NZZ Akzent· Folge 1704

Kreml-Propaganda im TV: Wie Russland das Feindbild Westen zementiert

Mittwoch, 28. Oktober 2026 · 17 min

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Shownotes

Brennende Häuser, patriotische Lieder und omnipräsente Frontberichte: Wer in Russland den Fernseher einschaltet, erlebt eine verzerrte Realität. Der Ukrainekrieg bestimmt das gesamte Programm, von den Morgennachrichten über Quizsendungen bis hin zur Datingshow.

NZZ-Redaktorin Inna Hartwich hat selber 20 Jahre in Russland gelebt und sich nun wieder einmal eine Woche lang intensiv russisches Fernsehen angeschaut. Sie erzählt, wie der Kreml seine Propaganda im Alltag der Menschen verankert.

Gast: Inna Hartwich, NZZ-Redaktorin
Host: Lillybelle Eisele

Thumbnail: Sopa Images / LightRocket

Innas Bericht über ihr TV-Experiment findest du in der Linkbeschreibung (nzz.ch/international/fernsehen-in-russland-es-…)NZZ.

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Dieser Podcast wird präsentiert von der Hochschule für Wirtschaft FH&W, Fachwissen Praxisorientierung und hochkarätige Dozierende für ihren nächsten Karrierschritt. Wenn man in Russland um neun Uhr morgens den Fernseher einschaltet klingt das oft etwas so. Wir schauen zu, wer ein Soldat im Wald versteckt eine Haubitze lädt.

Und wir sehen Drohnen mit Sprengsätzen und brennende Häuser. Inner als Experiment hast du dir etwa eine Woche lang russisches Fernsehen angeschaut? Wie war das? Sehr anstrengend! Man hört und sieht sehr viel vom Krieg bzw von der militärischen Spezialoperation wie das in Russland genannt wird. Er ist eigentlich überall, egal ob bei Nachrichten in Talkshows letztlich auch in Dating-Shows und selbst im Zeichentrick filmen kommt er vor.

Man erfährt sehr viel über das siegreiche freiheitsliebende menschliche Russland dass aber von europäischen Nazis bedroht wird. es ist also eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung die wir da zu Gesicht bekommen und vor allem auf die Ohren. Das Fernsehen ist vielleicht das wichtigste Propagandamittel der russischen Region.

NCT-Redaktorin Inna Hartwig hat sich tagelang durchgezappt und erzählt mir davon. Ich bin Lili Beleisele, das ist NCT-Aktzent. Erst mal Inna, wie bist du denn auf die Idee für so ein Experiment gekommen? Na ja zum einen um die etwas andere Wahrnehmung, die viele Russinnen und Russen haben sowohl über ihr Land als auch über unsere Länder zu verstehen muss man eigentlich fernsehen.

Zum anderen habe ich solche Experimente tatsächlich schon mehrmals gemacht. Einmal im Jahr two-thausend acht, weil ich dort in Moskau als Praktikantin war und bei einer Frau gelebt habe. die Wurste, dass ich Journalistin bin und sie holt mich immer zu den Nachrichtensendungen am Abend mit dazu. Und dann dachte ich was passiert denn eigentlich wenn man sich das mal etwas länger antut?

Und zwar nur großes Fernsehen! Und als Russland im Februar zwanzig die Ukraine überfallen hat, habe ich das nochmal wiederholt und jetzt hab' ich auch eine Woche lang mehrere Sendungen immer wieder geschaut. Weil es noch krasser geworden ist, noch schriller, noch lauter – dass man das eigentlich kaum erträgt wenn man sich das stundenlang antun würde!

Also in den letzten Jahren hat vor allem die Darstellung von Krieg zugenommen, meinst du. Du hast ja gesagt der Krieg, die Spezialoperation wie sie es nennen ist eigentlich egal in welcher Sendung präsent? Die ist immer da. selbst wenn man durchzhebt ist er immer vorhanden. vor allem nahezu jede Nachrichtensendung fängt an mit... den Erfolgsmeldungen der Russen.

Man sieht immer explodierende Häuser, man sieht ganz viel Feuer, man hat ganz viele Rennendesoldaten und die Moderatorinnen sprechen eigentlich immer von wir und meinen damit die russische Armee. Und sie sprechen auch von Sie und meinen dann mit die Feinde sind in ihren Augen die Ukraine natürlich aber auf die Europäer.

Und wie ist das in Russland? Also schauen da viele Menschen fern, beziehungsweise setzen sich freiwillig dieser schlimmen Berichterstattung aus. Eigentlich schon! Das Fernsehen war lange Zeit die Informationsquelle Nummer eins – die ist bei Älteren vor allem immer noch die Information Quelle Nummer eins aber auch bei etwa sechzig Prozent der ganzen Bevölkerung so sagen es zumindest die Zahlen von Instituten.

und die Jüngeren informieren sich über Telegramm, über Soziale Netzwerke, aber der Fernseher läuft in vielen Haushalten eigentlich den ganzen Tag und manchmal auch in jedem Zimmer. Man kocht und der Krieg rauscht irgendwo man saugt und der kriegt es auch da. Das ist gehört irgendwie zum Alltag Es ist tatsächlich so ein Hintergrundtrauschen und man setzt sich, so würde ich sagen nicht wirklich damit auseinander weil da exportiert ja immer überall irgendwas.

Das ist eine Art Brei aus Feuer, Krachen dröhnen... Und immer dieses wir werden siegen! Wir haben Erfolg. wie werden Sie niederringen? In der Früh und am späteren Morgen laufen Nachrichten eigentlich auf allen Kanälen hast du gesagt Kriegsbilder und so. Was steht denn am Nachmittag auf dem Programm? Da gibt es natürlich auch Nachrichten, auch Talkshows aber es gibt auch Unterhaltungsprogramme wie zum Beispiel die Dating Show namens Davai Pagenimsa das heißt Lass uns heiraten!

Da kommen dann meistens zwei Männer, oder eins bis zwei Männer und drei Frauen. Und aus diesen Frauen suchen sie die Angebiete zu Hause. Moderiert wird das von zwei etwas ältlich aussehenden und auch ältliche daherredenden Damen. Eine hat so ein Schoßhündchen mit dabei, der bellt manchmal auch... Die erzählen dann von Frauen, den schönen und wahren und echten und von Männern.

Den Heimatverteidigern... Stellen eigentlich so das Bild, was auch der Kreml offiziell ausgibt. Was eine richtige Familie ist? Was ein richtiger Mann ist? Das wird dann weitergegeben. Ganz klare Rollenbilder werden da angepriesen. So sollte man irgendwie das Leben leben! Auf jeden Fall. Und man sollte eben etwas leisten, als man die Heimat verteidigen.

zum Beispiel und die Frau ist sozusagen die Bewahrerin der Kochstelle oder der Feuerstelle wird das oft im Russischen genannt schön aussehen, heiraten Kinder kriegen und selbst wenn da in der Tat manchmal Frauen vorkommen, die dann sagen Möchte keine Kinder, dann ist es ein großes Entsetzen. Das sei ja keine richtige Familie.".

Und vor einigen Monaten kam auch ein Frontsoldat in die Sendung... Alexander, einundreiß Jahre alt aus Lipetsk in der Nähe von Moskau. Der kam in Uniform und suchte eine langhaarige Die braunhaarige Bewahrerin der Häuslichkeit. So nennt er das! Und drei Frauen stellten sich davor, sie spielten Theater und sangen.

Und die beiden Moderatorinnen bedanken sich bei dem Mann, weil er so viel leiste für das Land. Am Ende entscheidet sich Alexander für die zwanzigjährige Christina, die er als Kampffreundin bezeichnet. Und eben eine treue Frau in ihr sieht, die auf ihn dann zu Hause wartet. Also du erzählst so die Kombination von traditionellen Familienbildern und Rollen?

In der Gesellschaft und dazu ein heroisiertes Bild von den Soldaten, hast du das jetzt neu beobachtet oder war das schon vor dem Ukrainekrieg so? Das war letztlich schon vorher so. Russland ist eine stark militärisierte Gesellschaft und war sozusagen immer auf Sieg aus und sehr starke Rollenverteilungen dürfen das Mädchen sollen das.

Aber es ist über die Jahre hinweg noch stärker geworden, noch krasser geworden und noch schriller geworden vor allem. Und es geht tatsächlich mittlerweile nur noch um den Krieg. Also selbst in irgendwelchen Ratesendungen kommt der vor, der ist eigentlich immer präsent. Wie muss ich mir das vorstellen?

Dass der Krieg-Präsent ist in einer Ratesendenung also in seiner Quiz Show? Der werden zum Teil Soldaten eingeladen... oder es werden auch Lieder gesungen, wo traditionelle Rollenbilder reisgegeben und besungen werden. Man kommt da so in den Trachten und besingt dann das russische Volk die Russische Frau im Polit-Talk-Shows.

Besinkt man sozusagen auch die russischen Frau? Man sagt ja der Westen ist ja nur neidisch auf unsere schönen und hübschen Frauen. Man ist dann auch voller Häme vor allem gegen den Westen. Man macht sich lustig darüber. Regierungen, die einzelnen Präsidenten. Der deutsche Bundeskanzler ist da sehr hoch mit dabei oder der französische Präsident.

Man brüllt sich auch nieder und fällt sich ins Wort. Manchmal vor allem wenn Gäste da kommen, die vielleicht ein Thema ansprechen das nicht so im Skript steht dann wird der Person auch gerne mal den Ton abgedreht. Oder es gab zum Beispiel auch eine Sendung, wo ein Mensch über die Benzinpreise gesprochen hat.

Und dann hat der Moderator sofort gesagt, haben Sie überhaupt einen Auto? Und wenn sie keine Autos haben können sie da sowieso nicht mitreden. und der Mensch sprach aber immer weiter und der Moderater fiel ihm ständig ins Wort und sagte dann schweigen sie jetzt um das mehrmals schon krass, man darf ja nichts Falsches dann sagen sozusagen in diesen Sendungen.

Kritisiert es denn niemand öffentlich oder lehnt sich da mal dagegen auf? Auflehnen ist schwierig in Russland. das gibt sehr viele Repressionsgesetze. Man kann auch Krieg nicht Krieg nennen Es sei denn man will über den Westen sprechen. der Westen führt nämlich Krieg gegen Russland. Russland führt eine militärische Spezialoperation gegen die Ukraine Und unabhängige Journalisten haben wirklich in Scharen das Land verlassen bzw.

verlassen müssen, weil sie sonst in Haft gekommen wären. Das führt dazu dass es zwar durchaus Exilmedien gibt die auch unabhängig über Russland berichten, die sitzen aber nicht in Russland und um sie lesen zu können ist oft die Umgehung überall in VPN nötig. Die VPNs werden durch den Staat zum Teil gestört.

Die VPN muss man bezahlen als man Buses wollen und staatliche Sender zeigen oder schreiben darüber, was der Staat auch letztlich vorgibt. Es gibt einmal wöchentlich eine Sitzung in der Präsidialverwaltung und da werden zum Teil Handbücher verteilt wie und ob über ein Thema berichtet werden soll. das führt dann dazu dass zB im Fernsehen die Moderatoren die gleichen Worte benutzen für bestimmte Vorkommnisse.

Das heißt du hast dann eine Sendung gesehen und zwei Stunden später Hörst du praktisch dasselbe in einer anderen Sendung? Also mit diesen Sitzungen kann man sagen so wie die Moderatorin und die Moderatoren dann im russischen Fernsehen sprechen, das kommt eigentlich direkt zu einem Auftrag vom Kreml oder auch also die Zensur.

Das kann man schon sagen. es wird dem Präsidialamt entschieden Was und wie berichtet wird. bei dieser Sitzung sind dann die Chefs der großen Fernsehsender dabei, der großen Zeitungen. Es ist oft auch die Sprecherin des Außenministeriums dabei, Vertreter von Parteien. Und dann wird klar gesagt was ist das Worthing eigentlich für alle?

Das Worthing für alle lautet dass der Westen gegen Russland ist dass der Westen Russophob ist, also das Wort Russophobi taucht in Nachrichtensendungen regelmäßig auf. Man spricht von antirussischer Hysterie – das hat man vor allem auch gesehen als der deutsche Bundeskanzler die Drohne im Leipzigansprach was von Russland als Erfindung der Deutschen bezeichnet wurde Und März jedenfalls Wolle an der Macht bleiben und deswegen erfindet er solche Drohnen, erraubt das russische Haus in Berlin usw.

Gleich geht's weiter! Inner das erzählt morgens kommen jeweils Nachrichten auch am Nachmittag aber da gibt es diese TV-Shows, Datingshows und Talkshows. Wie sieht's denn am Abend aus? Da gibt es natürlich auch Nachrichten. Nachrichten gibt es eigentlich quer durch den Tag Aber auch da sehen wir letztlich dass immer mehr noch vom selben ist.

Man sah nach der Wahl zum Beispiel dass letztlich immer die gleichen Bilder natürlich gezeigt werden und das gleich erklärt wird in der Abendsendung, zum Beispiel nach den Wahlen. auch Tage danach sah man die Wahlleiterin, die bei Putin zu Besuch war um ihm zu sagen wie toll diese Wahl verlaufen ist.

Und Putin konnte dann sagen, dass sie legitim ist, dass sich jeder angestrengt hat, dass das ganze Land hinter ihm steht. Das sah man im anderen Sender dann Tag später, wo er sich auch mit den Vertretern der Parteien traf. Da sagte er praktisch dasselbe und die Moderatoren wiederholen dann das was er sagt.

Und durch diese Wiederholung entsteht so eine Illusion. dem Land geht es gut steht gut da ist gewinnt in Krieg. Im lande selbst läuft auch alles bestens obwohl wenn man rausschaut erkennt man eigentlich dem ist nicht so. Und trotzdem glauben viele an die Erzählungen der Fernsehpropaganda. Du hast ja selber über zwanzig Jahre lang in Russland gelebt, du kennst die Kultur gut, du sprichst die Sprache perfekt.

Gibt es denn auch Momente oder Einschätzungen? Wenn du jetzt da Fernsehen schaust bei denen du findest das stimmt der oder die, die da spricht ... Der hat recht! Die russische Propaganda ist ja perfekt gemacht. Die erzählen ja in dem Sinne keine Lügen Sie nehmen ja durchaus Fakten und verdrehen die aber so, dass man am Ende – das merkt man auch wenn man so ein Experiment selber macht – zumindest anfängt zu zweifeln.

Und denkt, hm, vielleicht ist da etwas dran? Vielleicht haben sie mit dem und dem doch echt. Das finde ich total erschreckend! Weil wenn du jeden Tag und Woche für Woche, Jahr für Jahr mit solchen Mechanismen dann zu tun hast… Dann glaubst du die Erzählungen irgendwann mal? Dann glaubt du daran, dass in der Ukraine Nazis sind.

Dass Europa gegen Russland ist, dass man Russlands zerstören will und das zu verstehen finde ich enorm wichtig um zu sehen wie diese Gesellschaft funktioniert und wie dieser Gesellschaft auch auf Europa blickt und auf die Ukraine blickt Und zu verstehen, dass das Bild ein ganz anderes heißt, dass wir haben.

dir von diesem Experiment, von dieser Woche dich durch russische Fernsehen zappen? Also in einer Nachrichtensendung sagt der Korrespondent, der über Deutschland berichtet hatte. Je ungeheuerlicher die Lüge ist desto schneller glaubt man an sie. das fand ich eigentlich recht gut weil es die Machart des russischen Fernsehens beschreibt.

was mir aber nach dieser einen Woche bleibt ist letztlich dass man dieses Fernsehen Lieber nicht gucken soll. Es ist enorm belastend, es wird selten über Menschen berichtet, es ist einfach nur Zerstörung, Explosion, Krach, Gebrüll... ...es ist total anstrengend! Man will da einfach nur noch fliehen.".

Danke inner, dass du heute bei mir am Studio warst? Sehr gerne. Das war der Akzent mit NCC-Redaktorin Inner Hartwig. Den Artikel zum Gespräch verlinke ich euch in den Shownotes. Mein Name ist Lili Beleisele, danke fürs zuhören.

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