
26| Wut: So blockiert sie deinen Verstand (nicht)
Freitag, 22. August 2025 · 22 min
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Shownotes
Wut gehört zum Leben. Jedes Kind, überall auf der Welt, kennt Wut – bei sich selbst, aber auch von anderen. Wenn andere sehr wütend sind, kann das ziemlich Angst machen, weil die Menschen dann oft so unberechenbar werden, sich also ganz anders verhalten, als wir sie sonst kennen. Kein Wunder, dass wir diesen Zustand mit Formulierungen wie „aus der Haut fahren“, „vor Wut platzen“ oder „blind vor Wut sein“ beschreiben. Wer selbst „ausrastet“, fühlt sich hinterher oft mies und wünschte, er hätte sich besser „im Griff“ gehabt. Was aber ist dran an all den Umschreibungen – wissenschaftlich gesehen? Das soll ein Experiment zeigen, bei dem eine Gruppe von Schüler*innen wütend gemacht wird, während eine zweite Gruppe ganz entspannt bleiben darf. Dann schreiben alle denselben Test. Welchen Einfluss hat die Wut auf die Leistungen von Gruppe 1? Blockiert sie die Jugendlichen oder spornt sie sie vielleicht sogar noch an?
Wut ist eine ganz „alte“ Emotion, die tief in unserem Gehirn steckt, im sogenannten limbischen System, das schon bei unseren Vorfahren die Gefühle steuerte. Wenn wir wütend sind, spüren wir das ganz deutlich: Unser Herzschlag wird schneller, unser Gesicht rot und wir fangen an zu schwitzen. Das alles passiert, weil unser Körper besondere Stoffe ausschüttet – sogenannte Stresshormone wie Adrenalin. Die machen uns wach, stark und bereit, uns zu wehren oder zu kämpfen. Damit ist Wut – ganz anders als beispielsweise Trauer oder Angst – eine Emotion, die uns eher aktiviert als lähmt. Gleichzeitig aber blockiert sie uns auch, zumindest Teile von uns: Wir nehmen durch sie manches nicht mehr wahr (Stichwort „blind vor Wut“) und können auch nicht mehr so klar denken.
Wenn wir im wütenden Zustand jemanden anschreien oder etwas Gemeines sagen, dann hat die Wut sozusagen das Steuer übernommen: Wir sehen nur noch das Problem oder den „Feind“ vor uns. Damit solche „Ausraster“ die Ausnahme bleiben, haben wir Menschen auch eine Art innere Bremse: einen kleinen Teil im Gehirn namens „präfrontaler Kortex“. Der hilft uns, nicht einfach alles rauszulassen, was wir fühlen. Er sagt uns: „Stopp, denk noch mal nach!“ Im Idealfall können wir lernen, unsere Wut bewusst als berechtigtes Gefühl wahrzunehmen und dann etwas anderes als pure Aggression daraus zu machen – also etwas, das uns hilft und das keine schlimmen Folgen hat. Wut an sich ist also nichts Schlechtes: Sie zeigt, dass uns etwas wichtig ist. Aber wir sollten gut mit ihr umgehen lernen, ohne uns selbst oder andere zu verletzen. Wie das geht – auch das erfahrt ihr in dieser Folge.
Diesen Podcast und viele TV-Folgen der Sendung PUR+ findet ihr auf: kurz.zdf.de/J569/
Moderation: Eric Mayer
Expertin: Ute Zander
Autorinnen dieser Folge: Brigitte Böttcher, Rita Gerhardus-Faust, Michaela Kienzler, Lena Kohlwes
Sounddesign: Joé Fleischhauer
Produktionsleitung Kugel und Niere: Michael Bartlewski
Redaktion Kugel und Niere: Lena Kohlwes
Produktionsmanagement ZDF: Markward Barollo, Sylvia Wahmes
Redaktion ZDF: Brigitte Böttcher, Susanne Dittebrand
Leitung der Sendung: Silke Penno
Kontakt: wissendrin@zdf.de
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
ZDF Hi Leute, hier ist Erik. Sagt mal, wart ihr schon mal so richtig wütend? Also so wütend, dass ihr euch selbst gar nicht mehr wiedererkannt habt? Ich kann mich da noch gut an eine Situation erinnern. Ja, da war ich so sechs oder sieben Jahre alt. Damals hatte ich irgendeinen kleinen Streit mit meinem Bruder.
Worum es da genau ging, das weiß ich heute ehrlich gesagt gar nicht mehr. Woran ich mich aber noch ganz genau erinnern kann. Meine Mutter hat damals meinem Bruder recht gegeben. Also sie hat ihm irgendwie mehr geglaubt als mir. Und das fand ich damals so unfair, dass ich total wütend geworden bin und zwar so richtig.
Ich habe mich dann in eine Tür gestellt und mit aller Kraft versucht, den Türrahmen irgendwie so nach außen zu drücken. Das klingt jetzt vielleicht so ein bisschen komisch, aber ich hatte einfach so viel Wut in mir, dass ich damit gar nicht mehr umgehen konnte und die Wut herauslassen musste, indem ich was kaputt machen wollte.
Der Türrahmen war übrigens ziemlich stabil und ist dann ganz geblieben, zum Glück. Aber irgendwie ist das doch ein interessantes Gefühl, oder? Wut. Vielleicht kennt ihr ja auch diese Redensart, vor Wut platzen. Blind vor Wut sein oder dass man vor Wut aus der Haut fährt. Klingt so, als würde da was ziemlich krasses mit uns passieren.
Als wären wir nicht ganz wir selbst, wenn wir wütend sind. Ist da was dran, also wissenschaftlich gesehen? Und was können wir machen, um mit unserer Wut besser umgehen zu können? Oder ist Wut am Ende vielleicht sogar was Gutes? Ihr hört Wissen drin, den Podcast von PURPLUS. Mit mir, Erik. Ich bin auf der Suche nach Antworten, die sich oft nur durch Ausprobieren finden lassen.
Meine Mission, was andere nur wissen, will ich mit euch erleben. Musik Musik Musik Musik. Als erstes will ich wissen, was Wut mit uns macht. Lockiert sie uns oder kann sie uns vielleicht sogar zu Höchstleistungen anspornen? Um das rauszufinden, machen wir ein Wissendrinn-Experiment. Zehn Kinder sollen einen Konzentrationstest machen.
Fünf davon werden aber vorher richtig wütend gemacht. Nicht von mir, dazu bin ich einfach viel zu nett. Das übernimmt Stefan. Er ist Schauspieler. Und ich bin derjenige, der die erste Gruppe gleich ein bisschen ärgern wird. Davon ahnen die Teilnehmenden natürlich noch nichts. Denn worum es uns eigentlich geht bei dem Test, haben wir, ja, erst mal vor uns behalten.
Los geht's mit Schritt 1. Wir lassen die 1. Gruppe ohne ersichtlichen Grund extrem lange warten, um so hoffentlich Wut in ihnen auszulösen. Stefan bringt sie in einen recht kargen Warteraum. Dort werden sie durch eine Spezialscheibe heimlich beobachtet. Von Psychologin Ute Zander. Zu Beginn sind alle ganz neugierig und erwartungsvoll.
Vielleicht auch ein bisschen verunsichert und etwas ängstlich. Das sieht man auch. Die Psychologin achtet vor allem auf den Gesichtsausdruck und die Körperhaltung der Schülerinnen und Schüler. Daran kann sie erkennen, ob die fünf wütend werden. Noch sieht aber alles gut aus. Die Teilnehmenden unterhalten sich, bis Stefan den Spielverderber macht.
Ihr solltet eigentlich erstmal nicht quatschen, ein bisschen ruhiger. Und so langsam sind die Ersten sichtlich genervt von der Warterei. Wir sehen das Versteinerte, dass die Mimik versteinert, dass sie ganz ruhig werden. Aber man sieht auch, dass sie sich ganz groß machen. Die recken sich zum Beispiel, recken die Arme und die Beine, strecken sich.
Und dieses sich groß machen ist auch ein interessantes körpersprachliches Signal, weil man in dem Moment den anderen zeigt, ich bin jetzt zum Kampf bereit. Ich mache mich groß, ich mache mich stark, ich recke mich. Das sind erste Anzeichen von Wut. Keine Sorge, hier beginnt jetzt nicht gleich ein Kampf.
Wir sind ja schließlich immer noch in einem Wartezimmer und nicht in einem Boxring. Aber die Körpersprache der Teilnehmenden warnt alle um sie herum. Achtung, ich bin angespannt und werde gleich wütend. Das passiert in den meisten Fällen unbewusst. Denn dafür verantwortlich ist ein kleines Zentrum in unserem Gehirn.
Die Amygdala. Die Amygdala könnt ihr euch wie einen Wachhund in eurem Kopf vorstellen. Dieser Wachhund passt immer auf, ob etwas passiert, was gefährlich für uns sein könnte. Oder auch einfach, ob wir unfair oder doof behandelt werden, denn auch das empfinden Menschen seit Urzeiten als bedrohlich. Wenn uns also jemand ärgert, beleidigt oder ignoriert, dann bellt dieser Wachhund in unserem Gehirn, also die Amygdala, ganz laut, hey, das ist nicht in Ordnung.
Durch dieses Signal werden verschiedene Prozesse im Körper ausgelöst. Einer davon ist die Körpersprache, also das sich groß machen, von dem Ute Zander gerade erzählt hat. Aber es passiert noch mehr. Bei einigen sieht man es am Blick. Dass da Wut hochsteigt. Bei dem einen in der Mitte sieht man, dass die Gesichtsfarbe sich verändert, leicht gerötet ist.
Das sind so alles typische körpersprachliche Merkmale, wo man sieht, es wird jemand wüten. Der Amygdala-Wachhund sorgt nämlich auch dafür, dass in unserem Körper das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird. Das versetzt uns in Alarmbereitschaft. Zusätzlich werden die Hormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet und sorgen dafür, dass das Herz schneller schlägt und der Blutdruck steigt.
Im Gesicht sieht man das deutlich, denn hier ist die Haut besonders gut durchblutet. Wir werden rot. Genau wie auch unsere Testpersonen, die nach einer Stunde Wartezeit nicht nur ziemlich gelangweilt, sondern auch sauer sind. Wir wollen es aber auf die Spitze treiben, denn jetzt kommt die zweite Gruppe von Testpersonen Und die wird nicht nur total herzlich begrüßt, sondern... Ihr habt bestimmt ein bisschen Hunger, oder?
Ja? Wollt ihr was essen? Wir haben ein riesen Buffet in der Küche. ... auch noch bevorzugt behandelt und kann sofort und ganz ohne Warten mit dem Konzentrationstest starten. Die erste Gruppe will deshalb wissen, wie lange müssen sie denn noch warten? Stefan versucht, sie noch wütender zu machen. Wie lange sitzen wir hier noch?
Bis ihr dran seid. Die waren jetzt gerade da, das hat so gepasst. Manchmal muss man auch geduldig sein. Ist nicht gerade eure Stärke, oder? Dann ist die Gruppe endlich dran. Wobei, einmal müssen sie doch noch mal kurz warten. Wartet ihr noch mal ganz kurz? Ganz toll. Wir warten noch mal. Wir sind auch gleich. Wir sitzen jetzt schon fast eine Stunde.
Uiuiui, ihr merkt, die Stimmung ist am absoluten Tiefpunkt. Und hier wird's interessant. Wenn wir sehr wütend sind, kann es passieren, dass der Amygdaler Wachhund in unserem Kopf lauter ist als der sogenannte präfrontale Kortex. Dieser Teil vom Gehirn ist dafür da, rationale Entscheidungen zu treffen.
Könnt ihr euch vorstellen wie so einen Bordcomputer, der Situationen analysiert und dann quasi berechnet, was zu tun ist? In der Wartezimmersituation zum Beispiel bringt es ja vielleicht gar nichts rumzustänkern, denn warten muss man ja trotzdem. Die Amygdala reagiert also schnell und impulsiv auf potenzielle Gefahren, während der Cortex-Computer Risiken abwägt und dabei im Zweifel spontane Gefühle wie Wut, Hass, Eifersucht oder Angst erstmal runterregelt, um klarer denken zu können.
Zusammen sorgen Amygdala-Wachhund und Cortex-Kompi dafür, dass wir sowohl schnell reagieren können, wenn es nötig ist, als auch überlegt handeln, um langfristig die besten Ergebnisse zu erzielen. Wenn aber unser Amygdala-Wachhund extra laut Alarm schlägt, hören wir oft gar nicht mehr auf die rationale Stimme der Vernunft in unserem Kopf.
Wir sehen dann nur noch rot und reagieren patzig, werden laut oder müssen Dampf ablassen. Ich bin gespannt, ob dieser Zustand Auswirkungen auf die Testergebnisse haben wird. Für den Konzentrationstest hat die wütende Gruppe genau so viel Zeit wie die Gruppe, die gut behandelt wurde und deshalb ganz entspannt reingeht in den Test.
Da alle Teilnehmenden ungefähr gleich gut in der Schule sind, sollten sie beim Test eigentlich ähnlich gut abschneiden. Bevor wir zu den Ergebnissen kommen, habe ich aber die Situation erstmal für alle aufgelöst und wollte wissen, wie ging es den Kindern während des Tests? Desto länger ich da saß und desto mehr ich probiert habe, mich nicht aufzuregen, umso mehr wurde ich dann irgendwie unkonzentrierter und hibbelig.
Ich habe halt irgendwie auch vorher gezittert, weil ich mich halt nicht konzentrieren konnte. Und dann habe ich halt an den Raum gedacht und daran, wie es bei den anderen wohl war. Das klingt schon mal nicht gut und spiegelt sich tatsächlich auch in den Testergebnissen wieder. Die hat Ute Zander ausgewertet. Es ist in der Tat so, dass die Gruppe, die geärgert worden ist, schlechtere Ergebnisse hat.
Wesentlich schlechtere Ergebnisse als die Gruppe, die gut behandelt wurde. Und zwar hat die Gruppe A, das seid ihr, insgesamt 172 Fehler gemacht. Und ihr habt 193 Fehler gemacht. Das ist schon um einiges mehr. Nämlich rund 12 Prozent mehr Fehler in der Gruppe, die warten musste. Die Wut hat die Teilnehmenden auch in der Prüfungssituation nicht mehr richtig losgelassen.
Ich habe immer probiert, nicht sauer zu werden oder nicht wütend zu werden. Man hat es nicht richtig geschafft irgendwie. Die Folge? Ihr Kopf war zu sehr mit der Wut beschäftigt und mit dem Verarbeiten des ungerecht Behandeltwerdens. Da blieb viel weniger Platz fürs Lösen der Aufgaben als bei der anderen Gruppe.
Unser Experiment zeigt, wenn wir wütend sind, können wir uns schlechter konzentrieren und schlechter rational denken. Deswegen sagen wir im Streit auch mal Sachen, die wir eigentlich gar nicht so meinen. Einfach, weil alle Gedanken und Gefühle ungefiltert aus uns rausplatzen und wir nicht mehr darüber nachdenken, was das beim Gegenüber auslöst.
Das kann natürlich sehr verletzend sein. Und gerade deswegen hat Wut einen so schlechten Ruf und kann auch Angst machen. Entweder weil man Angst hat, dass der andere wütend wird und ganz aus der Haut fährt, oder weil man sich erschreckt, was die Wut mit einem selbst macht. Aber Wut kann auch etwas Positives sein. Viele Forschende haben ähnliche Versuche wie wir gemacht.
Sie haben also Testpersonen wütend gemacht und dann geprüft, ob ihre Leistung besser oder schlechter wurde. Bei den meisten Experimenten ging es aber nicht um einen Konzentrationstest, sondern um Geschicklichkeitsübungen und Beharrlichkeit. Und da kam dann teilweise raus, dass die wütenden Testpersonen besser abgeschnitten haben als die nicht wütenden.
Hier hat die Wut die Testpersonen also nicht ausgebremst, sondern im Gegenteil, die Wut hat sie motiviert und dafür gesorgt, dass sie noch besser waren. Auch im echten Leben kann Wut uns manchmal helfen. Wie und warum, das erfahrt ihr in unserer Rubrik Besser Wissen drin. Music. Wut ist ein starkes Gefühl. Und das ist auch gut so.
Denn Wut hilft uns, wenn etwas ungerecht ist oder uns wehtut. Mit unserer wütenden Reaktion zeigen wir anderen, dass etwas nicht in Ordnung ist und unsere Grenze überschritten wurde. Deswegen kann Wut auch nützlich dabei sein, Probleme zu erkennen und etwas zu verändern. Forschende gehen sogar davon aus, dass Wut die Menschen früher dabei unterstützt hat, gefährliche Situationen zu überstehen, ohne wirklich kämpfen zu müssen.
Denn manchmal reicht es schon, wütend auszusehen, damit der andere zurückweicht und es nicht zu einem Kampf kommt. Aus Sicht der Wissenschaftlerinnen war die Wut damals wichtig, damit unsere Ahnen friedlich in Communities zusammenleben konnten. Aber Wut muss auch manchmal raus. Wer sie immer in sich reinfrisst, kann davon krank werden. und zum Beispiel Bauchweh, Bluthochdruck oder Schlafstörungen bekommen.
Manche werden auch krankhaft ängstlich, traurig oder gar depressiv. Hört hierzu auch gern mal unsere Folge über mentale Gesundheit. Besonders gefährlich wird es, wenn Wut sich über viele Jahre anstaut. Dann kann sie irgendwann plötzlich explodieren. Und dann können im Wutrausch Sachen oder sogar andere Personen zu Schaden kommen.
Darum ist es wichtig, Wut ernst zu nehmen. Sie zu fühlen, zu verstehen und einen guten Umgang damit zu lernen. Music. Besser Wissen drin, Mit der eigenen Wut umgehen, das ist gar nicht so leicht. Während manche Menschen total Probleme damit haben, ihre Wut zu zeigen, fahren andere super schnell aus der Haut und lassen sich von ihrer Wut immer wieder überrollen. So auch Philipp.
Als wir ihn treffen, ist er zwölf Jahre alt und besucht eine Schule in Berlin. Und er hat regelmäßig Wutanfälle. Philipp hat sich dann nicht mehr unter Kontrolle. Das merken auch die anderen in seiner Schule. Fast jede Pause hat er sich geprügelt. Also das war sehr heftig. Aggressiv halt und hat fast wirklich hingen geschlagen. Schon eine kleine Provokation reicht aus und Philipp rastet aus.
Das muss sich ändern. Deswegen besucht Philipp das Coolness-Training seiner Schule. Da ist er nicht alleine. Alle, die es brauchen, kriegen hier Nachhilfe in Sachen Wutkontrolle. Philips Coolness-Trainer Stefan fragt ihn, warum andere ihn wohl immer wieder beleidigen. Boah, ich weiß doch nicht, weil ich ein Idiot ist. Auf dem Schulhof kann es schon mal passieren, dass man einen doofen Spruch gedrückt bekommt.
Und man darf sich natürlich auch verteidigen, mit Worten. Der Coolness-Trainer erklärt, warum es aber wichtig ist, entspannt zu bleiben. Oftmals ist es so, dass jemand sagt, ach, dann provoziere ich jetzt mal ein bisschen. Der lässt sich provozieren. Das macht dann eigentlich einen Riesenspaß. Und mit Philipp kann man dann eigentlich machen, was man will.
Im coolen Training sprechen die Schülerinnen und Schüler deswegen darüber, was ihnen hilft, wenn sie geärgert werden. Bei mir hilft es, wenn ich mir aus den Ohren, so gesagt, rein und wieder raus. Okay, das ist eine. Das ist auch eine Idee. Und wir haben uns noch gedacht, dass es gut ist, einfach so ein bisschen schlagfertig zu sein.
Also irgendeine Antwort zu geben, die den anderen ein Stück weit überrascht. Das kann man so ein bisschen trainieren und das wollen wir dann auch noch machen. Schlagfertig sein ist gar nicht so leicht, aber man kann es üben. Und genau das macht Philipp. Wenn er jetzt auf dem Schulhof angegriffen wird, reagiert er ganz anders als früher.
Wenn zum Beispiel jemand sagt, hey du Penner, du stinkst, dann sagt er, na dann passen wir ja gut zusammen. Und wenn der andere dann sagt, was hast du gerade gesagt, bist du aufs Maul oder was? Dann winkt er einfach lässig ab und sagt, sorry, dafür habe ich jetzt keine Zeit. Oder auch das hier. Ich höre nicht richtig nochmal. Was? Ich habe gerade nicht verstanden.
Super gemacht. Das nimmt der Situation direkt die Ernsthaftigkeit und zeigt, dass Philipp es locker nimmt. Denn derjenige, der Philipp provoziert, will ja genau, dass er wütend wird und ausrastet. Wenn genau das passiert, macht Philipp sich selbst zur Marionette und zeigt Schwäche. Stark dagegen ist, sich nicht auf den Streit einzulassen. Philipp merkt, das ist ein gutes Gefühl.
Und so klingt die Wut schnell ab. Ich habe immer noch Wut, aber die kann ich kontrollieren und ich lasse sie auch nicht durch jede Kleinigkeit raus. Das heißt, da muss schon viel passieren, damit ich jetzt gleich ausraste. Auch Philips Mitschüler merken, dass das Coolness-Training etwas bringt. Er hat sich sehr verändert.
Er ist eigentlich ein ganz neuer Mensch sozusagen. Inzwischen hat Philipp in Sachen Wutkontrolle so viel gelernt, dass er sogar anderen dabei helfen kann, nicht gewalttätig zu werden. Er ist jetzt Streitschlichter an seiner Schule. Früher dachte ich, man erhält Respekt durch Prügeln. Heute aber weiß ich, dass man durch Schlagfertigkeit...
Alles regeln könnte. Aber am meisten Respekt verschafft man sich natürlich, wenn man was Gutes tut. Ihr merkt also, wer von seiner Wut eingenommen ist und sich nicht mehr unter Kontrolle hat, muss dringend was ändern. Denn sonst verletzt man andere. Gewalt, so wie früher bei Philipp, ist immer eine Grenzüberschreitung und geht gar nicht.
Aber was kann ich machen, wenn sich ein Streit anbahnt? Also wie kann ich meine eigene Wut in den Griff kriegen und gleichzeitig mit der Wut von meinem Gegenüber umgehen? Hier ist unser Wissen drin Tipp mit Theo und seiner großen Schwester Lena. Bei den Geschwistern Theo und Lena bahnt sich ein heftiger Streit an.
Lena benutzt gerade den Familienlaptop. So Lena, halb vier, ich bin dran. Ja, gleich. Nein, wir haben halb vier gesagt. Oh oh, eigentlich darf Theo jetzt den Laptop benutzen. Aber Lena will sich nicht an die Abmachung halten. Theo, nerv nicht. Alex ist jetzt auch gerade online. Nee, egal. Ich bin dran.
Theo wird wütend und versucht, Lena den Laptop wegzunehmen. Lass das Finger weg. Das ist immer so. Nie hältst du dich an Vereinbarungen. Los, her mit dem Ding. Ich bin dran. Ich bin dran. Ich bin dran. Aber ich hab's schieb ab. Das machst du nur, um mich zu ärgern. Blödsinn! Du A**, gib das jetzt sofort her. Theo!
So bescheuert. Du bist so bescheuert! Hand aufs Herz, wer von euch hat so eine Situation schon mal erlebt? Ich mit meinem Bruder auf jeden Fall. Und ich kann Theo auch verstehen. Er fühlt sich ungerecht behandelt, weil Lena sich nicht an die Absprache hält und den Laptop nicht abgibt. Aber was hätte er anders machen können? Die Wut einfach runterschlucken?
Wir schauen uns das mal an. So Lena, halb vier, ich bin dran. Ja, gleich. Nein, wir haben halb vier gesagt. Theo, nerv nicht, Alex ist jetzt auch gerade online. Und wann kriege ich's? Sag ich dir, dann schieb jetzt ab. Du bist so gemein. So richtig optimal war das jetzt auch nicht. Zwar ist der Streit nicht so eskaliert, aber jetzt hat Theo so eine Mischung aus Wut und Traurigkeit im Bauch.
Die Wut einfach runterschlucken kann also auch nicht die Lösung sein. Denn dieses starke Gefühl ist ja ein Zeichen dafür, dass irgendwas nicht okay ist. Wir sollten also versuchen, etwas zu verändern. Nicht unterdrücken, sondern besser direkt was tun. Aber was? Versuch Nummer 3. So Lena, halb vier, ich bin dran. Ja, gleich. Nein, jetzt, wir haben halb vier gesagt. Theo, nerv nicht, alles ist jetzt auch online.
An dieser Stelle merkt Theo, er wird wütend. Seine Amygdala schlägt Alarm. Und ein Wutanfall bahnt sich an. Deswegen ist jetzt das Wichtigste, erst mal runterkommen. Also geht Theo raus aus der Situation und stellt sich ans Fenster. Er atmet tief in den Bauch ein und wieder aus. Fünfmal hintereinander. Fünfmal hintereinander.
Eine andere Möglichkeit ist, im Kopf bis 10 oder sogar 50 zu zählen. Wer es schafft, durch einen Break den Wutimpuls abklingen zu lassen, der kann besser nachdenken und nach einer Lösung suchen. Und so macht das auch Theo. Er geht nochmal auf Lena zu und er bleibt cool. Sag mal Lena, warum gibst du mir das Teil eigentlich nicht? Es war doch so abgemacht.
Und siehe da, auch Lena reagiert gleich viel entspannter. Ich wollte eigentlich nur mit Alex noch zu Ende chatten. Bist du denn jetzt fertig? Naja, schon. Okay, hier. Danke. Na bitte, Theo hat seine Wut nicht runtergeschluckt, sondern sie gezielt, ja, beruhigt. So konnte er sein Bedürfnis ganz freundlich und entspannt äußern.
Er hat dafür gesorgt, dass die Situation nicht eskaliert und er trotzdem zu seinem Recht kommt. Das klappt natürlich nicht immer. Manchmal entsteht einfach ein Streit. Das ist gar nicht schlimm und ja, menschlich. Auch Eltern können manchmal sehr wütend und laut werden. Nur weil sie erwachsen sind, heißt das leider nicht, dass sie es schaffen, den Amygdala-Wachhund jedes Mal mit Durchatmen zu beruhigen, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen läuft.
Das ändert aber nichts daran, wie lieb sie euch haben. Wichtig ist, nach dem Streit darüber zu sprechen. Warum ist man so wütend geworden? Wie geht es einem jetzt? Und wurde eine Grenze überschritten? So kann man verhindern, dass man immer wieder über das gleiche Thema streitet. Ich nehme aus dieser Folge mit, dass an Redewendungen wie blind vor Wut sein, vor Wut platzen oder dass man vor Wut aus der Haut fährt, wirklich etwas dran ist.
Und ich weiß jetzt, was genau in unserem Kopf und Körper abläuft, bevor und während wir ausrasten. Die Amygdala schlägt Alarm und übertönt dabei den rationalen Teil unseres Gehirns. Das Gute, oft hilft es schon, aus der Situation rauszugehen und erstmal tief durchzuatmen, um wieder klarer sehen zu können.
Wenn man sich ein wenig beruhigt hat, kann man viel besser erklären, warum man überhaupt wütend geworden ist und so eine Lösung finden. Das war Purplus Wissen drin mit mir, Erik. Schreibt mir gerne, wie euch die Folge gefallen hat. an wissendrin.ztf.de oder in die Kommentare auf der Podcast-Seite. Und falls ihr es noch nicht getan habt, abonniert gerne den Podcast, damit ihr keine Folge verpasst.
Oder schaut doch mal unter ZDF TV auf unserem ZDF-Streaming-Portal vorbei. Purplus Wissendrin mit Erik ist eine Produktion von Kugel und Niere im Auftrag des ZDF und der Redaktion Purplus. Musik Musik. Music.