
Militär & Macht - die Analyse von ZDFheute live
Ukraine setzt Putin auf der besetzten Halbinsel Krim unter Druck
Freitag, 26. Juni 2026 · 44 min
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Shownotes
Die Krim im Visier: Verstärkt richtet die Ukraine ihre Drohnenangriffe auf die russisch besetzte Halbinsel. Ziel ist es, die Krim von der russischen Versorgung abzuschneiden. Die Angriffe treffen wichtige Versorgungslinien und Bahnbrücken, über die die Putins Armee ihre Truppen an der Südfront der Ukraine versorgt. Die Bewohner der Halbinsel bekommen die Angriffe auch durch Benzinknappheit und Stromausfälle zu spüren.
Welchen Einfluss haben Kiews Schläge gegen die Krim auf den Verlauf des Krieges? Und wie reagiert Russland? Darüber spricht Victoria Reichelt mit dem Militärexperten Gustav Gressel. Zugeschaltet ist außerdem ZDF-Reporter Carsten Thurau aus Kiew.
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Die Ukrainer wissen um die nicht nur strategische, sondern auch politische und emotionale Bedeutung der Krim für Putin. Und deshalb weiß ich natürlich auch, dass eine Gefährdung der Krim selbst Putin unter Zugzwang setzt. Und das probiert man natürlich auch in diesen Tagen. ZDF heute. Militär und Macht. Die Analyse.
Hi, ich bin Viktoria Reichelt. Schön, dass ihr dabei seid. Seit einigen Wochen verschärft die Ukraine ihre Angriffe auf die Krim, die von Russland besetzte ukrainische Halbinsel. Besonders im Visier der ukrainischen Drohnenflotte, wichtige Brücken, Nachschubwege und die Energieversorgung. Öldepots, Eisenbahnverbindungen und Straßen sind zerstört.
Und für die Bewohner der Krim gibt es mittlerweile kaum noch Benzin. Wir fragen heute, wird die Krim isoliert werden? Und was hätte das für Folgen für den Verlauf des Krieges? Darüber spreche ich heute mit Militärexperte Gustav Gressel von der Landesverteidigungsakademie in Wien und mit unserem Reporter Carsten Thurau, der uns live aus Kiew zugeschaltet ist.
Jetzt erstmal zu unserem Experten. Herr Gressel, über die Krim sprechen wir hier ja immer wieder. Welche strategische Bedeutung hat diese Halbinsel für den Krieg? Also erstens mal ist die politische Bedeutung da. Die Krim ist sozusagen das Kronjuwel der russischen Eroberungen in der Ukraine. Mit der Krim hat nicht nur der Feldzug begonnen, sie wird auch in der Selbstdarstellung von Putin und seinem Regime als sozusagen heiliges russisches Territorium hervorgehoben.
Angehoben, Yalta, die Yalta-Konferenz, aber dann natürlich auch die sozusagen Russifizierung unter Katharina, die besonders herausgestrichen wird. All das macht sozusagen einen politischen Wert oder gibt der Halbinsel einen politischen Wert zusätzlich zum strategischen Wert. Der strategische Wert ist natürlich, die Halbinsel war eine wichtige Plattform für die Vollinvasion.
Zuerst mal ist sie dicht gesät mit Luftwaffenstützpunkten, Marinestützpunkten. Von dort aus wurde Feuerunterstützung für die angreifenden Kräfte am Beginn des Angriffskrieges geleistet. Aus der Krim heraus, der Durchstoß durch die Krim, hat die Südfront und die Eroberung Mariupols vorbereitet und geöffnet.
Man ist von dort bis über Kerson vorgestoßen. Also der Südabschnitt der Front für Russland zu Beginn des Krieges der erfolgreichste aller Fronten. Im Donbass blieb man ja sonst eher stecken und der Angriff auf Kharkiv ist auch verhungert. Der Angriff um Kiew ging dann logistisch zugrunde. Also im Grunde dort, wo man erfolgreich operiert hat.
Die Krim war dann seitdem her oder wegen dieser Bedeutung auch Ziel von ukrainischen Gegenoffensiven. Im Jahr 2023 hat man ja versucht, zum Asowschen Meer durchzustoßen, die Landbrücke zu kappen. Die Ukrainer wissen um die nicht nur strategische, sondern auch politische und emotionale Bedeutung der Krim für Putin.
Und deshalb weiß sie natürlich auch, dass eine Gefährdung der Krim selbst Putin unter Zugzwang setzt. Und das probiert man natürlich auch in diesen Tagen. Ja, und passend dazu, der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, der hatte zuletzt gesagt, die Krim solle zu einer Insel werden. Rein geografisch betrachtet ist das ja eine Halbinsel. Sie haben das gerade gesagt, mit ganz verschiedenen Werten, mit einem politischen Wert, einem geografischen Wert, einem strategischen.
Und hier auf der Karte kann man sehen, es geht um Isolation. Zwei Brücken wurden von den Ukrainern bereits zerstört und die Kerchbrücke dort im Osten, die steht aktuell noch. Die ist ja strategisch enorm wichtig. Herr Kressel, warum glauben Sie, haben die Ukrainer diese Kerchbrücke bis jetzt noch nicht zerstört, aber diese anderen beiden Brücken?
Die Kirschbrücke ist vom Bautechnischen her deutlich größer als die Kongaerbrücke und andere Brücken, die also die Halbinsel mit dem Festland verbinden und dort über interne Wasserhindernisse gehen. Sie ist auch neuer als alle anderen Brückenbauwerke. Und gerade bei der Konga-Brücke, die wurde ja mit relativ leichten Ladungen zerstört.
Da denke ich, ist Baufälligkeit und das Alter der Brücke durchaus auch ein Grund, warum die so schnell K.O. gegeben hat. Das ist natürlich jetzt bei der Kersh-Brücke nicht so. Die ist deutlich neuer und die ist auch, sagen wir so, da gibt es in dem Bauwerk, anscheinend wirklich Baureserven. Denn sie wurde ja öfter Teil von Angriffen, nicht nur mit Fernmunition, also Attack-Ams ballistischen Raketen oder quasi-ballistischen Raketen, sondern auch mit Unterwasserdrohnen.
Unterwasserdrohnen transportieren weit größere Gefechtsköpfe als die meiste Luftgestütze-Munition. Und der Wasserdruck, der verdämmt auch, eine Explosion, die von außen oder durch eine anliegende Sprengstoffladung verursacht wird, weit stärker als das etwa bei einer herkömmlichen Drohne. Oder Rakete der Fall ist.
Aber auch solche starken Gefechtsköpfe hat die Brücke ausgehalten. Es wurde einmal ein Lkw auf der Brücke beladen mit Sprengstoff gezündet und das war bis jetzt der erfolgreichste Schlag gegen die Straßenbrücke. Der Lkw ging zu einem Zeitpunkt hoch, als sich auf der Eisenbahnbrücke ein Treibstoffzug befand.
Allerdings ist dieser Schaden wieder repariert und die Brücke ist zumindest, unter Berücksichtigung von gewissen Lastenlimits wieder befahrbar. Wir kommen noch mal zur strategischen Bedeutung dieser Halbinsel, denn dort greifen die Ukrainer ja ganz gezielt Energieversorgung, aber auch Nachschubrouten des russischen Militärs an.
Welche Konsequenzen hat denn die aktuelle Situation auf der Krim für das russische Militär, aber auch für den Krieg insgesamt? Also für die gegenwärtige Operationsführung sieht man, dass aus der Krim weniger Drohnenangriffe gestartet werden, als das noch vor einem halben Jahr oder vor einem Jahr der Fall war.
Also man sieht schon einen gewissen Rückgang der Aktivitäten. Die Krim ist natürlich für die Südfront, also für den Frontabschnitt am Dnepr und im südlichen Saporizhau-Plast ein wichtiger Umschlagplatz für Logistik, für Treibstoff, für Munition. Und auch dieser Frontabschnitt ist deutlich ruhiger geworden.
Angriffe der russischen Armee erfolgen hauptsächlich im Frontabschnitt zwischen Dobrofilia und Liman, und das ist natürlich auch darauf zurückzuführen, dass die Logistik im Süden, nicht nur auf der Krim, aber im Süden allgemein viel stärker unter Druck geraten ist als in anderen Frontabschnitten. Der Grund da ist auch geografisch, man hat das Asowsche, also die Russen haben das Asowsche Meer im Rücken Während in anderen Frontabschnitten ein Lkw quasi 90 Grad zur Front hineinfahren kann oder mit den Bahnlinien sozusagen man, aus dem Rückraum schnell hineinfahren kann und dann wieder zurückfahren kann, müssen sich Versorgungsbewegungen für den gesamten Südsektor, also die Halbinsel Krim und der südliche Saporizia-Plast bis dann in den südlichen
Donetskau-Plast, Mariupol immer quer zur Front bewegen. Alles in Reichweite von ukrainischen Mittelstreckenangriffsdrohnen. Und das macht es natürlich im Süden deutlich einfacher und erfolgreicher, gegen den russischen Nachschub zu kämpfen als im Osten oder im Norden. Soweit mal zur ukrainischen Perspektive. Lassen Sie uns auch noch mal auf die andere Seite gucken. Warum können denn die Russen die Krim augenscheinlich aktuell nicht wirklich verteidigen?
Die russische Armee hat deutlich an Fliegerabwehrsystemen eingebußt durch die russischen Midrange-Strike, also diese Mittelstrecken-Drohnenangriffe und das macht sich insgesamt in diesem Krieg bemerkbar, nicht nur auf der Krim. Ukrainische Langstreckenangriffsdrohnen können immer öfter durch diesen Fliegerabwehrgürtel, durchstoßen, der bis jetzt die Ukraine umgeben hat, von der Halbinsel Krim eben dann bis hinauf zur belarussischen Grenze.
Und das macht es aus russischer Sicht als deutlich schwieriger durchstoßen. Treibstofflager, aber auch andere strategische Betriebe zu schützen. Auf der Krim ist natürlich wie in allen besetzten Gebieten der zusätzliche Vorteil, dass die Ukraine, zumindest zu einem gewissen Grad auf ein Agentennetzwerk und auf eine Bevölkerung zurückgreifen kann, die den russischen Besatzern eher feindselig gegenübersteht und hier Tipps und Informationen weiterreicht.
Das erleichtert natürlich auch die Luftschläge. Und das große Problem ist eben durch die vorhin angesprochenen Brücken. Es gibt gewisse Knotenpunkte, die Russland einfach schützen und verteidigen muss, durch die der eigene, also der russische Nachschub durchkommen muss. Und das bietet natürlich auch den Ukrainern Gelegenheit, Fliegerabwehrsysteme im Umfeld dieser Knotenpunkte gezielt anzugreifen, weil sie wissen, sie müssen dort stehen.
Es ist dann auch einfacher Nachschub anzugreifen, weil die Ukrainer wissen, die müssen dadurch. Und das erleichtert einfach die Gesamtangriffsführung im Süden deutlich. Und davon profitieren natürlich auch Angriffe gegen andere logistische Infrastruktur auf der Halbinsel. Es ist im Süden der Drohnenkrieg einfach einfacher. Nur, das möchte ich auch sagen, Verteidigen beinhaltet natürlich auch die Verwehrung von Angriffen gegen die Krim.
Und da ist es schon so, dass die russische Armee zumindest zur Zeit noch in der Lage ist. Den Dnepr als feste Geländelinie zu halten und auch Angriffe der Ukrainer im Saporische Ablast zumindest zur Zeit noch kleinräumig zu halten. Man wird sehen, ob sich das anders entwickelt. Wie gesagt, der Kampf gegen die Logistik ist langfristig.
Man unterminiert die Kampfkraft des Gegners, indem man ihn Stück für Stück und Zeit für Zeit erdrosselt. Aber zurzeit, wie gesagt, sind die russischen Kräfte im Süden zumindest noch abwehrbereit. Die Ukraine selbst befürchtet schon seit Wochen russische Vergeltungsschläge für Angriffe auf Moskau und die Krim.
Darüber habe ich mit unserem Reporter Carsten Turau in Kiew gesprochen, der während unseres Livestreams dort einen weiteren Luftangriff miterlebte. Ich bin einen kleinen Moment abgelenkt gewesen. Bis vor wenigen Sekunden haben die Sirenen hier ertönt und im Moment gibt es auch einen drohenden Angriff.
Aber der wurde wohl erfolgreich abgewehrt hier über uns. Hallo. Hallo. Und da sind wir auch direkt mitten im Thema. Wir haben es ja jetzt gerade schon gehört bei Herrn Gressel. Die Krim ist aktuell im militärischen Fokus. Straßen- und Energieversorgungsdienst sind dort teilweise zerstört. Was hast du denn über die aktuelle Lage auf der Krim gehört? Was ist dein Stand?
Ja, momentan und das schon seit längerer Zeit vergeht, kein Tag, an dem nicht der Präsident Zelensky auf verschiedenen Kanälen von den heldenreichen, ruhmreichen Erfolgen der ukrainischen Armee berichtet auf der Krim. Der Angriff ist wohl massiv Tag für Tag mit sehr vielen Drohnen und setzt Russland, wie Gustav Gressel auch schon sagte, massiv unter Druck. Jetzt hat es gerade hier einen Schlag gegeben, aber ich glaube, wir können hier noch weiter im Moment stehen bleiben.
Getroffen wird vor allen Dingen auch die Energieinfrastruktur auf der Krim. Also die Gasversorgung. Es gibt ein Energiekraftwerk dort, ein Wärmekraftwerk, was getroffen wurde. Aber vor allen Dingen auch die Raffinerien und die Benzininfrastruktur. Und das hat ganz erhebliche Auswirkungen wohl auf das Leben der Menschen dort.
Zum einen fällt immer wieder der Strom aus. Also oft spontan nach Angriffen, manchmal auch geplant. Strom wird an manchen Orten rationiert, wie wir hören. Und vor allen Dingen gibt es kaum noch Benzin. Also Anfang der Woche gab es einmal die Direktive, dass kein Benzin an Zivilisten ausgegeben werden dürfe. Das hat ganz offensichtlich für großes Chaos gesorgt, an den Tankstellen auf der Krim.
Das ist das eine. Und das andere ist eben, dass die Krim gerade für Russen und zwar aus allen Landesteilen und schon seit jeher ein ganz beliebtes Urlaubsgebiet ist. Und der Urlaub in diesem Jahr fällt aus, fällt ins Wasser sozusagen, denn Russland hat jede Ferientätigkeit, sage ich mal, bis zum 1. September verboten und eingestellt. Das hat es in diesen vier Jahren Krieg noch nicht gegeben.
Russland hat immer versucht, die Krim, auch wenn der Tourismus etwas nachgelassen hat durch den Krieg, aber immer offen zu halten für Russen. Es gibt dort Ferienlager für Kinder, schon aus Sowjetzeiten. Es ist selbst für Menschen aus Sibirien, die den langen Weg auf sich nehmen, ein beliebtes Urlaubsziel.
Das fällt dieses Jahr aus bis zum 1. September und zeigt eben, wie groß die Nervosität ist und wie groß eigentlich auch die Sicherheitsgefahr ist für die Menschen dort auf der Krim. Ja und die nächste Frage und das passt jetzt natürlich gerade auch in eurer Situation, also in der Situation von dir und deinem Team, müssen Ukrainer und Ukrainerinnen denn aufgrund der Situation auf der Krim jetzt auch mit Gegenangriffen rechnen?
Ja, damit rechnet man hier in der Ukraine schon seit langer Zeit eigentlich. Der ganz große Angriff ist bislang ausgeblieben. Es gibt immer wieder Luftalarm. Im Moment war es jetzt ein deutlicher Luftalarm, tatsächlich auch mit einer Drohne. In der Nacht dann gibt es Luftalarm in Kiew, meist steigen dann mit Kampfflugzeuge auf und das ist eine generelle Warnung.
Aber den letzten wirklichen Angriff flächendeckend mit gemeldet bis zu 25 Toten gab es in der Nacht zum Montag, zum 15. Juni. Das war der schwere Angriff, in dem es auch das Höhlenkloster, das berühmte Lavra-Kloster hier in Kiew traf und weitere Landesteile. Immer in der Nacht gibt es kleinere Angriffe, auch oft tödliche, muss man dazu sagen, im Süden und im Osten und Südosten, also Kherson und Saporizhia und Kharkiv.
Aber auf die große Reaktion Russlands auf die Angriffe auf der Krim, aber eben auch auf die Drohnenangriffe in Moskau selbst vor fast einer Woche jetzt, in denen Raffinerien von der ukrainischen Armee ja quasi vor den Toren der Hauptstadt Russlands zerstört wurden, Also auf die große Reaktion wartet man noch, und man rätselt, warum das jetzt bislang noch nicht stattfand.
Entweder dauern die Vorbereitungen länger oder es ist tatsächlich ein logistisches Problem oder aber es ist vielleicht auch Teil einer Art psychologischen Kampfführung, dass man einfach den Ukrainern jetzt im Ungewissen lässt und wartet, bis man tatsächlich zu einem großen Schlag ausholt. Aber damit rechnen die Menschen hier schon.
Bei dem Knall, von dem unser Reporter berichtete, handelte es sich übrigens um einen russischen Raketenangriff auf Kiew, bei dem im Südosten der Stadt mindestens zwei Menschen verletzt wurden. Im zweiten Teil des Podcasts spreche ich mit Gustav Gressel über die Lage im Donbass. Also wie vorhin schon besprochen, dieser Frontbogen von Dobrofilia bis hinauf nach Le Mans ist derzeit noch der aktivste Teil der Front.
Aufgrund der Schläge der Ukraine gegen die russische Logistik, aufgrund der hohen Verluste, muss Russland zunehmend haushalten mit seinen Kräften und Schwergewichte setzen. Wenn wir uns zurückerinnern auf 2025, da gab es sozusagen die Hauptangriffsrichtung Pokrovsk. Aber als Nebenangriffsrichtung setzte man noch, am Dnepru-Ufer Richtung Saporizha an. Man setzte im Süden.
Aus Wulidar Richtung Westen an, man setzte im Norden auch auf Kupiansk an und, es gab auch noch Versuche in Kharkiv vorzustoßen. Im Frühling hat man eine Nebenoffensive im Sumi-Oblast bestritten. Das heißt, im letzten Jahr, wenn man es mit diesem Jahr vergleichen konnte, Russland verschiedene Angriffsvektoren bedienen mit Personal, mit Material, mit Truppen.
Um die Ukraine an so vielen möglichen Frontabschnitten unter Druck zu setzen. Jetzt sehen wir eine Konzentration auf einen Frontabschnitt, um dort eine Entscheidung zu erzwingen, weil man mit den Kräften haushalten muss. Das Zweite ist, wo waren eigentlich die Pläne oder was waren die ursprünglichen Absichten der russischen Armee?
Und das war eigentlich in diesem Jahr den Festungsgürtel, also die drei Ortschaften, Kramatorsk, Sloviansk und Konstantinivka einzukesseln, indem man im Süden. Aus dem Raum Bukrovs Dobrofilia hinaufstoßt Richtung Norden und im Norden, nördlich von Lüman vorbei oder auf Lüman zu dann über den Siverskit und jetzt setzt und dann nach Süden hinunterstoßt, um eben diese stark verteidigten Festungsgürtel einzuschließen.
Das hätte den Russen die Möglichkeit eröffnen sollen, zwei ukrainische Kors einzukesseln und der ukrainischen Armee dann so starke Verluste beizubringen, dass sie in weiterer Folge schwere Probleme hätte, die Front weiterzuhalten. Jetzt sind wir in der Jahreshälfte von 2026. und von diesen drei Städten ist, nur Konstantinivka vor dem Fall.
Und das nicht, weil sie eingekesselt wäre, sondern... Die Einkesselung an sich ist stecken geblieben. Dobrofilia, da sind die Russen das ganze Jahr über kaum weitergekommen. Nördlich von Lübman gab es letztendlich ukrainische Gegenangriffe. Wie erfolgreich sie waren, müssen wir noch beurteilen. Auch da ist man kaum weitergekommen.
Ja, aus Siversk heraus Richtung Kramatorsk hat man sich etwas weiter vorschieben können, aber auch das sind kleinere Geländegewinne, also alles in allem. Die russische Armee hat noch die Initiative, sie greift an, sie versucht den Druck aufrecht zu erhalten, aber für die enorm hohen Verluste nimmt sie relativ wenig Gelände ein und die Versuche der Einkesselung.
Haben sich eben als nicht erfolgreich herausgestellt. Und damit stellt sich aus russischer Sicht die Frage, wie man den Landkrieg weiterführen will, weil das gegenwärtige Verlustverhältnis, eben nicht dafür spricht, dass man die Ukrainer auf dem Landweg wird ermatten können, bis der organisierte Widerstand zustande zusammenbricht.
Wir haben jetzt gerade... Entschuldigung. Nein, nein, das ist sozusagen jetzt das Grunddilemma. Man kann natürlich weiter angreifen, aber der strategische Wert der Offensive ist damit im Grunde dahin, weil der ursprüngliche Plan war, wir sozusagen, bringen, also die Russen wollten die Ukraine ja zum Zusammenbruch des organisierten Widerstandes bringen, indem man die Armee überbelastet und der ukrainischen Armee überproportional Verluste zufügt.
Und das, wie gesagt, diese Rechnung geht zumindest zu gegenwärtigen Bedingungen nicht auf. Das heißt also, diese leichten Durchbrüche dort im Bereich der Stadt Kostjantiniewka, die würden Sie gar nicht überbewerten. Wir haben das ja eben gesehen auf diesem Festungsgürtel. Unten gibt es da so eine leichte Bewegung des russischen Militärs.
Sie sagen aber, gemessen auf die Gesamtbedeutung der Region, ist das aktuell gar nicht so viel wert? Nein, also die Konstantinivka sozusagen als Stadt selber, es ist mittlerweile eine Ruinenlandschaft und ja, man schiebt sich von Süden weiter Richtung Kramatorsk hinauf, aber gemessen an den ursprünglichen Plänen und gemessen an den ukrainischen Verlusten ist es jetzt nicht das, was die russische Armee eigentlich erreichen wollte.
Es ist natürlich für Moskau ein Propagandasieg, wenn man die Stadt einnimmt. Sie ist ja noch nicht ganz gefallen, es ist etwa zur Hälfte unter fester russischer Kontrolle. In der anderen Hälfte gibt es noch sozusagen russische Präsenz und ukrainische Präsenz, da ist der Städtekampf noch offen. Aber es ist natürlich absehbar, dass Konstantinivka in der nächsten Zeit, Wochen und Monaten fallen wird.
Aber es ist ein Angriff, wie gesagt. Der kein operatives Resultat ist und der für den Gesamterfolg der russischen Armee wenig beiträgt. Wenn ich eine Stadt nach so langem Kampf dann quasi als Ruinenstadt erobere, ohne dass ich großflächig ukrainische Kräfte binde und ausschalte, ja, dann kann man sich es natürlich in den Social-Media-Posts an die Brust heften.
Aber der, wie gesagt, der strategische Wert für den Ausgang des Krieges, der ist unter dem, was man eigentlich geplant hat. Sie sprechen also dann von der Einnahme, möglichen Einnahme einer Ruinenstadt. Sie sprechen davon, dass das eigentlich kein operatives Resultat ist. Da drängt sich einmal die Frage auf, warum scheint sich das russische Militär aktuell trotzdem auf diesen Frontbereich zu fokussieren, wenn es dann parallel auf der Krim so schlecht läuft?
Naja, die Angriffe hier erfolgen mit Bodentruppen und auf der Krim ist es im Grunde ein Luft- und Drohnenkrieg. Wenn man jetzt mehr Kräfte, also mehr Bodentruppen, mehr Infanterie, aus dem Donbass abziehen würde und Richtung Krim schickt, könnten sie dort nichts bewirken, weil sie ja keine Fliegerabwehr- oder keine Drohnenabwehrkapazitäten haben, die dort ja einen Unterschied machen würden.
Aus vorhin schon beschriebenen Gründen, es ist für Russland leichter im Osten, also im Donbass oder auch im Kharkivar Oblast, Nachschub an die Front zu bringen, Ablösen an die Front zu bringen. Deshalb führt man dort bevor zu Krieg. Der Donbass ist eine Schwerindustrie-Region, das heißt, es gibt ein vergleichsweise dichtes Netzwerk an Eisenbahnlinien, an tragfähigen Straßen und gut ausgebauten Brücken.
Das ist im Süden nicht so, dass eine landwirtschaftlich geprägte Region, da gibt es weit weniger Eisenbahnstrecken, weit weniger gut ausgebaute Straßen. Das heißt, die Logistik kanalisiert sich auf wenige Bewegungslinien. Die kennen die ukrainischen Drohnenoperateure und da passen sie den Nachschub ab.
In dem Sinne ist es relativ klar, warum Russland in weiteren Bodenoffensiven auf den Osten setzt. Die Frage ist nur, wenn der Grenznutzen, also sozusagen was investiere ich in eine Bodenoffensive und was kriege ich am Ende dabei raus, wenn dieser Grenznutzen ständig sinkt, ob man mit der Bodenoffensive weitergeht.
Da gibt es jetzt in Kiew Optimisten, die sagen, ja, dann wird Putin verhandelt. Das hoffen natürlich auch viele in Europa. Und dann gibt es natürlich auch Pessimisten, die sagen, ja, aber Putin könnte auch einmal eine vorübergehende Einstellung der Bodenoffensive befehlen und mit dem Luftkrieg weitermachen.
Also mit dem Angriff durch Marschflugkörper, durch ballistische Raketen auf ukrainische Großstädte, um die Bevölkerung mürbe zu schießen. Derweilen die Bodentruppen zu schonen, zu reorganisieren und dann erneut in den Kampf zu schicken. Das wäre natürlich aus Sicht einer Friedenslösung das negativere Resultat.
Aber es ist bei der Verbissenheit, mit der Putin an diesem Krieg hängt. Durchaus erwartungsgemäß, dass er versuchen wird, den Krieg fortzusetzen und sich nicht an den Verhandlungstisch zu setzen. Sie haben jetzt speziell zu der Stadt Kostjantiniewka nochmal gesagt, das hat vor allem auch eine kommunikative Wirkung. Da geht es dann um Social Media Posts, bei denen man vermeintliche Erfolge inszenieren kann.
Wie sieht das denn aus? Thema mögliche Verhandlungen. Würde die Einnahme solcher Städte, die, wie Sie sagen, keinen großen strategischen Wert bringen, Putin eine bessere Verhandlungsoption mit der Ukraine sichern? Nein, das denke ich nicht. Was natürlich diese Bilder zeigen und man sieht das zum Beispiel in Liman, wo hin und wieder Flaggenteams, in die Tiefe geschickt werden, irgendwo eine Flagge hissen und dann eine halbe Stunde später von Ukrainern, ausgeschaltet werden.
Dass natürlich die russische Propaganda und die Mobilisierung der eigenen Kräfte im Krieg von solchen Eroberungen leben. Also die Bilder sozusagen, dass irgendwo eine Flagge gehisst wird, auch wenn es nur für eine halbe Stunde ist. Die Bilder oder die Nachrichten, dass eine Stadt eingenommen wurde und dann ihren sowjetischen Namen wieder zurück erhalten hat, die werden dann natürlich im Fernsehen gebracht und gezeigt.
Und das soll vor allen Dingen für die Anwerbung von neuen Freiwilligen dienen, denen natürlich auch beigebracht werden muss oder weiß gemacht werden muss, dass der Krieg erfolgreich ist und dass Resultate erzielt werden und dass, es in eine Richtung Sieg geht. Denn dann sind sie eher geneigt, einen Vertrag mit den russischen Streitkräften zu unterzeichnen.
Das hat also hauptsächlich Innenwirkung. Das zweite ist, und das kennen wir mittlerweile aus einigen durchgesickerten Karten des russischen Generalstabs, die also Putin präsentiert wurde, dass die Erfolge... Der russischen Armee durch den russischen Generalstab stark übertrieben werden. Und das sieht man auch oft bei russischen oder russisch lastigen Kriegsbeobachtern, die auf Telegram ihre Karten veröffentlichen.
Da gelten Ziele oder da gelten Städte schon als Erober, die noch fest in ukrainischer Hand sind. Auch das natürlich für Putin. Die Armee will nicht zugeben, dass sie Schwierigkeiten hat. Einzelne Generäle wollen nicht zugeben, dass es an ihren Frontabschnitten schlecht läuft, dass sie eigentlich Probleme haben.
Also rapportiert man nach oben falsche Ergebnisse, Ergebnisse von Einnahmen, die eigentlich so nie stattgefunden hat. Und wenn man das natürlich unterlegen kann, auch durch Social-Media-Posts von einer Flaggenhissung, auch wie gesagt, wenn es nur eine halbe Stunde gewährt hat, dann kann man diese Berichte dann auch untermauern.
Und das dient der eigenen Karriere, das sozusagen dient auch der Abwehr von Kritik und so rechtfertigt man sich intern. Das führt natürlich aber in der Summe dazu, dass Putin ein völlig falsches Bild vom Kriegsverlauf hat und von den Fortschritten seiner Armee. Und dann auch ein falsches Bild davon hat, wie lange und zu welchen Opfern er diesen Krieg fortsetzen kann.
Ja, und in diese Gemengelage, in dieses, wie Sie sagen, verzerrte Bild des Krieges, da gab es jetzt kurz vor Beginn unserer Sendung nochmal eine Meldung, dass der ukrainische Präsident Zelenskyj nach Beratung mit seinem Geheimdienstchef eine 40-tägige Offensive gegen russische Ziele gebilligt habe. Ziel der Operation sei es, Druck auf den Aggressor auszuüben, um ein Ende des Krieges zu erzwingen. Das schrieb Zelenskyj auf Telegram.
Können Sie in der aktuellen Situation schon einschätzen, was das für die Handlungen des ukrainischen Militärs bedeutet, was sich da konkret verändern könnte in so einer 40-tägigen Offensive? Ich denke, es ist eine Fortsetzung von dem, was wir die letzten Wochen schon gesehen haben, nämlich vor allen Dingen Langstrecken, Drohnen und Marschallkörperangriffe gegen Ziele in der russischen Tiefe.
Das eine, und das spricht Zelensky in dieser Nachricht auch an, der Druck auf den Feind, vor allen Dingen auf seine Kriegswirtschaft, das richtet sich gegen Öl, Gas, Industrie, Verarbeitung, Raffinierung. Die Russland bezieht einen nicht unerheblichen Teil seiner Staatseinnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas. Vor allen Dingen die Extraktion aus dem Boden ist stark besteuert.
Das ist eine wichtige Einkunft für die Kriegskasse und es ist eine Einkunft, die konjunkturunabhängig ist. Es gibt ja einige Sektoren der russischen Wirtschaft, die durch den Krieg stark leiden. Der Öl- und Gassektor war bis zu diesen ukrainischen Angriffen relativ unberührt davon, braucht auch. Keine sehr großen Massen an Arbeitern. Die Rüstungsindustrie saugte den russischen Arbeitsmarkt zurzeit ziemlich leer.
Also dieser Sektor ist für die Fortsetzung des Krieges wichtig. Das Zweite aber, und auch das haben wir in den letzten Wochen schon gesehen, Schläge gegen russische Rüstungsindustrie, da bereitet sich die Ukraine vor auf den Winter. Jeder Winter sieht ja eine russische Angriffskampagne gegen ukrainische Kraftwerke, gegen Elektrizitätsinfrastruktur und die Ukrainer befürchten nun auch gegen, Trinkwasseraufbereitungsanlagen, dass das also die die nächsten Ziele sein werden, und dem versucht die Ukraine vorzubeugen, indem sie im Sommer in der Zeit, in der Russland eben diese Fernwaffen produziert und.
Im Munitionsbunker sozusagen bevorratet für die Winterkampagne, die Schlüsselbetriebe in der Herstellung oder für die Herstellung von diesen Fernwaffen zu treffen, und auszuschalten, damit eben die Produktionszahlen auf der russischen Seite, unter das Niveau sinken, dass die Ukraine mit ihrem spärlichen Nachschub an Fliegerabwehr-Lenkwaffen handhaben kann.
Das ist wichtig, um den nächsten Kriegswinter einigermaßen gut zu überstehen. Ja, dann gab es ja noch eine Verlautbarung. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko, der ruft jetzt nach Spekulationen um seine Beteiligung, um eine Beteiligung seines Landes an diesem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu Gesprächen auf.
Also auch auf dieser Seite ein Signal. Wie wichtig ist dieses Signal für die Ukraine? Es gab vor allen Dingen von russischer Seite oft in diesem Krieg Gerüchte über eine Kriegsveteiligung Belarus, die gestreut wurden, um die Ukraine dazu zu zwingen, Kräfte aus dem Osten abzuziehen und die Nordgrenze der Ukraine mit Belarus stärker zu sichern.
Ich denke, auch die Gerüchte jetzt kommen aus ähnlicher Quelle. Aber in den vergangenen Wochen war Lukaschenko, es war nicht nur diese Kommunikation, deutlich konzilianter, als er das früher auch immer gemacht hat. Ein Fall zum Beispiel, nachdem ja Starlink für die russischen Streitkräfte abgeschaltet wurden.
Sucht Moskau nach Alternativtechnologien, um Verbindungen zu Drohnen aufrecht zu erhalten. Eine dieser Alternativrouten für Datenkommunikation zu Drohnen waren Mobilfunkmasten in Belarus und man sah in vielen, Angriffen, Drohnenangriffen Russlands gegen die Ukraine, dass russische Drohnen sehr lange eben, an der ukrainisch-belarussischen Grenze entlang geflogen sind, um dann in die ukrainische Tiefe zu stoßen.
Und hier hat Lukaschenka auf Drängen Zelenskys einige dieser Mobilfunkmasten, im grenznahen Bereich abschalten lassen, und das ist ein Gegenkommen an Kiew, das es bis jetzt so in diesem Krieg nicht gegeben hat und Lukaschenka ist ein Überlebenskünstler, er will an der Macht bleiben und er hat sich bis jetzt, hat er es immer verstanden, sich so zu arrangieren und zwischen Ost und West einen Balanceakt zu treiben, dass er eben an der Macht bleibt.
Durch seine geschwächte Position gegenüber dem Westen 2020 hat er dulden müssen, dass die Russen 2022 über Belarus Richtung Kiew marschieren oder zumindest probieren, Richtung Kiew zu marschieren. Jetzt, wo es Moskau im Krieg deutlich schlechter geht, ist er gegenüber Moskau selbstbewusster und scheint.
Schon in einer Realität zu leben, in dem Selenskyj ukrainischer Präsident bleibt und die Ukraine nicht ein russisch beherrschtes Gebiet sein wird. Und ja, das ist sozusagen eine bemerkenswerte Neuerung, die man so zur Kenntnis nehmen muss. Ja, soweit also zu Verbündeten und ich gucke mal gerade in den Chat, was unsere Zuschauer und Zuschauerinnen interessiert und es gibt hier noch einige Fragen zur Krim, speziell zur Bedeutung der Krim sowohl für Russland als auch für die Ukraine, die ich gerne an sie weitergeben würde.
Es schreibt hier ein User, so sehr ich es der Ukraine gönne, aber könnte sie die Krim halten? Das wäre doch ein riesiger Kraftakt und Verschleiß. Ja, also eine Gegenoffensive in Richtung Krim, um die Landverbindung zu kappen, sehe ich derzeit sehr skeptisch. In der Tat wäre das ein enormer Kraftakt. Die Ukraine führt zwar Gegenangriffe vereinzelnd durch, aber diese Gegenangriffe sind immer nur sehr von kurzer Dauer und militärisch sagt man das räumlich und zeitlich begrenzt.
Das heißt, man schlägt hin und man zieht sich dann wieder in den Schutz der eigenen Drohnenstreitkräfte zurück. Man will vor allen Dingen mechanisierte Kräfte, aber auch die Infanterie nie lange in größerer Konzentration in der Gefahrenzone, in der sogenannten Todeszone belassen. Wenn man eine größere Offensive vortragen würde, dann müsste man das tun.
Dann muss man ja weiterstoßen. Dann muss man einen Einbruch zu einem Durchbruch ausweiten und den Durchbruch dann auskosten. Wenn sich der Durchbruch anbart, dann wissen das natürlich die Russen, dann ziehen sie Kräfte zusammen, dann ziehen sie Drohnen zusammen, dann versuchen sie natürlich auszuschalten, was sie ausschalten können.
Das wäre zumindest unter den gegenwärtigen Bedingungen. Ein extrem verlustreicher Kampf und diese Verluste will die Ukraine nicht in Kauf nehmen. Da ist natürlich die Frage, wie entwickelt sich die Lage weiter? Wie weit werden die russischen Kräfte im Süden noch geschwächt, wenn diese Strangulation des Nachschubs der Logistik anhält?
Das ist ja nicht etwas, was von heute auf morgen geht, sondern das passiert über Zeit. Das ist sozusagen etwas... Was wir natürlich im Auge behalten müssen. Und das Zweite ist die Rekonstitution der ukrainischen Kräfte. Die Ukrainer haben jetzt in vier Jahren Krieg extrem viele Verluste einstecken müssen. Viele Brigaden sind abgekämpft, leiden an Personalmangel.
Die Ukraine hat diese Schläge in die Tiefe, dieses Abwürgen der russischen Logistik auch dazu gebraucht, um eben mal Kräfte zu rotieren, wieder aufzubauen, Leute von der Front heimzuschicken bzw. In Urlaub zu schicken, um ein bisschen sozusagen die Moral auch wieder zu heben. auch. Viele Verbände wieder zu trainieren, um sie besser vorzubereiten auf die Front, wie sie eben jetzt ist, ihr Trainingsschema zu verändern.
All das dient dazu, dass die ukrainische Kampfkraft langsam wieder steigt. Aber die Betonung hier liegt auf langsam keiner dieser Prozesse vom Rückgewinnen, des Vertrauens in die taktische und operative Führung bis hin eben zur Veränderung der Ausbildung. Keiner dieser Maßnahmen gelingt über Nacht und, das wird Zeit brauchen, bis die Ukraine mit ihren eigenen Kräften wieder auf einem Niveau ist und wieder in einer Kampfkraft ist, wo es ihnen erlauben könnte, Schwächen der Russen stärker und mit längeren Offensiven auszunutzen.
Eine vollständige Eroberung, muss ich sagen. Oder ein Übersetzen ukrainischer Kräfte auf die Krim halte ich für eher unwahrscheinlich. Der Ukraine fehlen starke Luftstreitkräfte, Hubschrauberlandekräfte, amphibische Landungskräfte, um sozusagen die schmale Landverbindung, die die Russen stark verteidigen könnten, irgendwie zu umgehen.
Da ist es wahrscheinlicher, sollte sozusagen eine ukrainische Offensive im Süden irgendwann einmal gelingen. Und das ist in den nächsten Monaten zumindest oder dieses Jahr eher unwahrscheinlich, aber sozusagen im langen Atmen. Dann würde man eher versuchen, die Krimbrücke zu zerstören, den Schiffverkehr zu unterbinden mit Seedrohnen und die Halbinsel dann wirklich einfach zu belagern, und unhaltbar zu machen.
Und wenn sie dann für Russland eben aufgrund. Des Belagerungszustandes schwer bis unhaltbar ist, dann eben aufgrund der politischen Signifikanz der Halbinsel, ist das ukrainische Kalkül, dass dann Putin zu Verhandlungen bereit sein muss, die eben nicht, nur eine Kapitulationsaufforderung und seine eigene Maximalforderung darstellen.
Das war ja das Kalkül der Gegenoffensive 2023. Die ist nicht geglückt und wahrscheinlich wäre ein ähnliches Kalkül bei einer größeren Offensive im Süden zu erwarten. Aber wie gesagt, alles Gerede über eine mögliche ukrainische Offensive ist zu dem Zeitpunkt weit verfrüht und voreilig. So weit sind wir hier noch nicht.
Jetzt haben wir sehr viel über die strategische und militärische Bedeutung der Krim gesprochen. Hier fragt ein User noch zur Bevölkerungsstruktur. Wie hoch ist denn eigentlich der Anteil der pro-ukrainischen Bevölkerung auf der Krim? Das ist extrem schwer zu sagen, weil die Krim ja seit 2014 besetzt ist, weil viele pro-ukrainische Einwohner der Krim durch administrative Maßnahmen wie Enteignungen, Entfernungen aus dem Arbeitsleben dazu gezwungen wurden, die Krim Verhaftungen zu verlassen.
Weil es einen Zuzug und eine Ansiedlung von vor allen Dingen Leuten aus dem Sicherheitsapparat, aus dem Militärapparat, aus den Geheimdiensten, aus dem Bereich inneres Sicherheit auf die Krim gab. Das hat die Bevölkerungsstruktur der Krim verändert. Wenn man sich anschaut, das 2014er-Referendum nach dem, was an Daten, aus dem russischen Inlandsgeheimnis FSB geleakt ist, haben etwa 30 Prozent der Krim-Einwohner unterzeichnet. Also ungefähr ein Drittel war damals bereit, für den Anschluss zu stimmen.
Das Problem ist, die zwei Drittel, die damals waren, wie viele davon waren wirklich pro-ukrainisch, wie viele waren einfach politisch indifferent. Dass die Krim-Tataren, die sehr stark diskriminiert sind, einem enormen Verfolgungsdruck ausgesetzt sind, dass die eine ukrainische Befreiung entgegensehnen, dass davon ist auszugehen.
Und sonst muss man davon ausgehen, dass es einen Großteil der Bevölkerung gibt, die abwartend ist, die sich vermutlich 2014 auf einen wirtschaftlichen Aufschwung gefreut hat und dann kam die Militarisierung, die jetzt wahrscheinlich von Russland enttäuscht ist, aber die nicht unbedingt als pro-ukrainisch auch beschreiben, die nicht unbedingt pro-ukrainisch in diesem Sinn auch sein muss.
Also da ist wahrscheinlich sehr viel Indifferenz im Spiel. Aber wie gesagt, es gibt einen nicht unheimlichen Kern an Einwohnern, die immer noch auf der Krim sind und die auch mit den ukrainischen Fernaufklärern zusammenarbeiten. Also es ist ein Teil. Wie groß er ist, kann man schwer sagen. Und um uns nochmal an den Anfang unserer Sendung zurückzubringen, in der wir die Frage stellen, wird die Krim isoliert werden?
Wir haben noch einen User, der fragt. Der fragt folgendes, würde die Zerstörung der Kerzbrücke Putin zu Fall bringen? Vielleicht ist das ein ganz guter Abschluss für uns. Das wäre schön, so weit würde ich aber nicht gehen. Es wäre natürlich ein enormer Prestigeverlust für Putin. Es wäre für die Versorgung, der Krim, vor allen Dingen die militärische Logistik natürlich ein enormer Verlust.
Aber um Putin zu stürzen, braucht es natürlich mehr. Wobei, das muss man auch sagen, auch im russischen Militär, auch in den russischen Sicherheitsdiensten wächst die Unzufriedenheit mit dem Krieg. Nicht unbedingt, weil sozusagen die Legitimität des Krieges hinterfragt wird oder die Einstellung zu einer imperialen russischen Politik, sondern weil einfach die Planungsfehler, am Beginn des Krieges enorm waren und die Mitleidenschaft, in die die russischen Streitkräfte mittlerweile gezogen sind, auch unübersehbar sind und sozusagen auch der Anspruch an Großmacht, dass die Einstellung herrscht, eine echte Großmacht, die lässt sich sowas nicht bieten und die führt nicht zu unprofessionellen Krieg,
die natürlich auch vorherrscht. Und da wird dann Putin und seine Mannen auch als Grund gesehen, warum dieser Krieg aus russischer Sicht so schlecht verlaufen ist. Und das könnte für Putin durchaus gefährlich werden. Ich denke, die Chancen einer demokratischen Revolution in Russland sind derzeit gering, auch aufgrund der Repression.
Aber die Unzufriedenheit im Sicherheitsapparat, die könnte für Putin in der Tat gefährlich werden. Wobei auch hier nicht kurzfristig, sondern eher im langen und mittelfristigen Horizont. Soweit die Analyse von Militärexperte Gustav Gressel. Er sagt, Russland habe zwar weiterhin die militärische Initiative und halte den Druck aufrecht, aber für die enorm hohen Verluste würden sie relativ wenig Gelände einnehmen.
Jede Woche reden wir in unserem Ukraine-Update mit Expertinnen und Experten und Reporterinnen und Reportern in der Ukraine über die Entwicklung und Hintergründe im Krieg. Und wir analysieren mit detaillierten Karten die Lage an der Front. Schaut doch gerne mal rein auf YouTube oder in der ZDF Heute App und stellt eure Fragen. Vielen Dank fürs Reinhören und bis zum nächsten Mal.