rund um das Ballungszentrum Moskau, sowohl was die kinetischen Abwehrmittel angeht, als auch die elektromagnetischen Störmaßnahmen, ist Moskau die luftseitig am besten verteidigte Stadt dieser Welt zusammen mit Washington DC.
Das heißt nicht, dass dort keine Drohnen einschlagen, keine Langstreckenwaffen, keine Marschallkörper der Ukrainer, die sie ja jetzt mehr und mehr eigenständig produzieren können, vor allem von der Firma Firepoint. Aber es gibt keine signifikanten Schäden in der Stadt. Das heißt, die Abwehrmaßnahmen sind weitestgehend intakt rund um die Stadt.
Natürlich ist die Symbolwirkung immens, aber die Masse der Schäden, die angerichtet werden, entstehen tatsächlich in der Peripherie, in den Raffinerieanlagen. Das ist der Grund, warum es weniger Benzin gibt vor allem, in den Logistikzentren, in den Rüstungsproduktionsstätten. Dort kann man in der Tat diese Weite des Landes, dieses riesige Land nicht komplett aus der Luft verteidigen.
Und das, was in den vergangenen Kriegen Moskau immer oder Russland bzw. Im russischen Zahnreich und der Sowjetunion in die Karten gespielt hat, nämlich eine extreme strategische Tiefe, wird jetzt von den ukrainischen Streitkräften als ihre Stärke ausgenutzt, nämlich das Land so groß und weitflächig zu bekämpfen, dass man es mit einer kommerziellen, Flugabwehr einfach nicht verteidigen kann.
Das bedeutet auch, dass diese Abschussrampen in unmittelbarer Nähe natürlich gefährdet sind. Sie werden von taktischen Systemen geschützt werden. Davon gehe ich fest aus. Sonst hätten sie die Ukrainer nach dem ersten Angriff bereits erfolgreich bekämpft und zerstört. Gleichwohl ist es natürlich so, dass man sieht, wie jetzt Gegenmaßnahmen der Russen in dieser Deep-Strike-Kampagne, die ja beiderseitig funktioniert und beiderseitig ein Abnutzungs- und Zermüdungskalkül hat, versucht wird, die Deep-Strike-Fähigkeiten der Ukrainer zu dislozieren.
Das heißt, man baut an der belarussisch-ukrainischen Grenze vor allem, aber in Grenzen ja zu Ukraine im Allgemeinen Druck auf, indem man diese Rampen aufbaut. Von diesen Rampen aus können jede Nacht unterschiedlichste Flugkörperstaaten, vor allem in diesem Fall Geran 4 und Geran 5 drohen und Kiew und andere Städte bedrohen.
Das bedeutet wiederum, dass die Ukraine Kräfte binden muss, nicht nur für Deep Precision Strike, sondern auch für Aufklärung, für elektromagnetische Vorbereitungsmaßnahmen etc. Etc., um diese Stellung früher oder später bekämpfen zu können, damit sie Kiew und anderen Städten nicht so wehtun. Diese Ressourcen fehlen den Ukrainern dann wiederum bei den Deep-Strike-Kampagnen auf die vulnerable, kritische Infrastruktur der Russen.
Und so versucht man gerade diese Ressourcen von russischer Seite bestmöglich. Zu verteilen, um einfach diese Schwerpunktbildung, die die Ukrainer in den letzten Monaten hatten, aufzuweichen. Es gibt eine Nachfrage hier bei uns im Stream nach eben auch der Reichweite dieser russischen Langstrecken-Drohnen.
Und zwar möchte jemand wissen, können die Langstrecken-Drohnen eben auch NATO-Gebiet erreichen? Ja, das können sie. Die Reichweite ist nicht 100% verifiziert, aber wird bei über 1000 Kilometern liegen. Das hängt davon ab, was sie für eine Payload dabei haben, also wie groß der Gefechtskopf ist, den sie mitnehmen, ob die Drohne tatsächlich die volle betriebliche Reichweite hat, wie die Routen fliegen.
Aber die vermutete maximale Reichweite ist jetzt auf der Karte mal im Kreis eingezeichnet. Also sie erreichen auf jeden Fall Osteuropa, das komplette Baltikum, große Teile von Finnland, Polen, Rumänien und auch die Türkei. Das bedeutet, NATO-Gebiet ist erreichbar. Ich habe aber erhebliche Zweifel daran, ob das tatsächlich die primäre Idee dieser Stationierung ist.
Es geht, glaube ich, primär um die Stationierung in unmittelbarer Grenznähe, um die Vorwarnzeiten zu verkürzen für die ukrainische taktische Flugabwehr und operative Luftverteidigung. Denn wenn es um Reichweiten geht, dürfen wir nicht vergessen, dass die russischen Streitkräfte, das Russland aus Kaliningrad theoretisch mit ballistischen Raketen binnen weniger Minuten jede europäische Hauptstadt erreichen kann.
Deswegen ist jetzt von der faktischen Bedrohungslage durch diese Stationierung jetzt keine erhöhte Gefährdung für die NATO-Ostflanke zu erwarten. Wo wir aber gerade beim Thema Drohnen in anderen Ländern sind, hätte ich nochmal eine Nachfrage. Denn es ist ja nicht so, als wäre in der Vergangenheit, es ist nicht auch schon mehrfach vorgekommen, dass unterschiedliche Drohnen, Marine Drohnen, nenne ich gleich ein Beispiel, oder auch Spähdrohnen oder Ähnliches, auch in anderen Anrainerländern, eben an die Ukraine zum Beispiel, gesichtet worden sind, abgefangen werden mussten.
Beispiel hier, eben es gibt, und das haben wir auch gleich im Bild, was wir gerne zeigen wollen, ein Beispiel aus Rumänien, wo eben ein Kampfjet eine Marine Drohne abgeschossen hat, die mit Sprengstoff präpariert war. Hier sieht man jetzt das rumänische Kampfflugzeug Flugzeug über dem Schwarzen Meer.
Und dort wurde eben die Marine-Drohne gesichtet und dann auch, wir können es jetzt sehen, von dem Flugzeug zerstört. Die Drohne, die soll nur wenige hundert Meter von einem Gasfeld entfernt gewesen sein. Woher sie bislang kommt, das ist wohl noch unklar. Es gab auch in der Vergangenheit schon ukrainische Drohnen, die dann fehlgeleitet, zum Beispiel in Lettland eben aufgetaucht worden sein sollen.
Da die Nachfrage eben an sie, also Drohnen, die da in andere Länder fliegen. Wie groß ist da die Gefahr bislang schon. Ja, ich glaube, das sehen wir jetzt seit mehreren Monaten. Wir können uns, glaube ich, alle noch ganz gut an den Zwischenfall erinnern, als mehrere Gerand-Drohnen damals noch vom Typ 2 den polnischen Luftraum verletzt haben.
Wir sehen es immer wieder, dass in Litauen, in Lettland, aber auch in Rumänien immer wieder Drohnen den NATO-Luftraum verletzen. Dafür hat die NATO jetzt ihre sogenannte Air Policy Mission ausgeweitet. Also das, was wir jetzt gerade gesehen haben, müssten bei dem rumänischen Luftraum, ich meine spanische F-16 gewesen sein, die derzeit in der Rotation sind.
Dort haben sie also mehrere Kampfflugzeuge in Alarmbereitschaft, die innerhalb weniger Minuten aufsteigen können und dann genau solche Systeme abschießen können. In dem Fall ist es, glaube ich, sogar relativ kostengünstig mit der Maschinenkanone auf der Maschine passiert, nicht mit einer Luft-Luft-Rakete, wie es sonst häufiger der Fall gewesen ist.
Aber das sind natürlich jetzt einerseits Tests der Russen. Man schaut natürlich, wie schnell sind die Reaktionszeiten der NATO, mit welchen Mitteln können sie überhaupt abschießen. Und da ist die Bilanz natürlich unverändert ernüchternd. Wenn sie Drohnen mit einzelnen Kampfjets abschießen müssen und keine signifikante.
Abwehr gegen Drohnenschwärme, gegen Massen von Drohnen haben, gegen 200, 300, 400 Drohnen, Dann kann sich, glaube ich, jeder ausmalen, was passieren würde, wenn ein solcher großer Dronenschwarm beispielsweise nach Rumänien fliegt und insgesamt vier, sechs oder acht, spanische F-16 oder was auch immer für NATO-Kampfflugzeuge aufsteigen und versuchen wollen, diese Drohnen abzuschießen.
Also hier geht es wieder um diese Idee der Saturierung. Man braucht in der taktischen Flugabwehr und in der operativen Luftverteidigung Gegenmaßnahmen, die sowohl preislich als auch von der verfügbaren Menge in ungefährer Dimension dem entsprechen, was da auf einen zufliegt. Also wenn billige, relativ langsame Drohnen auf einen zufliegen, muss man das mit billigen, relativ langsamen Mitteln der Luftverteidigung kontern.
Beispielsweise mit Drohnensystemen, beispielsweise mit Flugabwehr, Raketenpanzern, mit schweren Maschinengewehren etc. Etc. Etc. Gerne auch elektromagnetische Maßnahmen, also nicht kinetisch, um dann die Hochwertsysteme, also vor allem Kampfflugzeuge, Patriot, Iris-T. Sam-T und weitere Systeme, die es in der NATO gibt, dann für ballistische Raketen und schnell fliegende Marschflugkörper zu benutzen.
Dann gehen wir nochmal ins Detail eben auf die Wirkung der Deep Strikes von beiden Seiten, eben auf das Hinterland, also ukrainische Drohnenangriffe auf Russland und russische Angriffe, oft auch eben mit ballistischen Raketen auf die Ukraine. Es gibt eine Nachfrage von Robert hier bei uns im Stream. Sie hatten auch schon die Firma Firepoint, ein ukrainisches Rüstungsunternehmen, angesprochen.
Robert möchte wissen, bald kommen die Firepoint FP7, FP9 Drohnen zum Einsatz, also Drohnen der Ukraine. Was könnten die bewirken, wenn sie auf russisches Gebiet abgeschossen werden? Ich bin bei diesen Ankündigungen immer relativ vorsichtig. Die letzte Ankündigung, war die FP5, auch als Flamingo bekannt.
Ein relativ primitiver, aber äußerst effektiver Marschschlugkörper mit Raketentriebwerk, hohe Reichweite und über 100 Kilo Sprengkraft an Bord, also Payload. Dieses System hat wesentlich länger gebraucht, bis es operativ einsatzfähig war als Ursprung. nicht angekündigt wurde. Deswegen bin ich bei diesen Ankündigungen, um ehrlich zu sein, sehr, sehr vorsichtig und warte bei einer Bewertung immer auf die ersten Einsätze.
Deswegen kann ich dazu relativ wenig sagen. Die technischen Daten, die versprochen werden, sind ungefähre Äquivalente von der Geran 4 und Geran 5, also, Geschwindigkeiten zwischen 600 und 800 Kilometer, Reichweite 1000 Kilometer plus und eine Payload, Also ein Sprengkopf von 100 bis 150 Kilogramm. Das wäre im Wesentlichen, wenn man es ganz grob rechnen möchte, sowohl bei Geschwindigkeit, Payload als auch Reichweite eine ungefähre Verdoppelung, der Drohnen, die zu Beginn des Krieges in den ersten, ich sag mal ein, zwei, drei Jahren eingesetzt worden sind.
Also vor allem Schahed-Drohnen auf der russischen Seite. Wie beeinflussen denn die gegenseitigen Deep Strikes überhaupt die Lage an der Front, das Kampfgeschehen an der Front? Lenkt das auch irgendwie ein bisschen davon ab? Wer macht da mehr Gewinne? Also gerne nehmen Sie uns mal mit an die aktuelle Lage und den Frontverlauf.
Also zum Frontverlauf kann man sagen, dass die russischen Streitkräfte am Boden unverändert in der Initiative sind. Der operative Schwerpunkt liegt immer noch im mittleren und südlichen Donbass. Hier versuchen die russischen Streitkräfte in einer Zangenbewegung einmal nördlich im Raum Kupiansk und einmal südlich auf der Achse Konstantiniewka entlang der, Schnellstraße und Eisenbahnlinie H20 hoch bis nach Kramatorsk diesen, sogenannten Festungsgürtel nördlich und südlich zu umfassen.
Dieser Festungsgürtel ist ein, Das verteidigungsgünstiges Gelände, so würde ich ihn bezeichnen, entlang des Ostgelflusses mit mehreren urbanen Räumen, also Sloviansk, Kramatorsk, Drushkivka ist eingezeichnet. Das wäre die nächste Stadt, die zwischen Konstantinivka und Kramatorsk liegt, entlang der H20-Schnellstraße und dann eben ganz im Norden Kupiansk.
Die Idee ist, diesen Gewässerübergang oder dieses Gewässer-Ostgiel-Fluss zu umfassen, diese urbanen Räume zu umfassen, das Waldgebiet zu umfassen und die Höhenlinien zu umfassen, die im Grunde genommen dieses Gelände von Nord nach Süd auszeichnet. Die Idee, die operative Idee dahinter ist, dass man nicht operativ frontal auf dieses verteidigungsgünstige Gelände angreift, sondern in den Rücken der Verteidiger kommt und sie dadurch zum Ausweichen zwingt bzw.
Dazu zwingt, ihre Verteidigungskräfte zum Abwehrkampf an die Flanken zu verlagern, also in dem Fall nach Norden und nach Süden. Dadurch werden die Verteidigungsstellungen, was die bemannten, aber auch unbemannten Systeme angeht, geschwächt. Und man hat eine bessere Möglichkeit, in diesem Abnutzungskalkül, was die russischen Streitkräfte unverändert bevorzugen, also mit hohen Feuerraten und einem langsamen Operationstempo, dann letztlich die ukrainischen Streitkräfte zum Ausweichen zu zwingen.
Müssen die ukrainischen Streitkräfte aus diesem verteidigungsgünstigen Gelände ausweichen, ist es für sie wesentlich schwieriger, die Restteile des Donbass zu halten, weil sich dahinter ein relativ flaches, zwar von einzelnen Gewässerläufen durchzogen ist, aber für den Angreifer günstiges Gelände auftut und dann wird es wesentlich schwieriger, die Oblast zu halten oder die Teile der beiden Oblaste.
Und um auch unsere Eingangsfrage nochmal ganz konkret an Sie zu stellen. Was plant der russische Präsident als nächstes? Also was ist wirklich sein Ziel jetzt gerade auch in diesem Überreizen natürlich der ukrainischen Luftabwehr, diese heftigen Angriffe? Was ist die Idee dahinter? Ja, die Idee ist unverändert. Also im Kampf gegen die Zivilbevölkerung, gegen kritische Infrastruktur geht es um Zermürbungen.
Wir haben es jetzt gerade gesehen, mein Hebelstreit, dass scheinbar jetzt schon tagsüber Raketendrohnen in Kiew einschlagen. Das war lange Zeit nicht so. Also alle, die in den letzten Kriegsjahren in Kiew gewesen sind, da konnte man sich eigentlich relativ gut darauf verlassen, dass man tagsüber ein relativ normales Leben hatte.
Es war teilweise für Menschen, die nicht die ganze Zeit in der Ukraine sind, beängstigend. Ich war teilweise überrascht, wie normal das Leben tagsüber in Kiew war. Und nachts kamen dann meistens nach Mitternacht zwischen 1 und 3 Uhr die Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern. Diese wurden in der Regel abgefangen. Es gab zwar Luftalarme, aber die meisten Menschen in den großen Städten, nicht nur in Kiew, auch in anderen Großstädten, sind in ihren Wohnungen geblieben und haben keinen Schutz in den U-Bahn-Schächten oder in den Scheltern gesucht.
Jetzt, wo man merkt, dass immer mehr Raketen durchkommen, also die Angriffe sind wirklich seit April, Mai massiv gestiegen, was die Effektivität angeht. Ich war zuletzt Ende Mai in Kiew, als die Russen die Oreschnik südlich von Kiew abgefeuert haben, und muss ihnen sagen, dass es tatsächlich eine ganz andere Qualität hat als die Luftangriffe der vergangenen Jahre.
Und es macht natürlich was mit einem, vor allem wenn man beispielsweise eine Mutter ist, deren Mann an der Front ist, gefallen ist und man versucht seine Kinder in der Stadt groß zu ziehen. Und jetzt weiß, man ist nicht mal mehr nachts oder tagsüber sicher, man kann eigentlich kein normales Leben mehr führen. Und jetzt kommt auch noch der Winter.
Die Russen fangen jetzt schon an, verstärkt Infrastruktur, Energieinfrastruktur anzugreifen. Und der letzte Winter in Kiew war schon ziemlich hart. Wenn es jetzt auch noch dazu kommt, dass ständig irgendwo Raketen einschlagen, wird die Stadt mehr und mehr für große Teile der Bevölkerung unbewohnbar. Und das ist das Zermüdungskalkül, was nicht nur Putin, sondern der russische Generalstab und die russische Armee mit fleißiger Unterstützung der großen Teil der russischen Bevölkerung seit viereinhalb Jahren durchführt.
An der Front ist es unverändert, das Abnutzungskalkül, also die sukzessive Reduzierung der ukrainischen Kampfkraft. Das hat Erfolg im Bereich der Personalstruktur. Die ukrainischen Streitkräfte versuchen das zunehmend zu substituieren mit unbemannten Boden-, Luft- und Sehsystemen. Aber grundsätzlich funktioniert dieses Kalkül erstmal, dass die Ukrainer mehr Personal verlieren, als sie rekrutieren können.
Und die Russen unter Inkaufnahme massiver Verluste dann nach der Abnutzung der ukrainischen Kampfkraft nach und nach Raumgewinne einnehmen. Das ist die logische Konsequenz aus diesem Abnutzungskalkül militärisch gesehen. Das kostet extrem viel Kraft, die Verluste sind enorm, aber an Land, an der Front schaffen es die Russen, dort unverändert in der Initiative zu bleiben.
In dem Bereich der Deep Strikes, also der Zermülbungsstrategie der Ukrainer gegen die Russen, haben die Ukrainer auch zunehmende Erfolge. Aber es ist eben nicht so, dass sie es schaffen, ihre eigenen Städte zu schützen. Das heißt, dieses rational umzukehren, also die Strategie der Ukrainer, den Preis des Krieges nach oben zu treiben, funktioniert zwar teilweise, Aber nicht so weit, dass man Putin in irgendeiner Art und Weise in naher Zukunft am Verhandlungstisch, wenn man es so nennen mag, erwarten möchte oder kann.
Das war die Analyse von Militäranalyst Hendrik Remmel. Er sagt, Russland setzt weiterhin auf Luftangriffe gegen ukrainische Städte, gegen die Zivilbevölkerung. Was unter anderem die Menschen in Kiew gerade zu spüren bekämen, sei nicht vergleichbar mit den letzten Jahren. Gleichzeitig bereite sich Russland an seiner Westgrenze darauf vor, die Ukraine auch mit neuen Langstreckendrohnen anzugreifen.
Jede Woche sprechen wir hier bei Militär und Macht die Analyse über globale Machtverhältnisse. Militärpolitik und Verteidigungsstrategien, vor allem über die Ukraine. Außerdem findet ihr uns auf YouTube, da könnt ihr uns eben auch selbst eure Fragen stellen. Den Link dazu, den findet ihr hier in den Shownotes. Danke fürs Zuhören heute und gerne bis zum nächsten Mal. Tschüss.