NZZ Akzent· Folge 1661

Nach 9/11: Die vergessenen Veteranen der USA

Mittwoch, 2. September 2026 · 16 min

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Shownotes

25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September kämpfen Hunderttausende US-Veteranen mit den Folgen der Kriege in Afghanistan und im Irak. Viele leiden noch heute unter schweren physischen und psychischen Wunden, während staatliche Hilfe oft ausbleibt.

US-Korrespondent Andreas Scheiner berichtet von seinen Begegnungen mit ehemaligen Soldaten. Sergeant Earl Lundy überlebte knapp einen Bombenanschlag und musste das Gehen neu lernen. Die ehemalige Sanitäterin Tiffany Macdonald kämpfte nach ihren Einsätzen gegen die Alkoholsucht. Auf der "Warriors Heart" Ranch in Texas suchen sie und viele andere Veteranen Unterstützung beim Aufarbeiten ihrer Traumata.

Host: Nadine Landert
Redaktion: Sarah Ziegler
Bild: Danielle Villasana

Andreas' Reportage findest du hier (nzz.ch/international/25-jahre-nach-911-veteran…)

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Dieser Podcast wird präsentiert von der SBB. Wir chauffieren sie täglich direkt nach Bologna, Mailand und Venedig – dorthin wo die Abende länger sind. Es war ein ganz normaler Tag für Sergeant Earl Lundy so normal wie ein Tag im Kriegseinsatz in Afghanistan sein kann. Erl bereitet im Stützpunkt gerade die Verpflegung vor, als da plötzlich nur noch weißes Licht ist.

Andreas was ist da passiert? Ein Selbstmordattentäter ist mit einer Bombe in den Stütztepunkt gefahren. Die Explosion war enorm heftig. Es hat sogar ein Jeep eines dieser amerikanischen Geländefahrzeuge in das Gebäude hinein katapultiert. Der Cheep ist beinahe auf Earl Lundy gelandet. Er hat noch Glück gehabt, da ein Stahlträger auf seinen Beinen auch gelandete und dieser Stalträger hat alles abgeschirmt und so hat er das überlebt.

aber er war unter Meter hohem Schutt begraben. Er erinnert sich eigentlich an nichts mehr, er hörte einen Klingeln im Ohr. langsam so stimmen und in Schreie die näher kommen und er hat mir erzählt, er dachte die ganze Zeit. nur ich muss aufwachen wach auf wach. Solche Geschichten gibt es Tausende. Earl ist einer von zweieinhalb Millionen Amerikanern, die nach Nine Eleven in den Kriegen hauptsächlich in Afghanistan und im Irak gekämpft haben – im War on Terror!

Und die bis heute mit den Folgen leben…. Fünfundzwanzig Jahre nach den Terroranschlägen vom elften September kämpfen hunderttausende US-Veteranen nicht mehr an der Front, sondern mit ihren körperlichen und seelischen Wunden. US-Korrespondent Andreas Scheiner hat einige der Veteranen getroffen – ich bin ja den Landrat!

Andreas was hat Earl denn nach Afghanistan gebracht? Naja zunächst einmal kommt er aus einer Militärsfamilie. Er war noch in der Schule als Nine Eleven passiert ist. danach war ihm klar, er muss auch ins Militär und er will auch seinem Land dienen. Und ermeldete sich als falscher Jäger und kam dann in die Elite-Einheit, wo er vierzehn Monate diente... ...und da hätte eigentlich nur noch zwei Wochen dienen müssen, als es zu diesem verhängnisvollen Tag im März twohntausend acht kam.

Wie ging es nach diesem Anschlag in Afghanistan für ihn denn weiter? Also da begraben, in diesem Schutt lag. Ja er lag eben unter dem Schutt und unter diesem Stahlträger und hat deshalb überlebt. Fünf Stunden hat das gedauert bis er geborgen werden konnte. Er wurde dann noch in Afghanistan operiert, kam nach Deutschland in ein Militärkrankenhaus wo er ganze zwei Monate verbringen musste.

Er wurde da auch ausgezeichnet mit einem Purple Heart das ist eine Medaille für Verwundete aber das hat ihn nicht groß interessiert weil er war besorgt dass er sein Bein verlieren würde. Ärzte haben ihm auch damals gesagt er wird nie wieder gehen können und das war das eine die physischen Wunden, aber dann waren natürlich auch die psychischen Wunde, die ihn verfolgt haben.

Zwei seiner Kollegen sind auch gestorben bei diesem Anschlag in Afghanistan. Seine Geschichte steht ja für eine ganze Generation von Soldaten, die nach Nine Eleven in den Krieg gezogen sind. Nine Eleven eben schon vor zwanzig Jahren her. Die USA haben die Truppen aus dem Irak und Afghanistan inzwischen abgezogen.

Wie kümmert sich das Land denn um seine Veteran und Veteran, wie zum Beispiel Earl? Vordergründig behauptet die Regierung, dass sie viel mache für die Veteranen. Aber im Alltag sind Sie weitgehend selbst überlassen. Sie kommen zurück aus dem Krieg, füllen dann kurze Fragebogen aus, wie es ihnen geht – und die meisten kotzen an, dass es ihnen gut geht und werden dann sozusagen entlassen.

Ins Leben! Genau. Aber gut geht es den meisten ja vermutlich nicht. Nein, das geht überhaupt nicht gut! Man weiß heute mindestens, dass es nur die offiziellen Zahlen sind, unter seelischen und auch physischen Beeinträchtigungen weiterhin leiden. Das sind posttraumatische Belastungsstörungen, Sucht-, Alkoholerkrankungen, Medikamentenabhängigkeit – vieles mehr.

Und der Staat macht nichts? Der Staat macht sehr wenig. Die Veteraninnen sind auf sich alleine gestellt Und man muss auch sagen, die Anerkennung ist nicht da. Die Soldaten, die Veteranen erfahren wenig Anerkennen für das was sie in den Kriegen in Irak und Afghanistan geleistet haben weil diese Kriege heute auch als gescheitert gelten und so bleibt ihnen eigentlich nicht viel anderes als sich an private Stiftungen zu wenden über Spenden irgendwie mit ihren Traumata fertig werden zu können.

Und es gibt dann private Initiativen wie zum Beispiel die Warriors Heart Ranch in Texas, die ich besucht habe. Was ist das für ein Ort? Wie muss ich mir das vorstellen dort? Es ist ein wunderschöner Ort, idyllisch riesig, fünfmal so groß wie der Vatikaner und es gibt Wälder, Seen kleine Häuschen wo die Veteranen einen Boden.

Es klingt zunächst einmal wie ein Retreat aber es ist natürlich sehr ernst was da passiert. also es gibt eine sehr strenge Suchttherapien Alkoholentzug, Drogenentzug. Doch Therapieformen oder wie muss ich mir da so ein Alltag vorstellen? Ja es gibt also zunächst einmal die klassische Suchtherapie wo wirklich Entwöhnung stattfindet aber dann auch ein ausgiebiges Freizeitprogramm.

also die Soldaten können oder die Veteranen können da Fischen gehen sie können im Wald spazieren. Es gibt auch Kunsttherapien Workshops Yoga wird auch angeboten. das kann jeder ein bisschen so gestalten. wir möchte Und wie viele Leute sind da? bis zu hundert Leute können an einem sechswöchigen Programm teilnehmen.

Und also da warst du, wie hast du da die Stimmung wahrgenommen? Ja es ist natürlich eindrücklich! Man bewegt sich über dieses riesige Gelände man geht dann in eine Cafeteria oder zu ein Kunstworkshop und das sieht alles eigentlich sehr schön aus und eben düllisch. und gleichzeitig sind da diese Figuren, diese Gestalten, die sehr gebrochen irgendwie durch die Anlage bewegen, sehr langsam, sehr still.

Es ist ganz, ganz leise Aber es sind Gestalten, denen man ansieht. Dass sie Soldaten waren häufig sehr tätowiert oder so. Achtzig Prozent Männer aber auch zwanzig Prozent Frauen und unter ihnen war auch Tiffany MacDonald die heute dort als Betreuerin arbeitet. Was ist Ihre Geschichte? Sie hat in Irak und Afghanistan als Sanitäterin gedient, war eine Sanitätherin bei der Luftwaffe.

Das heißt sie ist an den Einsatz geflogen worden also mitten ins Gefechtsgebiet hinein. Sie hat auch erzählt auf die Sanitätern sei immer zuerst geschossen worden und sie kamen schwer traumatisiert von ihren Einsätzen zurück in die USA. Sie machte sich große Vorwürfe dass sie zu wenig Menschen helfen konnte.

Für sie zählte nicht, wem sie geholfen hat. Sie hat unzähligen Menschen geholft aber für sie zählt nur wer in ihren Händen gestorben ist. Sie machen das nicht? Ja. Und sie war in Tränen aufgelöst, hat aber trotzdem diese Flasche genommen und hat sie quasi weinend getrunken. Sie sagt, sie konnte einfach nicht anders.

Und sie hat tatsächlich auch zweimal versucht sich das Leben zu nehmen – das erste Mal mit einer Waffe. Die Waffe wurde eher im letzten Moment entrissen. Und das zweite mal mit Alkohol. die Leber hat versagt und es sah nicht gut aus für sie, aber die Ärzte konnten sie im letzten moment retten.". Wie hat sie es geschafft da wieder rauszukommen?

Sie hat tatsächlich über ein Fernsehprogramm von dieser Ranch in Texas erfahren, von Warriors Heart und hat sich da eingeschrieben mit letzter Kraft sozusagen. Sie sagt auch als Sanitäterin, als Soldatin ist man ein Alphatier, man sucht eigentlich keine Hilfe. aber sie wusste es geht nicht anders. Hat sich da eingeschrieben, hat einen sehr sehr hartes Entzugsprogramm durchgemacht mochte aber diesen Ort auch wahnsinnig gerne, diese Ranch hat sich da wirklich sehr wohlgefühlt und wollte dann da auch arbeiten.

Es sind tatsächlich auch v.a. Veteranen die da arbeiten. also das Konzept ist Veteran helfen Veteran. Sie musste dann sich sozusagen auch beweisen man darf sich erst nach einer gewissen Zeit ich glaube noch anderthalb Jahren oder zwei Jahren nach dem Entzug als Mitarbeiter bewerben Und sie hat es aber durchgezogen.

Das war für sie ganz entscheidend dass sie da wieder einen Sinn gefunden hat. Was war denn dein Eindruck jetzt fast sieben Jahren nach Ihrem Entzugsprogramm, als Sie da als Betreuerin arbeiteten? Wie hat es auf dich gewirkt? enorm eindrücklich, wie sie über die Vergangenheit reden konnte. Und sie wirkte stark und auch als hätte sie die Dinge verarbeitet.

aber gleichzeitig habe ich im Gespräch auch gemerkt, wie nah ihr alles immer noch geht. also sie ist auch teilweise in Tränen ausgebrochen. Sie erinnert sich heute noch daran wie sie einen befreundeten Mann in Afghanistan nicht retten konnte. Das Gesicht von diesem Mann sieht sie heute noch und das belastet sie weiterhin sehr.

Wir sind gleich zurück. Eigentlich wollten sie im Mercato di Mezzo nur kurz etwas essen. Jetzt ist es dunkel, die Gassen lebendig und der Rückweg kann warten! So beginnen italienische Spätsommerabende unangekündigt spontan ohne Ziel. Steigen Sie ein nach Bologna, Mailand und Venedig fahren Sie täglich direkt ohne umsteigen.

jetzt online buchen auf sbb.ch. Hat Earl auch solche Unterstützung gekriegt wie jetzt Tiffany? Nein, Earl hat sich zunächst keine Unterstützung gesucht. Wie so viele andere Veteranen gingen eher wohl davon aus er könne mit seinen Problemen fertig werden und musste dann nach vielen Jahren erkennen dass er es ihm nicht kann.

Er hatte Wutanfälle erlitten unter Schlaflosigkeit Albträumen Und er hat auch gemerkt, dass er seine Aggressivität an seiner Familie auslässt und das war eigentlich der Kipppunkt. Da hat er gemerkt ich kann so nicht weiterleben Ich brauche Therapie, ich brauche Hilfe. Dann wurde ihm auch geholfen und er hat nicht zuletzt Sport auch viel erreicht.

Er wurde auch Fitness Instructor und hat dann auch eine Veteranorganisation gefunden für die er gearbeitet hat und auch bei ihm war es eigentlich die gleiche Geschichte. Wenn er anderen helfen kann, ihre Traumata zu überwinden, dann hilft auch ihm das. Und so hat er sein Leben nach zehn Jahren mehr oder weniger wieder in den Griff gekriegt.

Er ist auch viel gelaufen. Er wollte sich selber beweisen, dass er laufen kann weil ihm die Ärzte ja damals gesagt haben, er würde nie wieder gehen können. Er hat enorme Strecken zurückgelegt erst einmal von San Antonio nach Houston gelaufen und das sind irgendwie dreieinhalbfünfzig Kilometer. Das war Wahnsinn!

Also es war Tage lang. Ja Wochen also ich glaube er war über eine Woche unterwegs wahrscheinlich. Wahnsinn. Und er konnte sich so beweisen dass er wieder laufen kann und diese Stärke ja auch hat in sich oder? Genau. Aber er musste auch realisieren, dass er vor seinem seelischen Problem nicht davon laufen kann.

Er musste sich den Problem auch stellen und das hat dann auch nochmal sehr lange gedauert. Andreas du hast mit vielen Veteranen im Zuge deiner Recherche gesprochen. was war dein Eindruck? haben sie erst bereut überhaupt in diesen Kriegen gedient zu haben? Interessanterweise haben die Veteranen, mit denen ich jetzt hier gesprochen habe eher wenig negative Assoziationen mit den Kriegen gezeigt.

Sie haben versucht und das ist wahrscheinlich auch ein Resultat der Therapie – sie haben versucht, auch positive Dinge herauszustreichen! Sie haben sich erinnert daran wie sie in Afghanistan und Irak Schulen gebaut haben, wie sie da auch mit der Bevölkerung in Kontakt kamen… einen Austausch gepflegt haben, auch mit Kindern wie sie Kindern geholfen haben.

Sie haben sich versucht ein bisschen an diesen Bildern aufzurichten. aber es ist schon so das Umfragen nahelegen dass die große Mehrheit der Soldaten, der Veteranen von damals die Kriege sehr kritisch sehen. mittlerweile. Was ist deine Einschätzung? Fünfundzwanzig Jahre nach Nine Eleven Jahre nach dem War on Terror wo steht diese Generation an Soldaten auch bezüglich der Verarbeitung ihrer Traumata?

Ja, ich finde es interessant und auch schockierend zu hören dass immer noch so viele Soldaten von damals sich jetzt in einer Institution wie bei Warriors Hearts melden. Und jetzt erst ihre Traumater verarbeiten oder sich deren bewusst werden überhaupt... Jetzt erst Hilfe holen! Jetzt erst Hilfe holen.

genau Das gibt einem schon zu denken das die Gesellschaft immer noch unter diesen Kriegen leidet. Und fünfundzwanzig Jahre nach neuneleven kommen da natürlich auch wieder Erinnerungen hoch. Andreas, vielen lieben Dank! Ich danke dir Nadine. Das war unser Akzent mit USA-Korrespondent Andreas Scheiner.

Wer noch weitere Vitrangeschichten lesen möchte wir verlinken deinen Artikel in den Show Notes. ich bin an den Landet bis bald.

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